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Annemarie Jost: Gesundheit und Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Dieter Röh, 30.08.2013

Cover Annemarie Jost: Gesundheit und Soziale Arbeit ISBN 978-3-17-022251-9

Annemarie Jost: Gesundheit und Soziale Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-022251-9. 26,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Wie die Autorin in ihrer Einführung selbst feststellt, ist die Beschäftigung mit dem Thema Gesundheit nicht nur für SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen in Arbeitsfeldern des Gesundheitswesens im engeren Sinne, sondern darüber hinaus auch für alle anderen Handlungsfelder als Querschnittsthema höchst relevant. Nach der Jugendhilfe ist das Gesundheitswesen mit seinen vielfältigen Leistungen und Einrichtungen der zweitgrößte Arbeitsmarkt für Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Gerade die beunruhigenden empirischen Befunde über die Einflüsse der sozialen Lage auf die gesundheitliche Situation sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen (und umgekehrt), aber auch die notwendigerweise interdisziplinär anzulegende Prävention/Gesundheitsförderung sowie die kurative und rehabilitative Behandlung kranker Menschen belegen den unverzichtbaren Beitrag Sozialer Arbeit.

Es ist deshalb folgerichtig, dass Gesundheitsthemen, Sozialepidemiologie, Gesundheits- und Krankheitstheorien sowie verschiedene Handlungsansätze Einzug gefunden haben in die Curricula der Hochschulen. Ebenso konsequent ist es daher, dass sich verschiedene Monographien und Sammelbände dem Thema „Gesundheit und Soziale Arbeit“ zuwenden (z.B. Franzkowiak/Homfeldt/Mühlum: Lehrbuch Gesundheit, 2011; Homfeldt/Sting: Gesundheit und Soziale Arbeit – eine Einführung, 2006 sowie diverse bereichsspezifische Publikationen in der „Soziale Arbeit im Gesundheitswesen„/UTB Reinhardt). In diese Gruppe reiht sich mit diesem Band eine weitere, sich als Lehrbuch verstehende Veröffentlichung ein. Dass SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen nicht nur empirisches und theoretisches Wissen über die soziopsychosomatischen Gesundheits- und Krankheitszusammenhänge benötigen, sondern darüber hinaus bzw. in Anwendung dessen auch zur methodischen Praxis befähigt werden müssen, ist der Autorin und ihren Ko-AutorInnen bewusst und sicherlich Ansporn für die Erarbeitung dieses Lehrbuchs gewesen. Deshalb enthält die Schrift auch praxisnahe Institutions-, Projekt- und Fallbeschreibungen in ausgewählten Feldern der Gesundheitsarbeit.

Autorin (und KoautorInnen)

Annemarie Jost ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und seit 1994 Professorin für Sozialpsychiatrie an der Hochschule Lausitz (Standort Cottbus) in den dortigen Bachelor- und Masterstudiengängen Soziale Arbeit. Einzelne Kapitel werden von anderen AutorInnen verfasst, was in der u.a. Inhaltsübersicht jeweils ersichtlich wird. Sie sind zum Teil in der Praxis oder auch als ProfessorInnen an der Hochschule Lausitz tätig.

Aufbau

Nach einem Vorwort des Herausgebers der Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“ (Prof. Dr. Rudolf Bieker, Köln) und einer kurzen Einführung in die Intention des Buches folgen zwei Teile:

  1. „Grundlagenwissen: Gesundheit und gesundheitliche Versorgungsstrukturen“ und
  2. „Gesundheitsorientierte Sozialarbeit der Lebensalter“)

mit insgesamt neun Inhaltskapitel und am Schluss vierzehn teils resümierende teils auffordernde Thesen zu den Aufgaben Sozialer Arbeit im Zusammenhang mit Gesundheit.

Zum Teil 1

Im ersten Teil werden theoretische und konzeptionelle Grundlagen vermittelt, etwa das biopsychosoziale Modell der WHO oder auch die Lebensspannen- und Biografieperspektive auf Gesundheit, bzw. sozialepidemiologische und sozialökonomische Grundfragen thematisiert. Dass Gesundheit eine das gesamte Leben umspannemde Thematik ist, spielt im zweiten Teil eine entscheidende, weil strukturierende Rolle.

Das zweite Kapitel beschäftigt sichsodann mit sozialepidemiologischen Grundlagen (Studientypen, Gesundheits- und Krankheitsmaße) und nennt wenige allgemeine Daten zur gesundheitlichen Lage der deutschen Bevölkerung.

Kapitel drei (von Norbert Pütter verfasst) konzentriert sich anschließend auf die Darstellung der Krankenversicherung und ihrer institutionellen Struktur, inkl. der verschiedenen Forschungs- und Politikinstitute, wie etwa das Robert-Koch-Institut oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, und des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Die weiteren Bereiche der Rentenversicherung sowie des Rehabilitationssystems kommen erst im Kapitel über das mittlere Erwachsenenalter und die Pflegeversicherung im Kapitel über das Alter zur Sprache.

Zum Teil 2

Im Weiteren folgen entlang der Lebensalter „Kindheit und Jugend“, „junges Erwachsenenalter“, „mittleres Erwachsenenalter“ und „Alter“ unterschiedliche Schwerpunktsetzungen auf die folgenden Gesundheitsprobleme:

Begonnen wird im ersten Kapitel dieses zweiten Teils mit den sog. frühen Hilfen für Schwangere oder Eltern mit ihren Säuglingen.

Im zweiten Kapitel stehen dann Kinder und Jugendliche im Fokus, vor allem hinsichtlich der Suchtprävention, der Essstörungen sowie allergener Reaktionen und Immunerkrankungen.

Eine Sonderstellung in der ansonsten entlang klassischer Fragen vorgenommenen Themenauswahl nimmt das dritte Kapitel (verfasst von Marina Ney) ein, da es sich der Gesundheitsbildung von kognitiv beeinträchtigten Jungerwachsenen widmet und darstellt, wie die Gesundheitskompetenz dieses Personenkreises gefördert werden kann, um deren gesundheitliche und soziale Lage zu verbessern. Die zunächst auf geistige Behinderungen abzielende Erläuterung der besonderen Risiken wird im zweiten Teil um auch leichtere kognitive bzw. intellektuelle Einschränkungen (Lernbehinderungen) erweitert, was angesichts des hohen Anteils an Förder- oder Hauptschülern aus sozial benachteiligten Familien besonders entscheidend ist. Die Fallvignette ist hier sehr anschaulich gelungen.

Zurück zu den klassischen Themen werden beispielhaft für das mittlere Erwachsenenalter im vierten Kapitel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Brustkrebs sowie der Schlaganfall dargestellt. An dieser Stelle kommt dann auch die Krankenhaussozialarbeit (erarbeitet von Norbert Pütter) zum Tragen und wird in ihren verschiedenen Funktionen (Beratung, Case-Management) dargestellt. Auch Gesundheitsaufklärung, Prävention und die Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung werden als Interventionen (auch) der Sozialen Arbeit thematisiert. Den Abschluss dieses Kapitels bildet eine allgemeine Einführung in die Stresstheorie und der gesundheitlichen Auswirkungen von Stress.

Das fünfte Kapitel widmet sich dem demografisch hoch relevanten Thema der Gesundheit im Alter, wobei zunächst die Multimorbidität älterer Menschen hervorgehoben wird, um sich dann der „Demenz“ zuzuwenden. Hier werden medizinische Informationen zu den somatischen Veränderungen im Gehirn und die unterschiedlichen Aufgaben der Gesundheitsberufe referiert.

Das Lebensende wird als ein Teil der gesundheitsbezogenen „Probleme“ der Lebensspanne in Kapitel 6 (geschrieben von Birgit Frahnow) insofern thematisiert, als auch hier die institutionellen Angebote der Sterbebegleitung dargestellt und die psychosozialen Aspekte des Sterbens erläutert werden, um schließlich den Beitrag Sozialer Arbeit (als „palliative Sozialarbeit“) herauszuarbeiten.

Diskussion

Den AutorInnen gelingt mit dem vorliegenden Lehrbuch eine vielseitige Einführung in verschiedene Gesundheitsthemen der Sozialen Arbeit. Dass angesichts des Seitenumfangs eine Auswahl eher somatischer bzw. psychosomatischer Krankheiten getroffen wurde und eine sehr verkürzte Darstellung sowohl der gesundheitswissenschaftlichen Theorien und Modelle sowie auch des über die Krankenversicherung hinausgehenden Versorgungssystems (z.B. Reha/Pflege) erfolgt, ist sicherlich dann kein Nachteil, wenn diese Auswahl als solche von Studierenden gelesen und durch andere Quellen ergänzt wird. Die Auswahl spiegelt sicherlich das Interesse der beteiligten Autoren wider, repräsentiert aber auch in gewisser Weise die bedeutsamen Herausforderungen im Gesundheitswesen.

Insgesamt liegt der Schwerpunkt auf praxisnahen Darstellungen der Krankheiten und damit verbundenen Versorgungsaufgaben/-strukturen und weniger in der Darstellung von Krankheits- oder Gesundheitstheorien, die lediglich die handlungsfeldspezifischen Ausführungen begleiten und die jeweils nötigen Informationen zum Verstehen der Problematik und der Praxisansätze liefern.

Die zu Beginn jeden Kapitels angeführten „Lernziele“ mit einem Ausblick auf die folgenden Erläuterungen, die am Ende der Kapitel vorfindlichen, knappen Zusammenfassungen sowie kleinere Aufgaben und weiterführende Literatur- oder Online-Quellen-Hinweise unterstreichen zudem den Lehrbuchcharakter.

Fazit

Ein für Studierende lohnenswerter Kauf, da hier ein Grundkurs in gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit geliefert wird, der allerdings – wie immer – für ein umfassendes Studium durch weitere Lehr- und Fachbücher ergänzt werden muss.

Rezension von
Prof. Dr. Dieter Röh
Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge; MPH
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales - Department Soziale Arbeit
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Es gibt 8 Rezensionen von Dieter Röh.

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Zitiervorschlag
Dieter Röh. Rezension vom 30.08.2013 zu: Annemarie Jost: Gesundheit und Soziale Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-022251-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15174.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


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