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Jutta Standop: Hausaufgaben in der Schule

Rezensiert von Dr. Thomas Markert, 14.11.2013

Cover Jutta Standop: Hausaufgaben in der Schule ISBN 978-3-7815-1912-1

Jutta Standop: Hausaufgaben in der Schule. Theorie, Forschung, didaktische Konsequenzen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 336 Seiten. ISBN 978-3-7815-1912-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.

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Thema

Das Buch nimmt mit den Hausaufgaben ein aktuelles und zudem brisantes Thema der Schule in den Blick. Besonders im Zusammenhang mit der Ganztagsschulentwicklung wird weiterhin hinterfragt, ob eine zeitliche Verlängerung des Schultages nicht die Verlagerung von Schularbeiten in den familiären, eben häuslichen Raum umfangreich ersetzen müsste oder inwieweit der Zusammenhang von Schulerfolg und Elternhaus nicht durch die Hausaufgabenpraxis zusätzlich gestärkt wird. Noch im Jahr 2013 diskutierten Experten/innen im Rahmen des „Transferforum[s] Ganztagsschule“ darüber, wie mit den Hausaufgaben in einer als modern empfundenen, eben ganztägig organisierten Ganztagsschule umgegangen werden sollte. Mit dem Titel der Fachtagung „Von Hausaufgaben zu individuellen Lernzeiten“ zeigte sich der dort favorisierte Weg (vgl. www.ganztaegig-lernen.de/Transferforum/transferforum-2013-von-hausaufgaben-zu-individuellen-lernzeiten [Zugriff 13.10.2013]). Aus Jutta Standops Sicht wird das Thema aktuell nun wie folgt debattiert: „Wurde in der Vergangenheit oftmals diskutiert, ob diese überhaupt vergeben werden sollten, geht es gegenwärtig vielmehr um die Qualität der Hausaufgaben und damit um die Frage nach deren Lernwirksamkeit.“ (Klappentext). Die Autorin legt in ihrer Publikation ausführlich die Realität dar, dass unter dem Label „Ganztagsschule“ zumeist die „offene Ganztagsschule“ organisiert wird, so nur zu einem kleineren Anteil Schulen mit generell zeitlich verlängertem Angebot vorhanden sind. Ausgehend von der Annahme, dass Hausaufgaben ein wirksames pädagogisches Mittel seien, erscheint dann eine Ablösung von Hausaufgaben durch integrierte Lernzeiten als „Zukunftsmusik“. Im Zusammenhang mit dieser Praxis ist die von Jutta Standop vorgelegte wissenschaftliche Arbeit zu den didaktischen Konsequenzen der Hausaufgabenpraxis ein Beitrag, der zumindest potenziell ausreichend Adressat/innen hat. Doch zugleich gilt: „In der pädagogischen Praxis der allgemeinbildenden Schulen sind Hausaufgaben seit jeher elementarer Bestandteil der Schulkultur […] und gehören wie selbstverständlich zum Alltag der Schülerschaft, des Lehrerkollegiums und der Eltern.“ (S. 11). Wieso sollte sich aber bei dieser Tradition jemand für die Didaktik der Hausaufgaben interessieren, wenn es sie doch schon immer in der bekannten Form gab?

Entstehungshintergrund

Jutta Standop, jetzt Professorin für Schulpädagogik an der Universität Trier, arbeitete vor ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit sechs Jahre als Grundschullehrerin. In der von ihr nun vorgelegten Publikation stellt sie Forschungsergebnisse vor, die sie im Rahmen ihrer Habilitation zum Thema „Didaktik der Hausaufgaben“ erarbeitet hat. Innerhalb eines Zeitraums von viereinhalb Jahren hat sie neben theoretischen Analysen auch eigene empirische Studien durchgeführt, deren Erträge sie dann in Aussagen zu didaktischen Konsequenzen verarbeitet hat.

Aufbau

Das vorliegende Werk ist nicht nach dem Schema Theorie-Methode-Empirie-Schlussfolgerungen aufgebaut. Im Stile einer Habilitationsschrift sind empirische und theoretische Arbeiten in einzelnen Kapiteln geblockt. Die empirischen Teile beziehen sich dabei auf das drittmittelfinanzierte Forschungsprojekt „HOfGanS-Studie: Hausaufgaben in der Offenen Ganztagsschule“, welches von 2008 bis 2011 an ausgewählten Grundschulen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde.

Inhalt

Nach Vorwort und Einführung eröffnet und spezifiziert Kapitel eins das Thema. Es geht nicht um die Hausaufgaben an sich, sondern der Fokus liegt auf der didaktischen Einbettung der Hausaufgaben innerhalb erstens eines schüleraktivierenden Unterrichts. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass es wohl kontraproduktiv sei, einen Unterricht mit dem Ziel eines entdeckenden und selbständigen Kindes, das eigenständig Probleme löst (vgl. S. 22), zu entfalten, und zugleich „gleiche, [durchgängig fremdbestimmte; Umstellung T.M.] Aufgaben für alle Schüler“ (S. 14) als Hausaufgaben zu erteilen. Zweitens werden Hausaufgaben im Kontext der in Nordrhein-Westfalen (NRW) umfangreich organisierten offenen Ganztagsschulen erforscht.

Im zweiten Kapitel wird die „historische Entwicklung der Hausaufgaben im allgemeinbildenden Schulwesen“ (S. 27) aufgearbeitet. Von den Anfängen in einer Lateinschule im 15. Jahrhundert bis hin zur Hausaufgabenpraxis und -forschung in DDR und BRD reicht der etwa neunseitige Überblick.

Etwas überraschend wirkt der Einstieg in Kapitel drei zu den Funktionen von Hausaufgaben. Jutta Standop geht diesen nämlich zuerst anhand der institutionellen und rechtlichen Rahmenvorgaben auf die Spur. Diese Vorgehensweise ist aber, wenn man davon ausgeht, dass so pädagogisches Handeln in Schule administrativ gesteuert werden kann, überzeugend. Die Autorin recherchiert, dass in allen Bundesländern Hausaufgaben Gegenstand von Schulordnungen und ähnlichen Erlassen sind, aber unterschiedlich detailliert bis gar nicht die Funktion der Hausaufgaben benannt werden. Im zweiten Teil des Kapitels werden die „wissenschaftlichen Begründungen der Funktionen von Hausaufgaben“ referiert. Gefunden werden didaktische und erzieherische Funktionen die jeweils klassifiziert werden. Die Erträge der ersten beiden Abschnitte werden dann als „gegenwärtige Zuschreibungen von Hausaufgabenfunktionen“ zusammengeführt. Im vierten Abschnitt werden von der Autorin letztlich „[u]nter Berücksichtigung der aktuellen Erkenntnisse der Lehr-Lernforschung und der Allgemeinen Didaktik […] zusammenfassend vor dem Hintergrund der bisherigen Ausführungen Funktionen im Lernprozess der Schülerinnen und Schüler bestimmt, die als konstitutiv für eine Theorie der Hausaufgaben gelten sollten“ (S. 55).

Im Kapitel vier wird die Begründung der Ganztagsschule sowie deren heutige Organisation mit dem Regionalfokus NRW vorgestellt. Behandelt wird auch, welche Funktionen in NRW den Hausaufgaben in den offenen Ganztagsschulen des Primarbereichs zugeschrieben werden.

Kapitel fünf behandelt den aktuellen Forschungsstand zum Thema Hausaufgaben. Eine tabellarische Übersicht verdeutlicht die unterschiedlichen Aspekte, denen die von der Autorin gesichteten Untersuchungen nachgegangen sind. Ausführlich werden die Erkenntnisse zu den einzelnen Aspekten zusammen getragen. Aufschlussreich ist dabei der Abschnitt zur Lernwirksamkeit von Hausaufgaben. Die Autorin referiert mehrfach Befunde, die darauf verweisen, dass die Wirksamkeit der Hausaufgaben altersabhängig in der Weise zu betrachten ist, dass deutliche Lernzuwächse in der Sekundarstufe, aber nicht in der Primarstufe nachgewiesen werden konnten. In der Zusammenfassung favorisiert sie dann die „Aufgabenqualität“ als Faktor für die Lernwirksamkeit und stellt den empirischen Befunden die ebenso empirisch belegte Tradition der Hausaufgaben gegenüber: Grundsätzlich wird die Notwendigkeit von Hausaufgaben von Schüler/innen, Eltern und Lehrkräften nicht hinterfragt, sondern bestätigt und es lässt sich ein „Glaube an ihre Lernwirksamkeit finden“ (S. 85).

In Kapitel sechs stellt Jutta Standop die Ergebnisse ihrer Fragebogenuntersuchung an Grundschulen in NRW vor. Von 144 Lehrkräften, 2.823 Elternteilen, 2.113 Kindern und 76 Personen der Hausaufgabenbetreuung lagen ihr dazu Angaben vor (S. 118). Auf den etwa 100 Seiten werden nach Ausführungen zum Forschungsdesign Ergebnisse zu folgenden Themen referiert:

  • allgemeine Aussagen über Hausaufgaben
  • Hausaufgabenvergabe
  • Hausaufgabenanfertigung
  • Rückmeldung auf angefertigte Hausaufgaben
  • Hausaufgaben im offenen Ganztag
  • Hausaufgaben und die eigene Professionalität

Die Diskussion der Ergebnisse im Kontext der Fragestellungen der Forschungsarbeit wird im Kapitel sieben vorgenommen. Aufschlussreich ist bspw. im Hinblick auf die didaktisch-methodische Konzeption der Hausaufgabenbetreuung an den offenen Ganztagsschulen in NRW der Befund, dass die Hausaufgabenbetreuungskonzepte „mehrheitlich […] ohne Zusammenarbeit mit der Schule entwickelt“ (S. 241) wurden. Insgesamt resümiert die Autorin: „Die Frage, ob an den von uns untersuchten Schulen didaktisch-methodische Konzepte zur Hausaufgabenbetreuung existieren, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bejaht werden.“ (S. 243).

Ihre eigenen Befunde verbindet die Autorin mit dem Forschungsstand in einer „Synopse der aktuellen Erkenntnisse zur Hausaufgabenforschung (Kapitel 8).

Im Kapitel 9 stellt die Autorin dann ihre „Leitgedanken einer hausaufgabendidaktischen Konzeption“ vor, innerhalb derer sie u. a. auch „Implikationen schüleraktiver Lehr- und Lernformen für ein wirksames Hausaufgabenkonzept“ darstellt.

Nach dieser Darstellung des Ertrages ihrer Forschungsarbeit erscheint das unter der Mitautorenschaft von Jan Seefeldt verfasste Kapitel 10 zur „Hausaufgabenbetreuung in der offenen Ganztagsschule“ in NRW als Zugabe, die nach den vorangegangen theoretischen Erwartungen die Praxis spiegelt, so im Hinblick auf die formulierten Ansprüche ein umfangreiches Entwicklungsfeld offenbart.

Das abschließende Kapitel 11 enthält auf eineinhalb Seiten den Rück- und Ausblick der Autorin.

Diskussion

Kontext der Forschungsarbeit von Jutta Standop ist die nordrhein-westfälische Ganztagsschulentwicklung. Im Schuljahr 2012/13 nahmen zwischen 45,4 % der Erstklässler und 32,9 % der Viertklässler die Angebote des offenen Ganztages wahr. Im Vergleich zum Schuljahr 2010/11 konnte in zwei Jahren die Teilnahmequote in den einzelnen Jahrgangsstufen so um max. 3 % gesteigert werden (Börner, Nicole/Gerken, Ute/Stötzel, Janina/Tabel, Agathe (2013): Bildungsbericht Ganztagsschule NRW 2013. Verfügbar über: http://46.4.120.249/rms/download/BiGa%20NRW_2013.pdf [Zugriff: 19.08.2013].) Ob all diese Kinder eine Hausaufgabenbetreuung besuchen, ist damit allerdings nicht beantwortet. Mehr als die Hälfte der Kinder erledigt die Aufgaben also zu Hause. Die Autorin führt gegen Ende ihrer Publikation aus: „Soll die Hausaufgabenbetreuung im offenen Ganztag ein ausschlaggebendes Qualitätselement für die Entscheidung der Eltern bleiben oder werden, ihr Kind im offenen Ganztag anzumelden, kommen Schulen und Träger des Ganztags nicht umhin, anspruchsvolle und überzeugende Konzepte einer ‚wertvollen‘ Nachmittagsgestaltung zu entwickeln.“ (S. 310). Die/der aufmerksame Leser/in dürfte an dieser Stelle kurz inne halten: Wäre es nicht ebenso plausibel, in der Weise zu argumentieren, dass ein qualitativ hochwertiges Hausaufgabenkonzept, dass einer Didaktik des aktiven, individuellen Kindes folgt, eine Hausaufgabenbetreuung überflüssig macht und so zur Abmeldung von Kindern aus dem Ganztag führen könnte? Mit dieser sicher provokant formulierten These soll auf eine Leerstelle der Publikation verwiesen werden: die Hausaufgabenpraxis im Elternhaus. Die gewünschte Formulierung oder gar Umsetzung von „pädagogisch-didaktisch ausgearbeiteten Betreuungskonzepten“ (S. 295) in Zusammenarbeit von Schule und außerunterrichtlichem Angebot stoppt vor dem Minenfeld der häuslichen Aufgabenpraxis. Die Überlegungen zu einer „schüleraktiven Hausaufgabendidaktik“ (S. 14) wirken, wenn deren Umsetzung einzig im Zusammenhang mit der von einer Minderheit genutzten Ganztagsbetreuung ausdekliniert werden, zumindest noch nicht in allen Bereichen fertig gestellt. Die Idee, doch mehr Kinder/Eltern zur Teilnahme am Ganztag zu bewegen, führt aber dann wieder zur Frage, ob Aufgaben dann noch Hausaufgaben sein müssen, sondern vielleicht besser durch integrierte Lernzeiten ersetzt werden können.

Fazit

Das Buch fasst übersichtlich die Historie und den Forschungsstand zur Hausaufgabenthematik zusammen. Es beinhaltet zudem Befunde, die Einblick in die Hausaufgabenpraxis in NRW geben. Vorgestellt werden zudem didaktische Leitgedanken einer Hausaufgabenpraxis, die zum schüleraktiven Unterricht kompatibel ist. Die Publikation ist aufgrund ihres Aufbaus primär für Forschung und Studium geeignet, aber nicht als Praxisratgeber für Lehrkräfte tauglich.

Rezension von
Dr. Thomas Markert
Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
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Es gibt 11 Rezensionen von Thomas Markert.

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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 14.11.2013 zu: Jutta Standop: Hausaufgaben in der Schule. Theorie, Forschung, didaktische Konsequenzen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. ISBN 978-3-7815-1912-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15324.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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