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Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz u.a.: Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung

Cover Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz, Jochen Haisch: Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. Lehrbuch Gesundheitswissenschaften. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2004. 280 Seiten. ISBN 978-3-456-84070-3. 29,95 EUR, CH: 52,50 sFr.

Unter Mitarbeit von Thomas Altgeld, Stefan Aretz, Karl E. Bergmann, Renate Bergmann, Michael Böhm, Elmar Brähler, Johannes Brettschneider, Anneke Bühler, Gerhard Bühringer, Reinhard Busse, Toni Faltermaier, Jörg M. Fegert, Markus Flören, Christian Gericke, Hermann Heimpel, Wildor Hollmann, Rainer Hornung, Andrea Icks, Olaf von dem Knesebeck, Petra Kolip, Andreas Kruse, Karl W. Lauterbach, Uwe Lenhardt, Anja Leppin, Albert C. Ludolph, Martin Merbach, Kai Mosebach, Dominik Ose, Martin Pinquart, Evelyn Plamper, Peter Propping, Volker Pudel, Wolfhart Puhl, Wolfgang Rathmann, Rolf Rosenbrock, Ursula Schlipköter, Ernst-Peter Schnabel, Ulrike M.E. Schulze, Friedrich Wilhelm Schwartz, Hans Joachim Seidel, Johannes Siegrist, Rainer K. Silbereisen, Staphanie Stock, Sigrid Stöckel, Harald Strippel, Anne Ströbel, Alf Trojan, Ulla Walter, Rolf Weitkunat und Nikos Werner.
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Thema

Laut Untersuchungen des Sachverständigenrates der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen dominiert innerhalb des deutschen Gesundheitssystems die akutmedizinisch, somatisch fixierte Versorgung von Patienten. Dies ist auch dort der Fall, wo aufgrund der individuellen Besonderheiten, insbesondere bei chronischen Erkrankungen die Einbeziehung präventiver und gesundheitsfördernder Maßnahmen angemessen wäre. Patienten werden in vermeidbaren Abhängigkeitsstrukturen gehalten, anstatt gezielt informiert und geschult zu werden, so dass patienteneigene Ressourcen ungenutzt bleiben.

Das Bundesgesundheitsministerium hat auf diese Erkenntnisse reagiert, indem es den (immer noch) pathogen orientierten Begriff der Prävention durch den salutogen orientierten Begriff der Gesundheitsförderung ergänzt hat und die Förderung der Gesundheit zu einem zentralen Ziel und der vierten Säule der Gesundheitspolitik ausbauen will. Da mittel- und langfristig davon auszugehen ist, dass eine verstärkte Fokussierung von Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen, gerade bei chronisch Kranken dazu beiträgt, beschwerdefreie Phasen zu verlängern, die Schwere der Krankheitsschübe zu reduzieren und dadurch den Behandlungsbedarf herab zu setzen, soll künftig ein Schwerpunkt aktueller Gesundheitspolitik die aktive Förderung und Erhaltung von Gesundheit sein.

Das Lehrbuch "Prävention und Gesundheitsförderung" zeichnet die Entwicklungen dieser Aufgabenbereiche nach und dokumentiert anschaulich die Möglichkeiten und Settings von Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen. Es bietet damit erstmalig eine konzentrierte Bündelung vorangegangener und aktueller Entwicklungen und ermöglicht so, Akteuren unterschiedlicher Professionen sich systematisch in diese Thematik einzuarbeiten.

Aufbau

Grundlagen und Konzepte von Prävention und Gesundheitsförderung

  • Einführung: Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung (Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz und Jochen Haisch)
  • Geschichte der Prävention und Gesundheitsförderung (Sigrid Stöckel)
  • Konzepte und Strategien der Krankheitsprävention (Anja Leppin)
  • Konzepte und Strategien der Gesundheitsförderung (Thomas Altgeld und Petra Kolip)

Prävention und Gesundheitsförderung im Lebenslauf

  • Prävention und Gesundheitsförderung im Kindesalter (Karl E. Bergmann und Renate Bergmann)
  • Prävention und Gesundheitsförderung im Jugendalter (Martin Pinquart und Rainer K. Silbereisen)
  • Prävention und Gesundheitsförderung im Erwachsenenalter (Toni Faltermaier)
  • Prävention und Gesundheitsförderung im Alter (Andrea Kruse)

Spezifische Prävention epidemiologisch relevanter Störungen und Krankheiten

  • Prävention von Bewegungsstörungen (Wildor Hollmann)
  • Prävention von Ernährungsstörungen (Volker Pudel)
  • Prävention chronischer Stressbelastung (Johannes Siegrist und Olaf von dem Knesebeck)
  • Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten (Nikos Werner und Michael Böhm)
  • Prävention von Krebskrankheiten (Theodor Klotz)
  • Prävention von Infektionskrankheiten (Rolf Weitkunat und Ursula Schlipköter)
  • Prävention von Diabetes und Adipositas (Andrea Icks und Wolfgang Rathmann)
  • Prävention von Depression und Sucht (Gerhard Bühringer und Anneke Bühler)

Fächerspezifische Prävention

  • Prävention und Gesundheitsförderung in der Allgemeinmedizin (Jochen Haisch)
  • Prävention in der Orthopädie (Wolfhart Puhl und Markus Flören)
  • Prävention in der Neurologie (Johannes Brettschneider und Albert C. Ludolph)
  • Prävention in der Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie (Ulrike M.E. Schulze und Jörg M. Fegert)
  • Prävention in der Arbeitsmedizin (Hans Joachim Seidel)
  • Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege (Anne Ströbel)
  • Prävention in der Zahnmedizin (Harald Strippel)
  • Prävention durch die Humangenetik (Stefan Aretz und Peter Propping)

Zielgruppen und Settings für Prävention und Gesundheitsförderung

  • Gesundheitsförderung in Familien und Schulen (Ernst Peter Schnabel)
  • Prävention und Gesundheitsförderung in Betrieben und Behörden (Uwe Lenhardt und Rolf Rosenbrock)
  • Prävention und Gesundheitsförderung in Städten und Gemeinden (Alf Trojan)
  • Prävention und Gesundheitsförderung bei Männern und Frauen (Martin Merbach und Elmar Brähler)
  • Prävention und Gesundheitsförderung bei Migranten (Rainer Hornung)

Gesundheitspolitische Umsetzung

  • Gesundheitspolitische Umsetzung von Prävention und Gesundheitsförderung (Kai Mosebach, Friedrich Wilhelm Schwartz und Ulla Walter)
  • Präventionspolitik im europäischen Vergleich (Christian Gericke und Reinhard Busse)
  • Kosten und Finanzierung von Prävention und Gesundheitsförderung (Evelyn Plamper, Stephanie Stock und Karl W. Lauterbach)
  • Prävention und Gesundheitsförderung im Medizinstudium (Hermann Heimpel)
  • Mediale Kommunikationsstrategien der Prävention und Gesundheitsförderung (Dominik Ose und Klaus Hurrelmann)

Ausgewählte Inhalte

Besonders gelungen ist die im ersten Kapitel vorgenommene Entschlüsselung relevanter Begrifflichkeiten in ihren z.T. unterschiedlichen Operationalisierungen. Die systematische Vermittlung der Grundlagen und Konzepte von Prävention und Gesundheitsförderung ermöglichen es den Leserinnen und Lesern sich Schritt für Schritt mit der Thematik vertraut zu machen und die Entwicklung, sowie auch die Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung, von ihrer Entstehung bis in die heutige Zeit nach zu vollziehen.

Aufbauend auf diese ausführliche Einführung folgt in Kapitel zwei die Darstellung der unterschiedlichen Anforderungen an präventive und gesundheitsfördernde Interventionen innerhalb des menschlichen Lebenslaufs. Als besonders aktuell, gerade auch im Hinblick auf den demographischen Wandel und die damit verbundene Zunahme älterer Menschen innerhalb unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren, ist hier der Abschnitt über "Prävention und Gesundheitsförderung im Alter" von Anja Kruse hervorzuheben. Hier werden spezifische Präventionsziele für ältere Menschen aufgeführt und durch Möglichkeiten zur physischen, psychischen, sozialen und kognitiven Prävention komplettiert. Dadurch sollen ältere Menschen in die Lage versetzt werden ihre aktive und selbständige Lebensführung möglichst lange zu erhalten, körperliche und / oder physische Erkrankungen zu vermeiden und sich ggf. notwendige Unterstützung durch ein gut ausgebautes soziales Netzwerk zu sichern.

In Kapitel drei werden spezifische Präventionsmöglichkeiten bei epidemiologisch relevanten Störungen und Erkrankungen abgehandelt. Hier weist vor allem der Beitrag von Theodor Klotz, über die "Prävention von Krebskrankheiten" auf die mangelnden professionsübergreifenden Interventionsbemühungen hin. So schreibt er z.B. auffallend wenig über die Möglichkeiten sekundärpräventiver Maßnahmen, die etwa im Rahmen einer psychosozialen Betreuung von PatienInnen durch AkteurInnen der Sozialen Arbeit wahrgenommen werden können und deren gesundheitsfördernde Relevanz z.B. durch das Konzept der Salutogenese eindeutig zu belegen sind.

Kapitel vier behandelt fächerspezifische Präventionsmöglichkeiten. Allerdings beziehen sich diese "Fächer" auch hier ausschließlich auf medizinische Bereiche, wobei der psychosoziale Themenkomplex vollkommen ausgeklammert bleibt. Besonderer Bedeutung kommt dabei sicherlich den Möglichkeiten der "Prävention und Gesundheitsförderung in der Allgemeinmedizin" zu, da Allgemeinmediziner durch die Sicherstellung der primärärztlichen Versorgung in der Regel auch zu Patienten Kontakt haben, die noch nicht (z.B. bei Impfungen) oder noch nicht ernsthaft (z.B. bei Erkältungskrankheiten) erkrankt sind. Diese Möglichkeiten hat Jochen Haisch in seinem Beitrag ausführlich zusammengefasst, in dem u.a. auch die besondere Relevanz des biopsychosozialen Denkmodells thematisiert wird. Er fokussiert dabei eindeutig die professionsübergreifende Zusammenarbeit und beschreibt deren Bedeutung für die Gesundheit der Patientinnen und Patienten.

Die möglichen "Zielgruppen und Settings für Prävention und Gesundheitsförderung" werden in Kapitel fünf dargestellt. Hier plädiert Peter-Ernst Schnabel in seinem Beitrag über "Gesundheitsförderung in Familien und Schulen" in beeindruckender Weise für die zeitgleiche und sich überschneidende Aktivierung mehrerer "Settings". Durch die sich dabei entwickelnden Synergie-Effekte lassen sich laut Schnabel umfangreichere und nachhaltigere Erfolge bei Kindern und Jugendlichen (und späteren Erwachsenen) erzielen. Er plädiert dabei im weitesten Sinne für die positive Nutzung sozialer Netzwerke, als gesundheitsfördernde Ressource.

Kapitel sechs befasst sich schließlich mit der "Gesundheitspolitischen Umsetzung" von Prävention und Gesundheitsförderung innerhalb der BRD. Insbesondere der Beitrag von Christian Gericke und Reinhard Busse ermöglicht jedoch auch Einblicke in die "Präventionspolitik im europäischen Vergleich". Besonders interessant ist in diesem Abschnitt der Beitrag von Hermann Heimpel über "Prävention und Gesundheitsförderung im Medizinstudium". Hier wird sehr deutlich, wie bedeutsam die professionsübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der Prävention und Gesundheitsförderung ist, da spezielle Bereiche wie Subjektzentrierung, Lebensweltorientierung und die Berücksichtigung gesamtgesellschaftlicher Bezüge, um nur einige zu nennen, im Medizinstudium keinerlei Berücksichtigung finden, für eine nachhaltige Präventions- und Gesundheitsförderungspraxis aber unumgänglich sind.

Das Buch endet schließlich mit der Beschreibung "Medialer Kommunikationsstrategien der Prävention und Gesundheitsförderung" von Dominik Ose und Klaus Hurrelmann und trägt damit abschließend der wachsenden Bedeutung gesundheitskommunikativer Strukturen Rechnung, bei der die sich ändernde Rolle des Patienten als "Koproduzent" und "subjektiver Experte" seiner eigenen Gesundheit dargestellt wird. Damit wird eine Herausforderung thematisiert, mit der sich die "alten",mit Sicherheit auch "neue" Akteure innerhalb des Gesundheitswesens zukünftig auseinander zu setzen haben.

Zielgruppen

Der Band ist als Lehrbuch konzipiert und soll in der Ausbildung von angehenden Medizinern, Gesundheitswissenschaftlern, Pflegefachleuten und anderen Gesundheitsprofessionen eingesetzt werden.

Tauglichkeit für potentielle LeserInnen

Auf dem rückwärtigen Einband heißt es, dass in diesem Buch Fachleute aus Gesundheitswissenschaft, Medizin, Sozialwissenschaften und Ökonomie einen Überblick über die Grundlagenkonzepte der modernen Prävention und Gesundheitsförderung geben. Dieses Anliegen wurde zweifelsohne optimal umgesetzt. Durch die hervorragende Themen- und Autorenauswahl ist dieses Buch z.Zt. sicherlich die umfassendste Zusammenfassung aktueller Konzepte und Sachlagen, innerhalb der Bemühungen um Prävention und Gesundheitsförderung, in der BRD.

Kritisch ist jedoch auch hier die deutliche Schwerpunktlegung auf die medizinische Profession zu bewerten. Insbesondere im Hinblick auf die wachsende Zahl multifaktorell bedingter Erkrankungen. Aber auch dies gibt nur das momentan noch vorherrschende "belief-system" wieder, welches die Mediziner in omnipotenter Art und Weise ins Zentrum stellt und andere Professionen mit ihren gesundheitsförderlichen Methoden und Kompetenzen abzudrängen versucht. Hier muß ein Paradigmenwandel, ausgehend von der Wissenschaft über Politik und Praxis vollzogen werden, bei dem alte Herrschaftstrukturen aufgeweicht und professionsübergreifenderes Denken und Handeln ermöglicht wird.

Fazit

Trotz der genannten Einschränkungen ist das Lehrbuch insgesamt sehr gut gelungen und bietet sicherlich für viele Professionen, die sich um mehr Gesundheit und soziale Gerechtigkeit bemühen, interessante Aspekte für eine weiterführende Arbeit auf dem Gebiet der Prävention und Gesundheitsförderung. Besonders hevorzuheben sind die Leseempfehlungen am Ende jedes einzelnen Beitrages, die es interessierten Leserinnen und Lesern erleichtern sich tiefer in die jeweilige Thematik einzuarbeiten.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Monika Köppel
Praxis für Sozialtherapie & Psychosoziale Beratung
Homepage www.sozialtherapie-koeppel.de


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Zitiervorschlag
Monika Köppel. Rezension vom 13.07.2004 zu: Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz, Jochen Haisch: Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. Lehrbuch Gesundheitswissenschaften. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2004. ISBN 978-3-456-84070-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1523.php, Datum des Zugriffs 20.01.2021.


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