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Kristina Matron: Kommunale Jugendfürsorge in Frankfurt am Main in der Weimarer Republik

Cover Kristina Matron: Kommunale Jugendfürsorge in Frankfurt am Main in der Weimarer Republik. Henrich Druck + Medien GmbH (Frankfurt am Main) 2012. 335 Seiten. ISBN 978-3-921606-97-1. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.

Reihe: Studien zur Frankfurter Geschichte - Band 61.
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Thema

Die physische und psychische Gesundheit der Jugendlichen stand in der Weimarer Republik im Zentrum kommunaler Aufmerksamkeit. Das Buch von Kristina Matron beleuchtet intensiv die Geschichte der kommunalen Jugendfürsorge am Beispiel der hessischen Metropole Frankfurt am Main, wobei ihr Untersuchungsschwerpunkt das Ende des 19. und erste Drittel des 20. Jahrhunderts umfasst.

Autorin

Dr. phil. Kristina Matron (Jg. 1974) schloss ihr Studium der Geschichte, Germanistik und Journalismus an der Justus-Liebig-Universität Gießen im Jahre 2000 mit Magister Artium ab, wobei sie ihre Zulassungsarbeit zum Thema „Völkische Großstadtfeindschaft im wilhelminischen Deutschland“ verfasste. Im Jahre 2010 wurde ihre vorliegende Studie von derselben Universität als Doktorarbeit angenommen. Seit 2012 ist die Autorin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung (Stuttgart), wobei ihre derzeitigen Forschungsschwerpunkte die Geschichte des Altwerdens und Altseins in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR sind.

Entstehungshintergrund

Bei dem mit Unterstützung durch den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main (Dezernat Kultur und Wissenschaft) und der Arbeitsgemeinschaft der Historischen Kommission in Hessen veröffentlichten Buch handelt es sich um die geringfügig geänderte Fassung einer wissenschaftlichen Untersuchung, mit der Kristina Matron im Juni 2010 an der Justus-Liebig-Universität Gießen promovierte. Betreut und begutachtet wurde die Arbeit von Professor Dr. Friedrich Lenger und PD Dr. Sylvia Kesper-Biermann.

Aufbau

Nach Vorwort (S. 9) und Einleitung (S. 11-24) gliedert sich das Buch in die folgenden drei großen Kapitel, die ihrerseits zahlreiche Unterpunkte aufweisen:

  • „Ausgestaltung der Jugendfürsorge in Frankfurt im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg“ (S. 25-80),
  • „Jugendfürsorge in der Weimarer Republik“ (S. 81-198) und
  • „Die Einzelfallakten der Jugendsichtungsstelle“ (S. 199-305).

Ergänzt wird die Darstellung durch ein „Schlusswort“ (S. 306-314) und einen Nachweis der „Quellen und Literatur“ (S. 315-335).

Inhalt

Nach einleitenden Hinweisen zum Forschungsstand, zur Quellenlage und zum „Gang der Arbeit“ untersucht die Autorin zunächst im angegebenen Zeitraum die Entdeckung der „Kindheit“ und „Jugend“ als eigenständige Lebensphasen, aber auch als Problembereiche, auf die fürsorgerisch eingewirkt werden kann. Hierbei stand während der Weimarer Republik die physische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auch im Mittelpunkt der Fürsorge der Stadt Frankfurt am Main.

Nach der Darstellung von Kristina Matron setzte sich in Frankfurt am Main das Selbstverständnis durch, ein (kommunales oder zumindest kommunal gefördertes) Angebot für alle Kinder und Jugendlichen in der Großstadt bereit zu halten, wobei der Schwerpunkt der Tätigkeit auf dem gesundheitlichen Aspekt lag und die Sorge insbesondere denjenigen städtischen Kindern galt, die beengt lebten. In diesem Zusammenhang wurde bereits 1917 auch die „Jugendsichtungsstelle“ eingerichtet, die sich psychisch auffälligen Jugendlichen – darunter die sogenannten „Psychopathen“ – widmete und Gutachten über sie anlegte.

Daran anknüpfend stellt die Autorin die Ausgestaltung in der Weimarer Republik dar, wobei sie die handelnden Personen der Fürsorge in den Ämtern und im Außendienst, der (reichs-) gesetzliche Rahmen, in dem sich die Fürsorge bewegte, und kommunalpolitische Entscheidungsspielräume vor dem Hintergrund sich verändernder politischer, wirtschaftlicher und sozialer Situationen in der Stadt beleuchtet. Schließlich betrachtet sie den prozyklischen Abbau der Fürsorgeleistungen der Stadt Frankfurt am Main und die damit verbundene Zurücknahme von Angeboten an Jugendliche in der Weltwirtschaftskrise und gibt einen kleinen Ausblick auf das entsprechende Angebot nach 1933.

Im weiteren Verlauf der Studie geht es sodann um die Analyse der Einzelfallakten der Jugendsichtungsstelle, die im Rahmen der kommunalen Fürsorge für auffällige, sogenannte leicht psychopathische Kinder und Jugendliche angelegt wurden. In diesen „Fällen“, so die Annahme von Kristina Matron, bündeln sich die wissenschaftlichen Überlegungen, die handelnden Experten, die Institutionen, die politischen Rahmenbedingungen durch Reichsgesetzgebung und kommunale Spielräume sowie die Lebenswirklichkeit. In jedem Fall geben die Fallakten Aufschluss über die Wahrnehmung jugendlichen Verhaltens, über die Diagnostizierung und die Annahmen von Normalität und Krankheit, und darüber, dass sich diese Annahmen im zeitlichen Verlauf und unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen veränderten.

Diskussion

Überwiegend gestützt auf Archivalien (Personalakten, Akten der Stadtverordneten-Versammlung, des Wohlfahrtsamtes, des Magistrats, des Fürsorgeamtes und dem Stadtgesundheitsamt) aus dem Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main und dem Landesarchiv Berlin sowie zeitgenössische Periodika, Zeitungen und Literatur hat Kristina Matron die „Kommunale Jugendfürsorge in Frankfurt am Main in der Weimarer Republik“ eingehend untersucht. Dabei legt sie unter anderem dar, wie Psychopathie als Grenzbereich zwischen Krankheit und Gesundheit definiert wurde, wobei sie in diesem Zusammenhang auch den zeitgenössischen Lebenshintergrund der Frankfurter Kinder und Jugendlichen beleuchtet. Zugleich fragt die Autorin danach, wie die kommunale Jugend- und Gesundheitsfürsorge in das Leben der Kinder und Familien eingriff, welchen Einfluss die Rassenhygiene auf die Jugendfürsorge vor 1933 hatte und wie die Machtergreifung der Nationalsozialisten die Behandlung der Jugendlichen veränderte.

Insgesamt betrachtet zeichnet Kristina Matron in ihrer Arbeit, die mit einem profunden Anmerkungsapparat ausgestattet ist, fundiert das Bild einer Jugendfürsorge, die zwischen Chancenerweiterung und Ausgrenzung operierte und unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise zunehmend an Gestaltungsmöglichkeiten verlor. Mit ihrer Untersuchung, die als Band 61 der „Studien zur Frankfurter Geschichte“ erscheint, bewegt sich die Autorin dabei im Schnittfeld der Forschungen zur kommunalen Fürsorgeentwicklung, zur reichsweiten Rechts- und Verwaltungsgeschichte der Fürsorge, zur Geschichte der Jugend, zur Geschichte der Jugend- und Gesundheitsfürsorge sowie zur Geschichte der Jugendpsychologie und Jugendpsychiatrie. Ihre Veröffentlichung ist ein wichtiger Beitrag sowohl zur Geschichtsschreibung der Jugendfürsorge im Allgemeinen wie zur Situation in Frankfurt am Main im Besonderen.

Fazit

Bei dem Buch „Kommunale Jugendfürsorge in Frankfurt am Main in der Weimarer Republik“ handelt es sich um eine wichtige lokal- und regionalhistorische Studie, deren Bedeutung weit über Frankfurt am Main hinausreicht.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 12.07.2013 zu: Kristina Matron: Kommunale Jugendfürsorge in Frankfurt am Main in der Weimarer Republik. Henrich Druck + Medien GmbH (Frankfurt am Main) 2012. ISBN 978-3-921606-97-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15170.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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