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Rudolf Bätscher, Johannes Ermatinger: Strategieentwicklung in Sozialinstitutionen

Cover Rudolf Bätscher, Johannes Ermatinger: Strategieentwicklung in Sozialinstitutionen. Ein Leitfaden für die Praxis. Versus Verlag (Zürich) 2004. 274 Seiten. ISBN 978-3-03909-019-8. 38,00 EUR, CH: 58,00 sFr.
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Strategie tut Not

Nach Ansicht der Autoren gilt auch für Sozialinstitutionen: Strategieentwicklung ist ein Muss! Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. Die Sozialwirtschaft steht vor erheblichen Veränderungen. Ursachen sind u.a. die demographische Entwicklung, der Umbau staatlicher Finanzierung sozialer Leistungen, der zunehmende - auch europäische - Wettbewerb, die technologische Entwicklung und verändertes Nachfrageverhalten von Institutionen und Leistungsempfängern. Vor diesem Hintergrund ist nur eines sicher: In zehn Jahren wird nahezu jede soziale Einrichtung ihr Gesicht deutlich verändert haben. Flexiblere Arbeitszeiten, differenzierte Leistungsangebote, mehr Privatkunden (z.B. über persönliche Budgets), Konzentrationsprozesse unter den Anbietern und neue Netzwerke werden voraussichtlich zu beobachten sein. Um die eigenen Ziele in einem turbulenten Umfeld realisieren zu können, ist eine strukturierte strategische Planung erforderlich, bei der

  • die eigenen Ziele bestimmt,
  • die Ausgangssituation analysiert,
  • Alternativen ausgearbeitet,
  • Entscheidungen getroffen,
  • umgesetzt und
  • kontrolliert werden.

Autoren

Rudolf Bätscher, Dr. Oec. HSG, ist in einer von ihm gegründeten Unternehmensberatung tätig und berät schwerpunktmäßig Sozialinstitutionen. Ferner ist er als Lehrbeauftragter und Referent bei verschiedenen Einrichtungen in der Schweiz tätig. Johannes Ermatinger, lic. Oec. HSG, betreut mit seiner Unternehmensberatung unter anderem Sozialinstitutionen in der Schweiz.

Inhalte

Auf 13 Seiten wird der Prozess der Strategieentwicklung vorgestellt. In zwei weiteren, ebenfalls eher knapp gehaltenen Kapiteln (I.2 und III.1) wird die konkrete Vorgehensweise erläutert. Dabei stehen einfache Formulare zur Unterstützung der praktischen Umsetzung im Mittelpunkt der Darstellung.

Den mit Abstand meisten Raum nehmen fünf Fallstudien ein, zu denen nach einer kurzen Projektdarstellung die Formulare aus den beiden oben genannten Kapiteln angewendet werden. Der dargestellte Planungsprozess umfasst im Wesentlichen die Schritte

  • Persönliche Motive und Identität der Organisation,
  • Zukunftsszenarien und strategische Stoßrichtungen (Alternativen),
  • Nutzwertanalyse (Entscheidungsunterstützung),
  • Strategieformulierung, -programm und -umsetzung, letzteres mittels BSC,
  • Definition von strategischen Geschäftsfeldern, Geschäftseinheiten und Konkurrenzsituation,
  • Stärken-/Schwächen- und Chancen-/Risiken-Analyse,
  • Portfolioanalyse.

Ferner enthält das Buch zehn Literaturhinweise, einen umfassenden Index und zur Illustration Grafiken aus einer Werkstatt für behinderte Menschen.

Kritische Würdigung: "Schweizer Praxisleitfaden"

Die ausführlichen Fallbeispiele lassen deutlich erkennen, dass die Autoren praktische Erfahrungen mit Sozialinstitutionen in der Schweiz haben. Der weitaus größte Teil des Buches besteht aus den ausgefüllten Formularen für die fünf Fallbeispiele. Daher wird die praktische Anwendung der Formulare nach der Lektüre kaum Schwierigkeiten bereiten.

Auch die Empfehlungen im Einführungsteil sollte sich jeder zu Herzen nehmen. Empfohlen werden z.B. ein strukturiertes Vorgehen, eine klare Projektplanung und eine Prüfung der Umsetzung. Die "Spielregeln für die Strategieentwicklung" (Seite 21) geben komprimiert die wichtigsten Aspekte einer erfolgreichen Planung wieder. Immer wieder wird pragmatisch und sehr konkret vorgegangen, insbesondere durch den Einsatz der Formulare. Alle Formulare sind einfach gehalten und in der Praxis leicht anwendbar. Sie helfen ohne Zweifel, zielsicher wichtige Fragen zu stellen und alle wesentlichen Aspekte der strategischen Planung zu tangieren. Soweit wird das Buch dem Untertitel "Ein Leitfaden für die Praxis" voll und ganz gerecht. Die übersichtliche Gestaltung, sorgfältige Bindung und ansprechende Illustration runden den positiven Eindruck ab.

Gleichwohl sollen ein paar kritische Anmerkungen nicht unter den Tisch fallen. Die theoretische Einführung ist extrem knapp. Eine Anwendung der Formulare kann dem strategischen Laien nur bedingt empfohlen werden, da im Leitfaden kaum Hintergrundwissen zur Interpretation, kritischen Würdigung und individuellen Anpassung an die Hand gegeben wird. Dies sei am Beispiel der Balanced Scorecard (BSC) verdeutlicht. Das Instrument wird gerade einmal in vier Sätzen (Seite 26) dargestellt. Die Anleitung zur Anwendung umfasst weitere vier Sätze (Seite 49) und ein sehr schlichtes Formular (Seite 50) mit den Zeilen Finanzen, KlientInnen, Personal und Prozesse sowie den Spalten Absichtserklärung, Kennzahlen und Zielwerte. Bei dieser extremen Simplifizierung fallen wesentliche Elemente der BSC, z.B. Wirkungskette, Strategy Map und Aktionen, unerwähnt unter den Tisch. Auch wird die Wahl der Perspektiven (Zeilen der Tabelle, der Begriff Perspektiven taucht nicht auf) nicht weiter begründet oder erwähnt. So reduziert sich die BSC zu einem simplen "Berichtsbogen".

Durch die recht schematische Anwendung der gleichen Formulare auf fünf Fälle ist der Lerneffekt spätestens ab dem dritten Fall begrenzt. Andererseits fehlen wünschenswerte Vertiefungen. So wird in den Beispielen die Portfolioanalyse immer nur auf eine Einrichtung angewendet, obwohl sie - wie auch die Autoren richtig erläutern - eigentlich zur Darstellung eines Portfolios von Einrichtungen oder genauer strategischen Geschäftsfeldern gedacht ist. Hinweise zur Datenbeschaffung und differenzierte Checklisten zur Stärken-Schwächen-Analyse stünden ebenfalls auf einem Wunschzettel für die nächste Auflage.

Die Literaturhinweise beziehen sich ausschließlich auf Standardwerke ohne besonderen Bezug zur Sozialwirtschaft. Hier ist die Entwicklung gerade in den letzten zehn Jahren doch erheblich weiter gegangen. Zahlreiche Werke mit fundiertem Branchenbezug stehen dem Leser zur Vertiefung zur Verfügung.

Wesentliche Trends in der Sozialwirtschaft, zumindest in Deutschland, werden von den Fallbeispielen und der allgemeinen Darstellung kaum tangiert, z.B. die rechtliche Trennung von Verband und Betrieb bei den Wohlfahrtsverbänden, der Konzentrationsprozess, das Auftreten internationaler Investoren, die Auswirkungen der EU(-Erweiterung), der Umbruch im Gesundheitswesen etc. Daher darf zumindest der deutsche Leser nur einen eingeschränkten Bezug zu seiner betrieblichen Realität erwarten.

Fazit

Mit einfachen, nicht branchenspezifischen Checklisten und fünf branchenbezogenen, schweizer Fallbeispielen werden die Grundzüge der strategischen Planung anschaulich und praxisnah vermittelt. Da kein theoretisches Hintergrundwissen vermittelt wird und die Darstellung nur eingeschränkt differenziert ist, bedarf es für die Umsetzung zwingend weiterer Sachkunde. Als Einstieg und als Anregung (nicht als alleinige Grundlage) für die praktische Arbeit ist das gut strukturierte Buch bestens geeignet.

Für die Vertiefung der theoretischen Grundlagen, allerdings ohne Branchenbezug, kann aus dem gleichen Verlag Lombriser und Abplanalp: Strategisches Management, 3. Auflage, empfohlen werden.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
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Zitiervorschlag
Christian Koch. Rezension vom 23.11.2004 zu: Rudolf Bätscher, Johannes Ermatinger: Strategieentwicklung in Sozialinstitutionen. Ein Leitfaden für die Praxis. Versus Verlag (Zürich) 2004. ISBN 978-3-03909-019-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1533.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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