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Klaus Grunwald, Hans Thiersch (Hrsg.): Praxis lebensweltorientierter sozialer Arbeit

Cover Klaus Grunwald, Hans Thiersch (Hrsg.): Praxis lebensweltorientierter sozialer Arbeit. Handlungszugänge und Methoden in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 496 Seiten. ISBN 978-3-7799-1524-9. 28,00 EUR, CH: 48,50 sFr.
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Einführung und Hintergrund

Bei diesem Buch handelt es sich um einen breit angelegten Sammelband zur PRAXIS lebensweltorientierter Sozialer Arbeit. Das institutionenkritische Konzept der Lebensweltorientierung, spätestens seit dem 8. Jugendbericht eines der bekanntesten und bedeutsamsten Rahmenkonzepte Sozialer Arbeit, steht für eine (radikale) Orientierung am Adressaten und dessen Lebenswelt und leitet aus dieser Adressatenorientierung Konstruktionsprinzipien und Professionalisierungsmuster Sozialer Arbeit ab.

Das Ende der 70ziger Jahre erstmals von Hans Thiersch in die Diskussion eingebrachte und dann kontinuierlich weiterentwickelte Konzept ist, "im Blitzlichtgewitter der Begriffsmoden und -neuschöpfungen zur identitätsstiftenden Chiffre in allen Feldern der Sozialen Arbeit geworden" (Galuske in diesem Band). Mit dieser "Erfolgsgeschichte" einher gehen jedoch auch Kritikpunkte. So wird in den letzten Jahren im Rahmen der Theoriebildung in der Pädagogik moniert, es handele sich um keine "richtige" Theorie. Zum anderen gerät das Konzept in Gefahr durch Popularisierung an inhaltlicher Substanz und Brisanz einzubüßen und damit um seinen kritischen und politischen Blick beraubt zu werden. Und drittens wird immer wieder beklagt, dass das Konzept zu allgemein gehalten sei als dass sich daraus Handlungsansätze in der Praxis ableiten ließen.

Die beiden Herausgeber, besagter Hans Thiersch, mittlerweile emeritierter gleichwohl nach wie vor agiler Professor der Sozialpädagogik an der Universität Tübingen und sein langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter Klaus Grunwald, Professor an der Berufsakademie Stuttgart, haben sich mit diesem Buch zur Aufgabe gesetzt, am letztgenannten Kritikpunkt anzusetzen und diese Lücke zu schließen. Ziel der Veröffentlichung ist damit, darzustellen wie sich das Konzept in der Praxis verschiedener Arbeitsfelder und Querschnittsaufgaben einer Sozialen Arbeit ausbuchstabieren lässt. Dabei wollen die beiden Herausgeber nicht bei der Bestätigung, dass das Rahmenkonzept handlungsleitend in der Praxis sein kann, stehen bleiben. Es geht ihnen darüber hinaus darum, dass durch die Darstellung von Grenzen, Kritik und die Weiterführung durch andere Zugänge ein Horizont für eine grundsätzlich weiterführende Diskussion des Konzeptes Lebensweltorientierung deutlich wird.

Aufbau und Inhalt des Sammelbandes

In diesem Sinne haben die Herausgeber in sehr unterschiedlichen Arbeits- bzw. Themenfelder ausgewiesene AutorInnen angefragt unter folgenden drei, nicht wirklich trennscharfen, Aspekten Konkretisierungen vorzunehmen:

Für methodische Aufgaben wie Fallarbeit, Beratung, Planung und Organisation. Hier anzuordnen sind die Beiträge von Burkhard Müller zu Fragen einer sozialpädagogischen Diagnosen insbesondere in der Arbeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), Harald Ansen zur Sozialen Beratung in prekären Lebenslagen wie Wohnungslosigkeit oder Überschuldung,. Franz Hermann zu Sozialplanung als gelingende Partizipation, Klaus Grunwald zu Organisationsprozessen und -kulturen.

Für verschiedene Arbeitsfelder. Hier einzuordnen sind die Beiträge zu verschiedenen Aufgaben und Angebotsformen in den Erziehungshilfen von

  • Werner Schefold (teilstationäre Angebote für Kinder),
  • Astrid Woog (sozialpädagogische Familienhilfe),
  • Werner Freigang (stationäre Hilfen) oder
  • Hamberger/Köngeter/ Zeller zu flexiblen Hilfen.

Zur Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit von

  • Ernst-Uwe Küster/ Werner Thole,
  • Michael Galuske und Eberhard Bolay.

Zur Altenarbeit,

  • von Anne Frommann zum Aspekt des Wohnens
  • und von Ulrich Otto und Petra Bauer zur Ausdeklinierung einer lebensweltorientierten Altenhilfe und Gerontologie.

Zu Fragen der hauptamtlichen Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement von Elke Steinbacher.

Zum lebensweltlichen Handeln im Bereich der Sozialpsychatrie von Klaus Obert, zu Fragen einer behinderten Teilhabe von Heidrun Metzler, zur Sozialarbeit mit Migranten von Franz Hamburger.

Für praxisrelevante Querschnittsaufgaben. Hierzu sind die Beiträge
  • von Lothar Böhnisch zur Milieubildung,
  • von Rainer Treptow zur kulturellen Bildung
  • sowie von Maria Bitzan zum Reibungsverhältnis und gegenseitigen Lernchancen zwischen Mädchenarbeit und Lebensweltorientierung zu nennen.

Den jeweils 10- 20 seitigen Beiträgen als Einleitung vorangestellt, ist eine Grundlegung zur lebensweltorientierten Sozialen Arbeit durch die Herausgeber (S.13-40). Dabei beschreiben sie die Entwicklung und die gesellschaftliche Einordnung der Lebensweltorientierung (LWO), und leiten die theoretische Verortung des Konzeptes im Zusammenspiel von vier Zugängen her: "als theoretisches Konzept, das seinen Ausgang nimmt in der Verbindung der Tradition der hermeneutisch-pragmatischen Erziehungswissenschaft mit dem interaktionistischen Paradigma, reformuliert im Kontext der kritischen Alltagstheorie und bezogen auf Gesellschaftsanalysen zu Ungleichheiten und Offenheiten in der reflexiven Moderne". S. 19. Sie führen desweiteren Zugänge zur Rekonstruktion der Lebenswelt aus, explizieren die Philosophie, die Dimension und das sozialpädagogische Handeln im Kontext von lebensweltorientierter Arbeit.

Zielgruppe

Die Veröffentlichung ist als Arbeitsbuch für die Ausbildung und als weiterführende Anregung für kasuistische Praxisreflexionen gedacht. Mit den Beiträgen und der Breite des Ansatzes werden Praktikerinnen und TheoretikerInnen aus dem gesamten Spektrum Sozialer Arbeit angesprochen, auch wenn die Herausgeber darauf hinweisen, dass die Darstellungen nicht das gesamte Panorama möglicher Akzentuierungen sozialpädagogischen Handelns abdecken und nicht auf Vollständigkeit angelegt sein können. Gleich einem Handbuch kann die LeserIn die für sie relevanten Beiträge gezielt heraus suchen, wobei jedoch eine Erläuterung zur Systematik der Abfolge der Beiträge hilfreich gewesen wäre.

Fazit

Dieses Buch ist uneingeschränkt wichtig und für die Arbeitsidentität der Sozialpädagogik weiterführend. Es zeigt anschaulich auf, dass und vor allem auch wie der Ansatz einer lebensweltorientierten Arbeit in den verschiedenen Arbeitsfeldern unterschiedlich weit fortgeschritten ist, Unterschiedliches bedeuten kann und die Rolle der SozialpädagogIn - in den Balancen von Respekt und Kontrolle - dabei höchst unterschiedlich zu füllen ist. Die Veröffentlichung zeigt desweiteren in eindrucksvoller Weise, wie breit ein- und umsetzbar dieses Konzept ist. Sie bringt jedoch auch Sperriges, Konflikte, Ausblendungen, nicht gelingende Perspektivwechsel und offene Fragen hervor: Lebensweltorientiertes Arbeiten ist in den Herausforderungen der Moderne eine "Baustelle".

Mir ist kein anderes Vorhaben bekannt, in dem ein theoretisches Konzept der Sozialen Arbeit so dezidiert auf Brauchbarkeit für die Praxis herunter gebrochen wird. Aber gerade solcherlei Suchbewegungen und Wechselwirkungen zwischen Theorie und Praxis sind für eine Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit unerlässlich. Ich stimme mit Klaus Grunwald und Hans Thiersch überein, dass in Zeiten der Dethematisierung des Sozialen die Sicherheit und Entschiedenheit der Sozialen Arbeit in der Darstellung und Begründung dessen was sie tut, ein elementar notwendiges Moment zur offensiven politischen Auseinandersetzung im Interessenkampf ist. S.7. Dieser Sammelband ist ein überzeugender Beitrag dazu, wenn gleich oder gerade weil er sowohl WissenschaftlerInnen als auch PraktikerInnen nicht aus der Aufgabe entlässt, sich immer wieder aufs Neue dieser Anstrengung zu stellen.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 13.07.2004 zu: Klaus Grunwald, Hans Thiersch (Hrsg.): Praxis lebensweltorientierter sozialer Arbeit. Handlungszugänge und Methoden in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1524-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1513.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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