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Beate Binder, Friedrich von Bose u.a. (Hrsg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!?

Cover Beate Binder, Friedrich von Bose, Katrin Ebell, Sabine Hess, Anika Keinz (Hrsg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2013. 220 Seiten. ISBN 978-3-89691-913-7. D: 29,90 EUR, A: 28,70 EUR, CH: 38,50 sFr.
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„Was der Wissenschaft dient, dient auch der Menschheit“

Es war die Aufbruchstimmung, wie sie in der Zeit der (europäischen) Aufklärung wissenschaftliches Denken und Schaffen beförderte und die Hoffnung der Menschen bestimmte, dass wissenschaftliche Erkenntnisse Sicherheit und Wohlstand bringen würden. Die den Wissenschaften (eigentlich!) innewohnenden Grundlagen des unabhängigen, freien Denkens, Erfindens und Entwickelns freilich haben in vielerlei Hinsicht den Geist aus der Flasche entweichen lassen; etwa, wenn es in der Physik darum geht, Atome zu erforschen – und dabei die Atombombe entsteht; oder wenn in der Biologie mit lebenden Zellen experimentiert wird – und die Genmanipulation daraus wird. Daraus hat sich die volkstümliche, kritische Frage entwickelt: „Darf der Mensch (als Wissenschaftler, Techniker…) alles machen, was er kann?“

Die „Stiftung Valencia Drittes Jahrtausend“ hat 1999 im Rahmen des UNESCO-Menschenrechtsdiskurses eine „universelle Deklaration der menschlichen Verantwortung und Pflichten“ vorgeschlagen. Ziel ist, das Verantwortungsbewusstsein der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu schärfen. In Artikel 12 heißt es u. a.: „Wissenschaftler haben die Aufgabe, so zu handeln, dass Leben und Wohlergehen jedes Menschen uneingeschränkte Beachtung finden. Sie haben zudem die Pflicht, alle erforderlichen Maßnahmen… zu ergreifen, damit die Ergebnisse wissenschaftlicher oder technologischer Forschung nicht auf eine Weise verwendet werden, die den Frieden, die Sicherheit, die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheiten gefährden. Der einzelne Wissenschaftler wiederum hat die Aufgabe, seine Forschungstätigkeit zu jeder Zeit so zu führen, dass dabei stets strenge ethische Prinzipien eingehalten werden. Er ist ferner dazu aufgerufen, die Öffentlichkeit über jede potentiell gefährliche oder ethischen Prinzipien zuwiderlaufende Forschungstätigkeit zu unterrichten, von der er Kenntnis erhält“. Vom französischen Wissenschaftsphilosophen Michel Serres kommt der Vorschlag, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ähnlich wie die Ärzte den hippokratischen, einen

Eid mit folgendem Wortlaut ablegen sollten: „Ich schwöre, mein Wissen, meine Erfindungen und eventuell daraus abgeleitete Anwendungen niemals in den Dienst der Gewalt, der Zerstörung und des Tötens oder der Mehrung von Leid und Unwissenheit, Unterwerfung und Ungleichheit zu stellen, sondern sie zur Sicherung der Gleichheit, des Überlebens, der Würde und der Freiheit des Menschen einzusetzen“.

Die Sehnsucht nach Wissen ist dem Menschen als vernunftbegabtes Lebewesen gegeben. Wissen schaffen hat aber immer auch etwas zu tun mit Kritik. Vom chinesischen Philosophen Konfuzius (555 – 479 v. Chr.) stammt die Erkenntnis: „Zu wissen, dass man weiß, was man weiß und was man nicht weiß – darin besteht die wahre Wissenschaft“. Mit dem (nicht korrekt übersetzten) Spruch: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, wird ja nicht das Nichtwissen zum Ausdruck gebracht, sondern der Zweifel ob des wirklichen Wissens und von Wahrheiten (siehe dazu auch: Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13980.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Soweit die Vorrede zu einer Veröffentlichung, die Einblick und Ausdruck von Forschungsarbeiten ermöglicht, die an der Berliner Humboldt-Universität, Institut für Europäische Ethnologie, von der Kommission Frauen- und Geschlechterforschung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie der Universität Göttingen und in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) stattfinden. In einer Arbeitstagung im Juni 2011 ging es um „interventionistische Wissenspraktiken sowie Möglichkeiten und Herausforderungen eingreifender Wissenschaft“. Die im Titel des Tagungsbandes dezidiert gesetzten Ausrufe-/Fragezeichen sollen auf die in der Genderforschung umstrittenen wie akzeptierten Forschungshorizonte verweisen, wie auf die wissenschaftlichen Ansprüche, in Gesellschaftsprozesse einzugreifen, sie zu kritisieren und zu den notwendigen Veränderungen beizutragen.

Die Professorin für Europäische Ethnologie und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität, Beate Binder, der wissenschaftlichen Mitarbeiter Friedrich von Bose und Katrin Ebell, die Göttinger Wissenschaftlerin Sabine Hess und Anika Keinz von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, geben den Sammelband heraus. Mit dem durchaus vieldeutig annotierten Begriff der „Intervention“ wollte die Tagung „ein informiertes Neujustieren der Frage (thematisieren), was gegenwärtig unter wissen(schaft)spolitischen Bedingungen interventionistische Potentiale, Strategien und Praktiken qualitativer empirischer Sozialforschung“ ausmacht.

Aufbau und Inhalt

Der Tagungsband wird, neben dem einführenden Text des Herausgeberteams „ Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch“, in sechs Kapitel gegliedert. Im ersten Teil „Genealogien und Problemhorizonte“ wird gewissermaßen eine Tour d?Horizon vorgenommen, um den wissenschaftlichen Diskussionsstand zur Thematik der Intervention zu verdeutlichen und die Forschungsaktivitäten in der Kulturanthropologie und Genderforschung aufzuzeigen. Im zweiten Kapitel „Interventionen in die Wissenschaft – historische Perspektiven, aktuelle Debatten“ werden verschiedene Formen und Methoden der Interventionsthematik diskutiert. Im dritten Teil „Neue Konstellationen – neue Kollaborationen“ werden Praxisberichte vorgestellt. Im vierten „Engagierte Forschung – politisierte Felder“ geht es um Komplexe von gesellschaftlicher Forschung und politischem Einfluss. Das fünfte Kapitel „Interventionen in medialen Kontexten – mediale Praktiken als Interventionen“ setzt sich mit institutionalisierten Bedingungen auseinander; und im sechsten und letzten Teil werden die Ergebnisse der Tagung „quer gelesen“.

Beate Binder und Sabine Hess zeigen mit ihrem Beitrag „Eingreifen, kritisieren, verändern. Genealogien engagierter Forschung in Kulturanthropologie und Geschlechterforschung“ engagiert auf, welche Entwicklungen und Perspektiven sich im Feld der Geschlechterforschung des „Vielnamensfachs Europäische Ethnologie_Empirische Kulturwissenschaft_Kulturanthropologie_Volkskunde“ vollzogen haben und weiter vollziehen. Jeder redet über „Interventionen“ und versteht meist doch unterschiedliches davon. Der genealogische Blick, der (nach Foucault) nicht historische Kontinuitätslinien, sondern Bruchstellen und Verschiebungen betrachtet, bietet die Chance, „die Aufmerksamkeit auf die Herausforderungen und das Konflikthafte (zu) lenken, das mit Engagement, Aktivismus, moralischen Obligationen und politischen Zielsetzungen in europäisch ethnologisches beziehungsweise kulturanthropologisches Forschen Einzug hält“.

Die an den Universitäten Luzern und Graz tätige Kulturwissenschaftlerin Marion Hamm stellt mit ihrem Referat „Engagierte Wissenschaft zwischen partizipativer Forschung reflexiver Ethnographie“ methodische Überlegungen zur Forschung in sozialen Bewegungen an. Sie verweist in Fallbeispielen (etwa der EuroMayDay-Bewegung) auf gesellschaftliche und kapitalistische Begehrlichkeiten bei der Nutzung und Implementierung von Forschungswissen, relativiert die Bedeutungszusammenhänge jedoch mit der Empfehlung, in der empirischen, emanzipatorischen Forschungspraxis zu beachten, „wer an was und zu welchem Zweck partizipiert, wer davon profitiert und welche Machtverhältnisse in der asymmetrischen Partizipation von Forschenden und Erforschten am gleichen Forschungsprozess entstehen“.

Beate Binder fasst in ihren Gesprächsnotizen mit Barbara Duden, Karin Hauser und Carola Lipp, die sie als „Pionierinnen der Intervention“ bezeichnet, die Entwicklungsverläufe und -prozesse in der Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) seit 1983 zusammen. Die Plädoyers für eine Offenhaltung des wissenschaftlichen Forschungsgegenstands im gesellschaftlichen Prozess sind dabei eindeutig: „Es sollte nicht alles in der Akademie aufgehen“.

Die Göttinger Kulturanthropologin Carola Lipp liefert mit ihrem Beitrag „Kollektivgeburt und Selbstmobilisierung“ einen dokumentarischen Rückblick zur Gründung der Kommission Frauen- und Geschlechterforschung 1983. Die dabei aufgewiesenen Quellenmaterialien und das erzählende Prozedere bieten eine gute Möglichkeit, sich der Frage anzunähern: Wie wir geworden sind, was wir sind.

Das zweite Kapitel beginnt die Kieler Ethnologin Silke Göttsch-Elten mit einem Forschungseinblick über die westfälisch/pommersche Frauenbildnerin; -rechtlerin und Bildungs- und Gesellschaftspolitikerin Gertrud Bäumer (1873 – 1954). „Schreiben als Intervention?“ – im Spannungsfeld von Intervention oder Anpassung, von männlich-autoritärem und weiblich-empathischem Denken und Handeln wird, trotz aller Zurückweisung von falschen Stereotypenbildungen, verdeutlicht, dass es in den Zeiten der Emanzipationsbewegungen bis heute notwendig ist, „Geschichte und Kultur… nicht als geschlechtsneutral (zu) begreifen, sondern auf ihre geschlechtsspezifischen Unterschiede (zu) befragen“.

Der Berliner Philosoph, derzeit als Postdoktorand an der Duke University in den USA tätige Ben Trott, spricht über „Gefühle, Affekte, Feminisierung“, indem er über zeitgenössische Interventionen in der geschlechtlichen Arbeitsteilung nachdenkt und über Forschungsergebnisse im Bereich der „Gefühlsarbeit“ informiert. „Gender troubling“ (vgl. dazu auch: Ellen Bareis / Christian Kolbe / Marion Ott / Kerstin Rathgeb / Christian Schütte-Bäumner, Hrsg., Episoden sozialer Ausschließung. Definitionskämpfe und widerständige Praxen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15142.php). Obwohl sich gesellschaftliche Differenz- und Benachteiligten-Entwicklung verändert haben, „bleibt das Geschlecht die Grundlage für den Aufbau von Privilegien- und Ausbeutungshierarchien innerhalb der politischen Ökonomie“ – und damit das Unbehagen an der real existierenden geschlechtlichen Arbeitsteilung, lokal und global.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Berliner TU, Aline Oloff, diskutiert die Auseinandersetzungen, die sich in den 1980er und 1990er Jahren an den wissenschaftlichen Arbeiten der französischen Wirtschaftsethnologen Maurice Godelier und Soziologen Pierre Bourdieu zur Frage der Herrschaftsverhältnisse entzündeten. Es handelt sich um Interventionen beim Kampf um Definitionsmacht, die von der Autorin aufgegriffen, interpretiert und auf den Ebenen des wissenspolitischen und der deutungswissenschaftlichen Diskurse zusammengeführt werden. Sie erinnert daran, „dass es dabei letzten Endes immer auch um die Stabilisierung oder Irritation (männlicher) Herrschaft geht“.

Die Marburger Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel kommentiert die zum Themenbereich „Interventionen in die Wissenschaft“ vorgetragenen Beiträge, die den fast hundertjährigen Diskurs um Geschlechtergerechtigkeit aufnehmen, indem sie darauf verweist, „dass die Auseinandersetzung um legitimes Wissen nicht vorbei ist, dass die Kämpfe um Anerkennung immer wieder neu ausgefochten werden müssen“.

Im dritten Kapitel „Neue Konstellationen – neue Kollaborationen“ stellen die am Berliner Archiv für Jugendkulturen tätige Kulturwissenschaftlerin Almut Stützle, die am Göttinger Medienzentrum des DGB arbeitende Soziologin und Ethnologin Agnieszka Zimowska und die Nürnberger Politologin Martina Schuster einen „Werkstattbericht einer Forschung zwischen Fußballlobby und Sexworkerbewegung“ vor. Mit den gemeinsamen, im Zusammenhang mit den Fußballwelt- (2006) und -europameisterschaften (2012) begonnenen Forschungsarbeiten zu „Rechtsverletzungen gegenüber Frauen, wie Verschleppung, Menschenhandel und Vergewaltigung“ wird der Versuch unternommen, „Aufklärung mit politischer Intention“ zu leisten.

Sabine Hess diskutiert mit Jan Simon Hutta, Judith Laister und Birgit zur Nieden über ihre Erfahrungen und Forschungskonzepte als „Grenzgänger zwischen akademischen und nicht-akademischen Wissenspraktiken“. Die historisch gefestigte Trennung zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung, nicht nur in den sozialwissenschaftlichen Fächern, beginnt zu wanken; auch die Grenzziehungen zwischen akademischer und nicht-akademischer Wissenschaft lockern sich. Eine „korporatistische Forschung“ ist gefragt. Wie sich dies in der Praxis darstellt, welche Ponderabilien und Imponderabilien sich dabei zeigen, und welche Herausforderung dabei für den „unternehmerischen Wissenschaftler“ auftreten, wird in dem Dialog verdeutlicht.

Das vierte Kapitel „Engagierte Forschung – politisierte Felder“ wird von der Anthropologin der University of Liverpool, Gesa Kather, mit ihrem Beitrag „Community Cohesion und Sicherheitsdiskurs in der britischen Sozial- und Integrationspolitik“ am Beispiel der Ethnographie engagierter Muslime in Nordengland thematisiert. Die Wandlungs- und Veränderungsprozesse in der britischen Integrationspolitik (vor allem nach 9/11 und 7/7, dem Tag der islamischen Attentate auf die Londoner Underground am 7. Juli 2005) zeigen sich vor allem in gesellschaftspolitischen Änderung weg von einer Politik des Multikulturalismus und hin zu einer Assimilationspolitik nach der Ideologie des Kommunitarismus, mit verheerenden, Frustration, Passivität und nihilistischen Reaktionen bei den aktiven interkulturellen Mittlern.

Die Ethnologinnen Lisa Riedner von der Universität Göttingen und Julie Weissmann aus München fragen in ihrem Beitrag „Wenn Wissen schafft?“ nach Wissenspraxen der In(ter)vention. Sie stellen Überlegungen zur Verwobenheit von Wissenschaft mit lebensweltlichen Zusammenhängen an und fragen nach der Bedeutung des Bewusstseins für eine ethnographische Praxis auf methodisch-strategischer Ebene : „Sie schaffen Bewusstsein um die Herausforderungen einer (autonomen) Konstituierung von Freiräumen und verorten so die Frage nach In(ter)ventionen in konkreten Realitäten.

Der Berliner Soziologe Sebastian Scheele bezieht mit seinen Einlassungen „Privilegierte Interventionen“ Position zur Genealogie eines Interventionen anleitenden Diskurses in Feminismus und Antirassismus. An Beispielen zeigt er auf, dass Privilegien nicht nur für diejenigen unsichtbar erscheinen (oder selbstverständlich sind), die sie besitzen, sondern dass auch die Unsichtbarkeit (und Selbstverständlichkeit) ein Privileg ist. Das Forschungs- und Interventionsziel des Autor besteht demnach darin, dass seine „forschende Intervention keine demobilisierende Wirkung hat, sondern wenn die Ergebnisse dieser Genealogie als Verbindung zwischen oft getrennt gedachten Debattenschauplätzen dazu beitragen könnten, das Nachdenken über Positioniertheit in antirassistischen und feministischen Interventionen produktiv zu machen“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Ethnologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Katharina Schramm, kommentiert die im vierten Kapitel thematisierten Beiträge mit der Erwartungshaltung, dass „bereits in einer Verschiebung der Rollenverhältnisse“ sich die Möglichkeiten verstärken, „dass diejenigen, die privilegiert gelten, nicht länger diskursbestimmend sind“ und „die Relevanz von wandernden Konzepten und deren Übersetzungen“, etwa im inter- und transkulturellen Diskurs, wirksam wird.

Im fünften Kapitel geht es darum, wie Interventionen in medialen Kontexten entstehen und praktiziert werden. Die Soziologin und Juniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt/M., Susanne Bauer, stellt in ihrem Beitrag „Technoscience im Museum“ Praktiken von Interventionen in Biomedizin und Museologie vor. Sie zeigt an verschiedenen Rauminstallationen in Museen und Ausstellungen auf, wie Informationen über biomedizinische und biochemische Prozesse anschaulich vermittelbar sind und „biomedizinische Dinge über Objekte, Technologien und Praktiken mit anderen gesellschaftlichen und kulturellen Feldern“ verbunden werden können.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulförderung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Regina Wonisch, verdeutlicht am Beispiel des Projekts „Männerwelten und Frauenzimmer“ Potenziale wissenschaftlicher Interventionen in Museen. Es ist ihr und ihren Mitarbeiterinnen wichtig zu betonen, dass es nicht um das „Schließen der Lücken“ gehen könne, sondern es um den „permanenten Verweis auf gesellschaftliche Problemfelder“ gehen müsse. Sie fordert deshalb andere Rahmenbedingungen und Bilder für Museen- und Ausstellungspräsentationen, damit „konkurrierende Positionen in Museen und Ausstellungen in produktiver Weise aufeinandertreffen können“.

Manuela Bauche vom Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig kommentiert die im fünften Kapitel diskutierten Beispiele als Grenzüberschreitungen im traditionellen Gestus der museologischen Praxis und tragen dazu bei, den „hegemonialen Kontext der Museologie sicht- und erfahrbar zu machen“.

Es scheint eine herausgeberische und systematische Vernachlässigung zu sein, dass der zum fünften Kapitel gehörende Beitrag der süddeutschen Historikerin Ilona Scheidle zum Engagement der Fraueninitiative „Miss Marples Schwestern“ eher „verloren“ oder die Systematik „angehängt“ wirkt: „Marpeln. Stadtrundgänge zur FrauenLesbengeschichte als Intervention“. Es geht um das „leibhaftige Reden“, um Geschichte lebendig werden zu lassen – eine zweifellos bedeutsame Intervention bei scheinbar unverrückbare und tabuisierte Gesellschaftlichkeit.

Die beiden Studierenden der Europäischen Ethnologie an der Berliner Humboldt-Universität, Jana König und Elisabeth Steffen kommentieren mit ihrer Betrachtung im sechsten Kapitel „Die Tagung quer gelesen“ die im Tagungsband immanent diskutierte Frage nach dem „dritten Raum“, der Wissensproduktion zwischen Akademie und Bewegung nämlich. Übergänge, Brücken oder Absperrungen und Sackgassen? Wissenschaftliche Wissensproduktion und kritische Intervention dürfen keine Gegensätze, sondern müssen Verbündete sein. Es gilt, der Gefahr zu entgehen, nämlich „Wissen auf seine unmittelbare Anwendbarkeit zu reduzieren und damit auf Verwertbarkeit“.

Bei der Tagung „Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Genderkritische und ethnographische Perspektiven auf Interventionen“ wurden auch andere als gewohnte Diskursmethoden erprobt, etwa „Tischgespräche“, die einerseits eine klare Aufgabenstellung hatten, andererseits als Raum nicht institutionalisiert, sondern „privatisiert“ waren. Ziel war es, partizipatorische Diskussionsformen, Offenbarungen und Statements von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu ermöglichen, die jenseits von Erwartungshaltungen, akademischem Druck oder Wohlgefälligkeiten liegen. Katrin Ebell und die Kulturanthropologin von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Asta Vonderau stellen einige Ergebnisse der „Tischgespräche“ in ihrem Beitrag „Von der individuellen Taktik zur kollektiven Strategie“ vor.

Fazit

Die in der Rezension anfangs etwas weit ausholende Betrachtung über die Bedeutung von Wissenschaftlichkeit, ihre Entwicklung, Konkretisierung und (Ver-)Formung, findet in den Beiträgen zu ethnographischen und gendertheoretischen Interventionen an mehreren Stellen Verankerungen und Lagerplätze. Engagiertes kritisches wissenschaftliches Arbeiten, das auf Veränderung zielt, wird seit einigen Jahren in den Sozial- und Kulturwissenschaften praktiziert. Es wird freilich auch intensiver festgestellt: „Wo Wissen nur noch als ökonomisch verwertbare Ware gilt, verkümmert Leben!“ (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php). Die Aufforderungen, in der sich immer interdependenter, entgrenzender (und ungerechter) entwickelnden (Einen?) Welt neu zu denken, reicht ja vom Anspruch der soziologischen Aufklärung (Ulrich Beck, Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen. Soziologische Aufklärung im 21. Jahrhundert, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7197.php), bis zur Frage nach der Wirklichkeit und der eigenen Wirklichkeit (Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14059.php); von der Auseinandersetzung, wie Krisen bewältigt werden können (Frank Ettrich / Wolf Wagner, Hrsg., KRISE und ihre Bewältigung. In Wirtschaft, Finanzen, Gesellschaft, Medizin, Klima, Geschichte, Moral, Bildung und Politik, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9990.php), bis zu der lapidaren Aussage: (Über-)Leben und (Über-)Leben lassen (Ben Sherwood, Wer überlebt? Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8908.php); von der Ermutigung, dass Wissen Mehrwert macht (Anina Engelhard / Laura Kajetzke, Hrsg., Handbuch Wissensgesellschaft. Theorien, Themen und Probleme, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10463.php), bis zur Nachschau nach der wissenschaftlichen Bedeutsamkeit nach der Postmoderne (Stephan Conermann, Hrsg., Was ist Kulturwissenschaft? Zehn Antworten aus den »Kleinen Fächern«, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12965.php); von der Entdeckung des „Anderen“ als das Un-Bewusste des Wissens (Sophia Könemann / Anne Stähr, Hrsg., Das Geschlecht der Anderen. Figuren der Alterität: Kriminologie, Psychiatrie, Ethnologie und Zoologie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12399.php), bis zur Frage, wie es möglich ist, ohne Angst verschieden zu sein (Dominique Grisard / Ulle Jäger / Tomke König, Hrsg., Verschieden sein. Nachdenken über Geschlecht und Differenz, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14555.php).

Für den kulturanthropologischen, gender- und geschlechterspezifischen, feministischen und emanzipatorischen wissenschaftlichen Diskurs dürften die im Tagungsband „Eingreifen, Kritisieren, Verändern!?“ thematisierten Aspekte weiterführende Statements (dafür könnte im Titel das Ausrufezeichen stehen) und Fragenkomplexe (Fragezeichen) darstellen. Wenn es um gesellschaftliche Interventionen geht, fehlt freilich im Kaleidoskop der Themen der wichtige Bereich der „virtuellen Welt“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.08.2013 zu: Beate Binder, Friedrich von Bose, Katrin Ebell, Sabine Hess, Anika Keinz (Hrsg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2013. ISBN 978-3-89691-913-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15279.php, Datum des Zugriffs 21.10.2020.


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