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Andreas Anter (Hrsg.): Wilhelm Hennis´ politische Wissenschaft

Cover Andreas Anter (Hrsg.): Wilhelm Hennis´ politische Wissenschaft. Fragestellungen und Diagnosen. Mohr Siebeck (Tübingen) 2013. 369 Seiten. ISBN 978-3-16-152235-2. 59,00 EUR.
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Politik heißt Werturteile fällen

Der Mensch ist nach Aristoteles ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen, weil er kraft seines Verstandes und seines Strebens nach euzôia, einem „guten Leben“, fähig ist, individuell und in Gemeinschaft mit anderen Menschen zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht unterscheiden zu können. In der abendländischen Philosophie und in den Lebenswissenschaften wird deshalb der Frage, ob der Mensch des Menschen Wolf oder sein Gott (Gut) sei, immer wieder ein Nachdenken gewidmet (z. B.: Arno Bammé, Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt. Zäsuren abendländischer Epistoemologie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14403.php). Die eminent politische Frage, ob sich die sich ständig wandelnde Gegenwart eine veränderte Vergangenheit schafft und gleichzeitig eine humane Zukunft ermöglicht, wird von den antiken bis hin zu den Staatstheoretikern der Neuzeit gestellt. Wir stehen an einen der Urgründe menschlichen Denkens. Es ist die Nachschau nach dem, „wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann, 1980); es ist die Verzweiflung, dass „die menschliche Vernunft ( ) das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse (hat): dass sie durch Fragen bestätigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft“, wie dies Immanuel Kant in seiner Vorrede zur ersten Ausgabe von „Kritik der reinen Vernunft“ 1781feststellt; es ist die Gewissheit, dass das „Ende der Gewissheiten“ angebrochen ist (vgl. dazu: Michael Thoss, Hrsg., Das Ende der Gewissheiten. Reden über Europa, München 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7917.php). Es ist nicht zuletzt die fundamentale Erkenntnis, „dass wir die Demokratie besser verstehen, wenn wir lernen, sie vor dem Hintergrund dessen zu betrachten, was sie fundamental und systematisch ablehnt: ob Monarchie, Diktatur oder Fundamentalismus.(Philip Manow, Politische Ursprungsphantasien. Der Leviathan und sein Erbe, 2011,www.socialnet.de/rezensionen/11843.php). Dass dabei die Fähigkeit geschult werden muss, Wirklichkeiten zu erkennen (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php), gehört genau so zum eigenen Denk-Repertoire (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php), wie die Kenntnis der menschlichen, politischen und gesellschaftlichen Geschichte (Marcus Llanque, Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14296.php), und einer humanen und machtverantwortlichen Zukunftsgestaltung (Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Das vorliegende Buch „Wilhelm Hennis‘ Politische Wissenschaft“ wurde (eigentlich) als Hommage zum 90. Geburtstag des Freiburger Politikwissenschaftlers Wilhelm Hennis, dem 18. Februar 2013, von seinen Freunden, Schülern und Weggefährten geplant. Sein Tod am 10. November 2012 hat dies nicht mehr ermöglicht. So legen sie, gewissermaßen als sein Vermächtnis, jetzt den Sammelband vor. Er wird herausgegeben vom Politikwissenschaftler Andreas Anter, der an der Universität in Leipzig lehrt. Als der damalige wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl „Theorie der Politik“ der Berliner Humboldt-Universität, Stephan Schlak, 2007 seine Dissertation „Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik“ (C. H. Beck-Verlag, München 2008, 280 S.) vorlegte, da schien der noch Lebende in der Schublade „Erledigt“ eingeordnet zu sein; zumal Hennis als „akademischer Rebell“ sich nicht um das „Neusprech“ und den Mainstream kümmerte, sondern den Herrschenden wie den Beherrschten seine Einschätzung und Analyse zur Lage des Landes schonungslos mitteilte, etwa zu seinem 85. Geburtstag: „Ich bin unzufrieden mit meinem Land, mit Deutschland, und mit seinen Universitäten“.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in drei Kapitel gegliedert:

  1. „Politikwissenschaft und Politische Theorie“,
  2. „Regieren im modernen Staat“,
  3. „Politische Ideengeschichte und Publizistik“.

Im Anhang wird ein Gespräch abgedruckt, das Stephan Schlak mit Wilhelm Hennis geführt hat: „Die existentielle Dimension des Politischen“. Eine vervollständigte Bibliographie seiner Schriften, Zeitungsbeiträgen, Interviews und Diskussionsbeiträgen, Herausgebertätigkeiten und Veröffentlichungen über Wilhelm Hennis komplettieren das Buch.

Der Mannheimer Politikwissenschaftler (em.) Peter Graf Kielmannsegg setzt sich mit der Frage – „Was heißt und zu welchem Ende treibt man Politikwissenschaft“ – mit den Grundfesten und Prinzipien von Hennis‘ Politikverständnis auseinander und formuliert seine Antwort „gegen den Strom“. Damit signalisiert er bereits ein wesentliches Charakteristikum des Geehrten, und er bekennt sich als Schüler und Weggefährte zu einer Aussage, die Friedhelm Neidhardt anlässlich der Laudatio zur Verleihung des Schader-Preises am 8. 11. 2001 zitiert: "Das Wirklichkeitsbild des Intellektuellen und die Welt des Handelnden haben, zumal im Felde der Politik, immer weniger miteinander zu tun, weil die komplizierte gesellschaftliche Wirklichkeit der erfahrungslosen bloßen Reflexion immer unbegreiflicher wird". Hennis Eintreten für demokratische und parlamentarische Politik und sein Insistieren für ein (aristotelisches) historisches und ethisches Bewusstsein gründet ja in der Überzeugung, dass „Politikwissenschaft … einen normativen Grund und eine normative Aufgabe (hat), weil Politik der Einbettung in eine sittlich geordnete Welt bedarf“.

Die Politikwissenschaftlerin Tine Stein von Christian-Albrechts-Universität zu Kiel reflektiert „Wilhelm Hennis‘ Demokratieverständnis“. Sie arbeitet heraus, dass Hennis keine „Schule“ gegründet oder eine Systematik vorgelegt habe; vielmehr findet sie als Schlüsselbegriff nicht die „Demokratie“, sondern „das Regieren und das Regiertwerden“. Seine Blickrichtung ist der Souverän, das Volk also, und in einer repräsentativen Demokratie seien das Amt, die politische Funktion und die Tugend der Bürger und der politischen Akteure Maßstab für politisches Denken und Handeln. Die existentiellen Herausforderungen für ein politisches Dasein müssen von der Politikwissenschaft als praktische Wissenschaft aufgezeigt und eingefordert werden.

Der Politikwissenschaftler von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Reinhard Mehring, zeigt am Beispiel von Hennis‘ Habilitationsverfahren, das sich über mehrere Jahre (1959 – 1963) hinzog und bei den Frankfurter Gutachtern auf Zustimmung und Ablehnung stieß, die Schwerpunktsetzungen und Perspektivenwechsel im Werdegang von Hennis‘ auf. Mehring kennzeichnet diese Entwicklung als „Teleologie und Topik“ und verdeutlicht damit die Wendung Hennis‘ von der praktischen Philosophie hin zur politischen Wissenschaft, „als eine Umstellung des Politikbegriffs von der Macht zum Telos, von der Politics-Dimension zur Policy-Dimension“. In der Subsumierung von antikem, ethischem Denken und Rhetorik mit empathischer (Weberscher) Selbstverständigung konnte deshalb Hennis auch überzeugend ausdrücken: „Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt“.

Andreas Anter geht in seinem Beitrag „Wilhelm Hennis‘ Verfassungsdiagnostik“ auf eine der wesentlichen Herausforderungen der Politischen Wissenschaft ein: Kritik als Beruf. „Kritik unserer Zustände (ist) eine untrennbar mit aller politischen Bildungsarbeit verbundene Aufgabe“. Die Verfassung als „Wertordnung“, ihr gar einen „sakralen Gebotsrang zuzuschreiben“, lehnt Hennis ab; vielmehr sieht er in der Verfassung ein „Instrument der Regulierung der Politik und des Regierens“.

Das zweite Kapitel „Regieren im modernen Staat“ beginnt der politische Philosoph von der Università degli Studi di Torino, Pier Paolo Portinaro mit seinem Beitrag „Wilhelm Hennis und die Kunst des Regierens“. Mit seiner einfühlsamen Charakterisierung des Hildesheimer Politikwissenschaftlers, „im Dienste einer polytheistischen Wirklichkeit Fuchs sein zu müssen, wo sein Naturell dazu neigte, eher Igel zu sein“, verweist Portinaro darauf hin, dass Hennis in seinem Werk an zwei Fronten kämpfte: „gegen die Ausblendung der Problematik des Regierens und gegen eine Verkürzung auf seine technisch-konstruktivistische Dimension“. Politisches Wissen und Kompetenz sind immer „ein Produkt der Sorge“, was sich nur durch diagnostisches Denken herstellen lasse.

Die Politikwissenschaftlerin von der Universität Hamburg, Christine Landfried, greift in ihrem Beitrag „Der Bundestag als ‚Forum der Nation‘“ den Gedanken Hennigs auf, dass die Volksvertretung in einer modernen Demokratie als „Forum der Nation“ agiere und, als Regierungsvertretung und Opposition gezwungen sei, Begründung und Verantwortung politischen Handelns zu zeigen. Diese Aufgabe entziehe sich der Bundestag in vermehrten Maße dadurch, dass die Volksvertreter „mundfaul“ würden und ihre Verantwortung in Ausschüsse delegierten. An zwei Beispielen – der Richterwahl zum Verfassungsgericht und in der Europapolitik – verdeutlicht der Autor die Positionen Hennis‘ und stellt heraus, dass er in seiner Doppelrolle als Politikwissenschaftler und Staatsbürger nie eine Diskrepanz, sondern eine Akzeptanz sah.

Der Göttinger Wissenschaftler für öffentliches Recht (em.), Christian Starck, setzt sich auseinander mit der Thematik „Wilhelm Hennis und die Legitimität als politikwissenschaftliche Kategorie“. Er nimmt Hennis Vortrag „Legitimität. Zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ beim Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft 1975 zum Anlass, die verschiedenen Legitimitätsvorstellungen in der Geschichte Deutschlands zu thematisieren, die aktuellen Legitimitätsakzente zu diskutieren und die supranationalen Begriffe im europäischen Einigungsprozess zu erläutern.

Der emeritierte Heidelberger Politikwissenschaftler Klaus von Beyme nimmt sich in seinem Beitrag „Wilhelm Hennis und die Kritik am Parteienstaat“ die drei Kategorien vor, die Hennis als die wesentlichen Stabilisatoren von demokratischer Staatsverfasstheit betrachtete: Die Kraft der Institutionen, die Qualität der Herrscher und die Tugend der Bürger. Mit seiner „hermeneutischen Leidenschaft“ gelang es ihm, jenseits der Hardlinerriege, die Probleme des Parteienstaates nicht als Ziel-, sondern als Steuerungskrisen zu benennen.

Der Verwaltungs- und Politikwissenschaftler von der Universität Siegen, Rüdiger Voigt, setzt sich mit der ambivalenten Beziehung „Wilhelm Hennis und die Sozialdemokratie“ auseinander. Jahrelanges Mitglied der SPD, einige Zeit auch der CDU, war Hennis unnachgiebiger und direkter Kritiker der Parteienhierarchie und Klüngelei. Sein aktives Eintreten für eine Wahlrechtsreform, die den „Parteienstaat“ verhindern könne. Wie auch seine Sorge, dass „die Berliner Republik womöglich wie Weimar an den ‚Unlustgefühlen‘ ihrer Bürger scheitern könnte“, klingen heute wie eine Weissagung für Heute.

Der Rechtswissenschaftler an der Deutsch-Kasachischen Universität Almaty und Lehrbeauftragter an der Universität Erfurt, Raban Graf von Westphalen, erinnert mit seinem Beitrag „Hennis‘ Kritik der Hochschulpolitik und der Bologna-Prozess“ an Hennis‘ Vorbehalte, die „Universität ganz von der Forschung“ zu begründen. Für ihn waren akademische Institutionen insbesondere „Ausbildungsstätte für bestimmte, scharf umgrenzte akademische Berufe“. In der durch die europäische Homogenisierung von akademischer Ausbildung und Abschlüssen vollziehenden Entwicklung sah Hennis einen Werteverlust universitärer Bildung.

Der Freiburger Verfassungsrechtler Rainer Wahl fragt in seinem Beitrag „Große Entscheidungen“ nach Anlass, Ursache und Wirkung von Verfassungsgerichtsurteilen: „Kommt es bei den ganz großen Entscheidungen auf den Sachverhalt überhaupt an, ist er nicht nur ein äußerer Anlass, der bloße Anstoß?“, fragt er. Er bezieht sich dabei Hennis‘ Zeit als wissenschaftlicher Assistent eines Bundestagsabgeordneten und sein Mitwirken bei Verfassungsgerichtsbeschwerden. An mehreren Beispielen, wie dem Verfassungsgerichtsurteil „Lüth“ 1958, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs „Costa/E.N.E.L.“ 1963, die Entscheidung des US-amerikanischen Supreme Court „Marbury v. Madison“ 1801, wird deutlich, welche Bedeutung Verfassungsgerichte im Sinne einer parlamentarisch-demokratischen Gewaltenteilung haben – bis heute!

Das dritte Kapitel „Politische Ideengeschichte und Publizistik“ beginnt der Kulturkorrespondent der FAZ in New York, Patrick Bahners, mit seinem „Phantasiestück in Goyas Manier“ – „Helmut Kuhl am 9. März 2000“. Die Parteienspendenaffaire des damaligen Bundeskanzlers und Vorsitzenden der CDU hat Wilhelm Hennis in seiner konsequenten und unnachgiebigen, souveränen Art schärfstens kritisiert: „Parlamentarisch wird ein Volk regiert, dem die Regierenden die Beweggründe ihrer Entscheidungen vor der förmlichen Beschlussfassung in öffentlicher Diskussion auseinandersetzen müssen“. Vetternwirtschaft, Begünstigungspolitik und Korruption sind Formen, die Demokratie zerstören und politische Kultur deformieren. Die Breitseiten, die Hennis in diese(n) Affaire(n) abfeuert, sind keine Kanonenschüsse, sondern Degenhiebe, die als „Iden des Mä(e)rz“ historisch-ironische und gleichzeitig aktuell-satirische Züge tragen.

Stephan Schlak, der mit seiner Dissertation „Wilhelm Hennis: Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik“ 2008 promovierte, thematisiert in seinem Beitrag „Wilhelm Hennis und die Projektmacher“. Im „Projekt“ sah Hennis die Möglichkeit, die aufgeklärten Träume der Moderne durch moralisch-aufgeklärte Kritik aufzudecken und zu realisieren. Die „Projektemacher“ jedoch lehnte er als Phantasten ab, die am „Grab der Menschheit schaufeln“ und nicht in der Lage und nicht willens wären, „projektierende Vernunft“ einzusetzen. Anstelle des Projektbegriffs setzt er die „Sorge in Verantwortung“. So lässt sich aus dieser Kontroverse (das bringt der Rezensent als seine Interpretation ein) die Erkenntnis interpretieren, die im Diskurs um nachhaltiges Denken und Handeln, um verantwortungsvolle Weiterentwicklung einer lokal- und globalgerechten Menschheit und der Frage nach Maß oder Disparität (Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php) deutlich wird: Darf der Mensch alles tun, was er kann (oder zu können glaubt)?

Tilman Mayer, politischer Theoretiker und Zeitgeschichtler an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, weist mit seinem Text „Demokratie, Demoskopie und das Ringen um die öffentliche Meinung“ auf Hennis‘ Engagement zum Zusammenhang von „Meinungsforschung und repräsentativer Demokratie“ (1957) hin. Es sind die Wirkungen wie Imponderabilien von Meinungsumfragen und ihre Benutzung im gesellschaftspolitischen Prozess, die politische Meinung machen und beeinflussen In der Fähigkeit, Meinen und Wissen voneinander unterscheiden zu können, ist eine eminent politische Kompetenz: „Meinungen abfragen kann jeder. Antworten bekommt man auch immer. Ob wir es aber mit einer qualitativ anspruchsvollen Untersuchung zu tun haben, dafür gibt es klare empirische Vorgaben, und es gibt einen Kanon von Wissen über Politik und politische Prozesse und über die politische Kultur…“.

Der Direktor des Pariser Centre de Recherches Historiques, Hinnerk Bruhns verdeutlicht mit seinem Beitrag „Wilhelm Hennis, Max Weber und die Wissenschaft vom Menschen“ die Forschungsarbeiten Hennis‘ über Webers Sozialwissenschaft als Wissenschaft vom Menschen. Mit dem Weberschen Begriff der „Sorge“ nimmt Hennis eine Haltung auf, die menschliche Entwicklung als pädagogische und erzieherische Aufgabe betrachtet. Form und Zustand der politischen Gemeinschaft und die in der Gesellschaft vorherrschenden Produktionsbedingungen – kapitalistisch oder sozialistisch – bedingen einander.

Der wissenschaftliche Übersetzer Keith Tribe informiert in seinem englischsprachigen Beitrag „Hennis in the

English-speaking World“ über die Rezeption von Hennis‘ Werk und zeigt auf, dass insbesondere seine Weber-Interpretationen und Forschungen. „It is exactly this received wisdom that Hennis played such a great role in tearing down, enabling us to see Max Weber anew, and learn from him afresh“.

Lawrence A. Scaff, Politikwissenschaftler an der Wayne State University in Detroit, nimmt mit seinem, ebenfalls in englischer Sprache gehaltenen Beitrag „Wilhelm Hennis, Max Weber, and the Charisma of Political Thinking“ die Verdienste auf, die er als Vermittler von Max Webers Werk in den USA leistete. „Ultimately a demand for exercising the power of judgment lies in the claim made on a public audience by Hennis?s political essays“.

Die Mitschrift eines Gesprächs (Anhang), das Stephan Schlak mit Wilhelm Hennis führte, trägt die Überschrift „Die existentielle Dimension des Politischen“. Den Spruch, den Hennis aus dem Prolog von Goethes Faust genommen hat – „Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt“ – wollte er nicht als sentimentale Einstellung verstanden wissen; vielmehr wird in ihm auch seine pessimistische, kritische Haltung deutlich: „Wobei man im Herzen auch sieht, was nicht so ist, wie es sein sollte, was einen bekümmert in der Welt“.

Fazit

Der Rezensent hat – als Hildesheimer – mit großem Interesse nach der Hommage gegriffen, die Schüler, Kollegen und Weggefährten des Politikwissenschaftlers Wilhelm Hennis, der am 18. Februar 1923 in Hildesheim geboren wurde und familiäre Wurzeln in seiner Geburtsstadt hatte, ihm zu seinem 90. Geburtstag widmen wollten. Er hat ihn nicht erlebt. Posthum wird nun der Sammelband vorgelegt. Er dürfte dazu beitragen, dass die Schubladen neu geöffnet werden müssen, in die Hennis gesteckt wurde: als Konservativer, Positivist, Normativist und „Wanderer zwischen den (partei)politischen Welten“. Er war, das zeigen die Beiträge und Reflexionen der Hommage, keiner, der sich in Schubladen stecken ließ. Er verstand sich auch nicht als „Schul“- Begründer. Er war, wie der Herausgeber Andreas Anter feststellt, „in seinem Fach ein Solitär“, der in den Zeiten der Suche nach dem zôon politikon Grenzen markierte, Pfähle setzte und Brücken baute. Diese Einflüsse und Chancen gilt es auch heute zu erkennen und zu nutzen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.08.2013 zu: Andreas Anter (Hrsg.): Wilhelm Hennis´ politische Wissenschaft. Fragestellungen und Diagnosen. Mohr Siebeck (Tübingen) 2013. ISBN 978-3-16-152235-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15257.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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