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Tarek Badawia, Franz Hamburger u.a. (Hrsg.): Wider die Ethnisierung einer Generation

Cover Tarek Badawia, Franz Hamburger, Merle Hummrich (Hrsg.): Wider die Ethnisierung einer Generation. Beiträge zur qualitativen Migrationsforschung. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2003. 353 Seiten. ISBN 978-3-88939-686-0. 22,90 EUR, CH: 36,70 sFr.
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Einführung in das Thema

Im gesellschaftlichen Diskurs, ob, zu wie viel Teilen, wie verträglich, nötig... unsere Gemeinschaft zu einer multikulturellen Gesellschaft gemacht werden könne, solle oder nicht, in wie weit eine "Leitkultur" notwendig sei, um die kulturelle Identität in unserem Land zu erhalten, wird oft übersehen, dass das Streitobjekt sich längst etabliert hat: Deutschland ist längst zu einer Einwanderer-Gesellschaft geworden. Allerdings, die Mehrheitsbevölkerung hat diese Tatsache noch nicht akzeptiert. Dadurch entsteht eine "prekäre Normalität" (Wilhelm Heitmeyer). Die Bevölkerungsgruppen mit anderen ethnischen Zugehörigkeiten geraten dabei unter einen unangemessenen (totalen) Anpassungsdruck, der in der wissenschaftlichen Diskussion als "Ethnisierung" oder "Deutschmachung" (Georg Hansen) bezeichnet wird. Die sich daraus ergebenden Konflikte werden in der von "Höherwertigkeitsvorstellungen" der Mehrheitsbevölkerung geprägten Auseinandersetzung meist nur indirekt und mit dem Blick auf angebliche Defizite der Minderheitsgruppen und mit dem Vorwurf einer unwilligen Anpassungsbereitschaft thematisiert, was Wolfgang Nitsch in seinen Beitrag "Pädagogik angesichts der Ethnisierung des Sozialen" kennzeichnet als "eine von direkter physischer und strukturell-ökonomischer Gewalt geprägte Praxis" (Nitsch / van der Linden / Lohrenscheit / Grubitsch, Hrsg.: Statt Menschenliebe: Menschenrechte. Lernprozesse zwischen gesellschaftlicher Anpassungsgewalt und Widerstand, IKO-Verlag, 2002).

Enstehungshintergrund

Das Herausgeberteam der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität legt mit dem Band die Ergebnisse einer im September 2002 stattgefundene Tagung zur qualitativen Migrationsforschung vor. Sie gehen beim Begriff Ethnisierung von einer "Zuschreibung bestimmter Eigenschaften zu bestimmten Bevölkerungsgruppen und die Reduktion des Menschen auf diese Eigenschaften" aus. Der Fragehorizont der Tagung war dabei, zu vergleichen, wie sich die Lebensumstände und Entwicklungsbedingungen vor allem von jugendlichen Immigranten in Deutschland heute verändert haben, gegenüber denen der ersten Gastarbeitergeneration; und: Wie lässt sich das Verhältnis der jetzigen Generation zum System der Mehrheitsgesellschaft beschreiben? Die einzelnen Beiträge werden dadurch zu einem "Plädoyer zur Konstruktion eines neuen sozialen Profils für eine Generation jenseits ethnischer Partikularitäten, ein Profil des Immigranten in einem neuen Deutschland".

Aufbau und Inhalte

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel: Im ersten geht es um methologische und methodische Aspekte der qualitativen Migrationsforschung, einem durchaus neuen Feld der wissenschaftlichen Nach- und Vorausschau. Dirk Halm und Martina Sauer setzen sich dabei mit der Frage auseinander, unter welchen Bedingungen soziale Anerkennung im Migrationsprozess stattfinde. Kirsten Ricker thematisiert die Möglichkeiten, den biographischen Ansatz in der Migrationsforschung anzuwenden, indem sie am Fallbeispiel den Zusammenhang von Migration und Identität dar stellt; Mark Terkessidis diskutiert an der Problematik der Vorurteilsforschung die Schwierigkeiten, Diskriminierungen in der Einwanderungsgesellschaft "objektiv" zu erkennen; Nevl Gültekin bringt seine jahrelangen Erfahrungen im Bereich der interkulturellen Bildung und Beratung ein, indem er für eine stärkere Beachtung und Anwendung von biographischen Methoden in der Migrationsforschung plädiert; Paul Merchil, Karin Scherschel und Mark Schrödter weisen in ihren Beitrag auf die Praxis und Probleme der Interviewführung hin, insbesondere auf die "alientierenden Zuschreibungen" dabei; Rosa Jiménz Laux forscht über biographische Erfahrungen und Zukunftsperspektiven von älteren spanischen Migrantinnen in Deutschland. Dabei zeigt sie eine Reihe von konzeptionellen und methodischen Ansätzen zu einer "ethnographischen Pädagogik" auf.

Im zweiten Kapitel "Identitätsentwicklung" geht es bei Tarek Badawia um das Problem, dass sich vor allem Immigranten-Jugendliche bei ihrer Identitätsfindung und -begründung oft "zwischen den Stühlen" empfinden und dabei den "dritten Stuhl" als eigene Entwicklungsperspektive wählen; Sabine Mannitz berichtet über Identifikations- und Integrationsstrategien von Berliner Migrantenkindern im Vergleich mit Integrationserfahrungen in anderen europäischen Ländern; Arnd-Michael Nohl interpretiert die Ergebnisse eines Forschungsvorhabens zur Adoleszenzphase von Migrantenjugendlichen; Agostino Portera referiert über "Identitätskonzepte Jugendlicher italienischer Herkunft mit Migrationserfahrung" und formuliert entsprechende erzieherische Konsequenzen dazu; Nikola Tietze diskutiert in ihrem Referat "muslimische Selbstzuschreibungen und soziale Positionierung in der deutschen und französischen Gesellschaft". Sie fordert als Konsequenz zu den vielfältigen Irritationen in beiden (Mehrheits)Kulturen einen stärkeren Respekt der muslimischen Religiosität.

Das dritte Kapitel ist der Thematik "Migration, Modernisierung, Ethnisierung und Traditionsbildung" gewidmet. Barbara Asbrand bringt Beispiele, wie ein interkulturelles, gemeinsames Leben und Lernen im Religionsunterricht möglich ist. Sie plädiert damit für einen interkulturellen Religionsunterricht im Klassenverband der Grundschule. Andreas Pott bringt in drei individuellen die Möglichkeiten und Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen Produktion von ethnischen Eliten zur Sprache. Aufstiegs- und Anpassungswille kollidieren dabei nicht selten mit traditionellen und kulturellen Zuschreibungen und führen zu ethnischen Konflikten; sie bieten aber auch die Chance zur Förderung und Integration von ethnischen Eliten in der Mehrheitsgesellschaft. Peter Rieker stellt die Ergebnisse eines Forschungsprojektes "Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge" an der FHS Potsdam vor. Sein Fazit: Die "kulturelle Erinnerung" bedeutet für eine gelungene Integration weniger ein Hemmnis, sondern vielmehr eine Chance zur Identitätsbildung. Martina Weber zeigt "Ethnisierungsprozesse im Schulalltag" auf. Dabei wählt sie Zustandsbeschreibungen von Schülerinnen einer gymnasialen Oberstufe aus, die als "türkisch" wahrgenommen werden; eine notwendige Untersuchung, wenn man bedenkt, dass nach wie vor die Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in deutschen Gymnasien (zu) gering ist.

Das vierte Kapitel ist den Generationenbeziehungen in Familie, Schule und Jugendhilfe gewidmet. Cengiz Deniz spricht über "Generationsbeziehungen in Familie, Schule und Jugendhilfe". Er weist in seiner Fallanalyse darauf hin: "Fehlende interkulturelle Konzepte führen zu einer Stagnation und Paradoxie im professionellen sozialpädagogisch/sozialarbeiterischen Handeln mit Jugendlichen und Familien ausländischer Herkunft". Merle Hummrich lenkt den Blick auf das Problem, dass in der Migrationsthematik bisher zu stark der Blick auf die "Wanderungsgeschichte" der MigrantInnen der ersten, zweiten... Generation gelenkt wurde und zu wenig die Generationsbeziehungen untereinander erforscht wurden. Ihr Verdacht, dass Probleme von MigrantInnen im deutschen Bildungssystem nicht in erster Linie in der Tatsache der Zuwanderung zu suchen seien, sondern in der strukturellen Chancenungleichheit zu suchen seien, ist sicherlich berechtigt. Angelika Kaffrell-Lindahl bringt die Erfahrungen aus skandinavischen Ländern zu Problemen von interkulturellen Familien bei der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen kulturellen Werte- und Normenvorstellungen ein.

Das fünfte Kapitel gilt Fragen der Umsetzung: Forschung für die Praxis und wird mit dem spanisch verfassten Beitrag von Rosario Alonso Alonso zur Rassismus-Forschung im Rahmen der Sozialpsychologie eingeleitet. Die Möglichkeiten von antirassistischer Erziehung und Aufklärung werden diskutiert. Anna Aluffi Pentini bringt wieder einmal die Methode der Aktionsforschung im Zusammenhang mit der interkulturellen Evaluierung in die Diskussion. Stephan Bundschuh setzt sich mit den in der Praxis der Integrationsbemühungen nicht unwichtigen Aspekten des Verhältnisses der deutschen Jugendverbände zu Jugendorganisationen von MigrantInnen auseinander. Der bisher weitgehend fehlende Dialog oder gar eine Zusammenarbeit zeigt auf, dass auf diesem Gebiet noch viel zu tun ist. Schließlich gibt Georg Gombos Informationen über die Erfahrungen in einem Fortbildungsprojekt "Polizeiliches Handeln in einer multikulturellen Gesellschaft".

Fazit

Der Tagungsband liefert eine Reihe von Bausteinen zu dem, was Gottfried Mergner (+ 1999) als "kritischen Ethnozentrismus" bezeichnet hat, bei dem es, in der multikulturellen Gesellschaft darum geht, "Chancen für ein kritisch-ethnozentrisches und global orientiertes Lernen" (Wolfgang Nitsch) zu entdecken und zu entwickeln. Die Wissenschaftsdisziplinen sind, in Kooperation und im Diskurs miteinander, gefordert, ein "gemeinsames Haus der Ethnien" mit bauen zu helfen. Das Autorenteam hat eine Grundlage dafür geliefert!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.03.2004 zu: Tarek Badawia, Franz Hamburger, Merle Hummrich (Hrsg.): Wider die Ethnisierung einer Generation. Beiträge zur qualitativen Migrationsforschung. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2003. ISBN 978-3-88939-686-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1519.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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