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Roland Becker-Lenz, Gudrun Ehlert u.a. (Hrsg.): Bedrohte Professionalität

Cover Roland Becker-Lenz, Gudrun Ehlert, Stefan Busse, Silke Müller-Hermann (Hrsg.): Bedrohte Professionalität. Aktuelle Gefahren und Einschränkungen für Soziale Arbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. 330 Seiten. ISBN 978-3-658-00351-7. D: 29,95 EUR, A: 30,79 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Edition Professions- und Professionalisierungsforschung - 3.
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Thema

Welche Konstellationen, Probleme und Entwicklungen können die Professionalität in der Sozialen Arbeit einschränken oder bedrohen? Nichts scheint so fragil, so permanent erneuerungsbedürftig, wie die Debatte über das, was jeweils als professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit zu bezeichnen sei. Wenn Peter Pantu?ek-Eisenbacher im Blick auf das Aufkommen managerialistischer Zugänge in öffentlicher Verwaltung und den staatlich finanzierten Praxisfeldern der Sozialarbeit konstatiert, das einerseits kontinuierliche Versuche erfolgten, „Sozialarbeit zu verregeln und ihr Arbeitsvollzüge vorzuschreiben“, wobei die Programme zur Bearbeitung sozialer Probleme „durchgehend an (politisch) vordefinierten Mängellagen an(docken)“, andererseits sich Sozialarbeiter/innen auf die „vordergründige und vorgegebene Fragestellung, ohne sie hinreichend mit einem fachlichen Blick zu kontextualisieren“ (S. 32ff; Pantu?ek-Eisenbacher nennt als Beispiele Jugendamtsgutachten, die die Sicht des Kindes ausblenden, oder Gefahreneinschätzungen nach Übergriffen von Männern, die die Frau nur als Opfer in den Blick nehmen, nicht aber z. B. ihre Überlegungen oder Ressourcen sehen), dann verweist das auf einen für die Soziale Arbeit eigentümlichen Umstand, dass das seitens der Wissenschaft in Forschung und Lehre differenziert beschriebene Verständnis von Professionalität auch unter Professionellen selbst mehr oder minder miss (oder ver-?) achtet wird.

Die Beiträge im vorliegenden Band gehen dieser Frage nah; sie fußen auf der Tagung „Bedrohte Professionalität? – Aktuelle Gefahren und Einschränkungen für die Soziale Arbeit“, die im Juni 2011 in Freiburg/Breisgau stattfand und sich einreiht in eine Abfolge von Tagungen, die seit 2008 zu Fragen der Professionalität Sozialer Arbeit in Kooperation der Hochschule Mittweida und der Fachhochschule Nordwestschweiz durchgeführt wurden (vgl. auch Roland Becker-Lenz, Gudrun Ehlert, Silke Müller [Hrsg.]: Professionalität in der sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven, Wiesbaden 2009, und hierzu die Rezension www.socialnet.de/rezensionen/7771.php).

Im Vorwort des Herausgeberkollektivs heißt es unter anderem, dass das Tagungsthema „in einem weiten Sinn interpretiert“ worden sei: „Neben Bedrohungen interessierten wir uns für Einschränkungen und Herausforderungen für das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit und die Frage, welche Handlungsoptionen den Fachkräften vor diesem Hintergrund jeweils zur Verfügung stehen.“ Bedrohungen in diesem Sinn ließen seit den 1990er Jahren verstärkt unter dem Einfluss neoliberaler Politiken wahrnehmen: „Der drohende oder tatsächliche Einzug einer Wirtschaftsrationalität in den sozialen Sektor, verbunden mit Mittelkürzungen, wurde ebenso als Gefahr für die Qualität der Angebote Sozialer Arbeit problematisiert, wie die damit zumeist einhergehenden Versuche einer stärkeren Standardisierung“ (S. Vf) oder die Umstrukturierung der Studiengänge im Zuge der sog. „Bologna-Reformen“.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Dr. Roland Becker-Lenz(Dipl.-Soziologe und Dipl.-Sozialarbeiter) ist Professor für Professionsforschung an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz sowie Privatdozent am Institut für Soziologie der Universität Basel; seine Forschungsschwerpunkte sind Professions- und Bildungsforschung.
  • Dr. Stefan Busse(Dipl.-Psychologe) ist Professor an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida, Studiengangsleiter der Zertifikatsstudiengänge „Supervision und Coaching“ und „Training für Kommunikation und Lernen in Gruppen“ an der Hochschule Mittweida, Direktor des Institutes für Soziale Kompetenz, Kommunikation und Wissen (KOMMIT), Mitbegründer und Mitarbeiter des Psychologischen Zentrums GbR Leipzig und von Basta Fortbildungsinstitut für Supervision und Coaching e. V.
  • Dr. Gudrun Ehlert(Dipl.-Sozialarbeiterin/ Sozialpädagogin und Dipl.-Sozialwissenschaftlerin) ist Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Professionalisierung Sozialer Arbeit, Gender und Soziale Arbeit, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession.
  • Dr. Silke Müller-Hermann (Dipl.-Soziologin) schließlich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz; ihre Forschungsschwerpunkte sind Professions- und Bildungsforschung, Religionssoziologie, sozialer und organisationaler Wandel.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst 15 sowohl theoretische wie auf empirische Forschung gestützte Beiträge, die sich im Kern der Definition einer wissenschaftlichen Basis Sozialer Arbeit, der professionellen Identität der hier tätigen Fachkräfte sowie organisationalen und rechtlichen Rahmenbedingungen zuwenden; vier Beispiele mögen dies verdeutlichen:

  • Werner Obrecht (emeritierter Professor für Soziologie, Philosophie und Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Zürich) stimmt im ersten Beitrag („Professionalität ohne professionelles Wissen?“, S. 1 -27) mit grundsätzlichen, theoretischen Überlegungen auf das Thema aus seinem spezifischen Blickwinkel ein: Er bestimmt professionelles Handeln als „eine besondere Form sozialen Handelns und eine soziale Handlung ist eine Handlung, mit der ein sozialer Akteur mindestens eine als veränderungswürdig erachtete biologische, (bio)psychische, soziale oder kulturelle Eigenschaft (= problematischer Zustand = praktisches Problem) eines anderen Akteurs oder eines sozialen Systems zu verändern oder – falls eine unerwünschte Veränderung droht – zu erhalten trachtet“ (S. 24); hierbei hinterfragt er die Relevanz der Sozialwissenschaften als Bezugsdisziplinen der Sozialarbeitswissenschaft. Obrechtformuliert auch hier ein biopsychosoziokulturelles Modell menschlicher Individuen, das er als Grundlage für eine neue, strukturelle Theorie sozialer Probleme begreift.
  • Kritisch setzt sich in seinem Beitrag Peter Pantu?ek-Eisenbacher (Professor an der Fachhochschule St. Pölten und Leiter des Fachbereichs Soziale Arbeit sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit) unter der Leitfrage „Bedrohte Professionalität?“ mit dem Ansatz Obrechts und den Zugängen Ilse Arlts und Dirk Baeckers auseinander, den Gegenstand Sozialer Arbeit und ihre Professionalität zu bestimmen (S. 29 – 42). Er fragt, um welche Professionalität es überhaupt gehe, und stellt in diesem Zusammenhang auch die Gleichsetzung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frage: Die „Ineins-Setzung …, wie sie zuletzt zur Regel wurde“, führe zu Unschärfen und Unklarheiten in Bezug auf die Bestimmung, um welche Professionalität es zu gehen habe, was zur Bedrohung für die Professionalität selbst werde, weil sie zur „Unklarheit über die Aufgabe der Sozialarbeit“ führe (S. 41). So identifiziert Pantu?ek-EisenbacherMängel bezüglich der Formulierung sozialarbeiterischer Standards, problematisiert die Auswirkungen organisationaler Zwänge und charakterisiert den theoretischen und praktischen Kern sozialarbeiterischer Fachlichkeit als unterbestimmt.
  • Albert Scherr (Professor für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg) zeigt in seinem Praxis reflektierenden Beitrag („Professionalisierung im Kontext von Hilfe und Kontrolle“, S. 165 – 187) zunächst die Professionalisierungsbedürftigkeit der Jugendgerichtshilfe auf (er spricht vom „Fall Jugendgerichtshilfe“) und geht sodann der Frage nach den strukturellen Bedingungen ihrer faktischen Professionalisierbarkeit nach. Er beleuchtet das Handlungsfeld auf der Folie des Verhältnisses von Hilfe und Kontrolle, des Gegensatzes von Freiwilligkeit als Basis von Arbeitsbündnissen auf der einen und gegebenem Zwangskontext auf der anderen Seite, sowie hinsichtlich der Bedeutung, die sozialpädagogischer Diagnostik darin zukommt. Scherr ruft dazu auf, aus der Jugendgerichtshilfe heraus eine eigenständige professionelle Perspektive zu entwickeln und argumentativ zu vertreten: Professionelles Handeln stehe hier „vor der Anforderung, den eigenen Arbeitsauftrag in einer Weise zu klären, die zwar gesellschaftliche Sanktionsinteressen als unhintergehbare Rahmung anerkennt“ und sich zugleich, mit Fritz Schütze(1996: 241) „am individuellen Wohl des anvertrauten Klienten“ als „zentrale(r) Richtschnur für das eigene Handeln“ auszurichten habe (S. 173).
  • Auch Bernd Dewe (Professor für Erziehungswissenschaften an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg) nimmt im abschließenden Beitrag die, wie er meint, sich ausdrücken zu müssen „Klientinnen und Klienten“ und ihre Erwartungen an Hilfe in den Blick („Sozialarbeiter als ‚Experten wider Willen‘“, S. 316 – 345). In Bezug auf Beratung benennt er Herausforderungen und Widersprüche in Blick auf Professionalität und Kompetenz von Fachkräften der Sozialen Arbeit, insbesondere die Vereinfachung deren Handeln als Verkürzung auf Rezepte und ähnlich gestaltete technische Lösungen, die als Reflex auf entsprechende Erwartungen Ratsuchender zu begreifen seien. Es handele sich damit um einen „Fall bedrohter Professionalität ‚von unten‘“. Dewe spricht sich für eine Eingrenzung auf manifeste bzw. manifest gemachte Handlungsprobleme der Sozialen Arbeit aus der Lebens- und Berufspraxis ihrer Zielgruppen („Klientel“) aus, um die Beratung von der reinen Wissensvermittlung abzugrenzen.

Weitere arbeits- bzw. handlungsfeldorientierte Überlegungen bringen nach Aufsätzen zwei der nachhaltigsten Theoriegeber/in der Sozialen Arbeit – Hans Thiersch, der essayistische Überlegungen zur Frage der Berufsidentität in Kontext Lebensweltorientierter Soziale Arbeit (S. 43 – 61) beisteuert, und Silvia Staub-Bernasconi („‚Wert‘-Voll in Zeiten der Krise?“, S. 89 – 112), die kritisch Zugänge der Qualitätssicherung der (deutschen) Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (BAG FW) unter die Lupe nimmt -

  • Roland Becker-Lenz und Silke Müller-Hermannein, die sich „Entwicklungen in der Berufsethik der Sozialen Arbeit in der Schweiz im Lichte ausgewählter Herausforderungen für den Berufsstand“ zuwenden (S. 63 – 88).
  • Auch Nina Wyssen-Kaufmann(„Stets begrenzt oder aktuell bedroht?“, S. 113 -137), diskutiert Prozesse der Bedrohung der Professionalität der Sozialen Arbeit in der Schweiz am Beispiel der Erwachsenenpsychiatrie,
  • während Peter Schallberger und Alfred Schwendenerunter dem Titel „Gesetzgeberisch eingebremste Professionalität“ Eingrenzungen der Professionalität am Beispiel zweier kontonaler Jugendheime reflektieren (S. 139 -163).
  • Katrin Heuer, Kathleen Paul und Andreas Hanses(„Professionalitätskonstruktionen in der Arbeit mit sterbenden Menschen“, S. 259 – 278) bringen Überlegungen aus dem DFG-Projekt „Konstruktionen des Sterbens. Analyse biografischer und professioneller Perspektiven im Dienstleistungskontext“ ein;
  • Überlegungen zur Widerständigkeit der Adressat/inn/en bzw. „als Bedrohung der sozialpädagogischen Profession“ steuern Gunther Graßhoff, Laura Paul und Stéphanie-Aline Yeshurun aus einem weiteren DFG-Projekt (Adressat_innen der Jugendhilfe“) bei (S. 303 – 316).

Weitere studien- bzw. datengestützte Überlegungen werden von

  • Karl Friedrich Bohler und Tobias Franzheld(„Problematische Professionalität der Sozialen Arbeit im Kinderschutz“, S. 189 - 212),
  • Olaf Behrend und Sven Jacob(„Zu Nichtprofessionalität und Tendenzen der Deprofessionalisierung in der Familienhilfe nach Sozialgesetzbuch VIII“, S. 213 – 237),
  • Florian Baier(„Bedrohungen und systematische Kontexte sozialarbeiterischer Professionalität in Schulen“, S. 239 – 257) sowie
  • Frank Bauer, Philipp Fuchs und Matthias Jung („Arbeitsvermittler als Pädagogen und Pädagogen als Arbeitsvermittler“, S. 279 – 301)

formuliert.

Zielgruppen

Der Verlag betrachtet den vorliegenden Band als geeignet für „Dozierende und Studierende der Fachbereiche Soziale Arbeit, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft an Fachhochschulen und Universitäten“. Dieser Eingrenzung kann gefolgt werden. Was für Dozent/inn/en wohl fraglos so vermutet werden darf (und ihre Reflexionen zweifellos stützen wird), wird sicher, vielleicht hin und wieder etwas abgeschwächt auch für Studierende der genannten Studiengänge zu vermuten sein. Der Band ist theoretisch niveauvoll, aber eben auch abstrakt und nicht notwendigerweise immer anschlussfähig für die berufliche Praxis.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Band, so das Herausgeberkollektiv, „möchten wir dazu beitragen, den Blick auf weitere aktuelle Bedrohungen, Einschränkungen und Herausforderungen für die Soziale Arbeit zu öffnen“ (S. VI). Noch deutlicher dürfte Albert Scherr auf ein tiefer liegendes Problem verweisen, das Gegenstand des bandes ist: Für ihn lauten die „für die Professionsdebatte relevanten Fragen nicht bloß, „ob Soziale Arbeit Strukturmerkmale professionellen Handelns aufweist und professionalisierungsbedürftig ist, sondern auch, in welchem Ausmaß Soziale Arbeit motiviert und unter welchen Bedingungen sie in der Lage ist, eine eigenständige professionelle Perspektive zu beanspruchen sowie durchzusetzen“ (S. 168). So gelesen kommt Soztiale Arbeit derzeit bloß als ein gleich doppelt fragiles Konstrukt daher: einerseits als (wiederholt beschriebene) unvollständige, unvollendete Profession, gekennzeichnet mit den Worten von Burkhard K. Müller (2010) als eine „offene Professionalität, die ohne eine monopolisierbare Expertendomäne“ auszukommen hat, die andererseits – und zugleich – ausgesetzt ist den insbesondere „sozialpolitischen“ und zuvörderst betriebswirtschaftlichen Zumutungen und Zurichtungsversuchen des neoliberalen Betriebs (andere Professionen scheinen diese Unklarheit über sich vielleicht weniger in sich zu tragen, vielleicht formulieren sie sie auch nur weniger öffentlich oder offensichtlich). Bücher, wie auch das vorliegend, vermitteln daher intensiv einen Eindruck von dem „Mysterium“, das Soziale Arbeit wohl darstellen muss in der Unklarheit darüber, was ihre Professionalität, ihre professionelle Identität kennzeichnet.

Das alles ist grundsätzlich nichts Neues: Heiko Kleve zum Beispiel hat bereits 2000 von der „Profession ohne Eigenschaften“ gesprochen, die die (post-moderne) Offenheit widerspiegele (Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften, Freiburg/Brsg. 2000). Thomas Harmsen (Die Konstruktion der professionellen Identität in der Sozialen Arbeit, Heidelberg 2004) spricht von einer „flexiblen Profession“, die „in ihrer Handlungspraxis auf komplexe, sich permanent verändernde Problemlagen und verändert gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen“ reagieren und sich anpassen müsse (S. 319f), für Thomas Klatezki (Professionelle Arbeit und kollegiale Organisation; in: ders. und Tacke, V. [Hg.], Organisation und Profession, Wiesbaden 2005: 253 – 284) ist die „Kunst des Urteilens angesichts von Mehrdeutigkeit die eigentliche professionelle Kernkompetenz“ (S. 279), und Bernd Dewe verweist 2009 (Reflexive Sozialarbeit im Spannungsfeld von evidenzbasierter Praxis und demokratischer Rationalität; in: ders. [Hrsg.], Professionalität in der Sozialen Arbeit, Wiesbaden 2009: 89-109) auf aktuelle „Tendenzen der Deprofessionalisierung, etwa in der Form einer (Wieder-) Unterordnung sozialarbeitsspezifischer Berufsrollen und Tätigkeiten unter die Logiken des Marktes, der Verwaltung oder fremder Professionen oder in einer Substitution von handlungsstrukturgebundener, also ‚intern‘ erzeugter Professionalität durch ‚extern‘ generierte Verfahren und Manuale“ (S. 89).

Fazit

Daher sei zum Schluss die Frage erlaubt, was die vorliegende Veröffentlichung zur Klärung beizutragen vermag: Es sind nicht die (mehr oder minder) differenzierten Beschreibungen des fragilen, in Frage gestellten Status´ Sozialer Arbeit, die im Diskurs notwendig sind (hier hat der Band seine unbestrittene, anerkannte Stärke). Es sind die Anschlüsse an eine emanzipierte oder doch wenigstens um Emanzipation bemühte Praxis, die zu suchen und zu entfalten sind. Strategien gegen Entwicklungen schleichender, wie offensichtlicher De-Professionalisierung im Prozess der neoliberalen Zurichtung bleiben eher nur angedeutet, als diskutiert, und damit (vor dem Hintergrund der oben nur eben angedeuteten Befundlage) seltsam offen. Fast scheint es, also seien die Aufsätze nur als weitere Deskriptionen des status quo lesbar, die darauf warten, in die Entfaltung einer eigenständigen Strategie erst noch einbezogen zu werden. Eine (damit weitere) Sammlung von Detailstudien mit grundsätzlichen Ableitungen und professionstheoretischen Betrachtungen ist sicher hilfreich, wirkt mir aber – mittlerweile - als zu wenig. Die sachliche Distanz, mir der hier durchweg argumentiert wird, genügt disziplinären Ansprüchen, aber hilft sie der Profession?

Nochmals sei an die bereits zitierte Einschätzung Albert Scherrs erinnert: dass es nämlich auch darum geht, inwieweit Soziale Arbeit motiviert und in der Lage ist, eine eigenständige professionelle Perspektive zu beanspruchen und durchzusetzen. Es bleibt daher, an den Appell zu erinnern, den das Unabhängige Forum Kritisch Sozialarbeit (Ufo) doch schon längst formuliert hat und an den sich anschließen lohnte (vgl. Unabhängiges Forum kritische Soziale Arbeit: Resolution Berliner Arbeitstagung Kritische Soziale Arbeit; in: Köhn, B., und Seithe, M. (Hg.), Einmischen. Zukunftswerkstatt Soziale Arbeit, Berlin 2012: 133-137; vgl. die Rezension www.socialnet.de/rezensionen/13308.php), in dem es unter anderem heißt: „Vertretet selbstbewusst, dass die angemessene fachliche Begleitung und Unterstützung eurer Klientel nicht allein dem beruflichen Ethos, sondern ebenso geltendem Recht verpflichtet ist (z. B. Grundgesetz, UN-Kinder- und Menschenrechtskonvention, KJHG/SGB Vlll). (…) Benennt Ursachen und Hintergründe, stellt euch gegen Forderungen und Oktroyierung von ökonomischen Effizienzkriterien und absurden Sparbestrebungen! (…) Tut euch zusammen, vernetzt und organisiert euch: zu eurem Schutz und zum wirksamen Agieren!“ (S. 134f).

Ja, der vorliegende Band ist hilfreich, wenn es darum geht, das offene Eigene der Sozialen Arbeit und ihre de-professionalisierenden Begrenzungen und Einhegungen zu aktualisieren. Von diesem Punkt bis zur aktiven Gegenwehr freilich ist es noch weit.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 13.07.2015 zu: Roland Becker-Lenz, Gudrun Ehlert, Stefan Busse, Silke Müller-Hermann (Hrsg.): Bedrohte Professionalität. Aktuelle Gefahren und Einschränkungen für Soziale Arbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-00351-7. Reihe: Edition Professions- und Professionalisierungsforschung - 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15208.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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