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Hans Berkessel, Wolfgang Beutel u.a. (Hrsg.): Jahrbuch Demokratiepädagogik 2013

Cover Hans Berkessel, Wolfgang Beutel, Hannelore Faulstich-Wieland, Hermann Veith (Hrsg.): Jahrbuch Demokratiepädagogik 2013. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. 336 Seiten. ISBN 978-3-89974-864-2. D: 28,80 EUR, A: 29,70 EUR, CH: 39,50 sFr.
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Wege zu einer demokratischen Lernkultur

„Demokratiepädagogik“, ein Begriff, der die Befindlichkeiten und Erfordernisse aufnimmt, die sich im Menschenrecht auf Bildung für alle postuliert, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Artikel 26(2) zum Ausdruck kommt: „Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein“. Im "Beutelsbacher Konsens"(1976) werden die Grundlagen der politischen Bildung festlegt: Es gilt für Unterricht und Vermittlung das Überwältigungs- und Indoktrinationsverbot - Lehrende dürfen Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen. Schüler sollen sich eine eigene Meinung mit der Hilfe des Unterrichtes selber bilden können. Es muss Ausgewogenheit gewährleistet sein – ein Thema muss kontrovers dargestellt und diskutiert werden, wenn es in der Öffentlichkeit kontrovers erscheint; und der Unterricht muss schülerorientiert sein.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Politische Bildung muss die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzten, die politische Situation der Gesellschaft und ihre eigene Position zu analysieren und daraus ihr persönliches und gesellschaftliches Verhalten einrichten. Mit dem Konzept „Demokratie lernen“ soll deutlich gemacht werden, dass der Mensch, als zôon politikon, als politisches Lebewesen im aristotelischen Sinne, in der Lage und fähig ist, ein demokratisches Leben zu führen. "Demokratiepädagogik“ gilt deshalb als Integrations- und Sammelbegriff für alle Bemühungen, Demokratie-Lernen zu fördern (Wolfgang Beutel / Peter Fauser, Hrsg., Demokratiepädagogik. Lernen für die Zivilgesellschaft, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4442.php). Seit 2006 findet alljährlich in Rheinland-Pfalz der „Demokratietag“ statt, zu dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den schulischen und außerschulischen Bildungsbereichen über Fragen der theoretischen und vor allem praktischen pädagogischen Arbeit reflektieren und diskutieren. Der sechste Demokratietag fand am 22. 9. 2011 in der Georg-Forster-Gesamtschule in Wörrstadt statt. Die Macher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten bundesweiten Programms „Demokratisch Handeln“ haben den Demokratie-Tag Rheinland-Pfalz dazu genutzt, ihre Konzepte darzulegen und ihre Erfahrungen auszutauschen, „wie eine angemessene Schülerpartizipation auch im Kernbereich von Schule, in Unterricht und Lernprozessen sowie in deren Evaluation und Feedback durch die Beteiligten realisiert werden könne“.

Der rheinland-pfälzische Pädagoge und Historiker Hans Berkessel, der Geschäftsführer des „Förderprogramms Demokratisch Handeln“, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik und pädagogischer Experte beim Deutschen Schulpreis, Wolfgang Beutel, die Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstieg-Wieland von der Universität Hamburg und der Schulpädagoge Hermann Veith von der Universität Göttingen geben den zweiten Band des Jahrbuchs „Demokratiepädagogik“ heraus. Namhafte Expertinnen und Experten „greifen unterschiedliche demokratiepädagogisch bedeutsame Fragen und Themen auf, fokussieren Probleme, nehmen Stellung, entwickeln Perspektiven und setzen Impulse“ zu den Kompetenzbereichen „demokratische Lernkultur“ und „Genderdemokratie“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird in sechs Kapitel gegliedert. Im ersten werden Konzepte zur Thematik „Neue Lernkultur“ dargestellt; im zweiten geht es um „Genderdemokratie“; im dritten werden im „Forum“ demokratiepädagogisch relevante Fragen und Themen diskutiert, die im vierten Kapitel als Praxisbeispiele aufgezeigt werden; im fünften weisen die Autorinnen und Autoren auf aktuelle Entwicklungen, Tendenzen und Initiativen aus den Bundesländern und Regionen hin; und im sechsten Kapitel werden Aktivitäten zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland vorgestellt.

Der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, eröffnete den Demokratie-Tag mit seinem Appell, Demokratielernen und Bürgerbeteiligung zu intensivieren, in der Schule wie insgesamt in der Gesellschaft. Die Dortmunder Erziehungswissenschaftlerin Silivia-Iris Beutel plädiert in ihrem Beitrag „Kinder und Jugendliche beteiligen – zum Wechselspiel von Lernkultur und Demokratie an guten Schulen“ dafür, im Schulalltag dafür Sorge zu tragen, dass Ausschlusserfahrungen vermieden und Inklusionsprozesse ermöglicht und praktiziert werden. Dass dies nicht nur Wollensvorstellungen sind, zeigt sie an mehreren Beispielen von „guten Schulen“ in Deutschland auf. Die hessische Lehrerin und Landeskoordinatorin für das Projekt „Gewaltprävention und Demokratielernen“, Susanne Alpers, plädiert für „kooperatives Lernen als Weg zu mehr Schülerpartizipation“. Der Politikwissenschaftler von der Pädagogischen Hochschule Weingarten, Volker Reinhardt, setzt sich in seinem Beitrag mit „Chancen und Risiken von Partizipation in der Schule“ auseinander und zeigt Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten beim schulischen Lernen auf. Die Lehrerinnen Gisela John und Britta Müller von der Jenaplan-Schule in Jena stellen in ihrem Vortrag „Schülerpartizipation bei der Leistungsbewertung“ Formen einer lernzielorientierten, individuellen und verbalen Leistungserhebung und -dokumentation vor.

Hannelore Faulstieg-Wieland beginnt das zweite Kapitel mit ihrem Beitrag „Sozialisation über die Lebensspanne – Felder genderdemokratischer Probleme“, indem sie auf die Bedeutung des Geschlechts im Lebens- und Lernverlauf der Schülerinnen und Schüler verweist. Der Geschichtsdidaktiker vom Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Martin Lücke, thematisiet „Geschlechtergeschichte und Demokratiepädagogik“. Dabei stellt er das Konzept des „Narrating gender“ als einen Beitrag zur politischen Partizipation vor. Die Sozialwissenschaftlerin von der Universität Bremen, Ines Pohlkamp, vermittelt mit ihrem Beitrag „Le Chaim – Auf das Leben“ Einblicke in eine geschlechtersensible Pädagogik. Die Erziehungswissenschaftlerin Anke Spies von der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg nimmt Stellung zu „Gender-Demokratie und Schulsozialarbeit“. Sie verweist auf theoretische und praktische Entwicklungspotentiale (nicht nur) für die Grundschule. Der Flensburger Bildungsforscher Jürgen Budde stellt theoretische und empirische Überlegungen zur „Geschlechtsbezogenen Jungenpädagogik“ an und verdeutlicht den Balanceakt beim pädagogischen Handeln.

Jürgen Gerdes von der Pädagogischen Hochschule Freiburg diskutiert im dritten Kapitel angesichts der Krise(n) der Demokratie Konzepte und Möglichkeiten der Demokratiepädagogik und mahnt an, dass sich Demokratiepädagogik nicht von einer Aktivierungsideologie vereinnahmen lassen und bestehende politische Herrschaftsverhältnisse nicht mit demokratischem Etikett legitimieren dürfe, statt sie kritisch zu reflektieren. Der Berliner Sozialwissenschaftler Wolfgang Edelstein nimmt in seinem Beitrag „Bildungsgerechtigkeit und Schule“ die immer wieder thematisierten und diskutierten Forderungen nach Chancengleichheit (auch) im schulischen Bildungsbereich auf und plädiert für eine Schule für alle Kinder. Hermann Veith schließt daran an, indem er über die „gesellschaftlichen Funktionen des Bildungssystems“ reflektiert und herausarbeitet, dass es endlich Zeit ist, „vom Kinde aus“ zu denken und zu handeln. Gernot Röken, Dezernent für Politische Bildung in Münster, stellt in seinem Beitrag „Lehrerkooperation und Demokratie-Lernen“ vernachlässigte Elemente in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung fest und diskutiert Modelle und Konzepte, die eine systematische Umorientierung in der Lehrerausbildung ermöglichen könnten. Die Jenenser Erziehungswissenschaftlerin Arila Feurich, der niedersächsische Regionalberater des Förderprogramms Demokratisch Handeln, Mario Förster und die Regionalberaterin Michaela Weiß, beide von der Universität Göttingen, stellen die Ergebnisse einer 2011 durchgeführten Analyse zur „Partizipation an Jenaer Schulen“ vor. Die Schulpädagogin vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg, Monika Buhl, der Erziehungswissenschaftler an der Universität Kassel, Hans Peter Kuhn und der Unterrichtsforscher von der Universität Gießen, Hermann Josef Abs, berichten in ihrem Beitrag „Bedingungen der Entwicklung von politischem Wissen und politischem Kompetenzerleben“ über die Ergebnisse einer Evaluationsstudie zum BLK-Modellprogramm „Demokratie lernen & leben“.

Christian Wild, der beim Hessischen Kultusministerium beim Projekt „Gewaltprävention und Demokratielernen“ mitarbeitet, informiert im vierten Kapitel über Erhebungen und Erfahrungen zum „Schülerfeedback als Element der Unterrichtsentwicklung“. Hans-Wolfram Stein aus Bremen gibt mit seinem Beitrag „Lernen und Arbeiten im ehemaligen KZ Sachsenhausen“ einen Rückblick über eine 16jährige, pädagogische und konkrete Arbeit mit BerufsschülerInnen, die bei der Instandsetzung, -haltung und Renovierung der Gedenkstätte mitgearbeitet haben. Wolfgang Beutel stellt zehn ausgewählte „Best-Practice“-Projekte aus dem 2011er Wettbewerb „Demokratisch Handeln“ vor. Er vermittelt Einblicke in die „Werkstatt demokratischer Schulentwicklung“, die nur als längerfristige, fächerübergreifende und kontinuierliche pädagogische Arbeit möglich ist. Ina Bömelburg, Birgit Hartnuß, Sigrid Meinhold-Henschel und Nils Schwentkowski geben einen Praxisbericht über das „Jugendforum rlp“ („liken, teilen, was bewegen“), das im Rahmen des von der Bertelsmann Stiftung initiierten Programms „Zukunft der Zivilgesellschaft – Projekt ‚jungbewegt – Dein Einsatz zählt‘“ läuft. Das Rheinland-Pfälzische Projekt hat am 28. 11. 2012 ein „Jugendmanifest“ vorgelegt, das für die weitere, gesellschaftspolitische Arbeit im Land eingesetzt werden soll.

Im fünften Kapitel wird über die demokratiepädagogische Arbeit in den Ländern und Regionen informiert. Volker Reinhardt berichtet über „Demokratie Lernen in der Schweiz“; und Kurt Edler vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung und derzeitiger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik, stellt die Konzepte und Erfahrungen zur „Demokratiepädagogik in Hamburg“ vor. An der Stelle freilich hätte sich der Rezensent einen zusammenfassenden Überblick über die Aktivitäten zum Demokratielernen auch in den anderen Bundesländern gewünscht.

Im sechsten und letzten Kapitel dokumentieren die Herausgeber des Jahrbuchs die Laudatio des Redakteurs Tanjev Schultz von der Süddeutschen Zeitung zur Verleihung des „Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreises 2011: Demokratie lernen und erfahren“ an den Bezirksbürgermeister in Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky und dessen Antwort darauf; sowie die Laudatio von Peter Fauser für zwei ausgezeichnete Schulprojekte „Auf Augenhöhe“ und „Interkulturelles Lernen, damit Bildung gelingt“, an der Augsburger Berufsschule I. Wolfgang Beutel und der Historiker Sven Tetzlaff berichten über das vom Bundespräsidenten Joachim Gauck am 18. Juni 2012 im Berliner Schloss Bellevue einberufene erste Demokratie-Fest: „Jung. Beteiligt. Engagiert“. Ausgewählte Rezensionen zur Literatur des Themenbereichs und Dokumentationen von offiziellen deutschen und europäischen Programmen zur Demokratie- und Menschenrechtsbildung beschließen das zweite Jahrbuch „Demokratie-Pädagogik“, das in einer neu aufgelegten Reihe im Wochenschau-Verlag erscheint und fortgesetzt wird.

Fazit

„Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“, diese widersprüchliche, Winston Churchill zugeschriebene Charakterisierung sollte besser lauten: „Demokratie ist die anspruchsvollste und herausforderndste Regierungsform“, weil sie vom Staatsbürger verlangt, dass er seinen Verstand benutzen und seinen Freiheitswillen tagtäglich und bei jeder individuellen und gesellschaftlichen Gelegenheit zeigen und für ein demokratisches Leben eintreten muss. Demokratie lernen ist deshalb eine Herausforderung für jeden Menschen. Es muss in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, im Beruf und in der Freizeit ein- und ausgeübt werden. “Demokratie-Pädagogik“ ist daher ein Anspruch, den es gilt umzusetzen, in Theorie und Praxis, lokal und global. Es ist eine Lern- und Lebenskultur. Wege dahin werden im zweiten Jahrbuch „Demokratie-Pädagogik“ aufgezeigt. Es ist ein Wegweiser für Lehrerinnen, Lehrer und in Erziehungs- und pädagogischen Prozessen engagierte Menschen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.09.2013 zu: Hans Berkessel, Wolfgang Beutel, Hannelore Faulstich-Wieland, Hermann Veith (Hrsg.): Jahrbuch Demokratiepädagogik 2013. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-89974-864-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15225.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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