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Andrea Hoffmeier, Dolores Smith (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz und kulturelle Erwachsenenbildung

Cover Andrea Hoffmeier, Dolores Smith (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz und kulturelle Erwachsenenbildung. Erfahrungsfelder, Möglichkeitsräume, Entwicklungsperspektiven. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. 223 Seiten. ISBN 978-3-7639-5233-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: EB-Buch - 33.
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Thema

Leitende Intention des Projekts, über das berichtet wird, war es, kulturelle Erwachsenenbildung für Menschen mit Migrationshintergrund attraktiver zu machen, vor allem katholische Einrichtungen für diese Bevölkerungsgruppe zu öffnen. Geschildert werden die Erfahrungen von 14 sehr unterschiedlichen Initiativen und Institutionen. Der Band wird als Arbeitshilfe beim Bemühen um interkulturelle Öffnung verstanden.

Herausgeberinnen und Autor/inn/en

Dolores Smith von „interkultur.pro“, einem Team, das Angebote zur „Professionalisierung des interkulturellen Kunst- und Kulturmanagements“ macht, war für die Projektleitung und wissenschaftliche Begleitung gewonnen worden.

Andrea Hoffmeier verantwortet als Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE) den Band formell.

Entstehungshintergrund

Die KBE, zweitgrößte Anbieterin allgemeiner Erwachsenenbildung in der Bundesrepublik, konnte für das Projekt Fördermittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung einwerben. Damit konnten an über zehn Standorten in sieben Bundesländern Impulse für eine interkulturelle Öffnung der katholischen Erwachsenenbildung mit dem Schwerpunkt ästhetisch-kulturelle Bildung gegeben werden.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in fünf Teile gegliedert.

In Teil I wird ganz knapp über den organisatorischen Rahmen, die beteiligten Einrichtungen und den Ablauf mit vier Fortbildungsmodulen und der abschließenden Evaluation berichtet.

Teil II soll der theoretischen Orientierung und Verortung im wissenschaftlichen Diskurs dienen. Zuerst resümiert Dolores Smith die Diskussion über interkulturelle Kompetenz und Kompetenzvermittlung, wobei sie die „Modellvielfalt und konzeptionelle Unschärfen“ als Herausforderungen für das Projekt kennzeichnet. In einem anschließenden zweiten Beitrag begründet sie die Qualifizierungsbausteine für die Fortbildung der haupt- und ehrenamtlichen Projektbeteiligten, wobei sie sich im Bewusstsein der problematischen Tendenz zur Kulturalisierung für einen pragmatischen Ansatz entscheidet. In der Verlegenheit, dem kulturwissenschaftlichen Problembewusstsein keine Vorschläge zur Methodik, wie in interkulturellen Trainings praktiziert, entnehmen zu können, entscheidet sie sich für eine Kompromisslösung. Die in einer Übersicht skizzierten Module enthalten theoretische Inputs und Übungen, z. B. Interaktionsspiele. Beim zweiten Beitrag von Stefanie Rathje handelt es sich um den Wiederabdruck eines Zeitschriftenaufsatzes. Die Autorin ordnet die deutschsprachige Debatte über interkulturelle Kompetenz nach mehreren kontroversen Aspekten und beschließt diesen Überblick mit der Formulierung einigermaßen gesicherter Anforderungen an das Konzept sowie einem „Vorschlag zur Weiterentwicklung“, wobei sie sich auf ein interessantes Kulturkonzept bezieht.

Im zentralen Teil III stellen die jeweiligen Ansprechpartner/innen die 14 Vorhaben vor, die im Rahmen des Gesamtprojekts gefördert wurden. Sie schildern die örtlichen Kontextbedingungen, die – nicht selten modifizierten – Zielsetzungen und Angebote, Schwierigkeiten und Erfolge. Das Bemühen, Menschen mit Migrationsgeschichte zur Teilnahme zu bewegen, oder als Mitarbeiter/innen zu gewinnen, nimmt in vielen Erzählungen breiten Raum ein, hat aber auch Lernprozesse initiiert und veranlasst die Autor/inn/en, Empfehlungen für den Abbau von Zugangsbarrieren zu formulieren. Das Spektrum der beteiligten Einrichtungen ist sehr breit, was Größe, institutionellen Status, Professionalität und Erfahrung in der gemeinsamen Arbeit mit Migrantinnen und Migranten betrifft. Beteiligt waren sowohl kleine, auf ehrenamtliches Engagement angewiesene Initiativen in ländlichen Gemeinden, die zum Teil mit Integrationsarbeit Neuland betraten, als auch zum Beispiel das Katholische Bildungswerk Frankfurt a.M. oder die Akademie Klausenhof, die beide seit langem, wenn auch mit sehr unterschiedlichem Auftrag, Migrantinnen und Migranten zu ihren Adressat/inn/en zählen. Manche sind verständlicherweise innerhalb des Förderzeitraums über erste Anfänge kaum hinausgekommen. Andere können neu entwickelte Programmangebote vorweisen, die anregend sind. Generell sind die geschilderten Aktivitäten nicht auf besondere Weise innovativ, worauf das Projekt aber auch nicht vorrangig abzielte. Das Ziel war vielmehr die Öffnung der katholischen Erwachsenenbildung für neue Adressatengruppen. Abgeschlossen wird Teil III mit zwei Aufsätzen von Nguyen Tien Duc (Magdeburg), der auf Basis seiner pädagogischen Erfahrungen häufige Fehler beim Bemühen um interkulturelle Öffnung benennt und Empfehlungen gibt.

Nach einem „Schlusswort“ von Dolores Smith (Teil IV), die einige für interkulturelle Öffnung erforderliche institutionelle Änderungen kennzeichnet wie andere Veranstaltungsformate, wird in Teil V im Bericht der wissenschaftlichen Begleitung bilanziert, wieweit die Öffnung gelungen ist, indem „eine Vorher-/Nachheranalyse“ angestellt wird. Katholische muttersprachliche Gemeinden (z.B. die Polska Misja Katolicka) waren dabei selbstverständlich in einer anderen Ausgangslage als die interkulturellen Bildungsvorhaben, die ausnahmslos alle zum ersten Mal gezielt für Teilnehmer/innen aus der zugewanderten Bevölkerung geöffnet wurden.

Diskussion

Der Titel der Publikation ist insofern irreführend, als die Entwicklung interkultureller Kompetenz nicht Gegenstand der Projektberichte und der Bilanzierungen am Schluss ist. Vielmehr ging es, auch wenn in Zwischenüberschriften immer wieder der Begriff interkulturelle Kompetenz verwendet wird, um interkulturelle Öffnung, die allerdings einschlägige Lernprozesse bei den Beteiligten voraussetzt wie fördert. Anstöße dafür wurden in den angebotenen Fortbildungsmodulen gegeben, deren Programm jedoch nur kursorisch auf zwei Seiten bekannt gemacht wird. Der Stellenwert der beiden Beiträge über interkulturelle Kompetenz ist unklar. Was die interkulturelle Öffnung betrifft, so drängt sich einem die Frage auf, was kirchliche Einrichtungen nach Jahrzehnten der Immigration nun dazu bewegt. In einem der Berichte wird erklärt, „nicht zuletzt um rückläufige Teilnahmezahlen im Bereich der Familienbildung aufzufangen“ (S.68). Abgesehen davon, dass es speziell kirchlichen Bildungsträgern schwerer fallen dürfte, manche Migrantengruppen mit ihren Angeboten zu erreichen, ist generell eine strukturelle Exklusivität unserer Erwachsenenbildung zu konzedieren, die den Nutzen der vorliegenden Arbeitshilfe einschränkt. Denn der Forderung nach struktureller Flexibilisierung, offener Planung, anderen Formen des Zugangs und alternativen Veranstaltungsformaten (S.187) steht die etwas resignative Feststellung der Bundesgeschäftsführerin der KBE im Vorwort gegenüber, „dass – nicht zuletzt durch die Abrechnungs- und Fördervoraussetzungen – klassische Kurs- und Anspracheformate vorherrschen (S.6).

Fazit

Vor dem Hintergrund, dass für die interkulturelle Öffnung der Erwachsenenbildung (anders als bei der Sozialarbeit) bisher kaum Erfahrungsberichte und Empfehlungen vorliegen, behebt diese Publikation einen Mangel. Sie mag für Fachkräfte und Einrichtungen auf diesem Feld hilfreich sein.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 18.11.2013 zu: Andrea Hoffmeier, Dolores Smith (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz und kulturelle Erwachsenenbildung. Erfahrungsfelder, Möglichkeitsräume, Entwicklungsperspektiven. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-7639-5233-5. Reihe: EB-Buch - 33. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15267.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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