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Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft

Cover Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. C. Bertelsmann (München) 2013. 396 Seiten. ISBN 978-3-570-10103-2. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Die Bezeichnung „Homo sapiens“ – „der weise Mensch“ – ist ein Etikettenschwindel

Leben ist eines der schwierigsten! Weil beim Leben immer auch das Risiko mitspielt! Oder ist Leben eines der natürlichsten Dinge der Welt? Mit solchen Fragen scheinen wir Menschen uns immer wieder schwer zu tun! Denn einerseits bringen alltäglich zum Bewusstsein, dass Ungewissheiten, Unsicherheiten und Krisen unser Leben beeinflussen, stören und bestimmen – so dass die Weltrisikogesellschaft eine globale Verantwortungsethik, eine transnationale Gemeinsamkeitsethik, eine globale Gewaltenteilung und Zusammenarbeit erforderlich machen (Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/4820.php) – andererseits, weil Risiko überall ist und jeweils unterschiedlich wahr genommen und erlebt wird, die Empfindungen und Abwehrmechanismen gegen Bedrohungen und Katastrophen – ob es sich um die Atombombe, ein Terrorattentat, eine Hungerkatastrophe, Wirtschafts-, Finanz- oder Umweltkrisen oder um genmanipulierte Entwicklungen handelt – mit unterschiedlichen Strategien angegangen werden müssen (Markus Holzinger / Stefan May / Wiebke Pohler, Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9743.php). Die Störanfälligkeit, Gefahren- und Bedrohungssensibilität in den modernen Gesellschaften wächst zudem in völlig unterschiedlichen Ausprägungen (Herfried Münkler, Hrsg., Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10384.php). Sogar die Erkenntnis- und Bewältigungsprozesse über den Zustand der Menschheit und der Welt unterliegen aktiven bis passiven und fatalistischen Zugangsformen (Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14059.php).

Beim Versuch, Risiken zu erkennen, einschätzen und mit ihnen umgehen zu lernen, bietet sich dabei zum einen die wissenschaftliche Analyse an, mit der etwas festgestellt und bewertet wird, um die Diagnose in einem Gutachten, einem Regelwerk, einem Gesetz oder einer Handlungsanweisung umzusetzen; oder (und) das Wagnis einzugehen, sich bei einem gemeinsamen Entdeckungsprozess und Dialog auf die Suche nach der individuell und gesellschaftlich passenden und adäquaten Risikokompetenz zu begeben.

Autor

Der Psychologe, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Gerd Gigerenzer, hat sich bereits mehrmals zu Wort gemeldet, wenn es um den richtigen Umgang mit Zahlen, Statistiken und Risiken (2002) und um Fragen nach Unbewusstem und Intuitivem bei menschlichen Entscheidungen geht (2007). Er ist als Coach und Trainer bei politischen Entscheidungsträgern und für gesellschaftliche Prozesse Verantwortlichen tätig. Allerdings: Er setzt sich nicht „aufs hohe Ross“ und glaubt, mit seiner Expertenmeinung könne er die Fähigkeit der Menschen beeinflussen oder steigern, Risiken vermeiden zu können. Vielmehr macht er sich auf den Weg, anhand von einleuchtenden, eher alltäglich erscheinenden Beispielen und Erfahrungen aufzuzeigen, dass

  • jeder den Umgang mit Risiko und Ungewissheit lernen kann (weil er in verständlicher Sprache deutlich und Mut macht, sich des eigenen Verstandes zu bedienen),
  • Experten(meinungen) eher ein Teil des Problems als die Lösung sind (weil er verständlich macht, dass die Fähigkeit, Risiken zu verstehen, meist nicht mit Expertisen zu vermitteln ist),
  • weniger mehr ist (weil er zu erklären vermag, dass Problemlösungen nur selten komplex und allumfassend möglich sind).

Aufbau und Inhalt

Gigerenzer gliedert das Buch in drei Kapitel. Im ersten Teil setzt er sich mit der „Psychologie des Risikos“ auseinander. Zweitens geht es darum, wie es gelingen kann, „risikokompetent zu werden“; und drittens darum, wann mit dem Prozess der Risikokompetenz im menschlichen Leben begonnen werden sollte, nämlich ganz früh!

Es sind nämlich die Ungewissheiten, Imponderabilien und Paradoxien, die eine Verwechslung von Logik und Leben provozieren (vgl. auch: Fritz B. Simon, Wenn rechts links ist und links rechts. Paradoxiemanagement in Familie, Wirtschaft und Politik, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14542.php). Mit den Beispielen „Regenwahrscheinlichkeit“, „Pillenangst“ und „Terrorgefahren“ zeigt der Autor auf, dass die „Illusion der Gewissheit“ eine Falle im menschlichen Dasein darstellt. Nicht nur die eigentlich leicht vorfindbare Allerweltsweisheit, dass es ein Leben der Menschen ohne Risiko nicht gibt, sondern auch und vor allem die einleuchtende Argumentation, dass irren menschlich ist und Fehler machen die Menschen (im allgemeinen) nicht dümmer, sondern klüger werden lässt. Furcht als emotionales und soziales Regulativ ist Schutz und Gefahr zugleich: „Fürchte, was deine soziale Gruppe fürchtet“, ist deshalb ein verständlicher, nachvollziehbarer und praktizierbarer Ratschlag, wenn es gelingt, die eigenen und kollektiven Bedürfnisse, Werte und Normen nicht in die Ideologieflasche zu füllen.

Im zweiten Teil geht es um die Entwicklung von Fähigkeiten, risikokompetent zu werden. Da kommt zuvorderst ins Spiel, was der Heidelberger Friedens- und Konfliktforscher Markus Weingardt als eine notwendige, aber gleichzeitig problematische Vorleistung bezeichnet: Vertrauen haben (Markus Weingardt, Hrsg., Vertrauen in der Krise. Zugänge verschiedener Wissenschaften, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14664.php). Und zwar als Führungskraft und im Management genau so, wie als Bankkunde und Werkzeugmacher, im privaten wie im gesellschaftlichen Umgang. Der Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ ist deshalb wahr und falsch zugleich. Es kommt also auf die Situation an; auf das Bauchgefühl ebenso wie auf die Verstandesnutzung. Dafür steht wieder ein so einfach wirkender Satz, der in seiner Konsequenz jedoch ein Himalaya-Gebirge ist: „Keine Entscheidung über mich ohne mich“. Das erfordert Kritikfähigkeit beim eigenen Dasein und Handeln, wie beim gesellschaftlichen.

Die schwierigste Herkulesaufgabe bleibt zum Schluss: Wie kann man Risikokompetenz in die Köpfe und Herzen der Menschen bringen? Nicht mit einem Zauberstab; auch eher nicht mit einem weltweit ausgestrahlten Computerprogramm; schon gar nicht durch Verordnungen. Hier ist die Erziehung gefragt, in der Familie, im Kindergarten und in der Schule, und zwar wieder mit einem scheinbar simplen Rat: Fürs Leben lernen! Nicht mit autoritären, frontalen und paternalistischen Konzepten und Methoden: „Dazu brauchen wir Mut, den Mut, selbständige Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen“.

Fazit

Das Buch von Gerd Gigerenzer ist kein Lehrbuch, auch keine theoretische Grundlegung zum „Risiko Mensch und Welt“; es ist eine kurzweilige, sprachlich und inhaltlich verständliche Auseinandersetzung über ein vielfach vernachlässigtes und im gesellschaftlichen Diskurs verdrängtes Thema; weil die Fähigkeit, Risikokompetenz zu erwerben, nicht als Rezept vermittelt und auch nicht per Ordre mufti verordnet werden kann. Genau so, wie eine gelingende Identitätsbildung nicht im Lehrbuch entsteht und auch nicht auf dem Bildschirm angezeigt werden kann, ist auch Risikokompetenz nicht ohne das eigene, intellektuelle und emotionale Denken und Handeln zu haben. Dem Autor gelingt es, mit zahlreichen Beispielen und Denkanstößen das fruchtbar zu machen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.08.2013 zu: Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. C. Bertelsmann (München) 2013. ISBN 978-3-570-10103-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15271.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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