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Jürgen Bacia, Cornelia Wenzel: Bewegung bewahren (Freie Archive)

Cover Jürgen Bacia, Cornelia Wenzel: Bewegung bewahren. Freie Archive und die Geschichte von unten. Archiv der Jugendkulturen (Berlin) 2013. 266 Seiten. ISBN 978-3-943774-18-4. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

„Freie Archive“ sind Einrichtungen, die seit ca. 1970 im Kontext der (Neuen) Sozialen Bewegungen entstanden und deren Materialien und Geschichte sammeln. Es sind politische Archive, die im Unterschied zu den etablierten Staats- oder Stadtarchiven vielfältige Dokumente der „Gegenöffentlichkeit“ bewahren und zur Verfügung stellen. Meist sind es kleine Initiativen, die häufig nur durch ehrenamtliche (unbezahlte) Arbeit getragen werden und finanziell miserabel ausgestattet sind. Jürgen Bacia und Cornelia Wenzel dokumentieren in diesem Band die Geschichte der „Freien Archive“, ihre gegenwärtige Situation und die Herausforderungen mit denen diese Projekte konfrontiert sind. Neben Beschreibungen und Analysen werden „Inneneinsichten“ in mehrere der Archive geboten.

Autor und Autorin

Jürgen Bacia ist Mitbegründer und Leiter des „Archivs für alternatives Schrifttum (afas)“ in Duisburg. Cornelia Wenzel ist Mitarbeiterin des „Archivs der deutschen Frauenbewegung“ in Kassel. Einzelne Beiträge wurden von Mitarbeitenden der präsentierten Archive verfasst.

Entstehungshintergrund

Cornelia Wenzel und Jürgen Bacia sind beide seit einigen Jahren an verschiedenen Vernetzungsinitiativen Freier Archive beteiligt gewesen. Nach der Öffnung des „Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare“ für Freie Archive im Jahr 2007 haben beide Vorträge zu diesen Archiven auf der Jahrestagung gehalten. Seit 2010 arbeiten sie an einem „Verzeichnis Freier Archive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen“. In diesem Zusammenhang haben sie umfangreiche Recherchen zu Freien Archiven angestellt und die aufgefundenen mit einem Fragebogen zu ihrer jeweiligen finanziellen und strukturellen sowie inhaltlichen Situation befragt.

Finanziell unterstützt wurde das Projekt durch Mittel des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und den Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, ideell und infrastrukturell durch das Archivs für alternatives Schrifttum und das Archiv der deutschen Frauenbewegung.

Aufbau und Inhalt

„Freie Archive“ entstanden seit den 1970er Jahren im Umfeld sozialer und politischer Bewegungen, Initiativen und Szenen. Sie sammeln die „papiergewordenen Relikte des linken, autonomen, feministischen, antifaschistischen, alternativen (und und und) Spektrums“ (5). Zur Zeit (und zum Teil nicht erst seit gestern) sind diese Archive mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert:

  • Transformation oder Verschwinden der Bewegungen
  • Generationenwechsel – Nachfolger_innen
  • Finanzielle, räumliche und personelle Ausstattung bzw. Absicherung
  • Elektronisierung und Digitalisierung

Nach dem Vorwort, in dem das Thema skizziert und Herausforderungen für Freie Archive benannt werden, geht es im Kapitel „Wer, wenn nicht wir?“ um Bedeutung und „Befindlichkeit“ Freier Archive. Hier werden die Gründe für die Entstehung der Freien Archive genannt (Identitätsvergewisserung, Sicherung der eigenen Dokumente/Geschichte). Dabei taucht auch die Differenz zu den „etablierten“ Archiven auf, deren Sammlungspraxen und -vorschriften häufig die Bewahrung der Materialien der Bewegungen nicht vorsieht. Freie Archive haben demgegenüber meist keine Beschränkungen bezogen auf die Bestandssammlungen (z.B. Flugblätter, Plakate, Protokolle, Sticker etc.). Die meisten haben als Handapparate begonnen und verfügten weder über eine ausreichende und gesicherte Finanzierung noch über Fachpersonal oder systematische Kataloge und Bestandsverzeichnisse. Hier hat jedoch bei vielen eine Professionalisierung stattgefunden, d.h. fachliche Weiterbildungen wurden absolviert und die Bestände entsprechend archivarischer Regeln aufbereitet und verzeichnet – wo dies die finanzielle und personelle Situation zuließ. Inzwischen gibt es Versuche, die Bestände insgesamt besser einseh- und damit nutzbar zu machen. Seit einigen Jahren existieren eine Metadatenbank über die Bestände der Frauenarchive (www.ida-dachverband.de), die die Datenbank der Kooperation Dritte Welt Archive (www.archiv3.org), die Datenbank der Infoläden (http://ildb.nadir.org) und die im Aufbau befindliche Datenbank Freier Archive (www.afas-archiv.de/vda.html).

In diesem Kapitel geht es auch um die Bedeutung der Freien Archive als Hüter_innen von Gegeninformation, um die Arbeitsbedingungen und die Finanzierung der Einrichtungen, die soziale Lage der Mitarbeitenden, besondere Bestände einzelner Archive, die Abgrenzung und Schnittmengen zu etablierten Archiven und die „wachsende Anerkennung“, sei dies von Seiten des Fachverbandes oder auch durch (staatliche) finanzielle Förderung. Dabei werden Unterschiede zwischen einzelnen Archiven oder auch Sachgebieten deutlich. Letztlich hat aber die eingangs getroffene Feststellung der Autor_innen nach wie vor Gültigkeit: „Abgesichert ist hier fast nicht.“ (6). Viel Engagement, viele Dokumente, noch mehr Bedarf bei gleichzeitig nicht oder kaum vorhandener Finanzierung.

Im nächsten Kapitel „Wann, wenn nicht jetzt?“ steht die Entstehung und Entwicklung Freier Archive im Zentrum. Entstanden im Kontext der sozialen und politischen Bewegungen und mit diesen gewachsen, fraktioniert, zersplittert und anders wieder vereint, haben auch die Bestände eine teilweise wechselvolle Geschichte durchgemacht: „Entsprechend abenteuerlich gestaltet sich das Unterfangen, aus Bewegungen heraus Archive zu bilden, zu destillieren, was aus den Prozessen dieses bewegten Lebens als Überlieferung in die Archive und damit in die künftige Geschichtsschreibung eingehen soll. Wer hält was für wichtig? Was wird rausgefischt. Was entgleitet und verschwindet im Ozean des Vergessens, bevor es festgehalten werden kann? Was wird gar nicht erst für überlieferungswert gehalten und bewusst dem Vergessen preisgegeben?“ (52)

Zudem geht es in diesem Kapitel um andere Verzeichnisse Freier Archive, eine Übersicht über die Geschichte der Archive zu einzelnen Bewegungen: Linksalternative/Autonome, Frauenbewegungen, Schwulen- und Lesbenbewegung, Umweltarchive und -bibliotheken, Internationalismus/Eine Welt, DDR-Opposition, Friedensbewegung, Jugendbewegungen und -kulturen, Geschichtswerkstätten.

Das Kapitel „Wo, wenn nicht hier?“ dokumentiert „Berichte aus dem Innenleben“ von insgesamt 15 ausgewählten Freien Archiven zu den Themenschwerpunkten Autonomie (vor allem von staatlicher Finanzierung), Überlebensstrategien (trotz fehlender Finanzierung), Eintreten für staatliche Förderung, eigene Stiftungen und lässt schließlich auch solche zu Wort kommen, die aus unterschiedlichen Gründen aufgeben mussten. Dieser Teil liefert spannende Einblicke nicht nur in die Archive selbst, sondern dokumentiert auch die Entwicklung und Positionierungen der Bewegungen, denen sie entstammen. So erstaunt es nicht, dass die Archive der autonomen Szene (West) großen Wert auf Unabhängigkeit von staatlicher Finanzierung (=Einmischung) legen, die „Alternativen“ hier eine nicht ganz so strenge Position einnehmen, die meisten Frauenarchive „Staatsknete“ annehmen (und fordern) und es deutliche Unterschiede zwischen Ost- und West-Deutschland gibt. Deutlich wird auch die Abhängigkeit der Archive und ihrer Bestandserhaltung von Aktivist_innen, die mit Mut, Phantasie und Einsatz sowohl Entstehung als auch (Über-)Leben der Projekte sicherstellen oder dies zumindest vehement versuchen.

„Wie, wenn nicht so?“ ist das Kapitel zu „Krise und Zukunft Freier Archive“ betitelt. Hier ziehen die Autor_innen ein Resümee, in dem sie zum einen die Suche nach den unter dem Rubrum „Freie Archive“ zu verzeichnenden Projekte und Einrichtungen nachzeichnen, um anschließend „Problemfelder“ einzelner Milieus darzustellen. Deutlich wird, dass es den beiden darum geht, die Vielfalt der Freien Archive zu bewahren. Insofern gibt es in diesem Teil Hinweise auf „Verhalten in Krisensituationen“ (Stiftungsgründung und -probleme, Abgabe an etablierte oder Parteiarchive) und eine „Checkliste“ zur Prüfung von Abgaben bei Schließung. Aufgezeigt werden auch Lücken in den Sammlungen und die „schlechte Abgabepraxis“ von Gruppen, die z.T. räumlich bedingte eingeschränkte Sammelpraxis und das Problem der Archivierung elektronischer Kommunikation sowie die Frage der Zuständigkeit der „Bewegungsarchive“ für die Dokumente und Materialien von Nichtregierungsorganisationen. Eine Lösung liegt nach Bacia und Wenzel in der Bildung von Verbünden und der Einrichtung einer Stelle, die Beratung für die Freien Archive in fachlichen, organisatorischen und finanziellen Fragen übernimmt, Bestandslücken identifiziert und auffüllt und bei Schließungen Bestände übernehmen kann.

Neben einem Autor_innen- und Literaturverzeichnis bietet der Anhang des Bandes eine Auflistung einer Auswahl Freier Archive, die nach Orten gegliedert ist und einen Aufruf zur Abgabe von Materialien, der sich an Aktivist_innen richtet.

Diskussion

Während die Geschichte der diversen Sozialen Bewegungen durchaus das Interesse von Wissenschaft und Medien gefunden haben, ist die Geschichte ihrer Archive weitgehend vernachlässigt worden. Cornelia Wenzel und Jürgen Bacia legen damit erstmals einen umfassenden Band vor, in dem die Gedächtnisse der Bewegungen umfassend vor- und dargestellt werden. Herausgekommen ist ein informatives und anregendes Buch, das mehrere Ebenen bedient: Informationen zu Entstehung und Überlebenskämpfen der Archive, Innenansichten und politische Positionierungen einzelner Bewegungsarchive, Hinweise auf spannende Bestände zu diversen Themenbereichen und nicht zuletzt Handlungsvorschläge für Freie Archive selbst, die in eine Krise geraten. Dabei geht es nicht allein um Sammelleidenschaft, sondern um einen politischen Standpunkt: „Die Gegenüberlieferung, wie sie seit Jahrzehnten von Freien Archiven aufgebaut wird, bildet eine unverzichtbare Ergänzung zu den Materialien in den etablierten Archiven.“ (239) Die Geschichte (und Gegenwart) Sozialer Bewegungen (und damit die Geschichte der BRD und DDR) ist ohne diese Materialien nicht zu schreiben – und das Unterfangen, ein bisschen mehr Übersicht über die diversen Bestände zu ermöglichen, können alle, die sich irgendwann einmal mit dieser Geschichte beschäftigt haben, nur begrüßen, erspart dies doch eine ausgesprochen mühevolle Suche nach überaus verstreuten Informationen.

Insgesamt besticht der Band zudem durch eine (an-)sprechende Bildauswahl, die zum großen Teil den Beständen des Umbruch-Bildarchivs in Berlin entstammt. Bereits das Cover macht Lust, den Band aufzuschlagen, da die versammelten Buttons die Vielfalt der Themen und Darstellungen Sozialer Bewegungen geradezu genial repräsentiert. Im Innenteil dokumentieren zahlreiche Abbildungen Highlights der Bewegungsgeschichte. Auch die Kapitelüberschriften, die den „Sound“ der Bewegungen – jedenfalls der 80er Jahre – einfangen, sind treffend gewählt und versprechen eine anregende Lektüre.

Die „Erfolgsgeschichte auf meist sehr dünnem Eis“ (213), die Cornelia Wenzel und Jürgen Bacia damit vorlegen, stimmt aber auch nachdenklich. Die beschriebene finanzielle Situation, deren Auswirkungen auf das „Personal“ und die Bestandssicherung machen die prekäre Existenz eines Großteils der Archive drastisch deutlich. Zwar zeichnen sich viele Archive durch Phantasie und ein hohes Maß an Selbstausbeutung aus, zu fragen ist aber mit den Autor_innen „Was ist der Gesellschaft ihre Geschichte wert?“ (238) – und die richtet sich angesichts des Themas nicht (nur) an staatliche Stellen, sondern auch an die Bewegungen bzw. Bewegungsreste.

Fazit

Jürgen Bacia und Cornelia Wenzel sind nicht nur ausgewiesene Kenner_innen der Archivszene, sondern verfügen auch über Inneneinsichten in die Bewegungen und ihre Geschichte. Dadurch gelingt ihnen eine herausragende Verknüpfung dieser beiden Bereiche. „Bewegung bewahren“ – richtet sich insofern an Archivar_innen aus Freien und etablierten Archiven, an Wissenschaftler_innen, die zu den Bewegungen oder auch zur Geschichte und Gegenwart von BRD und DDR forschen, an Aktivist_innen und „Mitglieder“ aus den Bewegungen, Journalist_innen, und und und. Die mit diesem Band erstmals vorliegende Bestandsaufnahme zu Freien Archiven war lange überfällig und liegt nun in einer besonders ansprechenden Form mit zahlreichen klug gewählten Illustrationen vor.


Rezensentin
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 09.07.2013 zu: Jürgen Bacia, Cornelia Wenzel: Bewegung bewahren. Freie Archive und die Geschichte von unten. Archiv der Jugendkulturen (Berlin) 2013. ISBN 978-3-943774-18-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15160.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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