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Björn Hagen (Hrsg.): GEWALT: Erziehungshilfen mit Sicherheit

Cover Björn Hagen (Hrsg.): GEWALT: Erziehungshilfen mit Sicherheit. Evangelischer Erziehungsverband e.V. (EREV) (Hannover) 2013. 152 Seiten. ISBN 978-3-9811060-5-3. 7,50 EUR.

Beiträge zu Theorie und Praxis der Jugendhilfe.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Titel der Tagungsdokumentation, GEWALT: Erziehungshilfen mit Sicherheit, liefert einige aussagekräfte Schlagwörter: In den Medien wird immer wieder über Gewaltverbrechen von Jugendlichen berichtet. Diese Darstellungen prägen die allgemein verbreitete Vorstellung von immer gewaltbereiteren und aggressiveren Jugendlichen. Ein Blick in die Statistiken verrät dagegen, dass die Zahlen der jugendlichen Straftäter seit einigen Jahren rückläufig sind. Andersherum sind Kinder und Jugendliche, die durch Erziehungshilfen betreut werden, immer stärker belastet. Dies kann aus Gewalterfahrungen resultieren, welchen die jungen Menschen selbst im familiären oder weiteren sozialen Umfeld ausgesetzt wurden.

Die Arbeit mit solch einer Klientel, sei es gewalterfahren oder gewalttätig, erfordert spezielle Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, um den Bedarfen dieser Klientel gerecht zu werden. Die Angebote müssen, um den Anforderungen zu genügen, Sicherheit bieten, für die jungen Menschen und die dort arbeitenden pädagogischen Fachkräfte.

Die Bundesfachtagung des EREV im Mai 2013 befasste sich mit dieser Thematik. Die Dokumentation stellt die Inhalte der bereiteren Fachöffentlichkeit zur Verfügung.

Aufbau

Die Dokumentation ist nach einem Editorial von Hagen, dem Herausgeber, und einem Grußwort von Knorr, dem ersten EREV-Vorsitzendem, in drei Abschnitte untergliedert.

  1. Gewalt und ihre Auswirkungen
  2. Konzepte der Prävention…
  3. …und Antworten auf Gewalt in der Praxis

Die drei Abschnitte umfassen insgesamt 15 Beiträge von AutorInnen, die in verschiedenen Bereichen der Arbeit mit gewalterfahrenen und/oder gewattätigen Kindern und Jugendlichen zu verorten sind.

Zu 1. Gewalt und ihre Auswirkungen

Im ersten Abschnitt setzen sich die AutorInnen Polland, Ellinger, Strauß sowie Hesselink und Lindemann mit gewaltgeschädigten Kindern und Jugendlichen auseinander. Als Auswirkung von Gewalterfahrungen erhalten Traumata einen besonderen Stellenwert.

Polland eröffnet die Beitragsreihe mit ihrem Artikel „Gewalt gegen Kinder und deren besonderer Bedarf der Diagnostik, Therapie und Hilfe – Arbeit im Grenzbereich von Freiwilligkeit und Zwang“. Sie beschreibt die Arbeit von Kinderschutzambulanzen, deren zentrale Aufgaben und die Problematik möglicher Zwangskontexte.

Ellinger klärt in seinem Beitrag „Pädagogische Förderung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen“ darüber auf, was unter einem Trauma überhaupt zu verstehen ist und anhand von kurzen Beispielen, wie sich ein Trauma bei den KlientInnen zeigen kann. Aus diesen Grundlagen ableitend führt er auch hilfreiche pädagogische Maßnahmen im Umgang mit traumatisierten jungen Menschen auf.

Strauß zeigt anhand der hohen Zahlen stark belasteter junger Menschen in allen Bereichen der Hilfen auf, dass das Helfersystem aufgrund von Überforderung scheitert und stellt die Frage „Wohin mit ihnen…? Welche klinische Ergänzung braucht eine traumapädagogische Arbeit?“, auf welche er mit einem Vorschlag für Leitlinien für stationäre Wohngruppen antwortet.

Hesselink und Lindemann betrachten die Form von Gewalt, die von den Hilfeanbietern ausgeübt wird. In ihrem Beitrag „Jugendhilfe zwischen Hilfe- und Machtagentur“ geht es vor allem um Machtausübung des Hilfesystems und dessen AkteurInnen. Hier spielen verschiedene Aspekte eine Rolle, so beispielsweise die Ausschließung von Kindern und Jugendlichen durch erlebnispädagogische Maßnahmen im Ausland oder auch Qualität sowie Quantität von Regelwerken und Jugendhilfeeinrichtungen.

Zu 2. Gewalt Konzepte und Prävention…

Im zweiten Abschnitt werden präventive Projekte aus der Praxis vorgestellt, die auf verschiedenste Weise auf Gewalt reagieren.

Opfermann präsentiert als erstes das Keep Cool Training (KCT) im Eylarduswerk. Er beschreibt die grundlegenden Annahmen und Ziele des Trainings sowie die praktische Durchführung am Beispiel der KEEP-COOL-GRUPPE einer Intensivwohngruppe. Das Training richtet sich an Mädchen und Jungen, bei denen delinquente Entwicklungen durch präventive Arbeit abgewendet werden können.

Grysczyk stellt ein anderes soziales Kompetenztraining vor: Coolnesstraining – Gewaltprävention in der Jugendhilfe. Dieses Training beruht auf den Grundlagen der konfrontativen Pädagogik, was im Wesentlichen bedeutet, dass die Jugendlichen als Person verstanden, ihre Taten aber nicht akzeptiert werden. Das Training besteht aus verschiedenen Modulen, in denen sich die TeilnehmerInnen mit Themen wie Respekt, Aggression, Konfliktlösungsstrategien und Mediation auseinandersetzen sollen. Auch dieses Training richtet sich präventiv an Kinder und Jugendliche, um ihnen mehr Selbstbewusstsein zu ermöglichen.

Drawert beschreibt als weiteren präventiven Ansatz die MARTE MEO Methode in ihrem Beitrag „Persönliche Betrachtungen und Überlegungen zum Gewaltphänomen vor dem Hintergrund meiner beruflichen Erfahrungen mit MARTE MEO, einer Methode für sozial-emotionale Entwicklungsunterstützung“. MARTE MEO ist ein Konzept, dass die sozial-emotionale Entwicklung unterstützt und darauf abzielt, Eltern soweit in familiären Belangen zu unterstützen, dass sich die Kinder gut entwickeln können. Drawert beschreibt gefährdete Gruppen und deren Problemlagen sowie die Arbeit nach MARTE MEO mit den betroffenen Familien.

Gudat stellt das Projekt CROSS ROADS: Gewaltprävention, Deeskalationstraining und „Kämpfen nach Regeln“ im Kinderheim Marianum Krefeld vor. Er beschreibt die Entstehung des Projekts von der Idee über die Planung bis hin zur Durchführung. Inhaltlich befasst sich das Projekt mit den Themen Gewaltprävention, Deeskalationstraining und Kämpfen nach Regeln.

Bex umreißt die RheinFlanke, eine gemeinnützige Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat: Soziale Potenziale des Fußballs systematisch in der Jugendhilfe einsetzen.Der Träger arbeitet mit Kindern und Jugendlichen eines breiten Alters- und Kulturspektrums und versucht diese über den Sport zu erreichen. Es werden verschiedene Projekte wie eine mobile aufsuchende Jugendarbeit oder das Programm QuerPass, das Arbeitslosigkeit verhindern soll, angeboten.

Thünemann stellt in „Erfolgreich verhandeln, deeskalieren und Krisen bewältigen: Das Krisenkompetenztraining „go straight““ ein Programm vor, dass sich an MitarbeiterInnen der Suchthilfe, Psychiatrie, Forensik aber auch Kinder- und Jugendhilfe richtet. Es soll die Fachkräfte dazu befähigen selbstbewusster und professioneller in Krisensituationen zu handeln. Im Beitrag werden das zugrundeliegende Krisenmodell, Aggressionstypen und die Grundwerte des Trainings erläutert.

Blaich skizziert das Projekt Medienscouts in der Kinder- und Jugendhilfe – Ein Peer Education Projekt zur Förderung von Medienkompetenz und zur Gewaltprävention, das sich dem heute fast selbstverständlichen Umgang von Kindern und Jugendlichen mit modernen Medien wie dem Internet annimmt. Das Projekt reagiert auf die Gefahren der Nutzung digitaler Medien, indem jugendliche Medienscouts in Hilfen zur Erziehung ausgebildet werden und dann als Ansprechpartner für Gleichaltrige fungieren.

Zu 3. …und Antworten auf Gewalt in der Praxis

Endruschat und Müller eröffnen den dritten Abschnitt Abschnitt mit einem Bericht über das Projekt „Stop and Go“: Untersuchungshaftvermeidung und -verkürzung in NRW. Die AutorInnen beschreiben ihre Arbeit mit jugendlichen Straftätern, den Tages- und Wochenablauf sowie die wichtigsten Betreuungsgrundsätze der Einrichtung.

Manteuffel und Fischer erläutern ein weiteres Projekt, das mit straffälligen Jugendlichen arbeitet: Projekt Chance – sicher etwas anders und so anders sicher. Dieses Projekt des CJD Creglingen arbeitet an der Schnittstelle von Jugendhilfe und Justiz in der Form, dass es Jugendstrafvollzug in freier Form anbietet. Die Jugendlichen sollen dort in einem sicheren Rahmen lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, sich gleichzeitig aber auch ausprobieren können. Im Betreuungsalltag wird vor allem mit Gruppendynamiken gearbeitet, die natürlich von den BetreuerInnen in die richtigen Bahnen gelenkt werden muss.

Krause leitet den Vergleich Offene und geschlossene Intensivgruppen – zwei wirksame Konzepte ein, indem er allgemeine Informationen zu Intensiv-Plätzen gibt. Poschmann und Reinecke stellen dann Die offene Intensivwohngruppe „Hof Weduwn“ – Arbeit mit gewaltbereiten Jungen auf einem ehemaligen Bauernhof vor. Sie beschreiben neben dem pädagogischen Leitgedanken auch ihre Zielgruppe, den pädagogischen Alltag und die multiprofessionelle Ausrichtung der MitarbeiterInnen der Wohngruppe. Die geschlossene Intensivtherapeutische Wohngruppe (GITW) – Arbeit mit gewaltbereiten/hochdelinquenten männlichen Kindern und Jugendlichen wird im Folgenden von Schwarze und Markus beschrieben. Auch hier werden die Arbeitsweise und das Personal des Projektes beschrieben. Zusätzlich ziehen die AutorInnen ein kurzes Resümee über den Vergleich der Wohngruppen und kommen zu dem Schluss, dass sich zwischen der Arbeit in beiden Gruppen breite Parallelen ziehen lassen.

Stübi erläutert Hilfen an der Schnittstelle Erziehungshilfen und Justiz – Perspektiven und Realitäten in der Schweiz in seinem Beitrag, indem er am Beispiel der Kantonalen BEObachtungsstation aufzeigt, welche Aspekte der Lebensverhältnisse im Rahmen des Jugendstrafgesetzes abgeklärt werden. Die BEO für diese Abklärung voll- und teilstationäre Plätze für eine Abklärung oder auch längerfristige Betreuung an. Der Beitrag wird mit einem Interview, welches Wiesner mit Stübi und Macsenaere zu der Fragestellung, ob für 13-16 Jährige mit auffälligem Verhalten Gruppenorientierung die richtige Methode sei führt, beendet.

Diskussion

Das Thema Gewalt wird in der Dokumentation aus hauptsächlich zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet. Zum einen werden die Kinder und Jugendlichen als Opfer von Gewalt behandelt, zum anderen als selbst gewaltausübende Täter. Der Band spiegelt die häufige Abfolge in der Realität in seinem Aufbau wieder: Zuerst werden Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt. Dies kann durch die eigene Familie, Gleichaltrige oder auch das Internet geschehen. Diese Erfahrungen verknüpft mit einem mangelhaften sozialen Rückhalt, fehlendem Selbstbewusstsein oder anderen Defiziten können die gewalterfahrenen jungen Menschen dazu veranlassen, selbst gewalttätig zu werden. Die Praxislandschaft reagiert darauf mit einer Vielzahl an Präventionsprogrammen, von denen eine Auswahl auch im Band vorgestellt wird. Die meist recht kurz gehaltenen Beiträge ermöglichen einen kurzen Einblick in die Projektlandschaft und machen deutlich, dass viele Ideen und Ansätze existieren.

Auch die Konzepte der Einrichtungen, die sich an Kinder und Jugendliche wenden, die bereits auffällig oder sogar straffällig geworden sind, sind vielfältig. In der Dokumentation wird aufgezeigt, dass es streng regulierte Einrichtungen gibt, welche - teilweise auch im Zwangskontext – mit den betroffenen Menschen arbeiten.

Immer wieder wird auch betont, dass der Aspekt der Sicherheit in den Erziehungshilfen sich auf verschiedene Personengruppen beziehen kann. Die KlientInnen benötigen Sicherheit – vor erneuten Gewalterfahrungen, um sich gesund entwickeln zu können oder um ihre Grenzen austesten zu lernen, aber auch vor der Macht des Hilfesystems selbst. In der Arbeit mit gewaltbereiten KlientInnen benötigen aber auch die MitarbeiterInnen Sicherheit – im Umgang mit den jungen Menschen, Krisen und bedrohlichen Situationen, aber auch vor Gewaltübergriffen.

Es fällt auf, dass viele der Vorgestellten Projekte mit der Gruppendynamik bzw. der Positiv Peer Culture arbeiten. Ein Ansatz, der weit verbreitet ist, im letzten Beitrag der Dokumentation aber durch Stübi und Macsenaere in Frage gestellt wird. Ihre neusten Erkenntnisse aus aktuellen Untersuchungen weisen darauf hin, dass Jugendliche im Alter von 13-16 Jahren wenig Entwicklungserfolge in einer Gleichaltrigengruppe erzielen. Vielmehr erweisen sich Individualpädagogische Maßnahmen als effektiver und effizienter.

Fazit

Der Dokumentationsband ermöglicht einen Überblick über Projekte, Einrichtungen und Trainings für alle Personengruppen, die mit dem Gewaltphänomen konfrontiert werden, sei es als Opfer, Täter oder Helfer. Auch wenn viele Beiträge nur wenige Seiten lang sind, erlangen die LeserInnen einen Einblick über Möglichkeiten und Erfolge in der Arbeit mit gewaltgeschädigten und/oder gewalttätigen Kindern und Jugendlichen.


Rezensentin
Anne-Laura Weißleder


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Zitiervorschlag
Anne-Laura Weißleder. Rezension vom 26.11.2013 zu: Björn Hagen (Hrsg.): GEWALT: Erziehungshilfen mit Sicherheit. Evangelischer Erziehungsverband e.V. (EREV) (Hannover) 2013. ISBN 978-3-9811060-5-3. Beiträge zu Theorie und Praxis der Jugendhilfe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15249.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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