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Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit - kein Thema für die Eliten?

Cover Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit - kein Thema für die Eliten? Campus Verlag (Frankfurt) 2013. 250 Seiten. ISBN 978-3-593-39948-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Die Thematik des vorliegenden Buches liegt in der Schnittmenge zweier Themenkreise und Forschungsbereiche: Eliten und Soziale Ungleichheit. So abstoßend für den durchschnittlichen Angehörigen der Sozialen Kultur das erste sein mag, so anziehend das zweite. Und das eben macht das Buch so interessant für die Soziale Arbeit: Es leuchtet einen in der üblichen Forschung zur Sozialen Ungleichheit dunkel bleibenden Winkel aus – und das mit grellem Licht. „Eliteforschung – Kein Thema für die Soziale Arbeit?“ heißt eine nahe liegende Frage und die dem vorliegenden Buch entspringende Antwort kann nur lauten: die Disziplin Soziale Arbeit möge mehr, als bislang geschehen, die Eliten dieses Landes in den Blick nehmen.

Autor

Michael Hartmann, Jahrgang 1952, ist ein deutscher Soziologe, der in (der Wissenschaftsstadt) Darmstadt Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Elitesoziologie, Industrie- und Betriebssoziologie sowie Organisationssoziologie an der dortigen Technischen Universität ist. Seine Arbeiten weisen ihn als profunden Elitesoziologen (vgl. etwa Hartmann, 2004) und linken Kritiker der deutschen Gegenwartsgesellschaft aus, der sich beispielsweise nicht scheut, von „Arbeiterklasse“ (passim) zu reden oder Jura als „Herrschaftswissenschaft“ zu apostrophieren (S. 169). Seine Entlarvung der Rede von den „Leistungseliten“ als bloßem Mythos (Hartmann, 2002) ist bestens geeignet, all die Angehörigen der Sozialen Arbeit zu entlasten, die sich selbst als „Leistungsversager“ ansehen und/oder beruflich mit „Leistungsversagern“ zu tun haben.

Entstehungshintergrund

Eines der Kernstücke des Buches sind Auswertungsergebnisse von Interviews mit Angehörigen der deutschen „Elite“. Zu Grunde liegen folgende Informationen: Zwischen Mitte Oktober 2011 und Ende Oktober 2012 wurden im Auftrag des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) von Aproxima, Gesellschaft für Marktforschung und Sozialforschung, insgesamt 358 durchschnittlich 60-minütige Intensivinterviews durchgeführt, von denen nach den Auswahlkriterien der hier interessierenden Untersuchung 351 berücksichtigt werden. Wie der Autor in die Verfügungsgewalt dieser Daten kam, ist dem Buch (leider) nicht zu entnehmen.

Aufbau

1. Einleitung

  1. Der Ansehensverlust der Eliten und die Spaltung der Gesellschaft
  2. Forschungssample und -methode

2. Das Sozialprofil der deutschen Eliten

  1. Die Zusammensetzung der Eliten
  2. Die Bildungs- und Karrierewege der Eliten

3. Die Einstellung der deutschen Eliten zur Finanzkrise und zum Problem der sozialen Ungleichheit

  1. Leistungsprinzip und soziale Unterschiede
  2. Die drei wichtigsten Probleme Deutschlands aus Sicht der Eliten: Finanzkrise, Alterung der Gesellschaft und Integration
  3. Die Finanzkrise in den Augen der Eliten
  4. Die Bedeutung von Maßnahmen in der Finanz- und Arbeitsmarktpolitik

4. Eliten, Bevölkerung und Demokratie

  1. Soziale Rekrutierung und politische Einstellung der Eliten – eine Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse
  2. Die Eliten und die Krise der parlamentarischen Demokratie

Anmerkungen, Literatur, Anhang und Personenregister

Inhalt

Um mit dem Schluss des Buches zu beginnen: In die nach Kapiteln nummerierten Anmerkungen sind alle die Informationen „ausgelagert“, die den Lesefluss im Text hemmen könnten (Pro Auslagerung), ohne die aber vieles im Text unverständlich bleibt (Contra Auslagerung), das Literaturverzeichnis gibt die im Text verwendete Literatur wieder, das Personenregister nennt im Text auftauchende „Personen der Zeitgeschichte“ (nicht aber Autoren) und im Anhang werden in 25 Tabellen all diejenigen Daten aufbereitet dargeboten, auf die im Text Bezug genommen wird – die aber weiteren Analysen Nahrung geben können, weshalb ihr Studium als gesonderte Lektüre empfohlen wird.

In der Einleitung führt der Autor zunächst aus, dass und weshalb es in jüngster Zeit in Deutschland zu einem Ansehensverlust der Eliten gekommen ist und wie sich die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft darstellt. Danach beschreibt er Forschungssample und -methode.

Das Sozialprofil der deutschen Eliten behandelt auf breiter Datenbasis die zwei entscheidenden Fragen, welche die Analyse von Eliten bestimmen: Wie rekrutieren sich die Eliten (vertikale Dimension) und wie ist es um ihren inneren Zusammenhang bestellt (horizontale Dimension)? Hier finden sich Resultate wie etwa dieses: Je ein Drittel der Wirtschaftselite stammt aus Bürgertum und Großbürgertum.

In Die Einstellung der deutschen Eliten zur Finanzkrise und zum Problem der sozialen Ungleichheit werden Untersuchungsergebnisse einer (nicht-repräsentativen und kleinen) Befragtengruppe zu den Themenkreisen „Leistungsprinzip und soziale Unterschiede“, „die drei wichtigsten Probleme Deutschlands aus Sicht der Eliten: Finanzkrise, Alterung der Gesellschaft und Integration“, „die Finanzkrise in den Augen der Eliten“ sowie „die Bedeutung von Maßnahmen in der Finanz- und Arbeitsmarktpolitik“ dargestellt. Hier findet man Befunde wie etwa den, dass soziale Unterschiede nicht nur von der Wirtschaftselite als gerechtfertigt angesehen wird, sondern auch von den Eliten in Verwaltung und Militär!

Abschließendwird in Eliten, Bevölkerung und Demokratie eine Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse zur sozialen Rekrutierung und politischen Einstellung der Eliten geboten sowie eine Erörterung zu Eliten und der Krise der parlamentarischen Demokratie angefügt.

Diskussion

Vieles, was im vorliegenden Buch zu lesen ist, wird die eine oder der andere bereits „aus den Medien“ kennen und wissen. Freilich oft nur als einzelnen Fall, von dem man (oder frau) nach der Lektüre des Buches aber mit mehr Sicherheit als zuvor weiß, dass es kein Einzelfall ist, sondern ein Lehrbeispiel. Oder aber das zuvor Bekannte bestand nur aus separaten Wissensstücken, ohne dass der Zusammenhang, das Systematische und Systemische begriffen wäre; man (oder frau) sieht zwar einzelne Bäume, aber nicht den Wald. Das ist die große Stärke des Buches: Es lässt uns den Wald sehen. Und das nicht zuletzt deshalb, weil es diesen Inhalt in einer Form präsentiert, die auch jene Leserinnen und Leser nicht abschreckt, denen die Lektüre von Forschungsberichten nicht als Dienstpflicht obliegt.

Die wesentliche Schwäche des Buches rührt von der Datenlage her. Was die zentralen sozialstatistischen Angaben zu den ausgewählten Eliteangehörigen wie soziale Herkunft, Geschlecht, Bildungsabschluss, studierte Fächer, Karrieretypus und Nationalität anbelangt, konnte neben der gleich noch zu nennenden Befragung auf andere (valide wirkende) Quellen zurück gegriffen werden, so dass der überwiegende Teil der ins Auge gefassten Eliteangehörigen denn auch tatsächlich mit Kennzahlen markiert werden konnte; die sog. „Ausschöpfungsquote“ betrug bei sozialer Herkunft etwa 70 und bei Bildungsabschluss beispielsweise 94 Prozent. Bei der Befragung aber lag die Ausschöpfungsquote sehr weit darunter und auch weit unter der früherer Elitebefragungen (mit Ausschöpfungsquoten von 55 – 60 Prozent). Nimmt man zur Illustration einmal nur die sechs zahlenmäßig bedeutsamsten Gruppen in den Blick, so zeigen sich folgende Ausschöpfungsquoten (deren Kehrseite man als „Verweigerungsquoten“ ansehen darf) in aufsteigender Reihenfolge: Politik 22 (n = 134), Medien 22 (n = 46), Wirtschaft 25 (n = 405), Justiz 35 (n = 77), Verwaltung 57 (n = 163) und Wissenschaft 74 (n = 54).

Angehörige der Elite aus Wirtschaft und Politik, um die beiden (nach Ansicht des Autors wie des Rezensenten) bedeutsamsten Elitegruppen dieses Landes zu nennen, können also jederzeit und mit einiger moralischer Entrüstung, sofern sie nicht zur Befragtengruppe gehören, darauf verweisen, dass die Interviewergebnisse „nur für eine Minderheit“ gelten (mit denen man sich – selbstredend – nicht identifizieren könne). Dem ist, von der Datenlage her gesehen, schwer zu begegnen.

Eine ganz andere Sache ist, die „Ausschöpfungsquote“ und deren Kehrseite als „Verweigerungsquote“ interpretierend, zu fragen, wie „bedeckt“ sich die deutschen Eliten eigentlich halten. Dass die Wirtschaft „Diskretion“ vorzieht, versteht sich und deckt sich mit anderen Vorlieben dieser Gruppe: etwa Nummernkonten in der Schweiz oder Apartments ohne Namensschilder in Paris oder London oder hoch ummauerten bzw. weit umzäunten Anwesen in Nizza, am Starnberger See, im Taunus oder, oder. Dass aber auch die Medienvertreter wenig von „Transparenz“, die sie doch ansonsten lautstark als Wert propagieren, halten, überrascht doch sehr. Und dass sich die „Volksvertreter“ in Dunkelmännermanier üben, sollte man (oder frau) bei der nächsten Wahlkandidatenveranstaltung in eine konkrete Anfrage umsetzen.

Diskutieren kann man bei vorliegendem Buch darüber hinaus über manches methodische Detail. So etwa, ob man dem Autor darin folgen kann, soll oder muss, wie er „Elite“ definiert; er hat eine recht enge Definition von (Kern-)Elite: solche aus Wirtschaft, Politik, Justiz und Verwaltung; Gewerkschaftsführer(innen), Bischöfe und Bischöfinnen oder auch Angehörige der „Prestige“- (i.U. zu „Macht“-)Eliten gehören nicht dazu. Mit welchem Recht? Dieselbe Frage gilt dem Sozialschichtungsmodell des Autors, das von anderen – auch bei internationalen Vergleichsstudien üblichen – Sozialschichtungsmodellen abweicht.

Als verfehlt anzusehen ist der Versuch der empirischen Stützung einer (Zentral-)These: „die Einstellung der Eliten ist eindeutig geprägt von ihrer sozialen Herkunft“ (S. 170). Die dem Autor zur Verfügung stehenden Daten aus der Befragung stützen allenfalls die These, dass das (gesellschaftliche) Sein das (gesellschaftspolitische) Bewusstsein bestimmt. Schon diese These steht auf tönernen Füßen, weil die Befragtenstichprobe auf Grund geringer Ausschöpfungsquote (s.o.) nicht als repräsentativ für die zeitgenössische Elite in Deutschland anzusehen ist. Die empirische Basis bricht aber vollends weg beim Versuch des Autors, das gesellschaftspolitische Bewusstsein nicht aus ihrer Jetzt-Situation (Platzierung in einem bestimmten Sektor wie etwa Wirtschaft, Politik oder Justiz), sondern aus ihrer Damals-Situation (Herkunft aus einer der vier vom Autor konstruierten Sozialschichten) zu erklären. Der Versuch ist als misslungen anzusehen, weil der Autor schlicht und einfach keine statistischen Verteilungsprüfungen vorgenommen hat, sondern mit Prozentangaben Unterschiede zu markieren versucht, die in Wahrheit keine Unterschiede machen dürften. Zur Illustration nur ein Beispiel. Die auf S. 237 in Tabelle 14 dargebotenen Befragungsergebnisse sollen ein „Beweis“stück (neben anderen) sein dafür, dass nicht die aktuelle Situation (in einem bestimmten Sektor), sondern die soziale Herkunft (aus einer bestimmten Sozialschicht) entscheidend sei dafür, ob soziale Unterschiede als notwendiger Leistungsanreiz angesehen werden oder nicht. Bei einer realen Befragtenzahl von 270 und einer Zellenanzahl von 48 würde sich bei Normalverteilung eine Zellenbesetzung von rund 5,6 ergeben. Ob eine solche Normalverteilung vorliegt oder aber eine Ungleichverteilung, die des Autors Hypothese zu stützen vermag, hat Michael Hartmann gar nicht vorgenommen. Was auch immer seine Gründe gewesen sein mögen, Folgendes steht fest: Ob für eine Prüfung auf (Un-)Gleichverteilung mittels des sich hier einzig anbietenden Chi-Quadrat-Tests überhaupt die Voraussetzungen gegeben wären, darf angesichts der Datenlage füglich bezweifelt werden – und mehr noch, ob ein realisierter Chi-Quadrat-Test bei dieser Datenlage überhaupt ein signifikantes Resultat, das die These des Autors zu stützen vermag, gefunden würde.

Fazit

„Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht“ (Tunc enim robustius contra vitia erigitur, cum subdita rationi famulatur) hat vor bald anderthalb tausend Jahren Gregor der Große (Quaestiones Disputatae de Malo XII, Buch 5, Kapitel 45, Absatz 7) formuliert – und Georg Schramm, der wohl bedeutsamste deutsch(sprachig)e politische Kabarettist unserer Tage und für sein Wirken 2012 mit dem Erich-Fromm-Preis geehrt, hat es uns ins Gedächtnis gerufen. Der Satz lässt sich auch umformulieren: Zorn kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn die Vernunft ihm dienstbar zur Hand geht. So formuliert ist das ein Plädoyer dafür, einen bloß dumpfen Zorn „auf die da oben“ aufzuhellen durch, anzureichern mit und zu schärfen mittels Vernünftigem: Faktenkenntnis und kritischer Analyse. Wie Dergleichen geht, hat Michael Hartmann im vorliegenden Buch beispielhaft vorgemacht. Daher sollte „Soziale Ungleichheit – Kein Thema für Eliten?“ von all denjenigen Angehörigen der Sozialen Arbeit gelesen werden, denen die (wachsende!) soziale Ungleichheit in diesem Lande nicht gleichgültig ist, weil sie sie als Kern der meisten Übel, denen die Soziale Arbeit auf unzähligen Arbeitsfeldern bei unterschiedlicher Klientel mit verschiedenen Arbeitsweisen zu begegnen sucht, ansieht. Hochschullehrer der Sozialen Arbeit sollten zentrale Botschaften des Buches in Seminare und Vorlesungen einbringen und dem Buch selbst angemessenen Platz in ihren Hochschulbibliotheken verschaffen.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Hartmann, M. (2002). Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt/M: Campus
  • Hartmann, M. (2004). (2004), Elitesoziologie. Eine Einführung. Frankfurt/M.: Campus

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 27.06.2013 zu: Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit - kein Thema für die Eliten? Campus Verlag (Frankfurt) 2013. ISBN 978-3-593-39948-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15148.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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