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Werner Neuss (Hrsg.): [...] Betriebswirtschaftslehre aus institutionenökonomischer Sicht

Cover Werner Neuss (Hrsg.): Einführung in die Betriebswirtschaftslehre aus institutionenökonomischer Sicht. Mohr Siebeck (Tübingen) 2013. 8., überarb. u. ergänzte Auflage. 640 Seiten. ISBN 978-3-16-152747-0. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Neue ökonomische Grundrisse.
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Thema und Aktualität

Der Handel mit Derivaten und die nachfolgende Finanzkrise machten deutlich, was auch vorher bereits bekannt war: Menschen handeln nicht als „homo oeconomicus“ in einem ausschließlich monetären Sinn. Vielmehr spielen Emotionen oder soziale Beziehungen in Bewertungen hinein und begründen das (Nicht-) Funktionieren von Anreizsystemen.

Institutionenökonomie ist nicht neu. Aber dass ihre Ansätze neuerdings verstärkt diskutiert werden hängt eben auch damit zusammen, dass die Erklärungsansätze ökonometrischer Modelle offensichtlich begrenzt sind. Institutionsökonomische Theorien helfen, soziale, politische oder wirtschaftliche Einflüsse auf Entscheidungen zu verstehen, die jenseits rein ökonomischer Rationalität wirken. Insofern sind sie ein Beitrag, Wirtschaftswissenschaften als Gesellschaftswissenschaften zu „denken“ – und damit sehr aktuell. Schließlich stehen Fragen z.B. zur Verteilung gesellschaftlichen Wohlstands, sozialer Aufstiegschancen oder der Risikoverteilung zwischen Wirtschaftsakteuren auf der Agenda gesellschaftspolitischer Diskussionen.

Herausgeber und Autoren

Jürgen Eichberger hat 1982 an der Universität Mannheim promoviert und wurde 1992 als Professor für Betriebswirtschaftslehre an die Universität des Saarlands berufen. Im Jahr 2000 nahm er einen Ruf als Professor für Betriebswirtschaftslehre an die Universität Heidelberg an.

Werner Neuss hat nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Köln promoviert und habilitiert. Seit 1994 ist er Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Tübingen.

Aufbau …

Gegliedert ist die Monographie in die Abschnitte

  • „Einführung“ (Teil I),
  • „Individuen, Märkte und Unternehmen“ (Teil II),
  • „Funktionsbereiche des Unternehmens“ (Teil III),
  • „Analytische Instrumente für die Betriebswirtschaftslehre“ (Teil IV) und
  • „Schluss“ (Teil V).

Fast alle Teile sind in Wissensvermittlung, „Wiederholungsfragen und Übungsaufgaben“, „Literaturhinweise“, eine „Zusammenfassung“ und „Schlüsselbegriffe“ gegliedert. Lediglich der Teil „Analytische Instrumente der Betriebswirtschaftslehre“ verzichtet auf „Zusammenfassungen“ und der „Schluss“ (Teil IV) darüber hinaus auf „Literaturhinweise und Übungsaufgaben“ und „Schlüsselbegriffe“.

Die am Ende der Kapitel gestellten Übungsaufgaben sind überschaubar und vielfältig. Bei den Literaturhinweisen handelt es sich nicht nur um eine Aufzählung empfohlener Literatur, sondern darüber hinausgehende Hinweise, die dem Verständnis der Leser dienen und die Literaturempfehlungen in einen Kontext stellen. Zusammenfassungen der einzelnen Abschnitte zeichnen sich durch eine hohe Dichte, klare Strukturierung und verständliche Sprache aus.

… und ausgewählte Inhalte

Beispielhaft werden die Abschnitte „Einführung“ (Teil I) und „Individuen, Märkte und Unternehmen“ (Teil II) behandelt.

Wohltuend wird in der Einführung der Begriff „Betrieb“ differenzierter betrachtet als üblich und leitet daraus zu handelnden Menschen über. Für Soziologen mag dies üblich sein – für Betriebswirte ist es das nicht. Es dient aber dem Ansatz des Buches, nämlich auf Grundlage institutionenökonomischer Herangehensweise ein anderes Verständnis für betriebswirtschaftliche Fragen zu ermöglichen.

Der Abschnitt „Individuen, Märkte und Unternehmen“ stellt Koordinationsmechanismen an den Anfang der Argumentation. Davon ausgehend werden Rahmenbedingungen betrachtet, unter denen die Existenz von Unternehmen sinnvoll ist. Robinson Crusoe wird als Beispiel für typische Koordinations- und Entscheidungsprobleme eines Wirtschaftssubjektes gewählt. Das ist anschaulich, überschaubar und erleichtert die Erläuterung betriebswirtschaftlicher Grundbegriffe wie Präferenzen, Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungstypen, Aktivitäten und Unsicherheiten. Damit sind die Voraussetzungen für ein Grundmodell der Entscheidungstheorie geschaffen. In dem anschließenden Kapitel werden effiziente und optimale Aktionen behandelt. Auch hier fällt die klare Sprache und Logik angenehm auf. Nicht in dieses Gliederungsschema passende betriebswirtschaftliche Themen unter der Überschrift „Für Robinson irrelevante Fragestellungen“ zu subsumieren, ist ausgesprochen originell.

Diskussion

Angesichts zunehmend globaler Zusammenhänge von Arbeits-, Beschaffungs- und Absatzmärkten erscheint ein eigenes Kapitel zum Thema Globalisierung sinnvoll. Umso mehr, als sich hieraus soziokulturelle Einflüsse ergeben, die auf vielfältige Aspekte betrieblicher Abläufe (z.B. Organisation, Marketing, Corporate Identity) einwirken. Der sinnvolle Ansatz der Autoren, Wirtschaftswissenschaften stärker mit individuellen Entscheidungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen („Institutionen“) zu verknüpfen, ließe sich so weiter entwickeln.

Erstaunlich ist, dass auf Elinor Ostrom überhaupt kein Bezug genommen wird, obwohl sie mit ihrer institutionenökonomischen Betrachtung der Allmendegüter einen sehr plastischen Beitrag zum Verständnis der Grenzen von Kooperation und Wettbewerb lieferte. Dieses „Schicksal“ teilt sie allerdings mit anderen, wie z.B. North (1992), der ebenfalls erheblichen Anteil am Erkenntnisgewinn der Instititutionenökonomie hatte.

Fazit

Das Herangehen der Autoren, Institutionenökonomik als Ansatz zum Verständnis betriebswirtschaftlicher Zusammenhänge zu wählen, ist eine Bereicherung. Ihr Hinweis, dass diese Perspektive nur als eine mehrerer möglicher Ansätze zu sehen ist, ehrt die Autoren. Aus der gewählten Perspektive wird der Bezug zur Gesellschaft hergestellt, in dem wirtschaftliche Akteure handeln. Daraus leiten sich geltende Institutionen, deren (Nicht-)Einhaltung oder Veränderungen ab.

Sehr angenehm fällt auf, dass in kurzen, verständlichen Sätzen und Zusammenhängen argumentiert wird. Gleichwohl gelingt es, komplexe Sachverhalte zu erläutern, auf einfache Fragen hinzuführen und einen Bezug zum Alltag des Lesers herzustellen.

Abschnitte und Kapitel des Buches sind klar gegliedert, strukturiert und auf einander abgestimmt.

Literatur

  • North, Douglass Cecil (1992): Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung. Tübingen.
  • Ostrom, Elinor (1999): Die Verfassung der Almende. Bd. 104. Tübingen

Rezension von
Dr. Andreas Siegert
Fachhochschule für Ökonomie und Management (Studienort Berlin)


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Zitiervorschlag
Andreas Siegert. Rezension vom 12.12.2013 zu: Werner Neuss (Hrsg.): Einführung in die Betriebswirtschaftslehre aus institutionenökonomischer Sicht. Mohr Siebeck (Tübingen) 2013. 8., überarb. u. ergänzte Auflage. ISBN 978-3-16-152747-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15248.php, Datum des Zugriffs 14.04.2021.


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