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Eric Schmidt, Jared Cohen: Die Vernetzung der Welt

Cover Eric Schmidt, Jared Cohen: Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2013. 441 Seiten. ISBN 978-3-498-06422-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Eric Schmidt und Jared Cohen beschreiben, wie das Internet – „das größte Anarchismusexperiment aller Zeiten“ bzw. „der größte unregulierte Raum der Welt“ – in den kommenden Jahren weiter wachsen und nicht nur das Leben des einzelnen Menschen intensiv prägen, sondern auch Wirtschaft, Gesellschaft und Politik stark verändern wird: „Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen unsere Vision der Zukunft vor. In dieser Zukunft werden komplexe globale Auseinandersetzungen um Bürgerrechte, Staatsführung, Datenschutz, Krieg und andere Themen im Mittelpunkt stehen, deren Ursachen und Lösungen mit der zunehmenden globalen Vernetzung zusammenhängen. Dabei wollen wir aufzeigen, inwieweit wir den Einsatz neuer Technologien so gestalten können, dass er eine Verbesserung und Bereicherung unserer Welt darstellt. … Vor allem geht es um die Bedeutung einer lenkenden menschlichen Hand im neuen digitalen Zeitalter. Denn bei all den Möglichkeiten, die uns die Kommunikationstechnologien bieten, hängt es allein von uns Menschen ab, ob wir sie zum Guten oder Schlechten nutzen“ (S. 24).

Autoren

Eric Schmidt, Jahrgang 1955, ist promovierter Informatiker. Zehn Jahre lang lenkte er die Geschicke des Unternehmens Google als CEO, bevor er 2011 die Funktion des Executive Chairman übernahm. Jared Cohen, Jahrgang 1981, ist Gründer und Direktor von Google Ideas, des von Google finanzierten Think Tanks. Von 2006 bis 2010 arbeitete er im amerikanischen Außenministerium.

Entstehungshintergrund

Eric Schmidt und Jared Cohen lernten einander im Herbst 2009 in Bagdad kennen. Sie wollten herausfinden, welche Rolle Technologie beim Wiederaufbau des Iraks spielen könnte. Während der Reise beobachteten sie, dass die meisten Iraker Mobiltelefone benutzten – obwohl das Land durch den Krieg zerstört und verarmt war. Auch waren ihre Gesprächspartner stark an der Nutzung von Technologie zum Wiederaufbau ihres Landes interessiert. Allerdings wurde dieses Interesse von der Politik kaum wahrgenommen. Dieser Widerspruch führte zu weiteren Kontakten zwischen Eric Schmidt und Jared Cohen, die zunächst einen Bericht für die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton und schließlich das vorliegende Buch erstellten.

Aufbau

Das Buch umfasst neben Einleitung, Fazit, Anhang, Anmerkungen und Register sieben Hauptkapitel, deren Überschriften immer mit „Die Zukunft …“ beginnen.

Inhalt

In ihrem Buch stellen Eric Schmidt und Jared Cohen dar, dass in den kommenden Jahren immer mehr Menschen das Internet nutzen und damit prinzipiell Zugang zu denselben Kenntnissen, Informationen und Ressourcen haben werden. Gleichzeitig werden Geschwindigkeit und Rechenleistung der von ihnen verwendeten Geräte sowie die im Internet übertragenen Datenmengen rasant zunehmen. Das menschliche Handeln wird effizienter werden, z.B. durch die Nutzung von Online-Kursen, die Zusammenarbeit in virtuellen Räumen, die kollektive Textproduktion, die individuelle Programmierung von 3D-Druckern, den Einsatz von Haushaltsrobotern und das Personalisieren von Unterhaltungsangeboten. Die Lebenschancen von Menschen in Entwicklungsländern werden besser werden, wenn sie kostenfreie Bildungsangebote und vorinstallierten Lernprogramme nutzen sowie über das Internet ihre Arbeitskraft feilbieten können. Aber vor allem das Leben gut verdienender Menschen wird intensiv durch neue Technologien geprägt werden.

Viele Personen werden in einer „Augmented Reality“, bei der die physische Umwelt mit digitalen Zusatzinformationen visuell überlagert wird, in Online-Gemeinschaften (z.B. Facebook oder Google+) und in einer „Virtual Reality“ leben, in der sie in dreidimensionale Räume eintauchen. So wird es schon in zehn Jahren mehr virtuelle Identitäten als Bewohner auf der Erde geben. Auch wird es immer schwieriger werden, persönliche Daten zu schützen. Zudem ist es schon jetzt fast unmöglich, gespeicherte Daten zu löschen. So müssten schon Kinder mit Hilfe ihrer Eltern und Lehrer lernen, die eigene Privatsphäre zu schützen. Trotzdem werden Datenmissbrauch und Cyber-Mobbing zunehmen. Einen gewissen Schutz – zumindest bei der Kommunikation – werden aber die Verschlüsselung von Daten (z.B. bei der Nutzung des BlackBerry) und Peer-to-Peer-Verbindungen zwischen Smartphones ohne Umweg über das Internet bieten. Diese Möglichkeiten machen sich jedoch auch Drogenkartelle zunutze…

Mehr Öffentlichkeit…

Unternehmen, Institutionen und Verbände werden sich mit einer größeren Transparenz ihres Handelns abfinden und es häufiger rechtfertigen müssen. Während aktuelle Nachrichten zunehmend aus dem Internet kommen, werden traditionelle Medien sich mehr darauf konzentrieren, die Glaubwürdigkeit von Informationen zu bewerten, diese zu analysieren und zu kommentieren.

Die Datenrevolution wird es den Mächtigen dieser Welt erschweren, Meinungen zu manipulieren, da die Menschen korrekte und verifizierte Informationen über das Internet abrufen können. Zudem können Polizeigewalt und das Vorgehen Bewaffneter in Bürgerkriegen leicht per Handykamera dokumentiert werden, können geheime Vorgänge wie bei den WikiLeaks öffentlich gemacht werden. Dank der Kommunikationstechnologien werden somit Staaten einen Teil ihrer Macht an die Bürger verlieren – wie der Arabische Frühling zeigte, können mit ihrer Hilfe sogar Revolutionen eingeleitet werden.

…und mehr Kontrolle

Jedoch wird auch die Überwachung von Menschen (und Oppositionskräften) durch das Internet erleichtert: Schon jetzt kann die Datenflut durch entsprechende Software nach staatsfeindlichen Äußerungen durchsucht werden; in Zukunft wird zudem die Identifizierung von Menschen anhand biometrischer Merkmale durch Überwachungskameras leichter werden. Ferner werden viele Staaten weiterhin versuchen, das Internet zu regulieren, indem Provider gezwungen werden, bestimmte „Filter“ zu verwenden – was einer Zensur entspricht. Zudem könnte in einzelnen Ländern bzw. Regionen nur ein lokal begrenztes und staatlich kontrolliertes Internet zugelassen werden. So plant z.B. Iran ein „halal-Internet“, das rein islamisch wäre. Schließlich können in revolutionären Situationen das Internet und die Mobilfunkverbindungen weitgehend abgeschaltet werden, wie dies z.B. in Ägypten Anfang 2011 praktiziert wurde.

Cyberkriege und Cyberterrorismus

Eric Schmidt und Jared Cohen schreiben, dass sich viele Länder schon jetzt in einem Cyberkrieg befänden – in Form von digitaler Spionage, Sabotage oder Unterwanderung durch Geheimdienste bzw. Terrorgruppen. Bisher geht es vor allem um den Diebstahl sensibler Informationen, jedoch könnten schon jetzt z.B. Stromnetze gestört, der Computerhandel am Aktienmarkt unterbrochen, die Temperaturüberwachung in Atomkraftwerken abgeschaltet oder Züge zum Entgleisen gebracht werden. Mit zunehmender Vernetzung wird die Verwundbarkeit von Wirtschaft und Gesellschaft noch größer werden – auch durch Cyberterrorismus. So kann das Internet nicht nur für digitale Sabotage genutzt werden, sondern auch für die Verbreitung von Bauanleitungen für Sprengkörper, für die Geldbeschaffung (z.B. via Online-Betrug) und für die Planung von Anschlägen. Außerdem können Terrorgruppen Websites und soziale Netzwerke für die Selbstvermarktung und das Anwerben neuer Anhänger nutzen. Allerdings erleichtern Internet und Mobilfunk auch die Suche nach Terroristen und die Überwachung von Verdächtigen.

Im Digitalzeitalter ist es laut Eric Schmidt und Jared Cohen möglich, Minderheiten zu diskriminieren (indem der Staat sie z.B. aus dem Internet verschwinden lässt), über feindliche Gruppen falsche Informationen zu verbreiten („Marketingkrieg“) oder Cyberangriffe auf deren Websites durchzuführen. Jedoch bleiben solche Maßnahmen im Internet dauerhaft erhalten, sodass die Verantwortlichen später zur Rechenschaft gezogen werden könnten – was durchaus eine abschreckende Wirkung habe. Dies gilt erst recht für digitale Informationen über Delikte oder gewaltsame Übergriffe.

Auch in Kriegen werden neue Technologien eine große Rolle spielen; hier wird sogar von einem Paradigmenwechsel gesprochen: „Die Entwicklungen auf den Gebieten der Robotertechnik, der künstlichen Intelligenz und der unbemannten Flugobjekte stellen die größte Revolution in der Kriegsführung seit Erfindung der Feuerwaffen dar“ (S. 292). So wird eine automatisierte Kriegsführung ermöglicht, bei der Drohnen oder Kampfroboter die „militärische Drecksarbeit“ erledigen. Laut Eric Schmidt und Jared Cohen würden in Zukunft sogar Soldaten durch automatisierte Systeme ersetzt werden, wenn künstliche intelligente Systeme die Denkfähigkeit des Menschen erreicht hätten.

Erleichterter Wiederaufbau

Jedoch werden neue Technologien auch zunehmend beim Wiederaufbau von Regionen bzw. Ländern zum Einsatz kommen, die durch Kriege oder Naturkatastrophen verwüstet wurden. So lassen sich Mobilfunknetze relativ schnell aufbauen und ermöglichen dann die Kommunikation zwischen Helfern und den sie entsendenden Institutionen – aber auch wirtschaftliche und staatliche Aktivitäten. In der Cloud werden in Zukunft wichtige Dokumente von Behörden gespeichert werden, sodass diese auch nach Zerstörung von Gebäuden und Computern zur Verfügung stehen. Dann könnten virtuelle Behörden die üblichen Geschäfte zumindest teilweise fortführen – selbst aus dem Ausland. Durch die weltweite Vernetzung wird auch das Leid der von Krieg oder Naturkatastrophen betroffenen Menschen deutlicher, sodass die Zahl der Spender und Aktivisten zunehme. Zudem können schneller und leichter Informationen von direkt Betroffenen eingeholt werden.

Abschließend kommen Eric Schmidt und Jared Cohen zu dem Ergebnis, dass „die überwältigende Mehrheit der Menschen unterm Strich von der Vernetzung profitieren und in den Genuss größerer Effizienz, neuer Möglichkeiten und größerer Lebensqualität kommen wird“ (S. 364).

Diskussion

Nur in den beiden ersten Kapiteln des Buches wird dargestellt, wie das Leben von Personen in „friedlichen“ Gesellschaften durch die Vernetzung der Welt beeinflusst wird – der größte Teil des Buches spiegelt die Faszination vieler Amerikaner an Krieg und Terrorismus, an der islamischen Welt und Konflikten zwischen den USA, Russland und China wider. Auf das Internet der Dinge (die Kommunikation zwischen Geräten) und die Bedeutung des Internets für Kulturschaffende wird kaum eingegangen, auch Wirtschaft und Wissenschaft kommen m.E. etwas zu kurz.

Die Aussagen von Eric Schmidt und Jared Cohen über die durch die Datenspeicherung und -auswertung gefährdete Privatsphäre bekommen eine besondere Brisanz durch die Enthüllungen Edward Snowdens über die Aktivitäten der amerikanischen National Security Agency (NSA), des britischen Government Communications Headquarter (GCHQ) und anderer Geheimdienste, die in bisher unvorstellbarem Maße Telefonate über Glasfaserkabel abgehört, die Kommunikation im Internet ausgewertet, das Bewegungsprofil von Internetnutzern anhand des Browser-Verlaufs erfasst und die Nutzerdaten bei Google, Bing, Facebook und anderen Websites gespeichert haben. Demokratische Staaten haben die Kommunikation ihrer Bürger ohne Anlass und Verdacht ausgeforscht…

Fazit

Das gut lesbare und leicht verständliche Buch von Eric Schmidt und Jared Cohen zeigt auf, wie die Vernetzung der Welt in den kommenden Jahren weiter ausgestaltet werden wird und was dies für Konsequenzen haben dürfte. Ein sehr empfehlenswertes Werk!


Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 26.07.2013 zu: Eric Schmidt, Jared Cohen: Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2013. ISBN 978-3-498-06422-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15157.php, Datum des Zugriffs 06.03.2021.


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