socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rudolf Stichweh: Wissenschaft, Universität, Professionen

Cover Rudolf Stichweh: Wissenschaft, Universität, Professionen. Soziologische Analysen. transcript (Bielefeld) 2013. 350 Seiten. ISBN 978-3-8376-2300-0. D: 34,80 EUR, A: 35,80 EUR.

Reihe: Science Studies.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Was der Wissenschaft dient, dient auch der Menschheit?

Dieses aus der Zeit der Aufklärung stammende Eureka hat Risse bekommen. Wissenschaftliche Forschungen und Erkenntnisse werden in den Zeiten der globalen Kapitalismus- und Marktorientierung immer mehr zu Erfüllungsgehilfen und Mägden von Nutzungs- und Profiterwartungen, und die Definition – „Wissenschaft, die Wissen schafft“ – hat längst ihre Unschuld und ihren Gemeingut-Anspruch verloren. Die zahlreichen Menschheitskatastrophen, die sich alleine im 20. Jahrhundert ereignet haben – Hiroshima, Tschernobyl, Bhopal und viele andere, bis hin zu Finanz- und Klimakatastrophen – stellen wissenschaftliches Forschungsdenken und -handeln auf den Prüfstand. Darf der Mensch alles realisieren, was er kann? – die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft für eine humane Existenz und Weiterentwicklung der Menschheit stellt sich mit der Herausforderung nach sustainable development, einer tragfähigen (nachhaltigen) Entwicklung, immer deutlicher. Auf der Grundlage der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat sich ein Diskurs entwickelt, der die Verantwortung und die Pflichten der Menschen für eine menschliche Entwicklung betont. In der von der „Stiftung Valencia Drittes Jahrtausend“ initiierten und von der UNESCO unterstützten universellen Deklaration der menschlichen Verantwortung und Pflichten heißt es in Artikel 12: „Wissenschaftler haben die Aufgabe, so zu handeln, dass Leben und Wohlergehen jedes Menschen uneingeschränkt Beachtung finden. Sie haben die Pflicht, alle erforderlichen Maßnahmen – einschließlich der Einführung eines ethischen Kodexes – zu ergreifen, damit die Ergebnisse wissenschaftlicher oder technologischer Forschung nicht auf eine Weise verwendet werden, die den Frieden, die Sicherheit, die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheiten gefährdet. Der einzelne Wissenschaftler wiederum hat die Aufgabe, seine Forschungstätigkeit zu jeder Zeit so zu führen, dass dabei stets strenge ethische Prinzipien eingehalten werden. Er ist ferner dazu aufgerufen, die Öffentlichkeit über jede potentiell gefährliche oder ethischen Prinzipien zuwiderlaufende Forschungstätigkeit zu unterrichten, von der er Kenntnis erhält“ (Wem dient die Wissenschaft? Öffentliches Gut oder Handelsware; UNESCO-Kurier 5/1999, S. 30).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Warnungen und Appelle mehren sich, Wissenschaft und Wissenschaftler nicht in Dienst zu nehmen für materielle, ideologische und machtpolitische Interessen (z. B. „Spirit of Ma?at“); gleichzeitig wird an die Verantwortung appelliert, Forschungsaktivitäten und -ergebnisse am Maßstab einer „globalen Verantwortungsethik“ zu messen. In Gesellschaftsanalysen, Werte- und Institutionenkritik wird davor gewarnt, dass da, „wo Wissen nur noch als ökonomisch verwertbare Ware gilt, Leben verkümmert“ (Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walkenhorst, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php), und es wird zu bedenken gegeben, dass in der lokal und global vorherrschenden Machbarkeits- und Verwertungs- (Konsum-)Hysterie, die den homo oeconomicus hervorgebracht und zum erstrebenswerten Lebensziel stilisiert hat, auf der Strecke bleibt, was im philosophischen Denken der Menschheit als „gutes Leben“ erdacht, erwünscht und erhofft wird (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php).

Der Soziologe, Dahrendorf-Professor für „Theorie der modernen Gesellschaft“ und Direktor des „Forums Gesellschaft“ an der Universität Bonn, Rudolf Stichweh, legt das 1994 erschienene und vergriffene Buch als unveränderte Neuauflage vor. Das ist erst einmal erstaunlich und lässt den Einwand zu, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten die sozialen, gesellschaftlichen und ohne Zweifel auch ethischen Ansprüche an das Menschsein durch die sich immer interdependenter, entgrenzender (und ungerechter?) entwickelnde Welt verändert haben. Jedoch, so der Autor, zeigt die „Lage der Welt“ (vgl. dazu z. B. auch die jährlich erscheinenden Berichte des New Yorker Worldwatch Institutes, Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen), dass eine auf die „Weltgesellschaft“ ausgerichtete Analyse als „eine explizite Theorie der funktionalen Differenzierung, die Vergleiche zwischen möglichst heterogenen Funktionssystemen auszureizen versucht, … als systematischer Entwurf noch nicht vor(liegt)“, was bedeutet, dass die „Leitidee der funktionalen Differenzierung der modernen (Welt-)Gesellschaft“ weiterhin benutzt werden kann, um eine Ausdifferenzierung von bestimmten Funktionssystemen (Wissenschaft – Universität – Profession) vornehmen zu können.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird in die drei genannten Fragestellungen gegliedert und jeweils durch Aufsätze markiert, die in unterschiedlichen Forschungs- und Arbeitszusammenhängen entstanden sind und in verschiedenen Publikationsorganen veröffentlicht wurden.

In der wissenschaftshistorischen und -soziologischen Forschung verdeutlichen sich verschiedene, auch kontroverse Deutungsmuster und Erklärungen über Entstehung und Entwicklung der Wissenschaft(en). „Wissenschaft als Prozess aus der Sequenzierung von Forschungskommunikationen“ zu verstehen, bedeutet, die Frage nach der Innendifferenzierung in der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin, gleichzeitig aber auch die nach dem Kontext und den Funktionen im Wissenschaftssystem zu stellen. Mit dem Begriff der „Autopoiesis der Wissenschaft“ diskutiert Stichweh die Frage nach der Autonomie im wissenschaftlichen Denken und Forschungshandeln und verdeutlicht die Zusammenhänge der im „Wissenschaftssystem integrierende(n) Gemeinsamkeit von Code (wahr/unwahr) und autopoietischem Element (Publikation)“. Die Frage „Ist Wissenschaft ein sich selbst organisierendes System?“ dient dazu, die Bedeutung dieser Wertannahme für die Entstehung des modernen Wissenschaftssystems zu prüfen. Der Text „Technik, Naturwissenschaft und die Struktur wissenschaftlicher Gemeinschaften“ stellt die Bedeutung von wissenschaftlichen Instrumenten und des Experimentierens am Beispiel der Elektrizitätslehre und des Zusammenhangs zwischen Technik und naturwissenschaftlicher Forschung heraus. Am Beispiel „Physik an deutschen Hochschulen“ wird der Anspruch der „Wissenschaftlichkeit der Universitätsbildung“ durch die Verbindung von spezialisierter Fachbildung mit persönlichkeitsformender Allgemeinbildung erörtert. Schließlich beschließt der Autor das erste Kapitel „Wissenschaft“ mit der Reflexion „Differenzierung von Wissenschaft und Politik“, indem er die Wissenschaftspolitik im 19. und 20. Jahrhundert thematisiert und auf die Zentralisierung und Hierarchisierung in den verschiedenen Entscheidungs- und Handlungsebenen verweist.

Im zweiten Kapitel „Universität“ stellt der Autor Überlegungen zu „System / Umwelt-Beziehungen europäischer Universitäten in historischer Perspektive“ an. Die aus Forschungsprojekten gewonnenen Erkenntnisse lassen sich zusammenfassen in dem Vorschlag: „Universitätsentwicklung (sollte) als Teilprozess der Ausdifferenzierung eines Funktionssystems für Erziehung analysiert werden…“. Zur Begründung der vorgenannten These ist es notwendig, über „Differenzierung von Schule und Universität im 18. und 19. Jahrhundert“ nachzudenken. Der Autor stellt mit seiner historischen Analyse eine „zunehmende( ) Uneindeutigkeit des Unterschieds von Schule und Universität im Verlaufe des 17. und 18. Jahrhunderts“ fest, im 19. und 20. Jahrhundert hingegen Diskontinuitäten, die sich im wesentlichen in den curricular-wissenschaftlichen Entwicklungen zeigen: „An die Stelle einer kontinuierlichen Gradation, die keine scharfe Systemgrenze zuließ, tritt eine radikal horizontale Ordnung des Wissens…“. Mit dem Text „Bildung, Individualität und die kulturelle Legitimität von Spezialisierung“ richtet Stichweh seine analytische Perspektive auf die Entstehung der disziplinären Struktur der modernen Wissenschaft. Bleibt dabei die (scheinbar?) unauflösbare Diskrepanz von speziellem und ganzheitlichem Wissen (und Bildung)? Der Aufsatz „Die Einheit von Lehre und Forschung“ thematisiert die verschiedenen, in der historischen und kulturellen Entwicklung unterschiedlichen Formen der Vermittlung und Gestaltung in der universitären Lehre. „Einheit von Lernen und Forschung heißt, dass es im Prozess des Erlernens einer Wissenschaft bereits möglich ist, etwas zu ihrem wissenschaftlichen Fortschreiten beizutragen“. Die aktuelle Frage danach, ob es d i e Universität überhaupt gibt, oder wie sich die einzelnen Formen der Hochschulen voneinander unterscheiden, ist eine typisch abendländische, vom Exklusionsgedanken ausgehende, im Gegensatz etwa zur US-amerikanischen Entwicklung der Hochschulen.

Das dritte Kapitel – „Professionen“ – setzt sich mit den Prozessen der Institutionalisierung der modernen Wissenschaft auseinander. Mit dem Beitrag „Professionen und Disziplinen“ diskutiert der Autor „Formen der Differenzierung zweier Systeme beruflichen Handelns in modernen Gesellschaften“. In der Soziogenese von Professionen geht man (bisher) davon aus, dass sie sich aufgrund von innerprofessionellen Initiativen und Bedürfnissen bilden und entwickeln; in der modernen Wissenschaft jedoch sind es die sekundären Disziplinbildungen und Professionalisierungen, die Rollenbilder, -verständnis und -handeln generieren, bis hin zu Verfestigungen einerseits und Irritationen und Korrumpierbarkeit auf der anderen Seite (vgl. dazu auch: Lukas Neuhaus, Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12024.php). Im nächsten Aufsatz geht es um „Akademische Freiheit, Professionalisierung der Hochschullehre und Politik“. Das aus der europäischen Ideengeschichte und der Bildungstradition hergeleitete Spezifikum deutscher Universitäten begründet und ermöglicht den im System tätigen akademischen Berufsgruppen besondere Ansprüche und Rechte zu stellen, etwa bei der Lehre, die sich jedoch (im allgemeinen) nicht auf die Studierenden auswirken. Mit dem Text „Professionalisierung, Ausdifferenzierung von Funktionssystemen, Inklusion“ werden die Besonderheiten der akademischen, universitären Berufe historisch und professionstheoretisch hergeleitet und die Dimensionen des strukturellen Wandels der modernen Wissenschaften aufgezeigt. Im Schlusstext diskutiert Stichweh die ebenfalls aktuelle und im Gesellschaftsdiskurs virulente und kontroverse Auseinandersetzung um „Berufsbeamtentum und öffentlicher Dienst als Leitprofession“. In modernen, demokratischen Gesellschaft gilt es, die zugewachsenen „Leitfunktionen“ einer Berufsgruppe daraufhin zu prüfen, ob sie deren Anforderungen und Bedürfnissen noch gerecht werden.

Fazit

Die unveränderte Neuherausgabe des im Herbst 1994 erschienenem Buches „Wissenschaft – Universität – Professionen“ von Rudolf Stichweh im Frühsommer 2013 provoziert erst einmal zu zwei Fragen: Hat sich in den fast zehn Jahren nichts Grundlegendes in den professionssoziologischen, gesellschaftspolitischen und mentalen Entwicklungen geändert, so dass der Diskussionsbedarf zum Themenfeld weiterhin besteht, ohne Ergänzungen, Anpassungen und neue Analysen vornehmen zu müssen? Oder: Ist der Entwicklungs- und Veränderungsprozess so rapide im Gange, dass eine Neubetrachtung (noch) gar nicht möglich ist? Dass eine Nachfrage nach Analysen zu den Themenbereichen Wissenschaft, Universität und Professionen besteht, ist festzustellen. Die Aufmerksamkeiten richten sich dabei auf die Entstehung der spezifisch modernen Form dieser Funktionsbereiche – „die moderne disziplinär differenzierte Wissenschaft…, die wissenschaftliche Universität des 19. Jahrhunderts…, (und) professionelle Handlungssysteme…“. Die zu verschiedenen Forschungs- und Publikationsanlässen verfassten differenzierten Beiträge, die der Autor in dem Buch sammelt und semantisch anpasst, gewinnen ihre (aktuelle) Bedeutsamkeit (auch) deshalb, weil der Autor anstelle der traditionellen Analytik, nämlich einen systematischen Vergleich mit und innerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen vorzunehmen, einen Vergleich mit anderen Funktionssystemen unternimmt und dadurch einen neuen Blick auf die soziologische Theorie der funktionalen Differenzierung gewinnt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.07.2013 zu: Rudolf Stichweh: Wissenschaft, Universität, Professionen. Soziologische Analysen. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2300-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15143.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung