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Paul B. Hill, Johannes Kopp: Familiensoziologie

Cover Paul B. Hill, Johannes Kopp: Familiensoziologie. Grundlagen und theoretische Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 5., grundlegend überarb. Auflage. 384 Seiten. ISBN 978-3-531-18365-7. D: 29,95 EUR, A: 30,79 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Studienskripte zur Soziologie. Lehrbuch.
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Entstehungshintergrund

Im Vorwort teilen die Autoren ihre Sorge mit den Lesenden, ob es Sinn macht, das 1995 erstmals erschienene Grundlagenwerk zu Familiensoziologie, angesichts der mittlerweile vorhandenen Fülle an Literatur zu diesem Thema, nochmals grundlegend zu überarbeiten und zum fünften Mal neu aufzulegen. Sie entscheiden sich dafür, da im Unterschied zu vielen anderen Büchern in diesem die systematische Darstellung der Theorien und der empirischen Befunde rund um Familiensoziologie im Zentrum stehen.

Aufbau

In vier grossen Kapiteln werden die folgenden Themen erörtert:

  1. Anthropologische und historische Aspekte der Familie
  2. Theoretische Perspektiven der Familiensoziologie
  3. Familiale Prozesse und ihre Erklärung
  4. Familie in der modernen Gesellschaft

Inhalt

Das Buch behandelt sorgfältig und fundiert die Wissensbestände aus der Soziologie und den angrenzenden Disziplinen, insbesondere fliessen viele anthropologische, ethnologische und historische Grundlagen mit ein.

So beginnt das erste Kapitel mit der Definition des Familienbegriffs und dessen Tücken, und wirft dann einen weit ausschweifenden Blick auf verschiedenste Familienmodelle der Vergangenheit und Gegenwart. Im Vorbeigehen werden einige populärwissenschaftliche Mythen zerstört, beispielsweise das Bild der idyllischen Grossfamilie im Mittelalter, das Durkheimsche Kontraktionsgesetz der Familie oder die Vorstellung des romantischen Liebesideals als reines Produkt der Neuzeit. Das erste Kapitel führt zur Erkenntnis, „dass die Familie schon immer ein sehr flexibles soziales Gebilde war, welches in vielerlei Formen auftrat, wobei sich nur schwerlich gemeinsame Grundmuster oder allgemeine Entwicklungstrends erkennen lassen.“ (Hill und Kopp, 2013, 39).

Im zweiten Kapitel werden sechs grosse Theorien der Familiensoziologie besprochen.

Die strukturell-funktionale Denkrichtung sieht Kernfamilie mit dazu gehörendem Inzesttabu als universelle Institution, deren Funktion in Reproduktion und Sozialisation von Nachkommen besteht. Hill und Kopp stehen diesen strukturell-funktionalen Ansätzen skeptisch gegenüber, da diese in makrosozialen Strukturen nach deterministischen universellen Gesetzen für individuelles Rollenhandeln suchen.

Soziobiologische Ansätze versuchen mit evolutionstheoretischen Argumenten gemäss Darwin zu erklären, warum welche Lebensformen besser angepasst und damit überlebenstauglicher sind als andere. Obwohl gewisse biologische Voraussetzungen zweifellos das menschliche Zusammenleben mitbestimmen, ist es, gemäss Hill und Kopp, äusserst problematisch, aus allem heute Existierenden abzuleiten, es wäre funktional für die Entwicklung gewesen. Zudem fehlen kritische empirische Prüfungen der evolutionsbiologischen Behauptungen zu Familiensystemen.

Der symbolische Interaktionismus füllt das Defizit struktur-funktionalistischer Argumente, indem er den Fokus nicht auf makrosoziale Strukturen sondern auf individuelles Rollenhandeln legt. Damit steht nicht mehr die gesellschaftliche Erklärung im Vordergrund, sondern das Nachvollziehen des subjektiv sinnvollen Handelns, also am Beispiel der Familie nicht mehr die Frage, welche Aufgabe Familie für die Gesamtgesellschaft erfüllt, sondern welchen Sinn z.B. die Ehe für die einzelnen Individuen macht. Unbefriedigend bleibt an diesen Ansätzen für Hill und Kopp die Darstellung, woher Individuen bzw. die signifikanten Anderen ihre Deutungs- und Orientierungsmuster beziehen, sollten diese nicht völlig beliebig und zufällig sein.

Als fruchtbarer für die Familiensoziologie erachten die Autoren ökonomische Theorien, zu denen auch Austauschtheorien und insbesondere Rational-Choice gehören. Aus diesem Blickwinkel erscheinen familiäre Bindungen und Interaktionen als Tauschakte zwischen Individuen, Gruppen, Clans oder ganzen Gesellschaften (Austauschtheorien), oder als individuelle Nutzenoptimierung eines rational handelnden Subjekts. Das individuelle Handeln ist durch soziale, insbesondere makroökonomische, Fakten geprägt und formt wiederum die gesamtgesellschaftlichen Strukturen. Erweiterte Rational-Choice-Theorien ziehen auch Normenveränderungen, Gewohnheitshandlungen und Emotionen in ihre Erklärungen mit ein.

Kapitel drei beleuchtet die wesentlichsten Arbeitsfelder der Familiensoziologie, nämlich

  • Entstehung von Partnerschaften
  • Erweiterung der Partnerschaft durch Kinder
  • Regeln, Routinen, Normen und Macht innerhalb der Familien
  • Auflösung der familiären Verbindung durch Trennung oder Scheidung

Auch für diese Gebiete werden die wichtigsten theoretischen Ansätze vorgestellt – also etwa sozialpsychologische, evolutionsbiologische und ökonomische – und anhand demografischen Materials sorgfältig hinsichtlich ihrer Plausibilität diskutiert.

Das vierte und letzte Kapitel befasst sich mit der Zukunft der Familie, also mit Individualisierungs-, Diffusions- und Pluralismusthesen. Ob die Familie als Institution vor ihrem Ende steht, vermögen die Autoren nicht abschliessend zu beantworten, klar ist hingegen, „dass Personen ihr familiales Handeln rasch und problemlos den veränderten Umständen anpassen“ und dass „sie weiterhin Familien, familienähnliche Konstellationen oder andere funktionale Äquivalente schätzen werden.“ (Hill und Kopp, 2013, 277).

Diskussion

Die im ersten Kapitel getroffene Entscheidung, als Familie zu definieren:

  • „eine auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau
  • mit gemeinsamer Haushaltsführung und
  • mindestens einem eigenen (oder adoptierten) Kind.“ (Hill und Kopp, 2013, 10),

hat zur Folge, dass diverse neuere Lebensmodelle (Alleinerziehende, homosexuelle Paare mit Kindern, living-apart-together-Modelle, kinderlose Paare mit einem Elternteil lebend), nicht als Familien wahrgenommen werden und damit nicht Gegenstand der Familiensoziologie und dieses Buches sind. Abgesehen davon ist das Buch jedoch sehr umfassend und setzt sich fundiert und breit mit vorhandenem Wissen rund um Familie auseinander.

Fazit

Ein Lehrbuch auf anspruchsvollem Niveau für Studierende, Forschende und Unterrichtende, das viele Anstösse gibt, sich noch weiter in Familientheorien, aktuelle Statistiken, historische und ethnologische Dokumente zu vertiefen, um am Diskurs teilzunehmen.


Rezension von
Ursula Christen
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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 11.09.2013 zu: Paul B. Hill, Johannes Kopp: Familiensoziologie. Grundlagen und theoretische Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 5., grundlegend überarb. Auflage. ISBN 978-3-531-18365-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15303.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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