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Leyla Özdemir: Die Identitätsentwicklung der türkischen Familien in Berlin

Cover Leyla Özdemir: Die Identitätsentwicklung der türkischen Familien in Berlin. Im 50. Einwanderungsjahr. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. 276 Seiten. ISBN 978-3-8300-7133-4. D: 89,80 EUR, A: 92,40 EUR, CH: 119,00 sFr.

Schriftenreihe Studien zur Migrationsforschung - Band 15.
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Thema und Entstehungshintergrund

1961 begann in Deutschland die offizielle Anwerbung türkischer Arbeitsmigranten. Die Struktur der türkeistämmigen Bevölkerung hat sich seit dieser Zeit entscheidend gewandelt. Waren am Anfang der Migrationsbewegung hauptsächlich Männer aus der Türkei nach Deutschland gekommen, setzt sich heute die türkeistämmige Bevölkerung überwiegend aus Familien mit ihren in Deutschland geborenen Kindern, inzwischen in der vierten Generation, zusammen. Ihre Identität ist sowohl von der deutschen als auch von der türkischen Gesellschaft mittelbar oder unmittelbar beeinflusst worden.

Im vorliegenden Buch geht es um eine 2010-2011 durchgeführte quantitative Studie zur Identitätsentwicklung der türkischstämmigen Familien in Berlin in Bezug auf Kultur, Werte, Religiosität, Stellung der Frau und Sexualität. Es wird darin der Frage nachgegangen, „ob türkische Kultur, die Religion des Islams und gesellschaftliche Werte 50 Jahre nach dem zwischen der Türkei und Deutschland geschlossenen Anwerbeabkommens immer noch nachwirken oder ob sie auf die jugendlichen Familienangehörigen türkischer Herkunft keinen bzw. einen nur noch geringen Einfluss ausüben.“ (S. 15)

Die These, die die Sozialwissenschaftlerin Leyla Özdemir ihrer Arbeit zugrunde legt, die von Prof. Dr. Peter Heine vom Fachbereich Islamwissenschaft des nicht-arabischen Raumes an der Humboldt-Universität zu Berlin betreut und dort als Dissertation angenommen wurde, lautet: „Die jüngste Generation türkischer Herkunft identifiziert sich mit ihrer Religion, Ursprungskultur und ihren Werten, während die Eltern- bzw. Großelterngeneration zu einer türkisch-deutschen Hybridkultur tendiert und ihre religiöse Identität nicht in den Vordergrund rückt.“ (ebd.)

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus drei Kapiteln.

Im ersten Kapitel mit dem Titel Türkische Einwanderungsgeschichte in Deutschland klärt die Autorin zuerst die wichtigen Begriffe zum Thema Migration, bevor sie die Geschichte der Migration aus der Türkei in die BRD seit 1961 bis heute und die Generationen der türkeistämmigen Migranten behandelt sowie die „Bedürfnisse und Probleme“ wie Benachteiligung, politische Partizipation, Diskriminierung und Integration thematisiert.

Im zweiten Kapitel der Arbeit geht es um die Familie und familiäre Identität in der türkischen Geschichte und in der heutigen Türkei. Zunächst wird hierbei die Familie in der früheren türkischen Geschichte sowie im Osmanischen Reich dargestellt, dann folgen Ausführungen zur Bedeutung der Familie im Islam, bevor die Familie in der gegenwärtigen Türkei mit ihren Formen, dem Entwicklungsstand der weiblichen Emanzipation und Familientypen erläutert wird.

Das dritte Kapitel ist dem empirischen Teil der Arbeit gewidmet, in dem es um die Identitätsentwicklung der türkischstämmigen Familien in Berlin geht. Die Autorin erläutert hier zunächst die Begriffe „Identität“, „familiäre Identität“ und „kollektive Identität“, bevor sie Berlin als „Stadt im Zeichen der Migration“ thematisiert. Anschließend wird das Konzept der empirischen Untersuchung vorgestellt, indem das methodische Vorgehen begründet, der Fragebogen, das Sample und die Interviewsituation beschrieben sowie die Kriterien der Datenauswertung erläutert werden. Befragt wurden 224 Personen zwischen 15 und 70 Jahren sowie acht Experten. Im folgenden Teil dieses Kapitels werden die Forschungsergebnisse vergleichend zwischen den Altersgruppen, Geschlechtern, Glaubensweisen, Kulturen und Familienformen nach folgenden Themen dargestellt: „Kultur und Werte in der türkischen Familie“ wie Ehre, Würde, Respekt und Achtung, Religion und deren Rolle bei der religiösen Erziehung des Kindes, Eheschließung mit Andersgläubigen sowie bei der Trauung, die Stellung der Frau in der türkischen Familie in Bezug auf ihre Gleichberechtigung, Berufstätigkeit, schulische Bildung sowie Kleidung und Sexualität in der türkischen Familie hinsichtlich vorehelichen Geschlechtsverkehrs, der Sexualerziehung der Kinder und des elterlichen Austauschs von Intimitäten in Anwesenheit der Kinder.

In dem abschließenden Fazit und Ausblick werden die Ergebnisse der Studie noch einmal zusammengestellt.

In den darauf folgenden rund 95 Seiten sind die acht transkribierten Experten-Interviews sowie der Fragebogen und das Literaturverzeichnis enthalten.

Diskussion

Bereits durch den Titel des Buches „Die Identitätsentwicklung der türkischen Familien in Berlin“ entsteht der Eindruck, dass hier unreflektiert von „türkisch“, „türkischstämmig“ gesprochen wird. Tatsächlich hat die Autorin zur Überprüfung der „Identitätsentwicklung der türkischen Familien“ eine Untersuchung mit 224 Personen durchgeführt, die aus der Türkei stammen, also nicht türkisch, möglicherweise auch nicht türkischstämmig, sondern türkeistämmig sind: „Die große Mehrheit der Befragten (60 Prozent) besaß zum Zeitpunkt der Befragung eine türkische, 24 Prozent eine deutsche und 11 Prozent die doppelte Staatsangehörigkeit. Der Restanteil machte keine Angaben.“ (S. 111)

Zu vermeiden gewesen wären z.B. auch formale Fehler wie der fehlende Gliederungspunkt 3.8. im Inhaltsverzeichnis und im Fließtext.

Man erfährt in diesem Buch auf der methodisch-theoretischen Seite der Migrationsforschung sowie Identitätsbildung leider wenig. Nicht ganz klar bleibt zudem der Hintergrund der empirischen Untersuchung hinsichtlich des Verfahrens bei der Auswahl der befragten Personen (Kriterien der Auswahl bzw. Stichprobenzusammensetzung?).

Fazit

Trotz zahlreicher Schwachpunkte der Arbeit bietet die vorliegende Publikation Ansatzpunkte zur Diskussion und zur weiteren Beschäftigung mit der aufschlussreichen Erkenntnis der Studie, dass die junge türkeistämmige Generation eine familiäre Identität entwickle, die an ihre Ursprungskultur, den Islam und Werten wie Respekt, Ehre und Achtung angelehnt sei. Diese Wertvorstellungen würden als förderlich für den Familienzusammenhalt gelten, weshalb die Einhaltung dieser Regeln Priorität habe.

Die Arbeit ist vor allem für Personengruppen relevant und empfehlenswert, die in der beratenden Praxis der Migrationsarbeit sowie in der Migrationsforschung tätig sind. Das Buch von Leyla Özdemir dürfte jedoch manchen Interessierten preislich (89,80 €) überfordern.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 26.09.2013 zu: Leyla Özdemir: Die Identitätsentwicklung der türkischen Familien in Berlin. Im 50. Einwanderungsjahr. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-7133-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15301.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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