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Benno Biermann, Erika Bock-Rosenthal u.a.: Soziologie. Studienbuch für soziale Berufe

Cover Benno Biermann, Erika Bock-Rosenthal, Martin Doehlemann, Karl-Heinz Grohall, Dietrich Kühn: Soziologie. Studienbuch für soziale Berufe. UTB (Stuttgart) 2012. 6., veränd. Auflage. 448 Seiten. ISBN 978-3-8252-8514-2. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.

Reihe: UTB L (Large-Format) - 8295. Studienbuch für soziale Berufe - 4.
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Thema

Studierende der Sozialen Arbeit suchen, insbesondere in den ersten Semestern, Orientierung, was für ihr künftiges professionelles Handeln von Bedeutung ist. Die Soziologie, soziologische Grundkenntnisse und Erkenntnisse, die in die Ausbildung eines beruflichen Selbstverständnisses einmünden könn(t)en, machen da keine Ausnahme. Allerdings verbinden Studierende damit – aufgrund schulischer Erfahrungen oder Prägungen in der Ausbildung zum Beispiel zu Erzieher/inne/n – nicht selten eher sozialkundliche Grundlagenkenntnisse. „Werte“, „Rollen“, oder „Normen“ sind dann (in Einführungslehrveranstaltungen zur Soziologie für Soziale Berufe wiederkehrend genannte) Begriffe, auch „sozialer Wandel“ oder „soziale Konflikte“ werden erwähnt und gelegentlich fallen unscharfe Begriffe wie „Klasse“, „Milieu“ oder „Sozialraum“.

Jedenfalls besteht bei genauerer Betrachtung Unsicherheit, was die so genannte „Bezugsdisziplin“ Soziologie im Kontext von Prozessen, Strukturen, Aufgaben und Handlungsanforderungen Sozialer Arbeit eigentlich alltäglich zu leisten vermag. Nicht eben selten wird sie mit „grauer“ Theorie identifiziert (verwechselt?), sozusagen als Gegenstück zur (doch – hoffentlich – so „bunten“) Praxis. Es scheint zudem so, als bewegten sich Soziologie und Soziale Arbeit in gänzlich verschiedenen Welten: der Zugang Sozialen Arbeit ist direkt und personenbezogen, das soziologische Denken wirkt abstrakt und bezieht sich auf Strukturen – eine Brücke zwischen beidem zeichnet sich nicht immer sogleich und augenfällig ab. Es ist also durchaus ein Bedarf an Orientierung ermöglichender Literatur gegeben.

Dem versucht die vorliegende Veröffentlichung (als Band 4 der „Studienbücher für soziale Berufe“) zu begegnen, wie es im Klappentext auch heißt: „Soziologische Begriffe und Theorien beweisen ihren Nutzen am ehesten in der Anwendung auf Fragen des sozialen Alltags“. Als Einführung in die Soziologie biete sie „eine fundierte und systematische Darstellung wichtiger gesellschaftlicher Problemfelder: Sozialisation und Familie, Jugend und Alter, Abweichung und Kriminalität, soziale Ungleichheiten und Konflikte. Ein Überblick über soziologische Denkrichtungen bietet die notwendige Klammer für die Vielfalt der Fragestellungen. Denn das Buch führt nicht nur in den Gebrauch soziologischer Grundbegriffe ein, sondern auch in die Komplexität und gelegentliche Widersprüchlichkeit soziologischer Thesen und Befunde“.

Autorenkollektiv

Die Autorin und die vier Autoren eint, dass sie an der Fachhochschule Münster am Fachbereich Sozialwesen tätig sind bzw. tätig waren:

  • Dr. Benno Biermann (Dipl.-Volkswirt) war von 1972 bis 2004 dort als Professor für Soziologie tätig,
  • Dr. Erika Bock-Rosenthal (Dipl.-Volkswirtin) ist Professorin für Soziologie (mit den aktuellen Arbeitsschwerpunkten Organisationsforschung im Gesundheits- und Sozialwesen, Soziale Ungleichheit/Genderforschung, Berufssoziologie/Professionalisierung von Gesundheitsberufen sowie Charisma und funktionale Autorität),
  • Dr. Martin Doehlemann (M.A.) lehrte als Professor Soziologie,
  • Dr. Karl-Heinz Grohall (Dipl.-Soziologie, Dipl.-Sozialarbeiter) lehrte von 1975 bis 2003 als Professor für Soziologie und schließlich
  • Dr. Dietrich Kühn war von 1977 bis 2005 als Professor für Organisation und Management tätig; Dietrich Kühn ist 2011 verstorben.

Aufbau und Inhalt

Die Gliederung des Band erfolgt nach wichtigen Aspekten der Berufssituation und des Arbeitsfeldes von Fachkräften der Sozialen Arbeit (vor allem: Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagog/inn/en).

Dem disziplinären Selbstverständnis verpflichtet, dass „die Soziologie Begriffe, Theorien und empirisches Wissen für die Soziale Arbeit mit Adressaten der unterschiedlichsten Lebens- und Problemfelder entwickelt“ hat (S. 13), stehen im ersten Hauptabschnitt des vorliegenden Bandes („Theorien gesellschaftlicher Problembereiche“) die grundlegenden soziologischen Aspekte im Zentrum der Darlegung:

  • Zunächst gibt Martin Doehlemann im ersten Kapitel (S. 17 – 46) einen Überblick über die soziologischen Theorien und soziologischen Perspektiven für Soziale Berufe
  • Benno Biermann breitet den Bereich „Sozialisation und Familie“ im zweiten Kapitel (S. 47 – 104) aus.
  • Junge und ältere Menschen (als einer Soziologie von Altersphasen) nimmt Martin Doehlemann im dritten Kapitel (S. 105 – 155) in den Blick.
  • Mit der „Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle“ befasst sich Karl-Heinz Grohall im vierten Kapitel (S. 156 – 203), während
  • Erika Bock-Rosenthal sich im fünften Kapitel mit sozialen Ungleichheiten auseinandersetzt (S. 204 – 262).

Der zweite Hauptteil („Theorien sozialberuflichen Handelns“) widmet sich in drei Kapiteln den Sozialen Berufen und hier gegebenen Möglichkeiten und Grenzen professionellen Handelns unter den verschiedenen organisatorischen, fachlichen und kollegialen Bedingungen:

  • „Soziale Arbeit als Beruf: Institutionalisierung und Professionalisierung Sozialer Arbeit“ diskutiert zunächst Benno Biermann (6. Kapitel, S. 265 – 313),
  • „Organisationen Sozialer Arbeit: Administrative Strukturen und Handlungsformen im Sozialwesen“ werden von Dietrich Kühn behandelt (7. Kapitel, S. 314 – 375) und
  • „Grundlagen der Gruppensoziologie und Gemeinwesenarbeit“ stellt abschließend Erika Bock-Rosenthal (mit einem Unterabschnitt von Dietrich Kühn) im achten Kapitel (S. 376 – 422) vor.

19 Seiten Literatur und einen siebenseitiges Sachregister vervollständigen den Band.

Zielgruppe

Die vorliegende Einführung in die Soziologie ist (so der Verlag) „speziell für SozialpädagogInnen und andere Studiengänge mit sozialen Bezügen“ konzipiert und damit vor allem an Studierende und angehende Fachkräfte der Sozialen Arbeit (Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagog/inn/en) adressiert (wobei die kritische Bilanzierung im Fazit dieser Rezension mitzulesen ist).

Diskussion

Barbara Schieche und Wolfgang Klug bilanzierten in ihrer Rezension der 4. Auflage (www.socialnet.de/rezensionen/2170.php) 2005 unter anderem: „Der Sammelband wird sicherlich seinem Anspruch gerecht, ein Studienbuch für soziale Berufe zu sein. (…) Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Beiträge sehr gut aufeinander abgestimmt sind und sich jeweils Querverweise finden, die dem Leser helfen, sich vertieft zu informieren. Negativ anzumerken ist einzig die mangelnde Aktualität einiger Beiträge, die den Erkenntniswert für den Leser deutlich mindert. Gerade wer die Relevanz der Soziologie für die Sozialarbeit von heute zeigen will, kann dies wohl kaum mit Auswertungen, Erkenntnissen und Vorhersagen, die vor rund zehn Jahren Gültigkeit beanspruchen konnten. Von einer ‚durchgesehenen‘ vierten Auflage wären eine Aktualisierung aller Artikel und eine Ergänzung um die wichtigste neueste Literatur zu erwarten gewesen.

Dieser Mangel bleibt, mehr noch: er hat sich seit der 4. Auflage 2004 substanziell verstärkt: Zwar wurde der Literaturstand der 5. Auflage um einige Beiträge aus den Jahren 2004 und 2005 ergänzt, doch in der 6. Auflage finden sich lediglich vier Beiträge späteren Datums, darunter drei Beiträge aus dem von Hans Thiersch und Hans-Uwe Otto herausgegebenen Handbuch Soziale Arbeit (2011).

Deshalb: Wenn Studierenden nahe gelegt wird, für ihre das Studium begleitenden und abschließenden Arbeiten jeweils aktuellste Literatur zu recherchieren, möglichst solche, die (abgesehen von wenigen „Klassikern“) nicht älter als fünf Jahre sein soll, dann wird es kaum gelten dürfen, dass ein Lehrbuch, wie das vorliegende, diesem Anspruch nicht gerecht wird.

Auch die inhaltliche Aktualität ist kritisch zu reflektieren, was ein Blick in das achte Kapitel („Grundlagen der Gruppensoziologie und Gemeinwesenarbeit“) verdeutlichen mag: In Bezug auf die Grundargumentation zur Gruppensoziologie (z. B. Grundannahmen der Gruppentheorien, „Gruppenfunktionen: Sozialisation und Orientierung“, Gruppenstrukturen, Großgruppen und Netzwerke) mag es noch weitgehend (!) akzeptabel sein, wenn sich die Diskussion hierzu im Kern auf den Literaturstand der 1980er und 1990er Jahre stützt, und es mag auch noch angehen (wenn auch nicht wünschenswert sein), wenn die Hinweise zur Sozialen Netzwerkarbeit (S. 409f) eher allgemein sind und stichwortartig ausfallen (hier wäre eine intensivere Hinführung ganz zweifelsfrei ein Gewinn). Es reicht aber keineswegs, dass die Darlegung zu den soziologischen Aspekten der Gemeinwesenarbeit, die noch vom 2011 verstorbenen Dietrich Kühn verfasst sind (S. 410 – 422: „Was versteht man unter Gemeinwesenarbeit?“ – “ Die Wurzeln der heutigen Gemeinwesenarbeit“ – „Entwicklungstendenzen der Gemeinwesenarbeit“) 2004 endet: Damit wird die aktuelle (kritische) Entwicklung des Programms „Soziale Stadt“ ebenso ausgeblendet wie zum Beispiel die Tendenzen zur Revitalisierung von Gemeinwesenarbeit durch die BAG Soziale Stadtentwicklung/GWA oder die Reformulierung von Konzepten der Gemeinwesenentwicklung und des Quartiersmanagement im Spannungsverhältnis von Aktivierung und zivilgesellschaftlichem Eigensinn. Das darf meines Erachtens in einem Studienbuch für Soziale Berufe, das 2013 erscheint, nicht der Fall sein.

Fazit

Das Autorenkollektiv hat sich entschieden, bis auf wenige Aktualisierungen der Literaturhinweise den Text der fünften Auflage unverändert zu übernehmen. Das sei „zu verantworten und sachlich begründet, weil dieses Lehrbuch vor allem klassische, theoretische Zugänge zu den Problemen der Sozialen Arbeit eröffnen soll“ (S. 11). Ob dies überzeugend ist, bleibt freilich fraglich (siehe oben).

Nochmals sei die Rezension von Barbara Schieche und Wolfgang Klug zur vierten Auflage dieser Publikation zitiert: „Das Buch verfügt trotz seiner Mängel hinsichtlich der Aktualität über eine hohe Praxisrelevanz, weshalb sich die Lektüre durchaus empfiehlt.“ Für die sechste Auflage gilt das nicht mehr so. Einerseits muss das Studienbuch Soziologie von Biermann und anderen mit neueren Einführungen konkurrieren (z. B. der von Lothar Böhnisch und Heide Funk: Soziologie – Eine Einführung für die Soziale Arbeit, Weinheim 2013), die aktueller sind. Und es steht zu befürchten, dass der vorliegende Band in der 6. Auflage angesichts der nach aussagekräftigen und -fähigen „Bildern“ und aktuellen Beispielen suchenden, anspruchsvollen Leserschaft unter Studierenden nur noch eingeschränkte „Gnade“ finden wird; Praktiker/innen werden dagegen Optionen zur Anwendbarkeit heute vermissen. Nicht nur der Umfang, sondern vor allem die (qua mangelnder Aktualität, siehe das gewählte Beispiel) nicht immer gegebene Bildhaftigkeit und Anschlussfähigkeit der Argumentation erschweren (leider) den Zugang: Hier wirken neuere Veröffentlichungen (wie die genannte) frischer und wochl auch dichter „dran“ an den Bedürfnissen der Leserinnen und Leser. Daher wird Studierenden der Band dann (wieder) zu empfehlen sein, sofern in einer 7. Auflage (deutliche) argumentative und Literaturaktualisierungen erfolgt sind.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 06.01.2014 zu: Benno Biermann, Erika Bock-Rosenthal, Martin Doehlemann, Karl-Heinz Grohall, Dietrich Kühn: Soziologie. Studienbuch für soziale Berufe. UTB (Stuttgart) 2012. 6., veränd. Auflage. ISBN 978-3-8252-8514-2. Reihe: UTB L (Large-Format) - 8295. Studienbuch für soziale Berufe - 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15139.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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