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Andrea Battke, Christine Höfelmeyer u.a.: Alles auf Anfang

Cover Andrea Battke, Christine Höfelmeyer, Henner Frevel: Alles auf Anfang. Porträts von Menschen mit Schädelhirntrauma. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-86739-078-1. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.

Reihe: BALANCE Erfahrungen.
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Thema

In der zu besprechenden Publikation sind die Überlebensgeschichten von hirnverletzten Menschen versammelt. Diese „Pioniergeschichten verweisen auf ein soziales Selbst, auf ein wahrhaftiges existentielles und zwischenmenschliches Selbst, welches allem Zweifel und Kleinmut zum Trotz aus den hier nachgezeichneten Lebenslinien in aller Klarheit hervortritt und sich in aller Deutlichkeit Ausdruck verschafft“ (S. 172).

Autorinnen

  • Andrea Battke ist freie Autorin.
  • Christine Höfelmeyer hat die Publikation durch Fotografien bereichert.

Aufbau

  1. Olaf und Regina: „Für mich bin ich eigentlich erst jetzt geboren“
  2. Matthias und Birgit: „Ich gehe davon aus, dass es ihm nicht reicht, wenn man ihn pflegt und ansonsten in Ruhe lässt“
  3. Valeska, Andrea und Gerd: „What is the meaning of what I´m doing?“
  4. Klaus und Angelika: „Jetzt habe ich die Möglichkeit, ihm etwas davon zurückzugeben“
  5. Andreas: „Wenn die Kumpels von früher mich heute sehen würden“
  6. Waltraut und Aylin: „Man darf Entscheidungen anderer nicht einfach so hinnehmen“
  7. Björn und Ute: „Björn ist einfach bei allem dabei, und ich bin sicher, dass er das toll findet“
  8. Klaus-Dieter: „Der Unfall war ein Arschtritt für mich“
  9. Tamara, Waltraut und Rainer: „Das Persönliche Budget ist ein Wagnis, aber es lohnt sich“
  10. Andreas Zieger: Pioniere auf dem Weg in ein neues Leben

Inhalt

Einer Einführung von Henner Frevel, der die Reha-Tagesstätte Lilienthal bis 2012 leitete, sowie einem Vorwort von Andrea Battke folgen Lebensgeschichten:Es sind Lebens- oder besser Überlebensgeschichten von hirntraumatisierten Menschen, „die mithilfe ihrer Angehörigen den Weg in die Reha-Tagesstätte in Lilienthal gefunden haben“ (S. 14).

Da ist z. B. der 50-jährige Olaf, Ehemann und Vater von zwei Kindern, der 44-jährig einen Herzstillstand hatte. Die Diagnose lautete hypoxischer Hirnschaden. „Es ist ein ganz normaler Tag, bis Regina (Olafs Ehefrau – CR) am späten Nachmittag einen Anruf von Olafs Sportfreunden erhält und erfährt, dass ihr Mann auf dem Fußballplatz während eines Spiels zusammengebrochen ist“ (S. 18).

Dann lernen wir Birgit kennen, die ihren 26-jährigen Sohn Matthias begleitet. Letzterer hatte im Alter von 12 Jahren einen Verkehrsunfall, welcher einen hypoxischen Hirnschaden und ein Wachkoma nach sich zog.

Valeska ist die dreißigjährige Tochter von Andrea und Gerd. Mit 22 Jahren erlitt sie ein Schädelhirntrauma und weitere schwere Verletzungen nach einem Verkehrsunfall. Der 06.12.1998 „ist ein sehr kalter, trockener Tag. Es herrscht wenig Verkehr auf der Landstraße. Valeska (die Basketballerin des Osnabrücker SC – CR) muss nicht hetzen und kann sich gedanklich schon aufs Spiel vorbereiten. Doch bei Sittensen, kurz vor der Auffahrt zur A1, ist für Valeska das Spiel bereits vorbei. […] Wahrscheinlich hat Valeska zu spät bemerkt, dass ein Teilstück der Straße vereist ist. Ein vorbeifahrender Autofahrer sieht den umgestürzten Wagen im Straßengraben und wählt die 112“ (S. 58).

Im Alter von 58 Jahren musste der heute 63-jährige Klaus einen Herzinfarkt erleben. Diagostiziert wurde bei ihm ein hypoxischer Hirnschaden. „Angelika (die Ehefrau von Klaus – CR) ist schon auf dem Weg ins Bett, als es gegen halb zwölf an der Tür klingelt. […] Als sie die Tür öffnet, stehen zwei von Klaus“ Sportsfreunden vor ihr und erklären, dass es ihrem Mann nicht gut gehe, dass er beim Tischtennisspielen zusammengebrochen sei und der Notarzt ihn ins Krankenhaus gebracht hat“ (S. 76).

38-jährig erlitt der heute 45 Jahre alte Andreas, Vater dreier Kinder, einen Badeunfall, der eine inkomplette Querschnittlähmung zur Folge hat. Obwohl nach Meinung der Autorinnen Andreas´ Geschichte für die zu besprechende Publikation unpassend ist, „denn mit einer Querschnittlähmung gehört er nicht zum Personenkreis der Menschen mit einem Schädelhirntrauma, […] (haben sie – CR) sie dennoch aufgenommen, denn sie zeigt in besonderer Weise, wie mit der richtigen Hilfe und Förderung ein Mensch eine neue Chance erhält und sie beim Schopfe packt“ (. 94).

Mit 38 Jahren platzte Waltraut, die heute 52 Jahre alt ist, ein Aneurysma. Der Stiefbruder findet „Waltraut im Wohnzimmer zwischen Couch und Tisch. Noch vor einer halben Stunde hatten sie miteinander gesprochen, jetzt liegt sie da, bewusstlos und schwer atmend. Der Notarzt bringt Waltraut auf dem schnellsten Weg in die Klinik. Die Ärzte finden mehrere Aneurysmen in ihrem Gehirn. Eines ist geplatzt und hat die 38-jährige in eine lebensbedrohliche Lage gebracht“ (S. 110).

Björn ist heute 26 Jahre alt. Mit 19 Jahren platze auch ihm ein Aneurysma. Die Diagnose lautete: Hypoxischer Hirnschaden und Wachkoma. Im Mai 2005 spielt Björn zusammen mit seinem Zwiillingsbruder Fußball in der Regionalliga. „Das heutige Punktspiel ist wichtig, deshalb versucht er, den Kopfschmerz zu ignorieren, der ihn während des Aufwärmtrainings plötzlich überfällt.Doch schon kurz nach dem Anpfiff hält er es nicht mehr aus und lässt sich auswechseln. Die Mutter eines Spielers sieht, wie sich der Junge den Kopf hält, und folgt ihm in die Kabine. Sie ist Krankenschwester und erkennt schnell, dass sie Björn nicht mit einer Kopfschmerztablette helfen kann. Sie ruft den Notarzt“ (S. 126).

Kurz vor Schluss erfahren wir die Geschichte des 34-jährigen Klaus-Dieter, der drei Jahre zuvor nach einem Motorradunfall ein Schädelhirntrauma und diverse schwere Verletzungen erlitten hat. Von dem Unfall weiß er nichts. Klaus-Dieter war nicht nüchtern. Erst kurz vor dem hirntraumatischen Ereignis hat er das Motorrad von einem Kollegen gekauft. Er ist dann einfach losgefahren. „Was dann passiert ist, weiß ich nicht. Ich bin nur froh, dass kein anderer in den Unfall verwickelt war. Vielleicht war ich zu schnell, vielleicht einfach unaufmerksam, ich weiß es einfach nicht. Jedenfalls haben die in der Klinik ganze Arbeit geleistet. Meine Schädeldecke war gebrochen und verrutscht, beide Jochbeine und der Kiefer gebrochen“ (S. 142).

Die neunte und letzte Geschichte ist die Geschichte der 35-jährigen Tamara, die 27-jährig bei einem Verkehrsunfall ein Schädelhirntrauma erlitten hat und seit dieser Zeit blind ist. Tamara ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ur- und Frühgeschichte in Kiel. „Am 4. September 2004 ist Tamara mit einigen Studenten, Kollegen und dem verantwortlichen Hochschullehrer auf dem Weg zurück nach Kiel. Als Grabungsteam waren die jungen Leute mit dem Professor am Mont Lassois bei Vix im französischen Burgund. Hier liegt die berühmte Ausgrabungsstätte eines keltischen Fürstensitzes. Viele Male hat die 27-Jährige hier an Ausgrabungen teilgenommen. Ihre Magisterarbeit behandelt die Funde und deren Geschichte. In den nächsten Monaten soll die Doktorarbeit über die Fürstensiedlung ihre wissenschaftliche Karriere begründen. Doch dann kommt alles anders.

Auf der Autobahn gerät der VW-Bus des Teams ins Schlingern und prallt bei hoher Geschwindigkeit gegen die Leitplanke. Der Aufprall ist so heftig, dass Tamaras Gurt sich löst und sie aus dem Wagen geschleudert wird. Dabei schlägt sie so unglücklich gegen die Karosserie, dass ihr Schädel rechts frontal zum Teil zertrümmert wird“ (S. 154).

Der leitende Oberarzt der Abteilung für Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg, Professor Dr. Andreas Zieger, verfasst am Ende dieses Bandes ein Nachwort, in dem er auf die herausragende Bedeutung der Einrichtung der Behindertenhilfe der Diakonie in Lilienthal bei Bremen verweist. Und: „Sesshaft gewordene Wegbereiter sind als fabelhafte Experten in eigener Sache in die Weiterentwicklung der Rehabilitations-, Nachsorge- und Teilhabestrukturen wie auch in deren Erforschung und Evaluation unbedingt einzubeziehen – am besten vor Ort in der Kommune. Diese Menschen können anderen am besten sagen, was Betroffene in einer ähnlichen Lebenssituation von anderen Menschen und den sozialen Sicherungssystemen für den Aufbau eines neuen Lebens benötigen“ (S. 173). Zum Letztgenannten sei auf die Botschaftertätigkeit des Rezensenten bei der Stiftung MyHandicap Deutschland gGmbH (vgl. www.myhandicap.de/carsten-rensinghoff.html [Download: 21.08.2013]), vgl. auch (vgl. Rensinghoff 2004).

Fazit

Die Lektüre des besprochenen Buchs ist allen Menschen, die mit dem gravierenden Folgen einer Hirnverletzung leben, sowie deren Angehörigen, für die das Ganze ja auch ein neuer Alltag ist, dringend zu empfehlen.

Literatur

  • Rensinghoff, Carsten: Peer Support in der beruflichen Habilitation schwer hirnverletzter Jugendlicher und junger Erwachsener. Butzbach-Griedel 2004.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 30.08.2013 zu: Andrea Battke, Christine Höfelmeyer, Henner Frevel: Alles auf Anfang. Porträts von Menschen mit Schädelhirntrauma. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2013. ISBN 978-3-86739-078-1. Reihe: BALANCE Erfahrungen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15273.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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