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Helga Kelle, Johanna Mierendorff (Hrsg.): Normierung und Normalisierung der Kindheit

Cover Helga Kelle, Johanna Mierendorff (Hrsg.): Normierung und Normalisierung der Kindheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 197 Seiten. ISBN 978-3-7799-1555-3. 24,95 EUR.

Reihe: Kindheiten - Neue Folge.
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Herausgeberinnen, Autorinnen und Autoren

Dr. Helga Kelle ist Professorin mit dem Schwerpunkt Allgemeine Pädagogik an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in den Bereichen: Theorien der Erziehung, Bildung, Kindheit und generationalen Ordnung, Ethnographie der Kindheit, Geschlechter- und Schulforschung, Praxis- und Kulturanalyse von Entwicklungsbeobachtung und -diagnostik, sowie qualitative Methoden der Sozialforschung.

Aktuell forscht die Autorin in dem Projekt „Einschulungsverfahren, Eingangsdiagnostiken und Bildungsentscheidungen im Kontext des Strukturwandels des Übergangs in die Grundschule“ der DFG. Zudem arbeitet sie an einer Praxis- und Kulturanalyse der Entwicklungsdiagnostik in der frühen Kindheit.

Helga Mierendorff ist Professorin mit dem Schwerpunkt Pädagogik der frühen Kindheit an der Martin- Luther Universität Halle-Wittenberg. Ihr Arbeitsgebiet umfasst die wohlfahrtsstaatstheoretischen Ansätze in der Kindheitsforschung/Politik für Kinder und Familien, die Jugendhilfeforschung, die Kinderarmutsforschung sowie die Formen und Praxen institutioneller und politischer Partizipation von Kindern.

Aktuell forscht sie in den Projekten „Elementare Bildung und Distinktion“ der DFG, sowie „Energieunternehmen zwischen Marktlogik und öffentlichem Grundversorgungsauftrag im deutsch-britischen Vergleich“.

Die 16 weiteren Autorinnen und Autoren werden in einem dreiseitigen Autorenverzeichnis am Ende des Buches vorgestellt.

Entstehungshintergrund und Thema

Laut der Herausgeberinnen ist der Ausgangspunkt des vorliegenden Buchs, das 2008 erschiene Werk „Ganz normale Kindheit?“ (Kelle/ Tervooren). In diesem wurde verdeutlicht, dass sich nicht nur die Kinder, sondern insbesondere der Fokus auf ihre Entwicklung, ebenso wie die Verfahren der Beobachtung und Beurteilung verändert haben. Da diese Bereiche in den letzten Jahren deutlich intensiviert wurden, greift der vorliegende Band erneut die Fragestellung auf, inwieweit die Unterscheidung von „normaler“ und „nicht-normaler“ Entwicklung in den unterschiedlichen Arbeits- und Professionsbereichen diskursiv bestimmt wird. Mittels empirischer Beiträge werden Auswirkungen auf die vorschulische, die schulische, die außerschulische sowie die medizinisch diagnostische Praxis und der Kinder- und Jugendhilfe aufgezeigt und diskutiert.

Aufbau und Inhalt

Nach einer gemeinsamen Einführung der beiden Autorinnen Helga Keller und Johanna Mierendorff in Normierung und Normalisierung der Kindheit, widmet sich Helga Keller zunächst der (Un-)Unterscheidbarkeit und Bestimmung der Begriffe „Normierung“ und „Normalisierung“. Hierfür zeigt sie zunächst die semantischen und diskursiven Interferenzen im Bereich der unterschiedlichen Professionen auf. Im weiteren Verlauf erläutert die Autorin verschiedene Konzepte, um letztlich die Ebenen der Normierung und Normalisierung der Kindheit und der Kinder darzulegen. Johanna Mierendorff erörtert in ihrem Beitrag Normierungsprozesse von Kindheit im Wohlfahrtsstaat, die Bedeutung desselben für die Entstehung, Erhaltung und Erweiterung eines Schutzraums „Kindheit“. So führt sie unter anderem aus, welch grundlegender Normierungsprozess sich diesbezüglich in der Weimarer Republik vollzog. Resümierend kommt die Autorin zu dem Schluss, dass sich spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts die über viele Jahre inoffiziell geltende Grenze zwischen „Schulkind und früher Kindheit zu verflüssigen beginnt, so dass sich die besondere Besonderung der frühen Kindheit verflüchtigt“ (52).

Im ersten Teil geht es nachfolgend um Risikodiskurse, Prävention und Normalisierung. In drei empirische Beiträge wird sich mit der Konzeption der frühen Kindheit als Risiko und den präventiven Maßnahmen, die „normales“ Aufwachsen sichern sollen, auseinandergesetzt. Tanja Betz und Stefanie Bischoff verdeutlichen in ihrem Beitrag Risikokind und Risiko Kind, dass neben den „Risikokindern“ auch zunehmend das Kind selbst als Risiko für die gesellschaftliche Zukunft betrachtet wird. Grundlage ihrer Aussagen sind erste Ergebnisse der von ihnen durchgeführten Teilstudie des Projekts EDUCARE an der Goethe-Universität Frankfurt. In Norm(alis)ierung im Kinderschutz legen Steffen Eisentraut und Hannu Turba dar, zu welchen differenten Handlungslogiken sozialpädagogische Familienhelferinnen und Familienhebammen im Bereich Kindeswohlgefährdung gelangen. Grundlage ihrer Ergebnisse sind leitfadengestützte Interviews aus mehreren Kommunen. Sabine Bollig zeigt in ihrem Beitrag „Individuelle Entwicklung“ als familiales Projekt die Normalisierung von Auffälligkeiten am Beispiel kindermedizinischer Vorsorgeuntersuchungen und Schuleingangsuntersuchungen auf. Grundlage ihrer Analyse sind Protokollsequenzen des DFG-Projekts „Kinderkörper in der Praxis“ aus den Jahren 2006- 2010.

Der zweite Teil des Buchs beschäftigt sich mit der Betrachtung von Risikogruppen und der damit verbundenen (De-) Normalisierung von Abweichung. Claudia Peter beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit den Normalisierungsstrategien zu dicken und frühgeborenen Kindern. Sie arbeitet vergleichend heraus, dass hinsichtlich adipöser Kinder eine protonormalistische und hinsichtlich frühgeborener Kinder eine flexibel-normalistische Normalisierungsstrategie angewendet wird. Der daraus resultierenden Denormalisierung adipöser Kinde wirft sie in ihrer Zusammenfassung kritische Fragen auf. Solveig Chilla und Burkhard Fuhs veranschaulichen in Kindheiten zwischen Inklusion, Normalisierung und Autonomie, dass dem „Hören“ durchaus kein normativer Status zustehen muss. In einer sich stetig verändernden (bild- und schreibsprachigen) Welt kommt der Normalisierung hörbeeinträchtigter (insbesondere bilingualer und bikultureller) Kinder, auch mithilfe autonomer und inklusiver Wege, eine wachsende Bedeutung zu. In Normalität und Normalisierung von AD(H)S analysiert das Autorenteam Katharina Liebsch, Rolf Haubl, Josephin Brade und Sebastian Jentsch, die sich normalisierenden Diskurse und Praktiken im Umgang mit der Diagnose AD(H)S. Betrachtet wird der Umgang von beteiligten Erwachsenen mit den betroffenen Kindern und deren Reaktion. Grundlage dieser Analyse sind vier Fallstudien, die im Rahmen der Studie „Mit Ritalin leben“ entstanden sind.

Unter dem Titel Optimierung der Kindheit befassen sich im dritten Kapitel abschließend Ondrej Kašàk und Branislav Pupala in ihrem Beitrag Auf dem Weg zum normalen Superkind mit der gesteuerten Normierung des Vorschulkindes, durch internationale und nationale Dokumente.

Diskussion

In den insgesamt neun Beiträgen werden die zentralen Begriffe „Normierung“ und „Normalisierung“ aus den verschiedensten Blickrichtungen der kindheitsbezogenen Professionen beleuchtet. Dabei weist jeder Beitrag eine fundierte Herangehensweise und detaillierte Analyse auf. Hierdurch bietet das Buch einen hervorragenden Überblick über Fragen und Fakten rund um die gewählte Thematik. Zudem gelingt den Herausgeberinnen, mithilfe dieser praxisbezogenen (empirischen) Beiträge, die von ihnen anvisierte interdisziplinäre Zusammenführung und Klärung zweier grundlegender und dennoch unscharfer Begrifflichkeiten.

Sicherlich kein Buch für den allgemeinen Hausgebrauch, jedoch für Interessierte der unterschiedlichen Disziplinen eine Bereicherung.

Fazit

Kelle und Mierendorff ist ein breiter und zugleich vertiefter Fokus auf die Normierung und Normalisierung der Kindheit gelungen. Ein facettenreiches und interessantes Fachbuch, das sich zukunftsweisenden Überlegungen widmet.


Rezension von
Astrid Boll
M.A., Vertretungsprofessorin „Management in sozialen Einrichtungen“, Hochschule Koblenz
Homepage www.hs-koblenz.de/profile/boll-1/
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Zitiervorschlag
Astrid Boll. Rezension vom 17.10.2013 zu: Helga Kelle, Johanna Mierendorff (Hrsg.): Normierung und Normalisierung der Kindheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-1555-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15131.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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