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Rolf Becker, Patrick Bühler u.a. (Hrsg.): Bildungsungleichheit und Gerechtigkeit

Cover Rolf Becker, Patrick Bühler, Thomas Bühler (Hrsg.): Bildungsungleichheit und Gerechtigkeit. Wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2013. 350 Seiten. ISBN 978-3-258-07823-6. D: 46,90 EUR, A: 48,30 EUR, CH: 49,00 sFr.

Reihe: PRISMA - Beiträge zur Erziehungswissenschaft aus historischer, psychologischer und soziologischer Perspektive - 20.
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Bildung für alle – Bildung ist ein Menschenrecht

Soll eine demokratisch verfasste, sich sozial und freiheitlich verstehende Gesellschaft funktionieren, bedarf es der Grundlegung, wie sie von den Vereinten Nationen in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 proklamiert wurde: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren…“, und in Artikel 26 mit dem Recht auf Bildung für jeden Menschen zum Ausdruck kommt: „Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit … gerichtet sein“. Mit dem Begriff der „Chancengleichheit“, der jedoch mit dem der „Bildungsgerechtigkeit“ an die gesellschaftlichen Wirklichkeiten angepasst und relativiert wurde, haben Generationen von ErziehungswissenschaftlerInnen, SoziologInnen, PhilosophInnen, SozialexpertInnen und PolitikerInnen immer wieder gefordert, dass nicht Herkunft, Vermögen, Macht oder Geschlecht ausschlaggebend dafür sein dürfen, wie individuelle und gesellschaftliche Bildung sich vollzieht. Es sind nach wie vor die Täuschungen und Selbsttäuschungen im pädagogischen Diskurs (Dietrich Hoffmann, Kritische Theorie der Bildung, Hamburg 2006), die Auseinandersetzung mit Macht und Moral (Wolfgang Kersting, Macht und Moral, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11429.php); es ist der pädagogische Diskurs über die Bedeutung von Individuum und Gesellschaft (Gernot Barth, Das Individuum und die Gesellschaft, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11176.php), wie sich Bildungseinrichtungen in den lokalen und transkulturellen Lebenswelten darstellen (Kathrin Oester / Ursula Fiechter / Elke-Nicole Kappus, Schulen in transnationalen Lebenswelten, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6624.php) und welchen Kontroversen der gesellschaftliche Diskussionsprozess um Bildungsgerechtigkeit unterliegt (Ingo Kramer, Herausforderung Bildungsgerechtigkeit. Zum fairen Umgang mit dem Leistungsprinzip, Hamburg 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11185.php).

Die gesellschaftliche Diskussion in den westlichen Industrieländern vollzieht sich dabei in einer merkwürdigen Stromlinienförmigkeit: Bildung wird, mehr oder weniger, als Anpassung an die ökonomischen und wirtschaftlichen Wachstumsziele verstanden. So sind die Schulsysteme entstanden, die als Abbild der festgezurrten gesellschaftlichen Wirklichkeiten gelten, wie etwas das dreigliedrige Schulsystem, das weiterhin in Deutschland, Österreich und der Schweiz praktiziert wird. Ein gleichförmiges Bild zeigt sich zudem in diesen Ländern, dass Bildungs- und Gesellschaftspolitik eine Kritik oder gar eine grundlegende Systemveränderung scheut wie der Teufel das Weihwasser; und höchstens einige zaghafte und eher wirkungslose Korrekturen vornimmt. Dabei zeigen nationale und internationale Bildungs- und Schulvergleichsuntersuchungen seit langem, dass der gute Wille von einzelnen Initiativen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit scheitert, wenn das System falsch ist. Eine weitere Diskrepanz ist zu registrieren: Während in der erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Forschung zahlreiche Konzepte und Modellvorstellungen für eine gemeinsame, bessere Schule vorliegen, gelingt es nur selten, sie auch in der Bildungspraxis zu implementieren (Ellen Bareis / Christian Kolbe / Marion Ott / Kerstin Rathgeb / Christian Schütte-Bäumner, Hrsg., Episoden sozialer Ausschließung. Definitionskämpfe und widerständige Praxen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15142.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Der lebhafte Diskurs um Bildungsgerechtigkeit zeigt sich in vielen Facetten von Bildungstheorie und Praxis (Dorothea Krüger, Hrsg. Genderkompetenz und Schulwelten. Alte Ungleichheiten – neue Hemmnisse, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11841.php; Peter Lienhard-Tuggener, Rezeptbuch Schulische Integration. Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11130.php; Daniela Michaelis, Hrsg., Bildung: integral. Integrale Modelle für eine innovative Lehr- und Lernkultur, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14967.php; Joachim Münch / Irit Wyrobnik, Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11625.php; Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14556.php; Karl-Josef Pazzini, Hrsg. Lehren bildet? Vom Rätsel unserer Lehranstalten. 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10560.php; David Richard Precht, Anne, die Schule und der liebe Gott, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14980.php; Tamara Carigiet Reinhard, Schulleistungen und Heterogenität. Eine mehrebenenanalytische Untersuchung der Bedingungsfaktoren der Schulleistungen am Ende der dritten Primarschulklasse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13495.php).

Über Bildung lässt sich trefflich streiten! Die aristotelische paideia subsumiert Bildung als die Herausforderung zur Erziehung der zukünftigen Bürger für den Staat. Mit der Littschen Formel „Führen oder Wachsen lassen“ wird gleichzeitig daran erinnert, dass Bildung existentiell ist. Es dürfte mittlerweile Einverständnis dafür vorliegen, dass Bildung nicht mit dem „Trichter“ eingeflößt oder als einzementiertes Fundament festgelegt werden kann, sondern als Prozess zu verstehen ist, der immerwährenden Veränderung unterliegt (Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php). Die bekannte, kritische Frage – „Wissen Sie, wie Lehrbücher entstehen?“ – und die Antwort: „Sie entstehen, dass sie von Lehrbüchern abgeschrieben werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden…“ – lässt sich ohne weiteres auch für den Bildungsbegriff stellen. Der zôon politikon, das politische Lebewesen im Sinne der abendländischen Bildung, ist ja jemand, der in der Lage ist, kraft seines Verstandes ein gutes Leben zu führen; eben nicht nur zu „funktionieren“, wie es für Ideologie, Ökonomie, Materialismus oder Momentanismus angesagt ist ( vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php; sowie: Fritz B. Simon, Wenn rechts links ist und links rechts. Paradoxiemanagement in Familie, Wirtschaft und Politik, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14542.php). Die Suche nach Sinn, Wirklichkeit und Wahrheit im menschlichen Dasein führt in der Geschichte und Gegenwart zu vielfältigen, natürlich auch kontroversen Auffassungen (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php ; Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php ; Peter Brüger / Jörg Lau, Hrsg., Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php; Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11820.php; Wilfried Baur, Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13481.php; Julia Weitzel, Existenzielle Bildung. Zur ästhetischen und szenologischen Aktualisierung einer bildungstheoretischen Leitidee, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14260.php ). Immerhin: Die positiven, schulischen Beispiele und Best Practice Projekte (Manfred Prenzel / Michael Schratz / Gisela Schultebraucks-Burgkart, Hrsg., Was für Schulen! Schule der Zukunft in gesellschaftlicher Verantwortung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12587.php: Margret Rasfeld, "Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin". AV1 Pädagogik-Filme / Edition Hüther, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11659.php) machen Mut, die institutionellen und systemorientierten Missstände des Schulwesens zu überwinden (Stefan Wellgraf, Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13484.php).

Der vom 2. – 4. Juli 2012 von der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung (SGBF) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern, der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, der Pädagogischen Hochschule Bern und der Schweizerischen Gesellschaft für Lehrerinnen- und Lehrerbildung durchgeführte Kongress zu Fragen von Bildungsungleichheit und Gerechtigkeit hatte zum Ziel, einen Austausch zwischen den Fachwissenschaften, der Bildungsadministration und der Praxis herzustellen. Im Kongresstitel „Bildungsungleichheit“ wird deutlich, dass das Bewusstsein vorhanden ist, dass es sie gibt. Dabei sollten die Ursachen diskutiert werden, warum Bildungsungleichheiten und -ungerechtigkeiten bestehen, weshalb sie reproduziert, akzeptiert und wie sie im gesellschaftlichen Prozess legitimiert werden. Mehr als 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus zehn Ländern diskutierten und bemühten sich in 30 Arbeitsgruppen darum, die wichtigste gesellschaftliche Herausforderung nach „Equity“, als Bündelung der demokratischen Werte – Vielfalt, Differenz, Transparenz, Effektivität, Effizienz und Gleichheit – zu bearbeiten und die gemeinsamen Forschungserkenntnisse zusammen zu tragen.

Auch wenn die Zielsetzung des Kongressen sich vordergründig auf die Situation und Bedürfnisse der schulischen und außerschulischen Bildungsentwicklung und -innovation ausrichtete, zeigen die im Tagungsband abgedruckten „keynot speeches“ aus den verschiedenen Fachdisziplinen und Ländern eine Reihe von gemeinsamen, inter- und transnationalen Trends auf, die fokussiert sind auf das Problem, „dass trotz Bildungsreformen und Bildungsexpansion die herkunftsspezifische Benachteiligung stabil … und trotz aller Bildungsreformen und sozialpolitischen Bemühungen ( ) die soziale Herkunft weiterhin eine der zentralen Einflussgrößen (bleibt)“.

Der Bildungssoziologe vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern, Rolf Becker, der Pädagoge und Sozialwissenschaftler von der Pädagogischen Hochschule FHNW Patrick Bühler und der Erziehungswissenschaftler Thomas Bühler von der Universität Bern, geben den Tagungsband heraus.

Aufbau und Inhalt

Neben den Begrüßungsworten und der Eröffnungsrede des Generalsekretärs der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, Hans Ambühl, werden die Referate zu den Fragen und Zielsetzungen des Kongresses wiedergegeben. Der Sozialwissenschaftler des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung, Walter Müller, beginnt mit seinem Beitrag „Bildungsungleichheit und Gerechtigkeit – Gesellschaftliche Herausforderungen“, indem er in einer tour d?horizon konzeptuelle Überlegungen darüber anstellt, die Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Themenkomplexes mit europäischer Blickrichtung aufzeigt und die Herausforderungen verdeutlicht, die sich für das Schweizerische Bildungswesen ergeben. Er verweist dabei insbesondere auf die Beachtung von sekundären Effekten, wobei er sich für längerfristige, weil effektivere Wirkungen einsetzt: „Solange ungleiche Ausgangsbedingungen bestehen, wirken sie in vielfältiger Weise auf die alltägliche Praxis der Menschen ein und haben darüber eine Tendenz, sich zu reproduzieren“.

Die Soziologin und Geschäftsführende Direktorin des Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich, Marlis Buchmann, thematisiert in ihrem Beitrag „Bildungsungleichheiten als gesellschaftliche Herausforderung in der Schweiz“, indem sie drei Problemzonen reflektiert: Gering qualifizierte junge Menschen / Berufliche Grundbildung beim Berufseinstieg von jungen Fachkräften / Geschlechtersegregation in Bildung und Arbeitsmarkt. Sie macht dabei klar, dass zur Lösung der aufgezeigten Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten „ein Abbau der Bildungsungleichheiten oder umgekehrt die Erhöhung der Chancengleichheit nicht allein mit Reformen des Bildungssystems zu bewältigen ist. Vielmehr sind dazu auch umfassende sozial- und arbeitsmarktpolitische Reformen notwendig“.

Der Soziologe von der Bamberger Otto-Friedrich-Universität, Hans-Peter Blossfeld setzt sich auseinander mit „Bildungsungleichheiten im Lebensverlauf“ und verweist auf die Herausforderungen, wie sie sich für Politik und Forschung ergeben. Am Beispiel von Übergangs- und Schullaufbahnempfehlungen und -entscheidungen in den deutschen Bundesländern Bayern und Hessen zeigt der Autor auf, welche Wirkungen die Sozialisations-, Informations- und Beteiligungsbedingungen im familialen Zusammenhang haben. Er stellt dabei sowohl Defizite in der staatlichen Bildungspolitik, als auch in der Bildungsforschung fest: „Man muss sicherlich früh im Lebensverlauf mit den Interventionen zur Förderung gleicher Bildungschancen beginnen – besonders wenn es um Sprache geht. Wir brauchen aber nicht nur Frühförderung und Ganztagsschulen, sondern man muss durch einen umfassenderen Ansatz die Familien in die Bildungsförderung stärker einbeziehen“ (vgl. in dem Zusammenhang auch: Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php).

David F. Labaree von der kalifornischen Stanford-Universität zeigt mit seinem Beitrag „Balancing Access and Advantage in the History of American Schooling“ die Entwicklung der Schulsysteme in den USA auf, beginnend mit dem Universal Primary Schooling, der Expansion of High School und College Enrollment. Mit seiner zynisch (oder eher sarkastisch?) anklingenden Sprache bringt er in seiner Erzählung über die Bildungsentwicklung in den USA zum Ausdruck: „It?s about how educational systems in liberal democracies perform a kind of magic trick. They can continually expand educational opportunity without changing social inequality“.

Die Bildungsforscherin von der Wuppertaler Bergischen Universität, Claudia Schuchart, analysiert mit ihrem Referat „Institutionelle Öffnung stratifizierter Bildungssysteme“, indem sie fragt, ob sie tatsächlich ein Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit sind. Sie vermittelt einen Überblick zur Situation in den deutschen Bundesländern, setzt sich mit der Vergleichbarkeit gleichnamiger Schul- und Bildungsabschlüsse auseinander und verdeutlicht am Beispiel des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen die individuellen und institutionellen Voraussetzungen und Ergebnisse von erwarteten und tatsächlich erreichten Schulabschlüssen, sowie Ab- und Aufstiegssituationen. Sie stellt zwar fest, dass die vom Deutschen Bildungsrat (1970) prognostizierten „Sackgassen“ bei den schulischen Bildungswegen derzeit nicht zu beobachten sind; jedoch sieht sie die aktuellen (bundesdeutschen) Bedingungen zur Öffnung von Bildungswegen kritisch: „Inwiefern nachträglich erworbene schulische Abschlüsse mit grundständig erworbenen Abschlüssen vergleichbar sind und die hohe Durchlässigkeit im Sekundarbereich II somit zu mehr Chancengerechtigkeit beiträgt, darf… bezweifelt werden“.

Stefani Scherer vom Dipartimento di Sociologia e Ricerca Sociale der Università degli Studi Trebto informiert am Beispiel von Italien über „Bildungserträge im Arbeitsmarkt“. Die Wandlungsprozesse, wie sie sich in industrialisierten Ländern bei den Verwertungsmöglichkeiten von Bildungszertifikaten im Erwerbssystem ergeben, werden anhand von vorliegenden Daten für Italien analysiert. Dabei betrachtet die Autorin die Entwicklungen in den letzten 25 Jahren insbesondere mit Blick auf Bildungserfolge bzw. -stagnationen bei Männern. Interessanterweise stellt sie dabei keine – eigentlich in der italienischen wie in der europäischen Wahrnehmung prognostizierbaren – Unterschiede bei den Regionen (Nord-Süd-Gefälle) fest; jedoch: „Die Bildungsexpansion ist bei Weitem noch nicht so weit vorangeschritten wie in anderen Ländern Europas und erreicht gerade jetzt erst den Tertiärbereich“. Als Gründe für die zunehmend schlechteren Platzierungschancen sieht sie in der vorherrschend stagnierenden Berufsstruktur und den Jahrzehnte langen gesellschafts- und arbeitspolitischen Versäumnissen, Alternativen zum „Billiglohnland Italien“ der 1970er Jahre zu entwickeln.

Dominique Joye und Julien Chevillard vom Institut des sciences sociales der Université de Lausanne reflektieren „Education, Prestige, and Socioeconomic Indexes in Switzerland“, indem sie die Forschungsergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2006 einbringen und mit den aktuellen Veränderungs- und Entwicklungsprozessen vergleichen: „LIVES – Overcoming vulnerability: life cource perspectives“. Die vorgefundenen und prägenden Markierungen und Einflüsse im Verhältnis von Berufsansehen (prestige) und sozioökonomischen Erträgen (socioeconomic indexes) haben sich in der Schweiz nur unwesentlich verändert; erfreulicherweise registrieren die Forscher jedoch eine Tendenz hin in Richtung Bildungserwerb; „that means, we still have some space for refining our measurces and, perhaps, playing with alternativ forms of scaling“.

Serge Tomamichel von der französischen Université de Savoie bringt mit seinem in französischer Sprache verfassten Beitrag „Entre ordres et degrés: formes et enjeux de la structuration du système éducatif français (1789 – 1975) eine historische Darstellung der formalen Entwicklung des französischen Bildungssystems. Dabei macht er nicht nur deutlich, welche Prinzipien und gesellschaftlichen Strukturen das französische Schulwesen in der Geschichte geprägt haben und vorherrschten – mit den aus der Französischen Revolution überlieferten Werten einer Realisierung von Gleichheit und Freiheit – sowie einer konsequenten Trennung von Kirche und Staat im schulischen Unterricht, sondern auch den verschiedenen Reformversuchen, eine ,,école unique" zu schaffen. Mit der Reform Haby, die eine zentrale Schulplanung vorsieht und die Schulstrukturen im Sinne einer „justice sociale“ geschaffen hat, konnten zwar Bildungsungerechtigkeiten gemildert, jedoch nicht beseitigt werden. So bleiben für den Autor in der aktuellen Bildungssituation in Frankreich eine Menge von Fragen; etwa: „Mais cet idéal est-il pleinement réalisé par la formule du collège unique“.

Der Sozialwissenschaftler Andreas Hadjar von der Université de Lausanne nimmt sich die Genderfrage vor: „Geschlechterungleichheiten als fortwährende Herausforderung des Bildungssystems“. Er diskutiert verschiedene Forschungsergebnisse zur Thematik, zeigt die sich historisch und aktuell veränderten Entwicklungen bei den Geschlechterdominanzen und -benachteiligungen auf und informiert über die Ergebnisse einer empirischen Schultudie aus dem Schweizer Kanton Bern (vgl. dazu auch: Kathrin Oester / Ursula Flechter / Elke-Nicole Kappus, Schulen in transnationalen Lebenswelten. Integrations- und Segregationsprozesse am Beispiel von Bern West, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6624.php). Es gilt, „Geschlechterbilder zu thematisieren, um alte Denkweisen – etwa Männer = Dominanz = Technik = Berufsbildung versus Frauen = Hausfrau = soziale Berufe – zu durchbrechen“.

Stefan C. Wolter von der Forschungsstelle für Bildungsökonomie der Universität Bern wirft „ein(en) ökonomische(n) ökonomischen Blick auf die Chancengerechtigkeit im (schweizerischen) Bildungswesen“. Dabei geht er von drei Selbstverständlichkeiten aus, weshalb Chancengerechtigkeit etwas mit Ökonomie zu tun hat: Weil Chancenungleichheit und Diskriminierung dazu führen, dass Menschen ihr Bildungspotenzial nicht ausschöpfen und damit auch nicht in den Wirtschaftsprozess einbringen können; weil Chancenungerechtigkeit eine ungleiche Verteilung des Volksvermögens darstellt und damit eine negative Wirkung der ökonomischen Leistungskraft einer Volkswirtschaft hat; weil Ungerechtigkeiten in der Wirtschaft nicht nur die Konsequenz, sondern auch die Ursache für Ungerechtigkeiten im Bildungswesen sein kann. Empirische Untersuchungen zur Thematik zeigen (exemplarisch in der Schweiz), welche Bedeutung ökonomische Ressourcen in allen Lebensstadien und -bereichen der Menschen für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit haben: „Je mehr aber Geld und nicht Talent die Ursache für Bildungserfolg ist, desto stärker dürften Bildungspotenziale auch brachliegen, was einen volkswirtschaftlichen Verlust darstellt“.

Die Berner Rechtswissenschaftlerin Judith Wyttenbach nimmt die „Schweizerische Bildungsverfassung im Grundschulbereich“ unter die Lupe. Sie zeigt an einer Reihe von Beispielen, etwa zu der Frage „Integration und Inklusion“ und zu den Aspekten der gesellschaftlichen Vielfalt, welche Übereinstimmungen, aber auch welche Kontroversen im schweizerischen gesellschaftlichen Diskurs vorherrschen und wie sie im Rahmen der Bildungsverfassung ausgelegt werden. Dabei verweist sie auf ein Defizit, dass „das Recht, Privatschulen zu gründen und zu führen, ( ) in der Bundesverfassung nicht ausdrücklich genannt (ist), was im gesellschaftlichen Diskurs durchaus zu Konflikten führt und sogar das Primat „Erziehung zur Gemeinschaftsfähigkeit“ verletzen kann.

Die Politikwissenschaftlerin der Universität Bern, Isabelle Stadelmann-Steffen, referiert über „Bildungspolitik und Bildungsungleichheiten“, indem sie prüft, wie sich die durch die PISA-Studien ausgelöste Debatten über Wirksamkeit und Fähigkeit von Bildungspolitik empirisch in den subnationalen, föderalen Strukturen der Schweiz bemerkbar machen. In ihrer Studie fragt danach, wie sich soziale Ungleichheit im schulischen Bildungsprozess in den einzelnen Schweizer Kantonen zeigt, an den mathematischen Kenntnissen der Schülerinnen und Schüler aufweisen lässt und wirkt. Sie weist nach, dass der Grad an Bildungsungleichheit in den Schweizer Kantonen erheblich variiert. „Nicht die Einteilung in Leistungsklassen als solche (Tracking, oder äußere Differenzierung, JS), sondern vielmehr die Möglichkeit, die ursprünglichen Entscheidungen zur Einteilung revidieren zu können, also die Durchlässigkeit zwischen den Schularten, moderiert Bildungsungleichheit.

Der Erziehungswissenschaftler an der Universität Zürich, Roland Reichenbach, wählt für seine „Bemerkungen zum Ungleichheitsdiskurs, zur Pädagogisierung und zur ‚Verhochschulung‘ der Gesellschaft“ als Titel ein Zitat des französischen Philosophen Jacques Rancière: „Eine enorme Maschine, um die Gleichheit durch Ausbildung zu fördern“. Damit problematisiert er die Annahme, dass Gleichheit ein Gerechtigkeitsideal sei und als „personale Praxis“ verstanden werden müsse, und nicht zuförderst und ausschließlich an institutionelle und verfasste Normen gebunden ist: „Die gesellschaftlich akzeptierte – und dennoch nie wirklich überzeugende – Gleichsetzung von Bildungsabschluss und Bildung ist eine zentrale Bedingung für die umfassende Pädagogisierung (im Original kursiv) der Gesellschaft, in der sich Personen mit Abschlüssen größeren Prestiges als ‚emanzipiert(er)‘ und ‚gebildeter‘ wähnen können als Personen, die sie in der Hierarchie des Bildungs- und Ausbildungssystems scheinbar hinter sich gelassen haben“.

Fazit

Der Sammelband als Dokumentation eines wissenschaftlichen Kongresses 2012 in Bern zielt sicherlich in erster Linie auf eine Aufmerksamkeit in der Schweiz. Die Zielsetzung der Tagung, wie auch die virulent bedeutsamen Fragestellungen des Kongressthemas – „Bildungsungleichheit und Gerechtigkeit“ – stellen sich jedoch als wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen dar, die über den Schweizer Diskurs hinaus gehen und als europäische und globale Anforderungen zu verstehen sind. Dass die Schweizer Initiatoren des Kongresses dabei den Blick über den nationalen Gartenzaun richten, machen sie deutlich, dass im Bildungs- und schulischen Kontext die „Einzäunung“ keinen Sinn mehr macht , sondern in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt ein wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Austausch über Fragen von Gleichheit und Gerechtigkeit und deren Abwesenheit unverzichtbar ist. In den unterschiedlich akzentuierten „keynote speeches“ der Referentinnen und Referenten aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den USA ergeben sich eine Reihe von grundlegenden Übereinstimmungen darüber, dass Bildungsungleichheit mit unterschiedlichen Mitteln und Konzepten überwunden werden muss!

Es ist anzunehmen, dass der Tagungsband in den wissenschaftlichen Bibliotheken und Forschungsapparaten einen beachteten Platz findet!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.07.2013 zu: Rolf Becker, Patrick Bühler, Thomas Bühler (Hrsg.): Bildungsungleichheit und Gerechtigkeit. Wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2013. ISBN 978-3-258-07823-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15130.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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