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Tino Plümecke: Rasse in der Ära der Genetik

Cover Tino Plümecke: Rasse in der Ära der Genetik. Die Ordnung des Menschen in den Lebenswissenschaften. transcript (Bielefeld) 2012. 310 Seiten. ISBN 978-3-8376-2145-7. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.

Reihe: VerKörperungen - 19.
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Thema

Kernthema des vorliegenden Buches sind die Frage und Antwort, wie das Konzept der Rasse einerseits als scheinbar längst überholt behauptet, andererseits jedoch immer wieder Teil modernster Forschungen werden konnte und kann.

Autorin

Tino Plümecke hat eine Professur für Soziologie, mit dem Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft am Institut für Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Genetische Diskriminierung in Deutschland“.

Entstehungshintergrund

Plümecke zeichnet die Wege der Erforschung der sogenannten Rasse im Laufe der letzten Jahrhunderte nach und stellt seiner Arbeit dabei folgende Fragen voran:

  • Wie erlangen Forschungen zu Rasse trotz aller Kritik daran den Status seriöser Wissenschaftlichkeit?
  • Warum sind in modernen Gesellschaften rassische Taxonomien noch immer relevant?
  • Welche Rolle nehmen dabei die verschiedenen Wissenschaften ein?
  • Welche Fragen suchen die Rasseneinteilungen zu beantworten? Und schließlich:
  • Warum wird (immer wieder) nach biologischen Erklärungen für das soziale Phänomen gesellschaftlicher Stratifizierung gesucht (15)?

Theoretischer Rahmen für seine Arbeit ist ein sozialwissenschaftliches Verständnis von Rasse, d.h. Rasse bedeutet das Resultat „sozialer Sinnproduktion und institutionalisierter (Zu)Ordnungen“ (15), durch die menschliche Vielfalt anhand bestimmter Unterscheidungen, wie Hautfarbe, Augenform, Haarstruktur, Herkunft, Gene, aber auch anhand sozialer Attribute, wie Religion, Staatszugehörigkeit oder Sprache, auf eindeutige Differenzen festgeschrieben wird. Plümeckes Ausgangsthese ist, dass Rasse eine soziale Teilungspraxis bedeutet, deren Konzept nicht aus der Biologie, sondern im Kontext mit einer „gesellschaftlichen Legitimationsordnung“ (15) zu begreifen ist. Wesentlich für die Analyse ist, rassifizierte Konzept nicht allein aus gesellschaftlichen Bedingungen heraus zu erklären. Biologische Rassekonzepte sind nicht von gesellschaftlichen Mythen oder Stereotypen determiniert, auch reicht kein ideologietheoretischer Zugang aus, demgemäß Rassifizierungen als pseudowissenschaftlicher Versuch der Rechtfertigung gesellschaftlicher Ungleichheiten gilt. Plümecke fordert einen multiperspektivischen Ansatz, um die moderne Rasseforschung in der Ära der Genetik, Genomik und Postgenomik einer aktuellen Analyse zu unterziehen.

Aufbau

Plümecke gliedert sein Buch in fünf Kapitel.

  1. Er beginnt im Kapitel Perspektiven und Grundlagen mit der gesellschaftstheoretischen und historiologischen Einordnung der Dimension Rasse und der wissenschaftlichen Rassekonzepten in Relation zu außerwissenschaftlichen sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen.
  2. Kapitel zwei soll die Vergangenheit untersuchen, um die Gegenwart zu destabilisieren und zeichnet die Geschichte der Rassekonzeption(en) nach. Im Zentrum stehen die biowissenschaftliche Konzeptualisierungen und deren stetige Veränderungen und Erneuerungen. Interessant dabei ist das Entstehen der Kritik und v.a. die Absagen an Rassevorstellungen. Kontinuitäten und Brüche legt Plümecke anhand der Nachkriegsdebatten über die Validität von rassischen Einteilungen dar.
  3. Das dritte Kapitel – Genetifizierung – zeigt einerseits den stetigen Wandel bei gleichzeitigem Bestand rassischer Konzepte. Im Zentrum stehen die Brüche in Konzepten und Narrativen der Signaturen der Rasseforschung: Blut, Knochen, Psyche, Proteine, Gene und Punktmutationen.
  4. Das vierte Kapitel beschreibt die Rasse in der Post/Genomik: Die neuen Differenzen der Lebenswissenschaften. Entlang der Prozesse der Molekularisierung, Medikalisierung und des Bio-Integrationalismus werden Reformulierungen von rassifizierenden Konzepten untersucht.
  5. Eine Analytik rassifizierender Gesellschaften bildet das fünfte Kapitel, in dem die Geschichte und Gegenwart rassischer Kategorien, deren Beständigkeit und Wandlungsfähigkeit nochmals diskutiert werden.

Zu Kapitel 1. Perspektiven und Grundlagen

Plümecke beschreibt die Einteilung der Menschen in Rassen – aus sozialwissenschaftlicher Perspektive – als eine kategorisierende Zuordnung von Individuen in Gruppen. An der Konsolidierung von Rasse als allgegenwärtige Strukturdimension der Gesellschaften haben die Aufklärer Charles Montesquieu oder Immanuel Kant, sowie Naturforscher, Mediziner und Anthropologen, wie Johann Blumenbach, Carl Linné, François Bernier und Charles Darwin mitgewirkt. Der Rekurs dabei auf biologische Faktoren ist deshalb funktional, weil soziale Konflikte und Herrschaft hinter einer unhinterfragbaren Natur verborgen werden können, beispielsweise Geschlecht/Sexualität, Klasse, Krankheit/Behinderung. Diese Ordnung der Natur der Gesellschaft dient somit zugleich als Rechtfertigung sozialer Ungleichheiten als Folge kolonialer Eroberungen oder geschlechtlicher Arbeitsteilung. Heute finden biologisch rassifizierte Einteilungen von Menschen Verwendung bei Medikamententests, bei Screenings für genetische Erkrankungen, bei Samen- oder Eizellspenden. Allerdings unterliegen diese Einteilungen verschiedenen Zuordnungspraktiken: sei es die Selbstbezeichnung der Individuen, seien es die ethnische oder kontinentale Zuordnung, oder sei es eine binäre Unterteilung in ‚schwarz‘ und ‚weiß‘. Plümecke zeigt, dass sich mit biologischem Wissen über die Unterschiede eine bestehende soziale Ordnung historisch jeweils neu begründen ließ. Seine Analyse geht von einer prinzipiellen Reziprozität von Wissenschaft und Gesellschaft aus; in diesem Sinne tragen die Biowissenschaften ihre Verantwortung für rassifizierende Praktiken. Eine Analyse der biowissenschaftlichen Forschung hat nach Meinung Plümeckes zu beachten, dass das erzeugte Wissen gleichzeitig für und gegen rassistische Argumentationen verwendet wird. Aufgrund dieser Besonderheit ist es umso notwendiger, die erwähnten Verwicklungen von Wissenschaft, rassischen Gruppenzuordnungen und Gesellschaft zu beachten. Insofern sieht Plümecke die Fragen der Wissenssoziologie und Wissenschaftsforschung (z.B. Ludwik Fleck, Thomas Kuhn) als wesentlich: Welche Wissenschaft brauchen wir? Wie wird wissenschaftliches Wissen und Technologie konstruiert? Wieso wurden Labor-Experimente zur wichtigsten Methode der (Natur)Wissenschaften? Die Feministische Wissenschaftsforschung ab Mitte der 1970er Jahre (z.B. Sandra Harding, Donna Haraway) definiert Wissenschaft nicht nur als sexistisch, sondern auch als rassistisch, kulturfeindlich und von der herrschenden Klasse bestimmt. Insofern würde eine wertabhängige Forschung, die bewusst und deklariert Partei für die Unterdrückten ergreift, mehr Objektivität gewährleisten als ein vorgegebener vermeintlich neutraler Blick. Es geht nicht um die Unterscheidung zwischen ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Wissenschaft, sondern Wissenschaft muss stets auf ihre herrschaftsstabilisierende Funktion hin untersucht werden. Wie soll nun aber mit dem Rassebegriff umgegangen werden? Ist jegliche Verwendung des Begriffs ‚Rasse‘ bereits rassistisch, weil Rasse als Rest eines Rassismus zu begreifen ist? Plümecke zeigt Plädoyers für und gegen den Begriff auf. Während die einen die totale Abschaffung des Begriffes fordern, um dem Rassismus damit seinen Basis zu entziehen, meinen andere mit der Verwendung des Begriffes soziale Ungleichheiten und Diskriminierung benennen zu können. Wichtig ist aber nicht nur die Verwendung des Begriffes selbst, sondern sein Bedeutungszusammenhang, insofern wäre auch der Ersatzbegriff ‚Ethnie‘ eine rassistische Kategorisierung. Die seiner Meinung nach bisherige Marginalisierung von Rassismusforschung hat lt. Plümecke mehrere Faktoren: Erstens hat die Sozialwissenschaft dieses Phänomen als ein Phänomen an den Rändern der Gesellschaft betrachtet, d.h. als ein Ausdruck ewiger Gestrigkeit von Altnazis oder als Ausdruck von Desintegration Jugendlicher. Zudem wurde dieses Phänomen in demokratischen Staaten als Normalzustand definiert. Zweitens wird es als ein vormodernes Phänomen bezeichnet, das sich durch Globalisierung und Individualisierung oder unter der sich ausweitenden kapitalistischen Verwertungslogik auflösen würde. Drittens bedeutet Beschäftigung mit Rassismus auch immer kritische Beschäftigung mit sich selbst und mit der Wissensproduktion der eigenen Disziplin. Und schließlich gälte viertens die Beschäftigung mit Rassismus oft als politisch motiviert, was in der Scientific Community offenbar nicht gut ankommt. Bezüglich des Beitrags der Biologie hält Plümecke fest, dass Rassismus zwar nicht unbedingt eines biologischen Konstrukts zur Hierarchisierung der Menschen bedarf, biowissenschaftliche Konzepte aber eine bedeutungsvolle Rolle dabei innehaben, zumal heutige Differenzzuschreibungen (immer noch) auf biologische Faktoren, wie Hautfarbe, Haare, Physiognomie rekurrieren. Hinsichtlich der Bedeutung des Begriffes ‚Rasse‘, bzw. seiner Relativierung durch Anführungsstriche oder Kursivsetzung merkt Plümecke die unterschiedliche Handhabung im Vergleich zu Begriffen, wie beispielsweise Geschlecht, Sexualität oder Körper an. Warum werden diese Begriffe nicht unter Anführungsstriche oder kursiv gesetzt? Plümecke plädiert auf alle Fälle für eine Verwendung ohne Apostrophierung oder Anführungsstriche, da die Debatte sonst Gefahr läuft, in der Biologie zu verbleiben.

Zu Kapitel 2. Geschichte: Die Vergangenheit untersuchen, um die Gegenwart zu destabilisieren

Zum Verständnis der Aktualität von Rasse ist lt. Plümecke die Beschäftigung mit der Geschichte des Rassismus unumgänglich. Welche Funktionen hatten Teilungskonzepte und welche Wandlungen vollzogen sich? Nach einem Überblick über die Entstehung des Begriffes der Rasse im Zusammenhang mit der Reconquista legt Plümecke besonderes Augenmerk auf die Wissenschaften ab dem 17. Jht., ab dem Rassismus und Rasse zu wissenschaftlichen Konzepten wird. Auftrag ist damals den Widerspruch zwischen Kolonialismus mitsamt seinen Folgen auf der einen Seite und den Forderungen der Aufklärung auf der anderen Seite zu lösen. So greifen die Medizin, die Naturforschung und die Philosophie den Rassebegriff als ordnende Beschreibung und Hierarchisierung vom Menschen auf. Der hierarchischen Einteilung der Natur folgt jene der Menschen. Unterschiede werden anhand von Sprache, Kultur, Religion oder Staatsform gemacht; die menschliche Spezies wird in mehr oder weniger unterschiedliche Rassen eingeteilt (z.B. von Carl Linné). Der französische Arzt Francois Bernier fügt den bisherigen Unterscheidungsmerkmalen körperliche hinzu, wie z.B. Lippen, Nasen, Barthaare, Haare, Zähne, Zunge und vor allem die Hautfarbe, gefolgt von Friedrich Blumenbachs Schädelkunde, sowie den Schriften von Carl Linné, Texten von Immanuel Kant und der Evolutionstheorie von Charles Darwin. So sehr die wissenschaftliche Aufteilung der Menschen in Rassen niemals als objektiv oder unpolitisch bezeichnet werden kann, so sehr beschreibt Plümecke Kritiken schon aus der Frühzeit der Rassenkunde und weist insofern die Position, Rassentheoretiker wären in ihrem Zeitgeist verfangen gewesen, zurück. Fortsetzung finden Kritiken an bestehenden Rassekonzepten um die Jahrhundertwende vom 19. Zum 20. Jht. innerhalb von drei Kontexten: die Debatte um den Antisemitismus in Frankreich und Deutschland (z.B. Heinrich Coudenhove-Calergi); die Frage, ob biologisches Wissen Antworten auf soziale und politische Fragen geben kann (z.B. Franz Boas) und damit die Debatte um Determination, Degeneration, Moral (z.B. Ruth Benedict); und schließlich die Diskussion um die Race Question in den USA, wo ab den 1930er Jahren Kritik an bestehenden Rassekonzepten und erstmals verwendeten Begriffen wie ‚rassistisch‘ und ‚Rassismus‘ geübt wurde (z.B. Julian Huxley, Ruth Benedict), bzw. der Vorschlag eingebracht wurde, den Begriff ‚Rasse‘ mit ‚Ethnie‘ zu ersetzen. Eine neue Qualität der Kritik erreicht die UNESCO mit ihren zwei Statements zur erwähnten „Race Question“ sowie „Natur of Racial Differences“ (84), weil diese Kritik an Rassekonzepten und biowissenschaftlicher Rasseforschung die Debatte auf eine gesellschaftliche und politische Ebene hebt: Mit Bildung gegen Rassismus. Plümecke führt aus, dass trotz dieser Kritiken der UNESCO an rassistischen Konzepten, die Organisation selbst keineswegs jegliches Rassenkonzept über Bord warf, wie manchmal dargestellt wird. Nichtsdestotrotz hat das erste Statement der UNESCO als Ergebnis eines Expert_innentreffens – überwiegend aus dem Bereich der Sozialwissenschaften – zwischen 12. und 14. Dezember 1949 heftige Proteste der Scientific Community hervorgerufen: die dort behauptete Ablehnung der Existenz von Rassen stößt auf Widerstand, sodass unter der Federführung von Humangenetiker_innen und physischen Anthropolog_innen ein neues Treffen einberufen wird. Im zweiten Statement der UNESCO werden folgende Umformulierungen vorgenommen: Rasse ist mitnichten ein sozialer Mythos und kein Ersetzen des Begriffes der ‚Rasse‘ mit ‚Ethnie‘. Der Ethnologe Alfred Métreaux stellt die erste Fassung so dar, als wären sich die daran beteiligten Soziolog_innen einig, dass Rasse biologisch definiert sein. Nichtsdestotrotz erreicht die Kritik an den Rassekonzepten politische und internationale Aufmerksamkeit und kann nicht mehr als unwissenschaftlich abgetan werden. Trotzdem verharrt die Debatte innerhalb der Biowissenschaften und verschiedene biowissenschaftliche Expertisen versuchen die Bedeutungsweite von Rassenkonstrukten einzuschränken. Damit bedienen sich sowohl Apologet_innen wie Kritiker_innen von Rassenkonzepten derselben Methoden. Plümecke betont, dass die Gleichzeitigkeit von Wandel und Konstanz biologischer Rasseverständnisse bei Untersuchungen zu Kontinuität von Rasse wenig Beachtung findet. Die Konzepte würden zumeist in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus, Faschismus und eugenischen Ideen verknüpft. Folge eines derart engen Verständnisses von Rassismus ist, dass neuere Forschungen, sofern sie sich nicht auf klassische Modelle beziehen, als wertneutral begriffen werden.

Zu Kapitel 3. Genetifizierung

Genetifizierung wird definiert als vorherrschender Modus Wahrheit zu begreifen. Genetifizierung bedeutet für Plümecke die Unterschiede zwischen Individuen auf deren DNA-Code zu reduzieren und führt zu „Veränderungen in den Argumentationsmustern wie Legitimationsfunktionen wissenschaftlichen Differenzwissens“, in dem Sinne, dass „nicht-genetische – sowohl biologische als auch soziologische – Erklärungen abgewertet“ (101) werden. Weiters bedeutet Genetifizierung eine Vernachlässigung von sozialen und physischen Einflüssen, sozio-ökonomischen Bedingungen oder individuellen Verhaltensweisen (siehe dazu auch Sarah Franklin, Dorothy Nelkin und Susan Lindee). Im Rahmen der Genetifizierung von Rasse wird ein biowissenschaftliches Rassekonzept genetisch untermauert, d.h. rassifizierte Differenzkonzepte beziehen sich immer mehr auf Genkonzepte oder genetische Untersuchungsmethoden. Dies heißt auch, dass Rassekonzepte, die sich nicht auf Genetik beziehen, keine Existenzchance hätte. Rassifizierung von Genetik bedeutet, dass die Genetik das Problem Rasse fassen soll, d.h. die Disziplin der Genetik erhält und behält Deutungshoheit zur Feststellung von unterschiedlichen Rassen. Insofern wird Genetik sowohl von Befürworter_innen als auch von Gegner_innen eines Rassekonzeptes angeführt, um die Faktizität von Rasse bzw. das Gegenteil zu beweisen. Plümecke zeigt die sog. ideale Passform der Begrifflichkeit ‚Gen‘ auf sozialdarwinistische oder eugenische Debatten auf; der gemeinsame Bezug auf Vererbung verbindet Rassenkunde und Genetik, vor allem die Vererbung bzw. die Weitergabe des Unterschiedes betreffend. Vorstellungen über eine vererbbare Andersartigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen entsteht bereits im Spanien des 15. Jhts., zu Beginn des 19. Jhts. wird die Weitergabe von Merkmalen zu einem der wichtigsten biowissenschaftlichen Themen. Vererbt werden Charaktereigenschaften, körperliche und geistige Eigenschaften, Pathologien, Intelligenz, Sexualität sowie die Differenz zwischen verschiedenen Rassen, wobei zu Beginn die Ausnahmen statt die Regelmäßigkeit von Interesse sind. Für Plümecke erstreckt sich der Vererbungsdiskurs nun nicht mehr nur im biowissenschaftlichen Bereich, sondern auch auf die Ebene von Bevölkerungspolitik. Das Gen soll dort helfen, wo bisherige umfangreiche empirische Untersuchungen keine klare Beweisführung für rassische Zuordnungen zulassen. Der Weg vom Phän zum Gen, d.h. die Unterscheidung von Merkmalen und Vererbung, ist nun gegeben. Rasse kann nun innerhalb des Körpers verortet werden; Plümecke spricht von einer „Verinnerlichung der Differenzsignaturen“ (126), damit und mit der technischen Entwicklung wird Rasse aber auch dem Blick des/r Laien/in oder auch einem/r fachfremden Forscher_in entzogen. Nachdem die Gene in der ersten Hälfte des 20. Jhts. zwar als Hypothese, aber noch nicht als empirisch bzw. experimentell nachweisbare Einheit vorliegen, werden nach wie vor phänotypische Merkmale herangezogen und von diesen auf genetische Konstitutionen verwiesen. Anhand von Knochen, Haaren und Haut, der Psyche, den Blutgruppen und den Proteinen werden Signaturen der Differenz festgelegt. Plümecke beschreibt eindrucksvoll die Abgrenzungen der jeweiligen Forschungsansätzen gegenüber ihren vorangegangenen. Die Suche nach eindeutigen Signaturen der Differenz bleibt bestehen, was einerseits zwar die Kritik an Rassekonzepten intensiviert, aber andererseits Modifikationen bzgl. der Verbindung von Rasse und Genetik hervorruft. Das Gen wird und bleibt zunehmend zum Ort der objektiven Wahrheit.

Zu Kapitel 4. Rasse in der Post/Genomik: Die neuen Differenzen der Lebenswissenschaften

Kapitel Vier beschreibt den Widersprüche, welche die Einführung neuer Methoden in der Genomforschung in den 1990er Jahren hervorgerufen haben: Zum einen wurden mittels der neuen Methoden neue Rassifizierungen möglich, zum anderen entstand Kritik an rassischen Einteilungen. Eines der großen Projekte des Populationsgenetikers Luigi Cavalli-Sforza war die Untersuchung der genetischen Diversität verschiedener Populationen und die versuchte Rekonstruktion eines evolutionären Stammbaumes. Insofern ist das Human Genome Diversity Project (HGDP) vom Human Genome Project zu unterscheiden, wo es um Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten aller menschlichen Genome geht und nicht innerhalb einzelner Populationen. Neben Kritik aus dem wissenschaftlichen Bereich, die sich darauf bezieht, dass nach wie vor von der Existenz von Rassen sowie von isoliert lebenden Populationen ausgegangen wird, kommt die schärfste Kritik gegen das HGDP von indigenen Initiativen (z.B. Indigenious People Council on Biocolonialism) Menschen und dem NGO Rural Advancement Foundation International: die Sammlung von Genen wäre Biokolonialismus, weiters wird vorgebracht, dass eine Datensammlung es ermöglichen würde, ethnisch spezifische Biowaffen herzustellen. Sämtliche Kritiken seitens Indigenious People und Anthropolog_innen bewirken, dass das HGDP nicht in seiner konzipierten Fassung umsetzbar ist. Interessant an dieser Kontroverse ist für Plümecke, dass die Initiator_innen des HGDP, wie Cavalli-Sforza und Mary-Claire King, einerseits Rassismus-Kritiker_innen und für ihre humanistischen Engagements bekannt sind, andererseits aber eben eine Einteilung von Menschen in Gruppen mittels des HGDP vorzunehmen versuchen. Im April 2002 erscheint ein Studienergebnis, nach dem 93-95% aller genetischen Unterschiede innerhalb einer Gruppe zu finden seien, während nur 3-5% zwischen den Gruppen liegen. Dennoch reichen diese wenigen Differenzdaten aus, um Gruppierungen vorzunehmen. Das Ergebnis ist eine den klassischen Rassekonzeptionen ähnliche Zuordnung der Menschen. Genomik und Postgenomik wird von Plümecke als Erweiterung bisheriger genetischer Analysen bezeichnet. Mit den Ausweitungen auf weitere Forschungsgebiete, wie die Analyse des Proteinbestandes oder die Regulierung auf Zell-, Organ- und Organismusebene geht „auch die Infragestellung gendeterministischer und einseitig um Genetik zentrierte Ansätze (einher), sodass über die Genomik hinaus heute auch von Postgenomik gesprochen wird“ (179). Der Wandel von der Genetik zu Molekulargenetik ist mehr als nur eine Verkleinerung der Untersuchungsobjekte, sondern bedeutet auch die Ikonisierung des Gens (siehe auch Lily Kay, Hans-Jörg Rheinberger, Staffan Müller-Wille). Parallel zu diesen sich ändernden Bezeichnungen für die Erforschung des Lebens werden Untersuchungen bzw. Ergebnisse als genetische gehandelt, die dies aber nicht sind. Als Beispiel führt Plümecke die Darstellung rassischer Differenzen in Genfrequenzen an. Was als „genetische Distanz“ oder „genetische Information“ (184) bezeichnet wird (beispielsweise bei Cavalli-Sforza), ist lediglich das Resultat statistischer Berechnung, weil eben keine Darstellung dazugehöriger Gene auf der DNA möglich ist. Anwendung finden DNA-basierte Untersuchungen in der Forensik oder bei Verwandtschaftstests. V.a. in der Forensik werden dieselben Genmarker, mit denen individuelle Identitäts- und Verwandtschaftsbestimmungen durchgeführt werden, auch mit bestehenden Ansätzen der Populationsgenetik, z.B. der Feststellung von Häufigkeitsunterschieden in verschiedenen Populationen in Verbindung gebracht. Die Hoffnungen, die Herkunft von Personen mittels genetischer Daten ermitteln zu können, ruft die Vision hervor, über DNA-Tests Kriterien für Ethnizität, Haar- und Augenfarbe zu entwickeln: forensic DNA phenotyping, d.h. die Vorhersage individueller Eigenschaften lediglich anhand von DNA-Spuren – beispielsweise von einer unbekannten tatverdächtigen Person. Bezüglich Gesundheitsstudien, die eine ungleiche Krankheitsverteilung oder -anfälligkeit für verschiedene ethnische Gruppen ergeben, zeigt Plümecke ein Dilemma auf: Einerseits ist es notwendig soziale Ungleichheiten auch auf der Ebene rassifizierender Gruppenzuordnungen sichtbar zu machen, andererseits gibt es das Postulat, dass Rasse keine biologische Kategorie ist. Allerdings haben sich die Erklärungsansätze für Differenzen verschoben. Genetische Deutungen gewinnen zunehmend Vorrang gegenüber sozialen und ökonomischen Ungleichheiten, so geraten z.B. der unterschiedliche Zugang zu sauberem Wasser oder die Lebens- und Arbeitsverhältnisse aus dem Blick. Auch im Falle eines sogenannten rassespezifischen Medikamentes zeigt Plümecke , dass dies keine Aussage darüber zulässt, wie das Medikament bei anderen ethnischen Gruppen wirkt. Zuletzt beschreibt Plümecke die wachsende Zahl an Anbietern genetischer Herkunftstests: Sei es die Ausrichtung auf spezifische Zielgruppen, wie African American, Native American/Peoples of the First Nations oder Europäer_innen, oder sei es die genetische Disposition für bestimmte Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Krebs. Prozentuale Zuordnungen, die beispielsweise ergeben, dass jemand zu 64% europäischer, 33% afrikanischer und 4% asiatischer Abstammung ist, bestätigen an sich die allgemeine Mischung der Menschen und widersprechen somit an sich einer Einteilung der Menschen in verschiedene Rassen. Mit dem Rekurs auf vermeintlich genetisch reine Ausgangspopulationen tradieren die Testanbieter dann aber doch wieder überkommene klassische Rassekonzepte. Rezente rassifizierende Konzepte stellen in der Regel keine Minderwertigkeit der Untersuchten fest, dennoch sind diese Untersuchungen für Plümecke keineswegs als wertfrei zu betrachten. Vermeintlich neutrale Untersuchungsergebnisse bzgl. Krankheitshäufigkeiten in Verbindung mit Vererbungskonzepten können als „inhärente Inferiorität gelesen werden“ (227). Genetische Unterschiede verschleiern die Prozesse der sozialen Ordnung weiterhin. „Im Zentrum empowernder und inklusiver Politiken steht dann lediglich die Anerkennung der ‚Anderen‘ in ihrer spezifischen Andersheit“ (227), Differenzierungskategorien bleiben dieselben. Rasse, Klasse, Geschlecht, Behinderung, Sexualität werden lediglich unter anderen Vorzeichen präsentiert: keine Ungleichheiten, die aufgehoben, sondern Verschiedenheiten, die aufgewertet werden sollen.

Zu Kapitel 5. Analytik rassifizierender Gesellschaften

Plümecke zeigt in seinen Ausführungen deutlich die Ambivalenz neuerer Differenzmodelle der Genomik/Postgenomik auf. Bekannte Rasse-Modelle werden verworfen, um neue Konzepte der Differenz vorzustellen. Das ständige Scheitern der Modelle führt zu einer fortdauernden Erneuerung rassifizierender Modelle. Plümeckes Kritik bezieht sich v.a. auf die Rechtfertigung von Unterschieden als biologisch gegeben bzw. als sozusagen natürlich bezeichnet und auf die daraus gemachte Schicksalshaftigkeit sowie in weiterer Folge postulierte Eigenverantwortlichkeit. Auch zeigt Plümecke, dass eine Verschiebung der früheren Kategorien wie Haut oder Haare zu Kategorien wie Intelligenzquotient, Fettleibigkeit, Aggressivität oder Promiskuität keinen wesentlichen Unterschied bzgl. der Folgen für Betroffene bedeutet. Die Gefahr oder sogar Realität der Stigmatisierung ist immer gegeben. Und ungeachtet der Kulturalisierung von Differenz – aufgrund von Sprache, Herkunft, Staatszugehörigkeit oder Religion – haben altbekannte Kriterien wie Haare, Haut, Augenfarbe oder Nasenform nach wie vor Relevanz. Es ist ein Auf und Ab der Ablehnung (siehe z.B. Franz Boas, Ruth Benedict, Frank B. Livingston, Richard Lewontin) wie Anerkennung von Rassen (Abdallah Daar, Neil Risch). Das scheinbar Attraktive an den neuen Rassekonzepten könnten die integrierenden Momente sein, z.B. die Inklusion von Minoritäten, wenn maßgeschneiderte sogenannte ethnische Medikamente für sie zur Verfügung stehen, oder wenn staatliche Fördermaßnahmen für zuvor als solche definierte Minoritäten zur Verfügung stehen. Die neue alte Attraktivität von Rassekonzepten begründet Plümecke mit Michel Foucaults beschriebenem Paradigmenwechsel von ‚sterben machen und leben lassen‘ zu ‚leben machen und sterben lassen‘(260). Um effizienten Widerstand gegen diskriminierende Differenzierungsspraktiken zu leisten, schlägt Plümecke eine intensive „Beschäftigung mit den sozialen Hintergründen und Praxen jenes Willens zum Wissen über die Differenz“ (265) vor.

Diskussion

Die zu Beginn seiner Ausführungen geführte Debatte zu Begrifflichkeit (von Rasse, Rassifizierung, etc.) und die Diskussion über das Setzten unter Anführungsstriche, zeigt Plümeckes Fähigkeit und Bereitschaft Fragen zu stellen und diese auch offen lassen zu können.

Als Kultur- und Sozialanthropologin fällt die Forderung nach Selbstreflexion in der Auseinandersetzung mit dem sogenannten Anderen als ein wichtiges Thema auf, insofern trifft der Vorwurf der Marginalisierung der Rassismusforschung im Rahmen der Sozialwissenschaften nicht auf die Disziplin der Sozialanthropologie zu.

Plümecke kritisiert zu Recht die Rechtfertigungen von Unterschieden und die Bezeichnung dieser als biologisch oder natürlich vorgegeben, in weiterer Folge die daraus gemachte Schicksalshaftigkeit und als Ergebnis all dessen die postulierte Eigenverantwortlichkeit. Den utopischen Heilsversprechen mancher Genetiker_innen folgend könnte man sagen, dass im Falle einer genetischen Manipulation das Schicksal nicht mehr in Kauf genommen werden müsste. Allerdings, um diesem vermeintlichen Schicksal auszuweichen, bedarf es auf alle Fälle wieder eines großes Ausmaßes an Eigenverantwortung. Sofern das Individuum kein Ausweichen oder Abwenden des Schicksals wünscht, bleibt die Gefahr der Diskriminierung bestehen bzw. kann sich sogar verstärken, ist die Zuordnung nun doch nicht mehr ‚natürlich‘ vorgegeben, sondern individuell verursacht.

Der Befürchtung, dass Untersuchungsergebnisse bzgl. Krankheitshäufigkeiten in Verbindung mit Vererbungskonzepten als inhärente Inferiorität gelesen werden können, ist zuzustimmen. Allerdings basiert auch diese Annahme darauf, dass Gesundheit eine hohe Wertigkeit besitzt währenddessen Krankheit stigmatisiert wird. In diesem Sinne ist Plümeckes Ausführungen über die Pro und Contra Debatten bzgl. des Vorhandenseins von Rassen hinzuzufügen, dass dies bereits zu Beginn des 20. Jhts. stattfand. Im Rahmen der Debatte um Rassenhygiene versus Rassehygiene wurde eine klare Unterscheidung gezogen zwischen dem Postulieren von mehreren sich voneinander unterscheidenden Rassen (1), die auch hierarchisch geordnet und einer unterschiedlichen Wertigkeit unterzogen wurden, und der einen – der menschlichen – Rasse (2). Auch wenn v.a. auf den deutschsprachigen Raum bezogen die Vertreter_innen von (1) eher dem politischen rechten Lager zugeordnet werden können, während Verteter_innen von (2) eher dem politisch linken Lager zuzurechnen sind, unterscheiden sich die vorgeschlagenen Methoden und Maßnahmen zumindest in der Theorie wenig. Vorgeschlagene bevölkerungspolitische Ideen und Maßnahmen aus den 1920er und noch zu Beginn der 1930er Jahre (vor dem Nationalsozialistischen Regime) setzen sich nach dem Krieg als Ideen fort und werden umgesetzt.

Fazit

Frage und Antwort, wie das Konzept der Rasse einerseits als scheinbar längst überholt behauptet, andererseits jedoch immer wieder Teil modernster Forschungen werden konnte und kann, stehen im Zentrum von Plümeckes Arbeit. Vor allem die im Zeitalter der Postgenomik umstrittenen Fragen der Existenz von biologischen Rassen und das Aufzeigen der einander fast zeitgleich abwechselnden Pros und Contras bzgl. Rasse, die aber auch im Laufe der Geschichte immer wieder stattfindet, weist Plümecke nach. Plümecke plädiert dafür, Ungleichheiten, Diskriminierungen und gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse ebenso wie Homogenisierungsbestrebungen oder Strategien der Naturalisierung in den Blick zu nehmen. Insofern geht es bei der Analyse und Kritik von Rasse und Rassismus nicht um Zugehörigkeiten oder Merkmale, sondern um die Prozesse der Zuordnung, sowie um die Umverteilung der begrenzten Güter und um das Vorenthalten gleicher Teilhabe.


Rezensentin
Dr. Aurelia Weikert
Sozialanthropologin und Politikwissenschafterin. Vortrags- und Autorinnentätigkeit zu den Themen Bevölkerungspolitik, Bioethik, Eugenik, Frauengesundheit, Fortpflanzungs- und Gentechnologien, Körperpolitik. Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Mitarbeiterin bei Miteinander Lernen - Birlikte Ögrenelim, Beratungs-, Bildungs- und Psychotherapiezentrum für Frauen, Kinder und Familien
Homepage www.aurelia-weikert.at
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Zitiervorschlag
Aurelia Weikert. Rezension vom 12.02.2014 zu: Tino Plümecke: Rasse in der Ära der Genetik. Die Ordnung des Menschen in den Lebenswissenschaften. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2145-7. Reihe: VerKörperungen - 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15276.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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