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Thomas Geisen, Fabian Kessl u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Demokratie

Cover Thomas Geisen, Fabian Kessl, Thomas Olk, Stefan Schnurr (Hrsg.): Soziale Arbeit und Demokratie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 300 Seiten. ISBN 978-3-531-17621-5. 29,95 EUR.
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Thema und Ziel

Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Demokratie soll in diesem Band aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht werden. Neben Herausforderungen der Demokratieorientierung in einzelnen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit werden historische und gesellschaftstheoretische Analysen dargestellt. Die Autorinnen und Autoren untersuchen, warum die aktuellen Transformationsprozesse im Wohlfahrtsstaat bisher in der Regel nicht mit Fragen der Demokratietheorie und der konkreten Demokratieentwicklung in Verbindung gebracht werden und warum auch in Praxis und Konzeptentwicklung der Sozialen Arbeit Herausforderungen der Demokratie als Herrschafts- und Lebensform nur selten eine Rolle spielen. Das Buch richtet sich insbesondere an SozialwissenschaftlerInnen und Studierende; weniger an Praktikerinnen und Praktiker der Sozialen Arbeit.

Herausgeber

  • Thomas Geisen ist Professor für Arbeitsintegration und Eingliederungsmanagement an der Hochschule für Soziale Arbeit in der Nordschweiz (Basel und Olten)
  • Fabian Kessl ist Professor am Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen
  • Thomas Olk ist Professor für Sozialpädagogik und Sozialpolitik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Stefan Schnurr ist Professor und Leiter des Instituts Kinder- und Jugendhilfe an der Hochschule für Soziale Arbeit in der Nordschweiz (Basel und Olten)

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge des Sammelbandes sind nach einer Einleitung in zwei Abschnitte gegliedert. In der Einleitung beschreiben die Autoren ihre Ausgangspunkte, mit denen sie die Zusammenhänge zwischen Sozialer Arbeit und Demokratie zu bestimmen versuchen. Sie verdeutlichen, dass Soziale Arbeit sich seit ihren Anfängen über ihre gesellschaftlichen Funktionen aufzuklären versucht hat und die Auseinandersetzung mit den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen stets zu den Kernthemen der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über Soziale Arbeit gezählt hat. Aktuell steht die Transfomation wohlfahrtsstaatlicher Grundlagen und Arrangements im Zentrum solcher Auseinandersetzungen in den Sozial(arbeits-)wissenschaften. Fragen der Bedeutung von Demokratie und der Positionierung Sozialer Arbeit zur Demokratie spielten jedoch von Beginn an in der Sozialen Arbeit und ihren Wissenschaften kaum eine Rolle.

Die Herausgeber gehen auf einzelne Konzepte Sozialer Arbeit ein, die Ausnahmen von der „Nicht-Beschäftigung“ mit dem Thema Demokratie markieren und stellen für die letzten Jahre insbesondere den Capability-Ansatz (Nussbaum und Sen) und das Konzept der demokratischen Rationalität von Dewe und Otto heraus, die sich mit Fragen der Teilhabe und der Partizipation beschäftigen.

Während die Politikwissenschaften aktuell bereits die Frage nach der Postdemokratie stellen, bzw. die modernen Gesellschaften als postdemokratisch bezeichnen (Crouch), ist die Soziale Arbeit auf grundsätzliche Klärungen ihres Verhältnisses zur Demokratie ebenso angewiesen, wie auf die Auseinandersetzung mit diesen aktuellen Gesellschaftsdiagnosen.

Im ersten Teil des Buches werden „Grundlagen und Systematisierungen“ erarbeitet. Thomas Wagner fragt in seinem Aufsatz grundsätzlich, inwiefern die Soziale Arbeit heute zur Demokratisierung oder doch eher zur Entdemokratisierung beiträgt. Er beschreibt ambivalente Entwicklungen angesichts einer Praxis Sozialer Arbeit, die sich teilweise intensiver als je zuvor mit den Rechten und den Teilhabechancen der AdressatInnen beschäftigt, jedoch in einer Gesellschaft tätig ist, die von politischen und ökonomischen Ausgrenzungs- bzw. Spaltungsprozessen geprägt ist. Leserinnen und Leser werden in diesem Beitrag bereits mit den Thesen von Crouch und Rancièrre (Postdemokratie) konfrontiert, die in mehreren Beiträgen dieses Buches wieder auftauchen und den Roten Faden – zumindest des ersten Teils bilden.

Martina Lütke-Harmann greift die Grundfrage des ersten Beitrags auf, ob nämlich die von der Akteuren der Sozialen Arbeit behauptete Demokratisierung des Handlungsfeldes tatsächlich eine Rolle spielt, oder eher mit einer grundlegenden Entdemokratisierung wohlfahrtsstaatlicher Politik einhergeht. An einer Stelle spricht sie noch schärfer davon, dass diese Entdemokratisierung sozialpädagogisch fundiert und formiert werde. Im Folgenden diskutiert sie zentrale politische Theorien Sozialer Arbeit von Mollenhauer über Sünker, Schaarschuch und den Capability-Ansatz bis zu Mouffes antagonistischem Demokratiemodell auf die Frage hin, wie Soziale Arbeit Macht ausüben kann, die mit demokratischen Werten kompatibel ist.

Thomas Geisen fragt in seinem Beitrag danach, wozu die Demokratie die Soziale Arbeit braucht. Seine Antwort ist, dass die Soziale Arbeit ein Schutzschild der Demokratie ist, weil sie Verletzungen heilt und Zugehörigkeit wieder herstellt. Ihr spezieller Weg der Unterstützung von Individuen – jenseits von Nützlichkeitserwägungen – legitimiere in besonderer Weise die demokratische Gesellschaft. Jedoch bleibe das Soziale letztlich vorpolitisch und könne zwar Autonomie und Emanzipation befördern, jedoch politische Auseinandersetzungen kaum beeinflussen.

Patrick Oehler rekonstruiert in seinem Beitrag die Entwicklung einiger sich dezidiert demokratisch verstehender Traditionen Sozialen Arbeit. Er beginnt bei der Chicago School of Pragmatism um John Dewey, Jane Addams und George Hebert Mead; womit der Bogen bereits breit gespannt ist und vom „Demokratie-Lernen“ über die Demokratie in Organisationen bis hin zum Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Sozialen Bewegungen reicht. In Oehlers Beitrag kommt die normative Orientierung der Demokratie ebenso zur Sprache, wie auch die Demokratie als Experiment, als Reformpraxis und als Lernprozess in der Sozialen Arbeit. Letztlich aber will der Autor die Demokratie insbesondere als „Abenteuer“ verstanden wissen; d.h. als offene Geschichte.

Barbara Hobi und Marion Pomey beschäftigen sich in ihrem Text mit dem Thema „Partizipation“. Neben einer allgemeinen Einführung in begriffliche Fragen bieten Sie die Auseinandersetzung mit dem Thema „Partizipation in der schweizerischen Sozialhilfepraxis“ u.a. anhand einer empirischen Studie. Sie kommen zu dem Schluss, dass den Adressaten in der Schweiz eher eine Scheinbeteiligung angeboten wird als eine reale Teilhabechance: „Das demokratische Ziel – durch soziale Teilhabe an der Gesellschaft möglichst vielen Menschen zu Integration zu verhelfen – wird verfehlt.“ (S.138)

Wilfried Hosemann untersucht in seinem Beitrag die Möglichkeiten Systemischer Sozialer Arbeit für die demokratische Kommunikation zwischen Adressaten und Gesellschaft. Er beschreibt insbesondere die Chancen, die „schwachen“ Interessen von Adressaten in verhandelbare Interessen umzuformulieren.

Peter Sommerfeld beschreibt den Zusammenhang der Entstehung moderner, demokratisch verfasster Gesellschaften und Sozialer Arbeit als Profession. Er hält das Selbstbewusstsein der Sozialen Arbeit für nicht gefestigt und verdeutlicht dies am Beispiel der Sozialen Arbeit im schweizerischen Strafvollzug, die von der Ausrichtung an Rückfallvermeidung und Integration zunehmend auf Sicherheit und Risikominimierung orientiert werde. Insofern müsste die Soziale Arbeit wesentlich stärker und selbstbewusster über demokratische Werte und Grundorientierungen streiten, als dies gegenwärtig zu beobachten ist.

Im zweiten Teil geht es um die Perspektiven der Demokratieorientierung in einzelnen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Zunächst thematisiert Chantal Munsch die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement und Freiwilligenarbeit. Quantitative Studien legen die Vermutung nahe, dass ökonomisch benachteiligte soziale Schichten in geringerem Umfang bürgerschaftliches Engagement zeigen, als höhere Statusgruppen. Sie diskutiert dieses Problem mit Rückgriff auf Diversity- und Demokratietheorien.

Erol Yildiz diskutiert in seinem Beitrag demokratietheoretische Defizite der Interkulturellen Sozialarbeit, die zu wenig Diversitätsbewusstsein entwickelt habe und die konkreten Lebensbedingungen, praktischen Erfahrungen und Visionen der MigrantInnen nicht ausreichend anerkenne.

Tobias Studer bewertet eine konkrete Entwicklung in der Sozialen Arbeit in der Schweiz aus der Perspektive der Demokratietheorie: die Professionalisierung des Pflegekinderwesens. Er kommt zu dem Schluss, dass die Professionalisierung ein Indikator für die Entdemokratisierung der Gesellschaft sei, da lebensweltliche Bezüge und demokratische Strukturen abgeschafft würden.

Raingard Knauer und Benedikt Sturzenhecker beschreiben und diskutieren in ihrem Aufsatz die Möglichkeiten demokratischer Partizipation in Kindertageseinrichtungen. Sie beziehen sich auf eine mittlerweile mehrjährige und in mehr als 50 Kitas eingeführte Praxis der Demokratiebildung. Dabei fassen sie zunächst sehr ausführlich und prägnant die Begründungen dieser Bildungsarbeit zusammen, bevor sie das konkrete Konzept der „Kinderstube der Demokratie“ vorstellen. Besonders in Schleswig-Holstein wurde dieses Konzept eingeführt und in Einrichtungsverfassungen verankert. Mittlerweile liegen erste Evaluationsergebnisse des Projektes vor, die auf eine vielfältige Praxisentwicklungen verweisen, die durch dieses Konzept ausgelöst bzw. ermöglicht wurden.

Thomas Olk und Maksim Hübenthal diskutieren das Thema Partizipation in Organisationen des Bildungs- und Erziehungswesens auf theoretischer Ebene, indem sie es mit dem Citizenship-Konzept, als Schlüssel zu demokratischer Teilhabe verbinden. Sie fordern, „die Nutzergruppen Sozialer Arbeit von Beginn an in den Einrichtungen und Diensten der Sozialen Arbeit mit klaren Beteiligungsrechten auszustatten und das Ziel der Demokratisierung konsequent auf das eigene Institutionengefüge auszudehnen.“ (S. 289) Roland Roth schließlich thematisiert die deutschsprachige Diskussion des Empowerment-Ansatzes, bei der der explizite Bezug zur Demokratietheorie „fast vollständig gekappt“ sei. So werde Empowerment zu einem Werkzeug ressourcenorientierter Sozialer Arbeit im Methodenkoffer der PraktikerInnen, das die gesellschaftliche Ebene (Demokratie, Menschenrechte, Exklusion) vergesse und sich einseitig auf die methodische Förderung machtloser Individuen begrenze.

Diskussion

Der Sammelband verdeutlicht, dass das Thema Soziale Arbeit und Demokratie in den letzten Jahren erstaunlicherweise in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit keine große Rolle gespielt hat. Es ist noch nicht einmal klar, was unter dieser Überschrift verhandelt werden muss, so dass es bei den AutorInnen dieses Bandes zu sehr unterschiedlichen Zugängen und Wertungen kommt. Mehrere AutorInnen greifen die gesellschaftspolitischen Diagnosen der Postdemokratie von Rancièrre und Crouch auf. In dieser Lesart wird deutlich, dass die demokratische Wohlfahrtsgesellschaft aufgrund nachhaltiger, insbesondere ökonomischer Exklusionsprozesse in ihrer Existenz bedroht ist. Demokratie, so die AutorInnen, sei unmöglich, wenn wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe nicht gesichert seien.

Dem stehen andere AutorInnen gegenüber, die verdeutlichen, dass die Praxis der Sozialen Arbeit in den letzten Jahrzehnten zunehmend demokratischer geworden sei. So seien Empowerment und Ressourcenansätze weit verbreitet; Partizipationsansprüche selbstverständlich und die Praxis der Demokratiebildung in Kitas, Jugendzentren, Schulen, stationärer Jugendhilfe und Bürgertreffs auf dem Vormarsch.

So entsteht eine – nur auf den ersten Blick – paradoxe Diagnose: es gibt so viel Demokratie, insbesondere aber breit akzeptierte Demokratieansprüche, in Sozialer Arbeit, wie nie zuvor. Andererseits ist das alles nur Spielerei, wenn die gesellschaftlichen Teilhabeoptionen außerhalb sozialer Organisationen in der Postdemokratie verschwinden.

Mehrere Beiträge des Sammelbandes machen Lust auf mehr: bei mir persönlich insbesondere die Einleitung der Autoren, Patrick Oehlers Idee der Demokratie als Abenteuer, die an wirkmächtigen Figuren der Sozialarbeitsgeschichte aufgezeigt wird und schließlich Knauers und Sturzenheckers Bericht und Analyse über die Kinderstube der Demokratie in den Kindertagesstätten.

Fazit

Das Buch „Soziale Arbeit und Demokratie“ lenkt die Aufmerksamkeit auf ein einerseits sehr präsentes, andererseits aber doch übersehenes Thema. In den gesellschaftstheoretischen Diskursen Sozialer Arbeit lag der Schwerpunkt in den letzten Jahren auf Veränderungen im Wohlfahrtsstaat, bei denen das Thema Demokratie nur begrenzt im Blick war.

Angesichts von Partizipation, Ressourcenoríentierung und Empowerment ist in der Praxis Sozialer Arbeit wiederum außer Blick geraten, was dies alles mit Demokratie zu tun hat, bzw. dass demokratische Organisationen in einer Gesellschaft, deren Teilhabechancen für die Adressaten Sozialer Arbeit bedroht sind, nicht ausreichen können.

Die Herausgeber und AutorInnen stellen mit ihren Beiträgen einzelne Bausteine zur Verfügung, um den Diskurs über Soziale Arbeit und Demokratie zu intensivieren. Bisher bleibt dabei vieles Anstoß; dem Sammelband hätte es zudem gut getan, bei den Praxisbeispielen auf Handlungsfelder zurückzugreifen, in denen ähnlich spannende und konkrete Entwicklungen zu beobachten sind, wie im Bereich der Kindertagesstätten.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 31.10.2013 zu: Thomas Geisen, Fabian Kessl, Thomas Olk, Stefan Schnurr (Hrsg.): Soziale Arbeit und Demokratie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17621-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15187.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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