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Heidrun Herzberg, Astrid Seltrecht (Hrsg.): Der soziale Körper

Cover Heidrun Herzberg, Astrid Seltrecht (Hrsg.): Der soziale Körper. Interdisziplinäre Zugänge zur Leiblichkeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 270 Seiten. ISBN 978-3-8474-0036-3. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR.

ZBBS-Buchreihe: Studien zur qualitativen Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung.
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Thema

Interdisziplinäre Zugänge zu Körper, Leib und Biographie stehen im Fokus des von H. Herzberg und A. Seltrecht herausgegebenen Sammelbandes. Aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven wird sich der Frage nach körperlicher Gesundheit und Krankheit genähert. Welche Rolle spielen bei dieser Näherung soziale, aber auch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse? Welche Antworten geben Erziehungswissenschaftler, Gesundheits- und Pflegewissenschaftler, Medizinsoziologen und Juristen auf diese Fragen? Wie sehen sich die Betroffenen?

Herausgeberinnen

  • Prof. Dr. Heidrun Herzberg ist Professorin für Pädagogik und qualititative Sozialforschung in Gesundheit und Pflege an der Hochschule Neubrandenburg.
  • Dr. Astrid Seltrecht ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Erziehungswissenschaften.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Ergebnis zweier Fachtagungen an der Hochschule Neubrandenburg zum Thema Biographie und Leib. Es knüpft an den 1999 von P. Alheit et al. herausgegebenen Sammelband Biographie und Leib an und ist in der Reihe „Biographie und Profession. Studien zur qualitativen Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung“ (ZBBS-Buchreihe) erschienen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte:

  1. Die „Einführung“ beinhaltet eine allgemeine theoretische und historische Hinführung zum Zusammenhang von Leib und Biographie.
  2. In „Körper und Leib in der Arbeitswelt“ werden Körper und Leib unter sozialrechtlichen, sozialpolitischen, pädagogischen und arbeitsrechtlichen Aspekten betrachtet.
  3. Der dritte Teil, „Körper und Leib unter dem Einfluss von Krankheit“, wendet sich der subjektorientierten Betrachtung zu.
  4. Und der vierte Abschnitt, „Körper und Leib aus professioneller Sicht“, untersucht hinsichtlich pflegewissenschaftlicher und medizinischer Gesichtspunkte den Einfluss von Krankeit auf Leib und Körper – und damit zwangsläufig auch auf das Subjekt.

Inhalt

Einleitend befassen sich zwei Aufsätze historisch und theoretisch mit Biographie und Leib. P. Alheit zeigt auf, wie Leib und Biographie der Früh- bis zur Postmoderne vier Formen von Subjektformen annehmen: Beginnend mit der „frühmodernen“ über die „bürgerliche“ und die „nachbürgerliche Subjektfiguration“ bis hin zum momentan vorherrschenden „expressiven, beinahe narzisstischen Individualismus“ der „postmodernen Subjektfiguration“. Im zweiten Aufsatz dieses Abschnitts legt A. Hanses dar, wie das Verhältnis zwischen Leib und Biographie in wissenschaftlichen, insbesondere medizinischen Diskursen vermehrt Eingang finden kann. Er legt dar, wie bedeutsam die Berücksichtigung der Beziehung zwischen Biographie, Leib und Krankheit bei der Bewältigung von Krankheit oder auch bei Gesundung sowie den damit in Verbindung stehenden Aneignungs- und Selbstbildungsprozessen ist.

Im zweiten Teil, „Körper und Leib in der Arbeitswelt“, stellt F. Welti anhand zweier Fallbeispiele dar, wie Leib und Biographie untrennbar miteinander verknüpft sind. Gleichzeitig befasst sich die juristische Praxis zuweilen konträr zur subjektiven Sichtweisemit dem selben ‚Fall‘. Was geschieht, wenn die individuelle Konstruktion von Biographie nicht mehr mit der „Normativität des Normalen“, dem Normalarbeitsverhältnis und der Normalbiographie, mit der gesellschaftlichen resp. sozialrechtlichen Konstruktion konform geht? Das Dilemma der Konformität individueller und gesellschaftlicher Erwartungen zeigt P. Alheit am Beispiel der Biographie von Schichtarbeitern auf. Deutlich wird, wie die Arbeit das Alltagsleben, die Biographie und den Leib von Schichtarbeitern bestimmt und nachhaltig prägt. Im letzten Aufsatz dieses Abschnittes gibt J. Brockmann einen Überblick über aktuelle rechtliche Regelungen, die sich auf den Gesundheits- und Krankheitszustand beziehen.

Im nächsten Teil des Buches arbeitet D. Nittel, auch unter Bezugnahme auf den Körper, vier prozessuale Lerndimensionen des Lebensablaufs heraus: das verwaltete, das zielgerichtete, das leidgeprüfte und das schöpferische Lernen. A. Seltrecht beleuchtet Körper und Leib ebenfalls aus einer subjektorientierten Perspektive. Sie untersucht mit Hilfe der Argumentationsanalyse, wie eine lebensbedrohliche Erkrankung innerhalb einer Familie erlebt wird. Hierbei zeigt A. Seltrecht auf, dass individuelle Lern- und Leidensprozesse den anderen Familienmitgliedern verborgen bleiben.

Der vierte Teil des Buches widmet sich dem Körper und dem Leib aus professioneller Sicht. H. Herzberg untersucht im Kontext von Pflege das Paradox der extrem entindividualisierten Standardorientierung mit dem in der Pflege gleichzeitig aufscheinenden lebensweltlich begründeten individuellen Holismus. Sie schlägt vor, das in der Pflege momentan vorherrschende Konzept des „Evidence-based Nursing and Caring“ um ein handlungstheoretisch fundiertes Biographiekonzept und um eine biographische Rahmung zu erweitern. Die nächsten drei Beiträge widmen sich empirischen Analysen der professionellen Sicht von Ärzten. S. Kuczyk untersucht, wie in von Ärzten gehaltenen Vorträgen biographische Körperkonzeptionen betrachtet oder beachtet werden. Der Frage der Wissensvermittlung von Ärzten geht auch C. Detka nach. Er untersucht, wie innerhalb von Arztgesprächen in Rehabilitationskliniken auf die biographischen Körperkonzepte von Patienten eingegangen wird. Im letzten Aufsatz zeigt F. Schütze auf, wie bei Professionellen alltagsweltliche und medizinische Typisierungen über Körper und Leib miteinander verzahnt sind.

Diskussion

Der Sammelband stellt unter Rückgriff auf verschiedene disziplinäre Zugänge gewinnbringende Perspektiven auf den wechselseitigen Bezug von sozialem Körper und individueller Leiblichkeit dar. Ein Buch mit diesem Anspruch thematisiert zwangsläufig auch Bekanntes. Einige Aufsätze sind an anderer Stelle in ähnlicher Form publiziert. Dessen ungeachtet liefert das Buch gute Ideen, wie bspw. die Aufsätze von A. Hanses, H. Herzberg, A. Seltrecht und F. Welti. So zeigt der Artikel von A. Hanses die Bildung spezifischer diskursiver Wissensordnungen und die Konstruktion des Körpers als Wissenssystem auf und liefert, Bezug nehmend auf M. Foucault, P. Bourdieu, R. Gugutzer und D. Holland, erste Hinweise, wie dieser Zusammenhang weitergedacht werden könnte. Der Aufsatz von A. Seltrecht wirft die Frage auf, inwieweit die Situation der Datenerhebung forschungsethisch vermehrt beleuchtet werden sollte. Wenig ethisch hinterfragt wurde bisher, was diese künstlich herbeigeführte Erhebungssituation bei den Informanten auslöst. An vielen Stellen ist es wünschenswert, die bisher zumeist biographietheoretisch begründeten Ansätze inter- und transdisziplinär weiter auszuarbeiten. Wie können bspw. Körper, Leib und Biographie in der Medizin therapeutisch diskutiert und genutzt werden? Können im Rahmen sozialrechtlicher Entscheidungen biographische Überlegungen verstärkt einbezogen werden?

Fazit

Der Sammelband stellt ein gutes Beispiel für interdisziplinäre Kooperation dar. Er regt dazu an, perspektivisch vermehrt über Konzepte inter- und transdisziplinärer Kooperationen nachzudenken, „Interdisziplinären Zugängen zur Leiblichkeit“ sowohl in juristischen wie auch in medizinischen Diskursen mehr Platz einzuräumen. Für Erziehungswissenschaftler liefert das Buch sowohl aus einer disziplinären als auch aus einer professionsbezogenen Perspektive viele neue Impulse und Ideen.


Rezensentin
Dr. Sandra Lentzen
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Homepage www.psychotherapiepraxis-lentzen.de
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Zitiervorschlag
Sandra Lentzen. Rezension vom 10.09.2013 zu: Heidrun Herzberg, Astrid Seltrecht (Hrsg.): Der soziale Körper. Interdisziplinäre Zugänge zur Leiblichkeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-8474-0036-3. ZBBS-Buchreihe: Studien zur qualitativen Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15230.php, Datum des Zugriffs 24.02.2018.


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