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Esther Ruiz Ben: Internationale Professionalität

Cover Esther Ruiz Ben: Internationale Professionalität. Transformation der Arbeit und des Wissens in transnationalen Arbeitsfeldern. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 558 Seiten. ISBN 978-3-531-17973-5. D: 39,95 EUR, A: 41,07 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Research.
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Thema

Die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien und die Erwerbsarbeit in diesen und angrenzenden Bereichen verteilt sich international und führt zu organisationalen, grenzüberschreitenden Interaktionsverflechtungen. Dadurch entstehen neue Arbeitsräume mit neuen Herausforderungen für die Arbeitsorganisation und ihre institutionelle Ordnung; neue Mechanismen der Koordination, Synchronisation und Kontrolle von Arbeitsprozessen sowie neue Kriterien der Arbeitsbefähigung und Arbeitsbereitschaft von Experten. Wie wird die Balance gehalten zwischen einheitlicher Leistungsqualität einerseits und ausreichenden Spielräumen für die Anwendung von Innovation und Kreativität andererseits? Wie gehen Mitarbeiter und Unternehmen mit diesen veränderten Anforderungen um? Welche Auswirkungen haben Internationalisierungspraktiken wie Offshoring und Nearshoring auf die Arbeitsorganisation und damit Kontrollformen und Hierarchisierung von Arbeit und Wissen sowie auf Geschlechterasymmetrien? Solchen Fragen geht die Esther Ruiz Ben in ihrer theoretischen und empirischen Untersuchung nach. Ihre Kernthese ist, dass sich aus diesen Entwicklungen gemischte Professionalitätsformen herausbilden und Organisationen unterschiedliche Flexibilitätsstrategien entwickeln, um Arbeit und Wissen in transnationalen Arbeitsfeldern zu strukturieren und zu steuern.

Autorin

Dr. Esther Ruiz Ben ist Hochschulassistentin am Institut für Soziologie der TU Berlin sowie Senior Research Officer am Institut für Soziologie der University of Essex.

Entstehungshintergrund

„Internationale Professionalität“ ist die überarbeitete Fassung der Habilitationsschrift der Autorin und ist während deren Tätigkeit am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin entstanden. Der empirische Teil, die dreijährige Feldforschung, wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und entstand unter Beteiligung diverser Nachwuchswissenschaftler/innen.

Aufbau

Neben Vorwort und Einführung umfasst das Buch vier Teile:

  1. Der erste Teil liefert die theoretischen Grundlagen der Untersuchung.
  2. Teil 2 leitet daraus den theoretischen Rahmen für die Analyse der Arbeitsorganisation in transnationalen Arbeitsfeldern ab.
  3. Im dritten Teil stellt die Autorin ausführlich die Ergebnisse ihrer empirischen Untersuchung vor.
  4. Im vierten Teil folgen Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse.

Das Buch schließt ab mit Verzeichnissen zu Graphiken, Tabellen und Literatur.

Zu Teil I: Theoretische Grundlagen

Bei der Literaturdurchsicht kommt Ruiz Ben zu dem Schluss, dass fordistische Arbeitsorganisationsmodelle noch nicht völlig ausgedient haben, sondern vielmehr eine Hybridisierung bürokratischer Organisationsmodelle mit anderen indirekten Kontrollformen der Arbeit und des Wissens stattfindet (S. 94). Dies führt zu gemischten Professionalitäts- und Karriereformen als Paradigma der Arbeitsorganisation. Individualisierungs-und Subjektivierungsfaktoren in Verbindung mit implizitem Wissen und permanenter Erneuerung des individuellen Wissens werden immer wichtiger für prestigeträchtige Karrieren im Informationssektor. Für Frauen bietet diese Entwicklung sowohl Risiken als auch Chancen.

Aus neo-institutionalistischen Theorien übernimmt die Autorin die Annahme, dass Entscheidungsprozesse in Organisationen durch kognitive, normative und regulative Umwelteinflüsse und vorherrschende Glaubenssysteme geprägt werden.

Institutionalistische Theorien aus Europa untersuchen das Wechselspiel zwischen organisationalen und individuellen Handlungen. Ruiz Ben greift bei der Kategorisierung ihrer Fallstudien auf Morgan & Quack (2005) zurück, die vier Formen internationaler Koordination professioneller Dienstleistungsaktivitäten unterscheiden (kollegial koordiniert, hierarchisch kontrolliert, finanziell kontrolliert und reziprozitätsbasiert), die je nach Wissensform und gewünschten Kundentypen variieren können. Die handlungstheoretische Akteursperspektive beleuchtet den Umgang mit Regeln, Ressourcen und Wissen. Dadurch werden individuelles Arbeitshandeln und berufliche Bildungsgänge ebenso wie Kontrollformen von Arbeit und Wissen beeinflusst.

Zu Teil II: Theoretischer Rahmen für die Analyse der Arbeitsorganisation in transnationalen Arbeitsfeldern

Ruiz Ben leitet aus ihrer theoretischen Analyse ab, dass je nach Unternehmenskontext unterschiedliche Flexibilitäts-, Arbeitsorganisations- und Kontrollformen entstehen. Das Paradigma der gemischten Professionalität verbindet dabei verschiedene Kontrollquellen der Arbeit, des Wissens und der Expertise miteinander.

Die Autorin folgt einem relationalen Ansatz auf Basis strukturtheoretischer Modelle und stützt sich auf organisationale Handlungstheorien, in denen Umweltveränderungen über organisationsspezifische und individuelle Filter entlang der Dimensionen Signifikation (Regeln der Sinnkonstruktion), Domination (Entscheidungen über Ressourcen und Ziele) sowie Legitimation (Vereinbarungen, Regeln der Sanktionierung von Handeln) wahrgenommen werden. Transformation steht im Spannungsfeld zwischen Standardisierung und Formalisierung von Arbeit und Wissen einerseits und der zunehmenden Anforderung nach kreativer und flexibler Anpassung andererseits.

Im weiteren Verlauf des Kapitels detailliert Ruiz Ben die theoretische Basis für gemischte Professionalitäts- und Karriereformen in transnationalen Arbeitsfeldern sowie die Implikation für Geschlechterasymmetrien.

Zu Teil III: Empirische Untersuchung

Das Kapitel beginnt mit einem Überblick über die IT Branche und Informationsarbeit in Deutschland. Die sechs Fälle werden aus den Bereichen Informationstechnik (Hardware und Software), Telekommunikation und IT-Dienstleistungen rekrutiert. Ziel der Untersuchung ist es, auf beschäftigungspolitischer und alltagspraktischer Ebene zu analysieren, welche Wirkungen die internationalisierungsbedingte Verschiebung von Machtzentren und -quellen auf Arbeitsorganisation, Kontrollformen und Asymmetriemuster hat. Methodisch liegt der Arbeit ein Mix aus qualitativen und quantitativen Methoden auf Basis explorativer Fallstudien zugrunde. Verglichen wird entlang der theoretischen Dimensionen Dominanz (Verbindung zwischen Arbeit und organisierter Praxis, Arbeits-und Wissensanforderungen sowie Karriereoptionen), Legitimation (Mechanismen der Kontrolle und Legitimation der Arbeitspraxis) und Signifikation (Konstruktion beruflicher Identitäten) sowie den Querdimensionen Arbeitsorganisation, Geschlechterasymmetrien und Vereinbarkeit von Arbeit und Leben.

Aus diesen Fällen entwickelt Ruiz Ben eine Typologie der Beschäftigungspolitiken mit drei Typen: einer substitutiven (Stellenabbau in Deutschland und Ansiedelung nach Projektbedarf im Ausland unter Markt- und Kostendruck), einer expansiven (Integration zusätzlicher Wissenskapazitäten und Erhalt der Stellen in Deutschland) und einer fragmentierten (strategische Suche nach Arbeits-und Wissenskapazitäten, die das Kerngeschäft ergänzen) internationalen Beschäftigungspolitik.

In Unternehmen mit substitutiver und fragmentierter Politik findet sich vor allem eine situierte Professionalität.Bei diesem Typ muss die technische und Management-Qualifikation konzerninterner Zertifizierung genügen, Qualitätsstandards und vertikale (deutsche) Konzernkarrieren sind hierarchisch und bürokratisch kontrolliert, Handlungsautonomie wird innerhalb der Konzernregeln erwartet, aber große Unsicherheit und Anpassungsdruck führen zu Widerstand gegen das tayloristische Factory Modell und zu hoher Fluktuation der Experten und Projektleiter.

Unternehmen mit expansiver Politik fördern eine reflexive Professionalität, die gekennzeichnet ist durch Arbeitsfeldexperten mit sehr hoher formeller Informatikqualifikation und Weiterbildung, interaktiv und firmenintern weiterentwickelter Expertise und Qualitätsmanagementsystemen, Karrieren, die offener - auch horizontal – und langfristiger angelegt sind. Die Identifikation der Experten ergibt sich mehr aus dem Arbeitsfeld als durch die Konzernzugehörigkeit.

Geschlechterasymmetrien finden sich in beiden Professionalitätsformen. Nur eine Minderheit der Frauen besitzt die geforderte technische Qualifikation. In Unternehmen mit eher situierter Professionalität muss die Expertise im Konzern zertifiziert sein, und erhöhte Anforderungen an Mobilität, Anpassung an Transformationsprozesse und Verfügbarkeit sowie Kostenreduktionsdruck lassen Frauen im gebärfähigen Alter schnell als Kostenrisiko gelten. Hinzu kommen Vorbehalte bezüglich Alter und Nationalität. Unternehmen mit reflexiver Professionalität pflegen eine egalitärere Geschlechterkultur, in der die informatische Expertise und Langfristigkeit im Vordergrund stehen. Aber auch hier stellen Mangel an technischer Qualifikation und Vollverfügbarkeit ein Hindernis für Frauen dar.

Zu Teil IV: Diskussion der Ergebnisse

Ausgehend von der These, dass gemischte Professionalitätsformen als Kombination bürokratischer und indirekter Kontrollformen der Arbeit und des Wissens eine Antwort auf die Herausforderung international verteilter Arbeit sind, kommt Ruiz Ben zu folgenden Ergebnissen:

  • Gemischte Professionalität kann für Mitarbeiter Entscheidungsfreiheit und Anerkennung bieten und für Arbeitgeber eine effiziente Ergänzung organisationaler bürokratischer Kontrollmechanismen und Flexibilitätsstrategien sein. Sie erscheint, angepasst an den organisationalen Kontext, in verschiedenen Formen.
  • Die Studie bestätigt die Pluralität von Arbeitsmodellen innerhalb einer Branche sowie die Kombination verschiedener Flexibilitätsstrategien.
  • Gründe für die Auslagerung ins Ausland sind nicht allein Kosteneinsparungen, sondern – vor allem in Unternehmen mit expansiver Beschäftigungspolitik – auch die Verfügbarkeit hochqualifizierter Fachkräfte sowie Expansions- und Innovationspotentiale.
  • Es lässt sich an deutschen Standorten eine berufliche Transformation hin zu internationalem Projektmanagement feststellen. Während in Firmen mit substitutiver und fragmentierter Beschäftigungspolitik technische Tätigkeitsbereiche durch Standardisierung und Dezentralisierung zugunsten von Projektmanagementtätigkeiten verdrängt werden, sind sie in expansiv orientierten Unternehmen noch Kernbereiche, wobei auch hier die Koordinationstätigkeiten an Bedeutung gewinnen.
  • Etablierte Organisations- und Koordinationsmethoden geraten in Konflikt mit heterogenen Projektorganisationsformen, was zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen Linien-und Projektorganisation führt.
  • Höhere Partizipation bei der Festlegung von Qualitätsstandards, international übergreifende Weiterbildungsangebote und Karriereoptionen sollen in expansiv orientierten Unternehmen Widerstände gegen Standardisierung und hierarchische Kontrollformen abbauen und das Fluktuationsrisiko verringern.
  • Professionalität ist insbesondere für osteuropäische Mitarbeiter sehr bedeutsam, während in Deutschland die informatische Habitualisierung wichtiger ist. Die Transformation zum Dienstleisterprofil der substitutiv und fragmentiert orientierten Unternehmen wird von deutschen Mitarbeitern als bedrohlich wahrgenommen.
  • Trotz der zunehmenden Bedeutung von Managementkompetenzen und Kundeninteraktion bestimmen vorrangig die technische Qualifikation sowie zeitliche und örtliche Verfügbarkeit den Karrierezugang, was Geschlechterasymmetrien begünstigt.
  • Ruiz Ben nimmt an, dass zukünftig diejenigen Mitarbeiter profitieren werden, die Arbeitsintensivierung und Kundenerwartungen akzeptieren, sich anpassen können und bereit sind, individuelle Verantwortung für die Abgrenzungen zwischen Arbeit und Leben zu übernehmen.
  • Offen bleibt, inwieweit sich auch Organisationen mit expansiver Beschäftigungspolitik einer substitutiven Politik annähern werden.

Diskussion

Esther Ruiz Ben untersucht die Arbeitsorganisation und Professionalitätsformen im IT-Sektor vor dem Hintergrund der Internationalisierung und Geschlechterasymmetrien. Ausgehend von Theorien und empirischen Erkenntnissen leitet sie ihre Hypothesen ab. Im empirischen Teil stellt sie die Informationsarbeit in Deutschland sowie deutschen Nearshore- und Offshore-Gebieten vor und beschreibt und analysiert sechs ausgewählte Fallstudien ausführlich. Zwischenfazits sowie das letzte Kapitel fassen die theoretischen und empirischen Erkenntnisse zusammen.

Damit vermittelt sie dem Leser einen Einblick in Arbeitsmarkttrends im Informationssektor, der nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Personalverantwortliche, Aus-und Weiterbilder, Universitäten und Hochschulen, die Informatik-nahe Studiengänge anbieten, interessant ist. Leider konzentriert sie sich jedoch in ihren Fallstudien auf Auslagerungen nach Osteuropa, über das Offshore-Geschäft in Indien erfahren wir nichts. Auch wäre weiterführend interessant zu untersuchen, welche der erarbeiteten Erkenntnisse sich auch in anderen multinationalen Unternehmen widerspiegeln und welche tatsächlich typisch für die Informationsarbeit sind.

Sprachlich ist das Buch für einen breiten Leserkreis verständlich geschrieben, aber eben eine ausführliche Habilitationsschrift und kein „Executive Summary“ für Praktiker.

Fazit

Esther Ruiz Ben untersucht in dieser überarbeiteten Fassung ihrer Habilitationsschrift die Auswirkungen der Internationalisierung der Informationsarbeit auf Arbeitsorganisation, Beschäftigungspolitik, Qualifikationsanforderungen, Professionalitätsverständnis, Kontroll- und Karriereformen sowie Geschlechterasymmetrien. Sie identifiziert Beschäftigungspolitiken und gemischte Professionalitätstypen im Spannungsfeld zwischen Standardisierung und Flexibilisierung der Arbeit, in denen die technische Qualifikation nach wie vor notwendig, aber nicht mehr hinreichend ist und deshalb vor allem am Standort Deutschland um die Kompetenzen des Projektmanagements und der Kundenberatung zu ergänzen ist.


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 27.12.2013 zu: Esther Ruiz Ben: Internationale Professionalität. Transformation der Arbeit und des Wissens in transnationalen Arbeitsfeldern. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-17973-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15304.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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