Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ernesto Cardenal: Diese Welt und eine andere

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 02.09.2013

Cover Ernesto Cardenal: Diese Welt und eine andere ISBN 978-3-7795-0475-7

Ernesto Cardenal: Diese Welt und eine andere. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-7795-0475-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,90 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Für uns geht die Sonne „unter“

Dass die Erde keine Scheibe ist, hat mittlerweile die Mehrzahl der menschlichen Spezies begriffen. Und unser Verständnis vom astronomischen Zusammenhang des Weltalls und des Sonnensystems mit unserem Planeten Erde ist sicherlich wissenschaftlich einigermaßen geklärt – obwohl noch eine Reihe von Geheimnissen gelöst und ungeklärte Fragestellungen erforscht werden müssen. Auch dass der „Sonnengott“ eine mystische Erklärung für Unerklärbares ist, wissen wir. Doch mit unseres Sprache drücken wir aus, was wir sehen: Die Sonne geht unter! Es sollen hier nicht die zahlreichen, volkstümlichen bis ideologischen Bilder und Texte thematisiert werden – „Es zogen auf sonnigen Wegen drei lachende Mädchen vorbei…“ / „Sonne, leuchte mir ins Herz hinein…“ / „Siehst du im Osten das Morgenrot, ein Zeichen zur Freiheit zur Sonne…“ – sondern es gilt, Gedanken nachzuvollziehen, die der nicaraguanische Mystiker und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal (1925 geboren) 2011 zeitgleich in Managua und Madrid veröffentlichte, und die nun vom Peter Hammer Verlag in deutscher Sprache herausgebracht werden.

Aufbau und Inhalt

Es sind sechs Essays, die Ernesto Cardenal vorträgt und mit denen er sein eigenes Denken, seinen wachen Geist, seine Ruhe und Unruhe und seine Lebensphilosophie vorstellt. Würde er dabei fertige Antworten formulieren, oder gar Rezepte anbieten, stünde nicht als Autor Ernesto Cardenal auf dem Buchtitel. Denn das zeichnet ihn aus: Sein kritischer Geist und seine Aufforderung: „Wir brauchen eine Veränderung, damit das, was wir fühlen, mit dem übereinstimmt, was wirklich geschieht, und damit wir die Dinge nicht fühlen, wie sie nicht sind“. Das Bild vom „Sonnenuntergang“ benutzt er dabei im ersten Essay, das auch den Titel des Buches gibt: „Diese Welt und eine andere“. Darin steckt die Suche danach, wer wir Menschen sind (vgl. dazu auch: E. O. Wilson, Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte der Menschen, München 2013, 384 S.). Sein Zugang zu der Frage der Fragen ist eine religiöse, jedoch keine kirchliche: „Eine Religion der Zukunft muss eine Religion der Evolution sein“. Aber es bleibt Weltanschauung, in der es eine Transzendenz, einen Gott gibt, einen Schöpfer, der das Universum als Ganzes repräsentiert: „Christus ist das Fundament der Kosmologie“.

„Wir sind Sternenstaub“, diese Metapher will den evolutionären Blick weiten, dass Leben auf der Erde sich vom Einzelnen zum Ganzen entwickelt hat. Die Conditio humana entstand aus der Lebenskraft. Vom homo habilis, der aus Feuerstein Werkzeuge schlug, bis zum Homo sapiens, der sich als Beherrscher der Natur versteht, ist eine lange Wegstrecke, und doch ein kontinuierlicher Strang, der den Menschen als zôon politikon (Aristoteles) ausweist, und Ernesto Cardenal als Christ und politischen Menschen eins sein lässt.

„In Deinem Licht sehen wir das Licht“; das könnte Gebetsanfang und -ende sein. Die Helligkeit, die durch die Lichtwellen entsteht. Licht und Finsternis sind für menschliches Sehen und Dasein aber nicht nur Sinneseindrücke, sondern haben auch eine mystische und mythische Bedeutung. Und die Farben des Regenbogens umspannen nicht nur den Horizont, sondern können auch Symbole für ein gutes, gerechtes und friedfertiges Leben der Menschen auf der Erde sein.

„Laotse, Prophet Christi“, diese Überschrift könnte den Verdacht aufkommen lassen, dass da einer die christliche Lehre als Alleinvertretungsanspruch durchsetzen wolle. Aber Ernesto Cardenal ist weder Fundamentalist noch Ideologe; vielmehr sieht er in der Interreligiosität einen Zugang zur Religion, auch der christlichen.

„Neuinterpretation der griechischen Philosophie“ geht einfach nur so, indem man erkennt, dass die „Liebe zur Weisheit“ nicht mehr und nicht weniger ist als die „Liebe zu den Menschen“, und damit dem Streben nach dem guten Leben. Eine Neubesinnung lässt sich allerdings darin begründen, dass ein „gutes Leben“ nicht in erster Linie ein materiell überfülltes „Haben“- Leben bedeutet (vgl. dazu auch: Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14000.php), was ja bedeutet, das Verhalten zu ändern und in seinem Denken und Tun einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) so eindrucksvoll gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

„Leuchtender Heraklit“, der das Licht des Feuers als Erleuchtung deutete und die Menschen ermahnte, „aufmerksam zu sein, wach zu sein und nicht wie im Schlaf zu handeln“. Cardenal geht mit den Fragmenten des antiken Philosophen interpretierend um und ermuntert uns, sie mit der christlichen Lehre zu vergleichen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen.

Fazit

Moderne Mystik beharrt nicht auf Überholtem, sondern knüpft an Weisheiten aus den Denkgeschichten der Menschheit an. Dadurch werden philosophische und religiöse Gedanken nicht dogmatisch, sondern zu politischen Lebenslehren. „Die Mysterien, die die Menschen praktizieren, beginnen mit profanen Dingen“, so Heraklit. Das könnte auch die Lebensweisheit von Ernesto Cardenal sein, wie er sie uns in seinen Essays vermitteln möchte, nicht als Rezepte und Gebote, sondern als Anregungen zum eigenen Nachdenken und zum Handeln. Man kann sich gut vorstellen, das Buch an Heranwachsende zu verschenken, im Erwachsenendiskurs gemeinsam zu diskutieren und individuell zu lesen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular

Es gibt 1566 Rezensionen von Jos Schnurer.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.09.2013 zu: Ernesto Cardenal: Diese Welt und eine andere. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2013. ISBN 978-3-7795-0475-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15281.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht