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Volker Lenhart: Pädagogik der Menschenrechte

Cover Volker Lenhart: Pädagogik der Menschenrechte. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 192 Seiten. ISBN 978-3-8100-3726-8. 13,90 EUR.

Unter Mitarbeit von Volker Druba und Katarina Batarilo.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-14974-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Einführung

Bereits 1974 hat die Generalkonferenz der UNESCO die "Empfehlung über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Frieden in der Welt sowie die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten" (Kurz: Empfehlung zur internationalen Erziehung; Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn 1990) der Welt vorgelegt. Unter Bezugnahme auf die in der von den Vereinten Nationen 1948 herausgegebenen Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird in der Empfehlung unter anderem "Verständnis und Achtung für alle Völker, ihre Kulturen, Zivilisationen, Werte und Lebensweisen" gefordert und als Grundprinzipien für die Bildungspolitik in der ganzen Welt proklamiert.

Pessimisten, nicht zuletzt bestätigt durch die vielfältigen Menschenrechtsverletzungen auch in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart der Erde, stellen fest, dass die Menschheit bei ihrem Bemühen um Friedlichkeit und Menschenwürde gescheitert sei; Optimisten jedoch, wie etwa der Präsident der peruanischen Menschenrechtsorganisation und Vizepräsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, Francisco Soberón (UNESCO-Kurier 10/1998), sprechen zum 50jährigen Bestehen der UN-Menschenrechtsdeklaration vom "langen Weg", den die Menschen in unserer Einen Welt zurück legen müssten, um "alle Rechte für alle Menschen" zu verwirklichen.

Zu den Optimisten gehört auch der Erziehungswissenschaftler der Universität Heidelberg, Volker Lenhart. Mit seinem Buch greift er in den Diskurs ein, der sich in den Vergleichenden Erziehungswissenschaften (Hermann Röhrs) zu Theorien und Didaktiken der Friedenspädagogik zaghaft etabliert hat und den er mit seinen eigenen empirischen und theoretischen Arbeiten zur Evolution des erzieherischen Handelns, einer Pädagogik der Dritten Welt und einer Versöhnungspädagogik nach Kriegssituationen mit bestimmt hat. Die Bemühungen der Erziehungswissenschaft, den Blick über den eigenen, disziplinären Gartenzaun zu richten, hat viele Facetten; eine interessante ist die der "Vergleichenden Pädagogik", die davon ausgeht, dass wir Menschen in der wirklichen Welt bei der Existenz und Weiterentwicklung der Menschheit wählen müssten zwischen Selbstzerstörung und Selbstverwandlung (Hans Wittig, 1973), oder einen Paradigmenwechsel bei der Suche nach einem neuen Weltverständnis vollziehen sollten (Klaus Seitz, Bildung in der Weltgesellschaft, 2002).

Inhalte

Lenhart unternimmt den Versuch, die Forderungen nach Menschenrechtserziehung und –aufklärung konkret als eine allgemeinbildende, fächer- und disziplinübergreifende Lernaufgabe auszuweisen. Dazu verortet er „Menschenrechtspädagogik“ als Gegenstandsfeld in einer Systematik der Vergleichenden und Internationalen Erziehungswissenschaft. Grundlage seiner didaktischen Zuordnung ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Seine Auseinandersetzung zum international strittigen Anspruch der universellen Geltung der Verhaltenskodizes und die Einordnung von ausgewählten internationalen Dokumenten in ein zukünftiges Gebäude eines „Weltbildungssystems“, wie der World Plan of Action on Education for Human Rights and Democracy (1993), der Declaration... on Education for Peace, Human Rights and Democracy (1995) und dem International Plan of Action for the United Nations Decade for Human Rights Education (1998), machen die fortgeschrittene Verankerung in der internationalen Menschenrechtsdiskussion deutlich.

Besonders für Bildungspraktiker dürfte seine Analyse von ausgewählten Informations- und Lernmaterialien zur Menschenrechtsbildung wertvolle Hilfe für den schulischen Unterricht sein; vor allem deshalb, weil in der schulischen Alltagspraxis eine Fülle von „Glanz“-Broschüren vorliegen, die selten für die Unterrichtsarbeit nutzbar gemacht werden können. Lenharts Versuch, mehr wird er ihn wohl selbst nicht deklarieren, nach der Habermaschen Diktion der janusköpfigen Menschenrechte eine Didaktik zu entwerfen, kann nur begrüßt werden. Ausgehend von formulierten Lernzielen, wie z. B.: eigene Menschenrechte kennen und einfordern können; die Menschenrechte anderer kennen und für ihre Wahrung eintreten; die Menschenrechte als Werte der eigenen Moral anerkennen und handlungsleitend werden lassen, kommt er sehr bald zur „entwicklungsorientierten Werteerziehung“. Seine Anlehnung an die von Colby/Kohlberg 1987 entworfenen „Moral“-Stufen 1 – 6 und deren Zuordnung zum unterschiedlichen Kindes- und Erwachsenenalter irritiert allerdings bei der didaktischen Konzeption. Sie erinnern allzu sehr an die wohl überholten didaktischen Prinzipien des “später kommt...“. Es muss vielmehr bei einer Menschenrechtsdidaktik der Anspruch einer „Gleichzeitigkeit und Gleichgültigkeit“, natürlich alters- und sachbezogen, erhoben werden, wie dies in Art. 26, Abs. 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert wird: „Die Bildung soll auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie soll Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Völkern und allen rassischen oder religiösen Gruppen fördern und die Tätigkeit der Vereinten Nationen zur Aufrechterhaltung des Friedens unterstützen“. Das Kapitel über die „Kinderrechte“, in dem die persönlichen und zivilen Rechte beim Aufwachsen der Kinder in unserer Gesellschaft, die Rechte zum Schutz in besonderen Lebenssituationen und vor Misshandlung und Ausbeutung, wie bei Flüchtlingskindern, HIV-infizierten Kindern, bei der unsäglichen Praxis der Genitalverstümmelung und zur Kinderarbeit, dürfte besonders für das Anwendungsfeld Sozialarbeit in Schule und außerschulischen Einrichtungen hilfreich sein.

Nicht unwichtig ist Lenharts Plädoyer für eine qualifizierte Ausbildung von Personal in menschenrechtsrelevanten Berufsfeldern. Betrachtet man z. B. die in mittlerweile allen Bundesländern veranlassten Kürzungen und Streichungen von Angeboten in der Lehrerfortbildung, ist die Forderung nach Aus- und Fortbildung zur Menschenrechtsaufklärung und –erziehung um so notwendiger. Die sich mittlerweile etwa in der Globalisierungsdiskussion regional und international sich immer deutlicher etablierende Meinungsbildnerschaft bei Menschenrechtsgruppen und nichtstaatlichen Organisationen (NGO) gilt es auch für die Bildungsarbeit nutzbar zu machen.

Fazit

Menschenrechte fallen nicht vom Himmel und auch niemandem in den Schoß; sie müssen erworben, erarbeitet und erstritten werden. Das ist ja dann nichts anderes als der Anspruch zur Verhaltensänderung, wie Lernen definiert wird. Ausgehend vom Individuum und ausgreifend auf die lokale, regionale und internationale Gemeinschaft von Menschen. Die größte Herausforderung heute liege, so der ehemalige Generalsekretär der UNESCO, Federico Mayor, im Übergang von einer Kultur des Krieges zu einer Kultur des Friedens (1998).

Der von Volker Lenhart vorgelegte Baustein für eine Pädagogik der Menschenrechte muss eingefügt werden in ein "Menschenrechtshaus", in dem alle Menschen auf der Erde human(er), gerecht(er), friedlich(er) und demokratisch(er) leben können.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.03.2004 zu: Volker Lenhart: Pädagogik der Menschenrechte. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. ISBN 978-3-8100-3726-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1532.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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