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Ursula Laag: Pflegewissenschaftliche Gutachten in zivilen Rechtsstreitigkeiten

Cover Ursula Laag: Pflegewissenschaftliche Gutachten in zivilen Rechtsstreitigkeiten. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2013. 193 Seiten. ISBN 978-3-86321-148-6. 24,90 EUR.
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Thema

Nicht nur Arzthaftungsprozesse sondern auch Auseinandersetzungen über Pflegefehler gewinnen an Bedeutung. Tausend registrierte Pflegefehler soll es nach Laag im Jahr in Deutschland geben. Wer und wie werden Verstöße gegen fachpflegerische Sorgfaltspflichten begutachtet? Gibt es, so wie für das Krankenhaus „ausgerufen“ auch im Haftungsprozess, die Pflegefehler zum Gegenstand haben, keinen arztfreien Raum? Dass immer noch überwiegend Ärzte in den Gerichten als Sachverständige bestellt werden, wenn es um Pflegefehler und ihre Bewertung geht, spricht ebenso dafür, wie die im Sozialgerichtsgesetz Pflegefachkräften versagte Übernahme von Sachverständigenrollen. So ist das Thema Pflegesachverständige und pflegewissenschaftliche Gutachten ein Aktuelles und eines das aufs Engste mit den Professionalisierungsbemühungen und Dynamiken in der Fachpflege verknüpft sind.

Inhalte

Das wird auch in der Dissertation von Ursula Laag herausgearbeitet: Ein eigenständiger Verantwortungsbereich der Pflege, der sich auch inhaltlich bestimmen lässt, ein modernes Professionsverständnis, von Hilde Steppe begründet und von Frank Weidner ausgearbeitet. Die Verdichtung fachpflegerischer Wissensbestände in Expertenstandards und eine im wesentlichen Richterrechtliche Öffnung des heilkundlichen Bereiches für die Fachpflege, diese Bausteine pflegewissenschaftlicher Emanzipation werden von Ursula Laag herausgearbeitet und konfrontiert mit einem beruflichen Selbstverständnis der Fachpflege, so es sich in den wenigen diesbezüglichen empirischen Studien zeigt, das sich gerade nicht in dieser Weise als emanzipiert und selbstverantwortlich zeigt. Dies verwundert nicht angesichts der immer noch streng hierarchisch strukturierten Krankenhäuser und einer autoritären Dominanz der Sozialadministration in ihren Qualitätsanforderungen im Bereich der Langzeitpflege. Wie den Pflegebedürftigen, wie seinerzeit Ursula Koch-Straube der „Fremden Welt Pflegeheim“ sich ethno-methodologisch näherte, so tut dies Ursula Laag der Justiz: Hier nähert sich die Pflege ebenfalls einer „Fremde Welt“.

In ihrer Dissertation führt sie zahlreiche Interviews mit Richterinnen und Richter durch, analysiert Judikate und nimmt an Gerichtsverhandlungen teil. Der Zugang zu der Binnenwelt der Justiz ist nicht einfach, die gewonnen Erkenntnisse aber durchaus erhellend: Offenbart sich doch ein stark an klassischen Professionsrollen orientiertes Kompetenzverständnis der Richterinnen und Richter, zeigt sich, dass der Weg einer eigenständigen Wahrnehmung von Pflegefachlichkeit zumindest in der streitigen Zivilgerichtsbarkeit kaum verankert ist. Laags Befunde machen deutlich, wie weit der Weg der Professionalisierung der Pflege noch, wie kurz die Wegstrecke, die bisher zurückgelegt wurde, ist. Die Verfasserin kondensiert ihre Befunde und Erkenntnisse zu einer Art Ratgeber für die Erstellung von Sachverständigengutachten für die streitige Zivilgerichtsbarkeit. Das mag der zunehmenden Zahl der Sachverständigen helfen, die es in Deutschland gibt. Es waren Pioniere, wie Barbara Reisach (heute Terborg), die eine eigenständige Rolle und ein eigenständiges Kompetenzprofil von Pflegesachverständigen begründeten. Ursula Laag leistet mit ihrer Dissertation einen wichtigen Beitrag, dass dieser Weg qualifiziert weiterverfolgt werden kann.

Der Fokus auf die Streitigkeiten vor den Zivilgerichten erscheint auf der einen Seite nachvollziehbar, ist auf der anderen Seite aber mit einer verengten Sichtweise verbunden. Landen doch, wie Laag zu Recht herausarbeitet, häufig Streitigkeiten über Pflegefehler vor den Zivilgerichten, in denen es um Regressansprüche von Krankenkassen geht. Es sind kaum Patienten und Pflegebedürftige selbst, die Rechtsansprüche durchzusetzen versuchen. Gerade wenn man eine menschenrechtliche Position in der Pflegewissenschaft stark machen will – i.ü. ein gewisses Desiderat in der Pflegewissenschaft – hätten sich zumindest auch die Verfahren vor der freiwilligen Gerichtsbarkeit angeboten, die Pflegefachlichkeit etwa im Zusammenhang mit der Beurteilung der Notwendigkeit von freiheitsentziehenden Maßnahmen mit zu berücksichtigen. Hier haben sich Pflegesachverständige viel stärker durchgesetzt als in den vergleichsweise wenigen streitigen Zivilrechtsverfahren. Ähnliches gilt für die von der Verfasserin erwähnten sozialgerichtlichen Verfahren, in denen es etwa um die Einstufung Pflegebedürftiger geht oder um die Bestimmung des Pflegeaufwandes etwa im Verfahren des SGB VII. Damit sei angedeutet, in welche Richtung die von Laag qualifiziert geführte Diskussion weiter verfolgt werden könnte oder sollte, wenn es um die Profilierung einer pflegefachlichen und -wissenschaftlichen Sachverständigenkompetenz geht.

Fazit

Ursula Laag hat mit ihrem Buch einen qualifizierten Diskussionsbeitrag für die Verbindung von Pflegerecht und Professionalisierung der Pflege geleistet.


Rezension von
Prof. Dr. Thomas Klie
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Zitiervorschlag
Thomas Klie. Rezension vom 26.08.2014 zu: Ursula Laag: Pflegewissenschaftliche Gutachten in zivilen Rechtsstreitigkeiten. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-86321-148-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15259.php, Datum des Zugriffs 04.07.2020.


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