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Anke Spory: Familie im Wandel

Cover Anke Spory: Familie im Wandel. Kulturwissenschaftliche, soziologische und theologische Reflexionen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. 228 Seiten. ISBN 978-3-8309-2877-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Obwohl es sich zeitlich vermutlich um einen Zufall handelt, liefert das Buch von Anke Spory einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des aktuell in der evangelischen Kirche schwelenden Streits um das „richtige“ Familienbild. Sporys Buch behandelt aus soziologischer und kulturanthropologischer Sicht die Veränderungen der Sozialform Familie bis in die jüngste Gegenwart hinein. Die Autorin arbeitet dabei sowohl den sozialkonstruktiven Charakter des zu bestimmten Zeitepochen dominanten Familienideals als auch die gesellschaftlichen Bezüge von Familie als gelebte Praxis heraus. Vor diesem Hintergrund fragt Anke Spory, die Pfarrerin in einer evangelischen Kirchengemeinde ist, nach den Konsequenzen einer sozialwissenschaftlichen Analyse für das Verständnis von Ehe und Familie in der evangelischen Theologie. Vor dem Hintergrund der in den letzten Jahrzenten erfolgten radikalen gesellschaftlichen Veränderungen, so ihre abschließende These, durch die Familie immer stärker zu einer familiär herzustellenden Praxis geworden ist, taugen traditionelle Begründungsmuster, die auf verheiratete, heterosexuelle Paare mit Kindern abstellen, nur noch bedingt zur normativen Fundierung eines spezifischen Familienbildes.

Aufbau und Inhalt

Das Buch setzt sich zusammen aus drei großen Teilen, von denen sich die ersten beiden dem Thema Familie aus sozialwissenschaftlicher Sicht, der dritte Teil aus theologischer Sicht nähern. Ein kleinerer vierter Teil bildet das Resümee des Buches. Die ersten beiden Teile liefern eine gelungene Bestandsaufnahme dessen, was Familie in der Vergangenheit war und was sie heute ist. Die Autorin arbeitet dabei präzise heraus, dass die Entwicklungsgeschichte von Familie über weite Strecken kontingent ist, also auch anders möglich gewesen wäre, dass diese Entwicklungsgeschichte jedoch immer auf Gesellschaft verweist und die dort jeweils herrschenden Erfordernisse, Moden und Zwänge wiederspiegelt.

Konkret wird im ersten Teil der Bedeutungs- und Gestaltwandel von Familie in der Neuzeit behandelt. Wobei die Autorin hierbei von der grundlegenden These ausgeht, dass der familiale Wandel weniger ein morphologischer, als vielmehr ein Wandel von gesellschaftlich propagierten Familienleitbildern und folglich auch Wahrnehmungsroutinen ist (S. 33). Hieran anknüpfend werden sodann der Wandel des Geschlechterverhältnisses sowie die Entwicklung der Kindheit im Verlauf der Neuzeit beschrieben, die wesentlich durch ökonomische und soziale Entwicklungen beeinflusst sind. Diese Entwicklungen mündeten in die sukzessive Verbreitung der bürgerlichen Kleinfamilie als familiäre Leitnorm, verbunden mit neuen Privatheitsmustern.

Mit dem Beginn des zweiten Teils ist die Autorin in der Gegenwart angekommen. Sie erläutert dabei die Entwicklung des Familienbildes vor dem Hintergrund der großen demographischen Veränderungen seit den 1960er Jahren – Rückgang von Heiratsneigung und Geburtenzahlen, Anstieg der Scheidungsraten – und in deren Gefolge, das Entstehen einer Vielzahl neuer Haushaltsformen. Dabei verweist sie u.a. auf Individualisierungsprozesse, die eine Deinstitutionalisierung von Ehe und Familie begünstigt haben. Individualisierung bedeutet nach Ulrich Beck aber nicht nur die Freisetzung von den Zwängen der Tradition, sondern sie schafft auch neue Zwänge, etwa den, die Erwartungen des Arbeitsmarkts nach grenzenloser Verfügbarkeit mit familialen Bedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen. In diesem Kontext erläutert die Autorin anschaulich, die Notwendigkeit spezifischer wohlfahrtstaatlicher Arrangements.

Im dritten Teil schließlich erörtert die Autorin das Thema Familie als Gegenstand der evangelischen Theologie. Grundlegend behandelt sie hierfür zunächst das Familienverständnis Martin Luthers, bevor sie sich exemplarisch der Theologie Karl Barths und Trutz Rendtorffs sowie deren Bild von Ehe und Familie zuwendet. Daran an schließt eine Erörterung diverser Stellungnahmen der EKD zu Familie und gesellschaftlichem Wandel. Diese primär theologisch geprägten Erörterungen münden – stark verkürzt – in den Befund, dass diese theologischen Positionen in Teilen der Revision bedürfen, um sich stärker an den Lebensvollzügen der Menschen und an gewandelten Geschlechterverhältnissen zu orientieren.

Diskussion

Das Buch von Anke Spory ist in den ersten beiden Teilen eine sehr gelungene und teilweise pointiert vorgetragene Analyse und Zusammenfassung des aktuellen sozialwissenschaftlichen Forschungstandes zu Geschlechterrollen, Kindheit und Familie in Geschichte und Gegenwart. Hiervon bleibt der dritte Teil allerdings merkwürdig unberührt: Hier vollzieht die Verfasserin einen abrupten Wechsel der argumentativen Bezugsebene und schwenkt um auf theologische Begründungszusammenhänge, berücksichtigt dabei aber kaum, dass diese selbst zeitgeschichtlich eingefärbt und durch eine gesellschaftlich anzutreffende und gelebte Praxis beeinflusst sind. Zwar ist es aus Sicht des Rezensenten verdienstvoll, wie es Frau Spory tut, diesbezüglich eine partielle Neuinterpretation einzufordern und gewissermaßen die sozialwissenschaftliche Argumentation in die theologische einfließen zu lassen. In konsequenter Fortführung einer sozialwissenschaftlichen Perspektive, wäre es aber ein nicht minder lohnendes Unterfangen, der Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen theologischer Interpretation und Exegese einerseits sowie einer vorfindbaren gesellschaftlichen Realität andererseits nachzugehen. Denn dass die beiden Kirchen als Teil einer kulturellen Praxis einen wesentlichen Anteil an der Stabilisierung eines spezifischen, an der bürgerlichen Kleinfamilie orientierten Familienbildes hatten und noch haben, dürfte unbestritten sein. Doch das wäre ein anderes Thema, das eine andere Fragestellung und ein anderes Vorgehen erfordert hätten. Der Verfasserin ist kein Vorwurf daraus zu machen, dass sie ihren Ansatz anders gewählt hat.

Fazit

Insgesamt handelt es sich bei Sporys Buch in den ersten beiden Teilen um eine ausgezeichnete Darstellung des aktuellen Standes der gegenwärtigen Familienforschung. Diese umreißen sowohl die Genese der Familie als Sozialform in der Moderne wie auch die aktuellen Spannungsfelder in denen sich Familien heute bewegen. Trotzdem bleibt der Charakter des Buches primär theologisch, wie erst im hinteren Teil des Buches zur Gänze offensichtlich wird, denn die soziologischen und kulturanthropologischen Teile dienen primär dazu, theologische Rechtfertigungsmuster zu hinterfragen und alternative Deutungen anzubieten. Für theologisch weniger Interessierte dürften deshalb vor allem die ersten beiden Teil des Buches ein Gewinn sein, allerdings ist der dritte Teil insofern interessant, als dieser zum Verständnis der aktuellen Debatte um das Familienbild der ev. Kirche beiträgt, die eben nicht nur soziologisch und auf der Grundlage lebensweltlicher Orientierungen, sondern immer auch theologisch geführt wird. Hier wirft sich die Verfasserin engagiert in die Bresche für mehr Realitätsnähe und plädiert deshalb für einen „dynamischen Partnerschafts- und Familienbegriff, der es zugleich erlaubt, die in den sozialen Beziehungen innewohnenden Prozesse zu beschreiben.“ (S. 196)


Rezension von
Prof. Dr. Peter Hansbauer
Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen, Soziologie.
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Zitiervorschlag
Peter Hansbauer. Rezension vom 30.09.2013 zu: Anke Spory: Familie im Wandel. Kulturwissenschaftliche, soziologische und theologische Reflexionen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. ISBN 978-3-8309-2877-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15129.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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