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Marion Grein: Neurodidaktik

Rezensiert von Elisabeth Vanderheiden, 09.09.2013

Marion Grein: Neurodidaktik. Hueber Verlag GmbH & Co KG (Ismaning) 2013. 96 Seiten.

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Thema

Das Buch richtet sich insbesondere an Sprach- und Alphabetisiserungskräfte und vermittelt aktuelle neurodidaktische Grundlagen hinsichtlich der beim Lernen im Gehirn ablaufenden Prozesse und berücksichtigt dabei auch die verschiedenen Lerntypen und Lernstile. Ebenso werden geschlechtsspezifische Fragestellungen, Aspekte des Lernens im Alter sowie die besonderen Umstände bei Lernen lernungewohnter Personen in den Blick genommen. Dabei werden nicht nur die jeweils relevanten Informationen vermittelt, sondern auch Empfehlungen für Kursleitende oder -planende formuliert.

Autorin

Die Autorin Marion Grein ist promovierte und habilitierte Sprachwissenschaftlerin und Sprachandragogin. Sie ist Leiterin des Masterstudienganges Deutsch als Fremdsprache an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Aufbau und Inhalt

In vierzehn Kapiteln geht Marion Grein relevanten Fragen der Neurodidaktik im Sprachlernkontext nach:

  1. Neurodidaktik – Was wissen wir wirklich?
  2. Lernen aus neurobiologischer Perspektive
  3. „Lernen“ vor der Geburt und im Kleinkindalter
  4. Gedächtnisformen
  5. Der ideale Neurotransmitter-Cocktail
  6. Lernendenvariablen
  7. Sprache im Gehirn
  8. Zwei oder mehr Sprachen im Gehirn
  9. Lernungewohnte Lernde und Fremdsprachenlernen
  10. Fließend-Falsch-Sprecherinnen und -sprecher und Fremdsprachenlernen
  11. Alphabetisierung und Neurodidaktik
  12. Der Faktor Geschlecht und das Fremdsprachenlernen
  13. Der Faktor Alter und das Fremdsprachenlernen
  14. Umsetzung im Fremdsprachenunterricht
  15. Kurzfazit

Exemplarisch sollen hier die Kapitel „Alphabetisierung und Neurodidaktik“ sowie „der Faktor Geschlecht und das Fremdsprachenenlernen“ vorgestellt werden.

Seit der Leo-Studie (2010) ist bekannt und evident, dass es in Deutschland mindestens 14% der Gesamtbevölkerung, also ca. 7,5 Menschen, gibt, die als funktionale AnalphabetInnen gelten müssen, also nicht vollständig am Lesen, Schreiben oder Rechnen teilhaben können. Von daher ist die Beschäftigung mit der Frage, was es aus neurodidaktischer Sicht bei Lernangeboten für die Zielgruppe zu berücksichtigen oder was es zu optimieren gäbe, ein sehr zentraler. Marion Grein verweist im Kapitel „Alphabetisierung und Neurodidaktik“ darauf, das Lesen und Schreiben entwicklungsgeschichtlich relativ neue Errungenschaften sind und somit kein entsprechendes genetisches Programm vorliege, was bedeutet, dass jeder Mensch, der das Schreiben und Lesen lernt, individuell neue neuronale Verbindungen schaffen muss. Für den Kontext der Alphabetisierung folgert sie daraus, dass z. B. Verbindungen zwischen den Arealen, die für das Sehen von Objekten verantwortlich sind mit denen, die für das Sehen von Schriftzeichen zuständig sind, geschaffen werden müssen. Die Autorin illustriert zunächst, wie die Entwicklung der Lese- und Schreibfähigkeit bei Kindern ensteht. Zusammenfassend und grob verallgemeinert verläuft dies so: erste neuronale Verbindungen entstehen durch das Vorlesen. Vor allem in den ersten fünf Lebensjahren entstehen immer stabilere Beziehungen zwischen Buchstaben (Graphemen) und Lautwerten (Phonemen) je häufiger ein Kind mit diesen Graphem-Phonem-Verbindungen konfrontiert wird. Als nächstes wird die Schriftrichtung erlernt, später kommt die phonologische Kompetenz dazu, also die Fähigkeit „die Phoneme, aus denen Wörter bestehen, zu hören und zu segmentieren…“ (S. 50), denn dies bildet die Grundlage für den Schrifterwerb. Grein verweist darauf, dass ein „unkomplizierter Alphabetisierungsprozess“ (S. 50) bei Kindern ca. 2000 Stunden bzw. fünf Jahre dauert. Im Anschluss daran führt die Autorin aus, welche Hirnareale im Wesentlichen am Prozess des Lesen- bzw. Schreibenlernens beteiligt sind, nämlich insbesondere die Brodman-Areale 37 und 39 bzw. 40, der Okzipitallappen, der Temporallappen, der Gyrus supramarginalis bzw. fusiformis und angularis, das Wernicke- und das Broca-Areal. Bei funktionalen AnalphabetInnen gilt es nun, diese entsprechenden neuronalen Verbindungen zu etablieren bzw. zu optimieren. Auch hier, so nimmt die Autorin an, sind mindestens 2000 Stunden erforderlich, um etwa die Druckschrift in ihren Grundlagen zu erwerben. Das ist nicht nur eine bedeutsame Aussage in Hinblick auf die Konstruktion von entsprechenden Lernangeboten für die erwachsenen Lernenden, sondern auch insofern, als dass in vielen Förderkontexten für Alphabetisierungskurse die Fördermittelgeber nur deutlich begrenztere Stundenkontingente zur Verfügung stellen bzw. bewilligen (z. B: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: aktuell werden höchstens 1200 Unterrichtsstunden gefördert).

Im Kapitel „Der Faktor Geschlecht und das Fremdsprachenlernen“ widmet sich Grein der Frage, wie (biologisch) Geschlechter entstehen, welche Unterschiede männliche und weibliche Gehirne aufweisen und was daraus für den Fremdsprachenunterricht folgt. Sie weist zum Beispiel auf folgende Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin: so ist etwa das Broca-Areal bei Frauen ca. 20 Prozent, das Wernicke-Areal ca. 30 Prozent größer als bei Männern; in den Arealen, in denen Sprache verarbeitet wird, haben Frauen 20 Prozent mehr graue Hirnsubstanz (S. 55), so dass Frauen tendenziell wohl neurobiologisch Vorteile beim Sprachenlernen haben, während Männer hingegen hirnbiologisch über ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen verfügen: „Dies schließt die Fähigkeit ein, sich die Form, die Maße, die Koordination, die Proportionen, die Bewegungen und die Lage von Dingen vorstellen zu können.“ (S. 55). Frauen haben aus neurobiologischer Sicht stärkere empathische Fähigkeiten, sind besser im „Encodieren non-verbaler Zeichen“ und der Entschlüsselung von Gefühlen im Gesichtsausdruck, (S. 57) während es Männern viel besser gelingt, neben den zwei Dimensionen eines Bildes, eine dritte zu erkennen. Zugleich ist es so, dass neurobiologisch bei Männern und Frauen bei gleichen Aktivitäten unterschiedliche Gehirnareale aktiviert werden bzw. es für die Geschlechter anscheinend je eigene Gehirnfunktionen gibt oder eben nicht: so verfügt das männliche Gehirn etwa über eine eigene Gehirnfunktion für räumliches Denken, das in vier verschiedenen Bereich angelegt ist, während Frauen keinen eigenen Bereich für das räumliche Vorstellungsvermögen haben, dafür aber eine höhere und differenzierte Wahrnehmungsgeschwindigkeit oder in der Feinmotorik überlegen sind (S. 55f). Die Ausführungen dieses Kapitels schließt Grein mit der Schlussfolgerung ab, dass sich aus diesen Ergebnissen nicht notwendigerweise die Forderung nach geschlechtsspezifischen Unterrichtsformen ableiten lassen. Hier sei aus eigener Praxiserfahrung eine Gegenrede gestattet: geschlechtsspezifische Angebote beim Sprachenerlernen oder im Kontext der Alphabetisierung sind vielleicht aus neurobiologischer bzw. -didaktischer Sicht nicht zwangsläufig erforderlich, aber aus anderen Erwägungen dennoch als Option sinnvoll, etwa im Hinblick auf den unterschiedlichen Lebens- bzw. Alltagsbezug von Männern und Frauen, der sich in entsprechenden Lernangeboten widerspiegeln sollte, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, die es aus der Geschlechterperspektive zu beachten gilt, bis hin zur Berücksichtigung von spezifischen sozialen oder psychischen Bedingungen: So kann zum Beispiel ein eigenes Alphabetisierungsangebot für traumatisisierte Frauen mit Gewalterfahrungen sinnvoll sein (gibt es z. B. in Rheinland-Pfalz) oder Deutschkurse für Mütter, die in Kooperation mit Kindertagesstätten angeboten werden und wo sich in der Praxis gezeigt hat, dass zu manchen Angeboten die Mütter nur dann kommen, wenn es frauenspezifische Angebote sind.

Diskussion und Fazit

Marion Greins Buch gibt auf 96 Seiten einen guten, knappen und komprimierten Überblick über den aktuellen Forschungsstand der Neurodidaktik, speziell im Hinblick für die Zielgruppe der Sprachlehrkräfte: Dabei werden auch die besonderen Bedürfnisse spezieller Zielgruppen wie etwa der lernungewohnten Lernenden, der Fließend-Falsch-SprecherInnen, der sog. Funktionalen AnalphabetInnen und spezielle Fragestellungen wie das Lernen im Alter bzw. die Geschlechterdimension bearbeitet. Das Werk ist trotz der komplexen Materie gut lesbar, zahlreiche Abbildungen erleichtern den Einstieg in die Thematik bzw. die Vertiefung, alle Ausführungen werden explizit auf den (Fremd-)Sprachlernkontext hin ausgefaltet bzw. mit Empfehlungen für die Lehrkräfte verbunden.

Aus meiner Sicht ist Marion Greins Buch eine unverzichtbare und wichtige Einführung in ein zentrales und bedeutsames Thema (nicht nur) für alle Sprach- und Alphabetisierungslehrkräfte. Definitiv empfehlenswert!

Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 09.09.2013 zu: Marion Grein: Neurodidaktik. Hueber Verlag GmbH & Co KG (Ismaning) 2013. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15211.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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