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Andreas Grau, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden

Cover Andreas Grau, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 306 Seiten. ISBN 978-3-7799-1500-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Konflikt- und Gewaltforschung.
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Thema

Wir kennen kinderfreundliche Städte und Kommunen, wir kennen sicher auch seniorengerechte Städte oder familienfreundliche Kommunen.

Menschenfeindlichkeit als Kategorie der Bewertung von Städten ist nicht geläufig und jede Kommune würde sich auch dagegen verwahren, als menschenfeindlich dargestellt zu werden, wohnen doch immerhin Menschen in der Stadt und prägen diese Stadt.

Dass kulturelle Vielfalt und Heterogenität und sozialstrukturelle Differenziertheit zu Konflikten führt und auch zu massiven Kämpfen um Anerkennung, Vertrauen und soziale Verortung – das kennt man auch - aber Menschenfeindlichkeit?

Und doch sind diese Kämpfe um Anerkennung und Vertrauen und die Angst vor Fremden gespeist und sicher ist die Frage interessant, welche Zusammenhänge es gibt zwischen den sozialräumlichen Bedingungen und Gegebenheiten des Wohnens und des Wohnumfelds einerseits und einer spezifischen Einstellung der Menschen zu denen, die auch in einem spezifischen Quartier wohnen. Denn dass sie dort wohnen, macht sie noch nicht zu „Feinden“, sondern dass sie von den anderen so genannt werden, macht sie zu feindlichen Anderen.

Herausgeber

  • Dipl.-Sozw. Andreas Grau ist Projektleiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.
  • Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer ist Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

Autorinnen und Autoren

Die überwiegende Anteil der übrigen Autorinnen und Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter(innen) des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, einige kommen von anderen Universitäten oder aus Planungsbüros.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort gliedert sich das Buch in sechs große Kapitel:

  1. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im lokalen Raum und bürgerschaftliches Engagement;
  2. Strukturbeschreibung der Untersuchungsgebiete;
  3. Quantitative Analysen der Befragungsdaten zu sozialräumlichen Vergleichen;
  4. Fallanalyse Dortmund;
  5. Fallanalyse Dresden;
  6. Systematisiertes Aktionskonzept im lokalen Kontext.

Zum Schluss zieht W. Heitmeyer noch ein Fazit.

1. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im lokalen Raum und bürgerschaftliches Engagement

In diesem Kapitel stellen die Herausgeber das Grundkonzept der Untersuchung vor.

Der Sachstand ist bekannt: Immer wieder kommt es in Gemeinden, in Städten und auch auf dem Land zu Auseinandersetzungen mit undemokratischen, rechtextremistischen Vereinigungen, die immer auch zu der Frage herausfordern, wie man künftig in einer Stadt oder einer Gemeinde leben will. Gerade auf der Ebene lokaler Sozialzusammenhänge, auf der Ebene von Gemeinwesen wird die Frage virulent, wer dazugehören soll und wer nicht und auf dieser Ebene suchen rechtsextremistische Gruppen auch ihre Legitimationsgrundlage.

Deshalb ist der lokale Bezug für die Analyse so wichtig, was die Autoren auch mit der Sozialraumanalyse begründen.

In empirischen Analysen auf lokaler Ebene sollen Einstellungen erfasst werden und die Bedeutung des sozialen Umfeldes für die Entwicklung menschenfeindlicher Einstellungen analysiert werden sowie die Frage bearbeitet werden, wie man das Engagement von Bürgern auf lokaler Ebene stärkt.

Die empirischen Analysen beziehen sich auf sozialstrukturelle Faktoren auf der individuellen und der strukturellen kontextbezogenen Ebene.

Dann werden die Untersuchungsfragen vorgestellt:

  • Welche Bedeutung hat die Beschaffenheit des lokalen Raumes auf die Ausbildung eines desintegrativen Sozialklimas?
  • Verstärkt das Zusammenspiel aus räumlicher und sozialer Benachteiligung die Ausbildung eines desintegrativen bzw. integrativen Sozialklimas?
  • Welche der dargelegten Einflussrichtungen sind relevant für die Etablierung eines integrativen Sozialklimas – lassen sich hier Kompensationseffekte ausfindig machen? (20)

Weiter gehen die Autoren auf ein Analysemodell ein und stellen die Theorie sozialer Desintegration (Bielefelder Desintegrationsansatz, Anhut/Heitmeyer) dar, die den theoretischen Hintergrund bildet.

Danach geht es auch noch um die Begründung des Begriffs der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

2. Strukturbeschreibung der Untersuchungsgebiete;

In diesem Kapitel portraitiert Julia Marth die ausgewählten Untersuchungsgebiete. Neben den Großstädten Dortmund und Dresden - diesen werden eigenständige Kapitel gewidmet – geht es um vier weitere Kommunen: um Anklam (Mecklenburg-Vorpommern), Wernigerode (Sachsen-Anhalt), Bad Nenndorf (Niedersachsen) und Pirmasens (Rheinland-Pfalz). Dabei werden Strukturdaten ebenso herangezogen wie Daten zur politischen Verfasstheit (politische Kultur, Wahlverhalten u. a.) und Struktur der Kommunen (Infra- und Bevölkerungsstruktur, ökonomische Lebensverhältnisse und sozial-kommunikative Möglichkeiten) und des zivilgesellschaftlichen Engagements (Gruppen, Initiativen) vor Ort, rechtsextreme Akteursgruppen und Gegeninitiativen. Die Daten wurden im Rahmen von Sozialraumanalysen erhoben, wobei auf die üblichen Datenquellen wie Statistische Ämter u. ä. zurückgegriffen wurde.

Die Ergebnisse werden synoptisch zusammengefasst in den relevanten Auswahlmerkmalen Einwohnerstruktur, Arbeitslosenquote, lokalpolitische Vertretung der NPD, andere rechtsextreme Strukturen und Aktivitäten und Gegenbewegungen.

3. Quantitative Analysen der Befragungsdaten zu sozialräumlichen Vergleichen

In diesem Kapitel werden Analysen von Sozialräumen vorgestellt, die die Frage erlauben, was im Vergleich zu je anderen Sozialräumen besser oder anders ist und welche spezifischen Bedingungen das Verhalten und die Einstellungen prägen. Verwiesen wird dabei auf den nationalen GMF-Survey, der auf Ausprägungen verweist, die eine reflexive Auseinandersetzung auf kommunaler Ebene erlauben sollen.

Julia Marth beschäftigt sich mit politischer Machtlosigkeit, Fremdenfeindlichkeit und sozialem Zusammenhalt im lokalen Kontext, wobei zwei Gemeinden, jeweils in West- und Ostdeutschland, untersucht werden. Es geht um den sozialen Zusammenhalt, um soziale Kohäsion und um demokratiestärkende Potentiale, die Integration ermöglichen, Zugehörigkeit stiften, Vertrauen schaffen und die einen respektvollen Umgang mit einander ermöglichen.

Wie werden diese Kategorien messbar gemacht, operationalisiert? fragt die Autorin weiter und stellt ein Analysemodell vor, das im lokalen Kontext Beziehungen herstellt zwischen politischer Machtlosigkeit, Fremdenfeindlichkeit und sozialer Kohäsion. Diese Faktoren werden in Beziehung gesetzt zur Soziodemographie der Kommunen. Soziale Kohäsion wird dann analysiert an der Frage der Zustimmung zu Werten und zu den zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten, zu Ordnung und Kontrolle, zu Solidarität und Finanzausgleich, zu sozialem Kapital, zu Domizilbindung und lokaler Verbundenheit aber auch zur Fremdenfeindlichkeit.

Dies wird ausführlich für die genannten Sozialräume beschrieben und analysiert und die Ergebnisse werden diskutiert.

Andreas Zick und Andreas Hövermann diskutieren zivilcouragierte Einstellungen gegenüber Rechtsextremismus. Dabei gehen sie von einem Zusammenhang von Anwachsen rechtextremistischer Einstellungen und fehlender Zivilcourage aus. Dies analysieren und begründen sie durch die Untersuchung der Einstellungen in den vier Sozialräumen.

Nach dieser Analyse wurden die Einstellungsaussagen einer Clusteranalyse unterzogen. Dabei kommen die Autoren zu bestimmten Typen, wie aktive Gegner des Rechtsextremismus, passiv Besorgte, selbstbewusste Beobachter, hilflose Ignoranten, ängstlich Überforderte und überzeugte Rechtsaffine.

Carina Wolf und Andreas Grau fragen nach dem Zusammenhang von relativer Deprivation und Abstiegsängsten in Sozialräumen. Es geht um bewusst wahrgenommene Benachteiligungen gegenüber anderen, bzw. um eine bewusst wahrgenommene Diskrepanz zwischen den zu erreichenden integrationssichernden Zielen einerseits und den legitimierten Möglichkeiten, die jemanden frustrieren bis hin, dass sie jemanden zu deviantem Verhalten führen können.

Die beiden Verfasser analysieren den Zusammenhang zwischen objektiven strukturellen Gegebenheiten des Lebens, relativer Deprivation und der Ausbildung von Vorurteilen und Stereotypen.

Sie operationalisieren dann den Begriff der relativen Deprivation in den Dimensionen

  • Einschätzung der eigenen finanziellen und wirtschaftlichen Situation;
  • Einschätzung der eigenen Lage im Verhältnis zu anderen;
  • Einschätzung der wirtschaftlichen Lage der eigenen Region im Verhältnis zur wirtschaftlichen Lage der gesamten Bundesrepublik

und befragen Menschen in den vier Städten.

„Anomia - Normlosigkeit und Vorurteile im lokalen Kontext“ lautet der Beitrag von Andreas Hövermann.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird hier als komplexer Wirkungszusammenhang von soziodemographischer Benachteiligung, wahrgenommener Krisenbedrohung und Anomia begründet. Anomisch fühlt sich, wer weniger kulturelle Mittel und Chancen zur Erreichung von Handlungszielen hat als andere. Wie aber wirken wahrgenommene Krisenfolgen und anomische Gefühle auf die Abwertung schwacher Gruppen? Diese Frage wird an Hand eines Modells beantwortet, das negative Krisenfolgen mit Bildung, Einkommen und Alter korreliert und in Verbindung bringt mit Anomie und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

4. Fallanalyse Dortmund

Der Grund, warum Dortmund als Stadt herangezogen wurde, liegt in der Tatsache, dass Dortmund seine Bemühungen gegen Rechtsextremismus verstärkt hat.

Andreas Grau stellt die beiden Stadtbezirke vor, in denen quantitative sozialräumliche Analysen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit durchgeführt werden sollen: Innenstadt-West und Eving. Die Auswahl orientiert sich an untersuchungsrelevanten Faktoren. Bei der Beschreibung geht es hauptsächlich um vier Aspekte: die Bebauungs- und Bevölkerungsstruktur, die ökonomische Chancenstruktur, die politische Struktur und die Begegnungs- und Interaktionsstruktur. Diese Aspekte werden im Folgenden ausführlich erläutert.

Danach werden die empirische Untersuchung und ihre Ergebnisse vorgestellt und diskutiert. Der Beschreibung der prozentualen Verteilung folgt die Vorstellung von empirischen Befunden aus den bi- und multivariaten Analysen, in denen aufgezeigt werden soll, welche Faktoren erklärungskräftig sind für das Ausmaß von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und bürgerschaftlichem Engagement. Dabei werden eine Reihe von Zusammenhängen offensichtlich zwischen sozialen und sozialräumlichen Bedingungen des Lebens, politischer Beteiligung und dem Ausmaß, wie die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadtbezirke rechtsextremistische Aktivitäten wahrnehmen, einschätzen, beurteilen und darauf zu reagieren versuchen. Dabei spielt bürgerschaftliches Engagement eine zentrale Rolle und ein großer Teil der Bewohnerschaft beider Bezirke kann sich auch vorstellen, politisch aktiv zu werden.

Für die Erklärung der Verbreitung Gruppenbezogner Menschenfeindlichkeit werden eine Reihe von Korrelationen hergestellt zwischen dieser Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und unterschiedlichen Dimension von Desintegration wie der strukturellen Desintegration, der institutionellen Desintegration, der sozio-emotionalen Desintegration und der räumlicher Desintegration. Daraufhin wird für beide Stadtbezirke ausführlich die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit erläutert wie auch die Engagementbereitschaft gegen den Rechtsextremismus, aber auch deren Ablehnung erklärt wird.

In einem Resümee werden zentrale Ergebnisse vor allem in Blick auf die Ausprägungen von Desintegration noch einmal zusammengefasst und thesenartig erläutert.

Claudia Luzar erläutert in ihrem Beitrag auf der Basis der Daten von 2008 und 2012 die rechtsextremen Strukturen in Dortmund. Sie geht dabei auf Formen eines parteiförmigen Rechtsextremismus und auf den bewegungsförmigen Rechtsextremismus ein, der sich aus verschiedenen Strömungen und Milieus speist und der den öffentlichen Raum als „Kampfarena“ begreift. Dabei werden die Autonomen Nationalisten als Prototyp dieser Bewegung ausführlich diskutiert. Die Autorin geht auch auf die Skinhead Front als eine klassische Kameradschaft ein und setzt sich zum Schluss mit Vereinsverboten und aktuellen Entwicklungen auseinander.

Rainer Strobl analysiert die Vernetzung im Rahmen des Dortmunder Aktionsplans für Vielfalt, Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Dortmund.

Dabei liegt der Fokus seiner Betrachtung eher auf der Vernetzungsstruktur, auf Netzwerkstrukturen und deren Analyse und auf der Logik der Netzwerkanalyse. Dies wird sehr ausführlich diskutiert und veranschaulicht und es wird auf zentrale Aspekte des Netzwerkes eingegangen wie Kooperation, Einbindung, Informationsaustausch u. ä. m.

Der Bezug zum Dortmunder Aktionsplan ist dann eher zweitrangig, manchmal auch rudimentär – es fehlen dann auch Zwischenschritte zwischen den wichtigen allgemeinen Erörterungen und dem Bezug zum Dortmunder Aktionsplan.

5. Fallanalyse Dresden

Im Kontext des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz und des „Lokalen Handlungsprogramms für Toleranz und Demokratie und gegen Extremismus“ der Stadt Dresden wurde die Fallanalyse zu rechtsextremen Strukturen, Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und bürgerschaftlichem Engagement gefördert.

Silja Wandschneider beschreibt die sozialräumliche Analyse zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Dresden. Die zentrale Frage ist, welchen Verbreitungsgrad Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in den Dresdner Ortsämtern aufweist und wie sich dies erklärt. Dabei werden Zusammenhänge zwischen soziodemographischen Merkmalen, den unterschiedlichen Dimensionen von Desintegration und der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hergestellt.

In einem weiteren Analyseschritt werden Zusammenhänge zwischen soziodemographischen Merkmalen, den Desintegrationsdimensionen und der Bereitschaft zum Engagement gegen Rechtextremismus erläutert.

Danach untersucht die Autorin lokalspezifische Profile der Dresdener Ortsämter; dabei geht die Autorin davon aus, dass es lokalspezifische Strukturen und damit auch Handlungsmuster gibt. Allerdings sind die nicht sehr ausgeprägt und nicht signifikant.

Dierk Borstel analysiert „Rechtsextreme Akteursgruppen und Strukturen in Dresden“.

Wie ist der Rechtsextremismus in Dresden organisiert und welche Strategien verfolgt er? – das ist die Kernfrage dieses Beitrages. Dabei wird der moderne Rechtsextremismus als Raumordnungsbewegung verstanden, das heißt, er versucht, soziale Räume kulturell und politisch zu dominieren. Es geht um die Entwicklung von Dominanzstrukturen auf kommunaler oder lokaler Ebene und um lokale Hegemonie. Deshalb bezieht sich diese Analyse hauptsächlich auf den Sozialraum.

Wie bei der Fallanalyse Dortmund auch orientiert sich die Darstellung der empirischen Ergebnisse an der Frage, welcher parteiförmiger Rechtsextremismus in Dresden besteht, wie der bewegungsförmige Rechtsextremismus in Dresden aussieht, welche Netzwerke entstehen und sich etablieren. Auch hier wird der Fokus auf die Analyse der Autonomen Nationalisten gelegt.

Aber es wird auch der subkulturelle Rechtsextremismus und seine Schnittstellen zum Fußball betrachtet, zumal die Fanszene um den Dynamo Dresden als vorbelastet gilt.

6. Systematisiertes Aktionskonzept im lokalen Kontext

Wilhelm Heitmeyer setzt sich in diesem Kapitel mit dem lokalen Kontext auseinander, wo Menschenfeindlichkeit im alltäglichen Umgang miteinander besonders virulent wird. Seine Frage ist, ob Akteursgruppen in Gemeinden oder Stadtgesellschaften interessiert und in der Lage sind, reflexiv über ihre eigene Situation nachzudenken, in Blick auf Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Probleme zu erkennen, die damit zusammenhängen und Netzwerke zu bilden.

Heitmeyer setzt auf die systematische Beschäftigung mit den Phänomenen und auf ein Interaktionsgeflecht im lokalen Kontext. Es geht auch um die Formalisierung eines Interaktionsprozesses, der die unterschiedlichen Akteure verbindet, zumal diese Akteure sich dann auch gegenseitig beeinflussen können und damit Netzwerke auch dichter werden.

Dies wird schematisch dargestellt.

Zunächst geht Heitmeyer von einer Ausgangslage aus, dabei sind

drei Aktionsprozesse wichtig:

  1. Der erste Prozess zielt auf die rechtsextremen Akteursgruppen und deren Sympathisanten.
  2. Im „Gegenzug“ gibt es einen Einflussprozess von rechtsextremen Akteursgruppen auf die Netzwerkakteure (Drohpotential)
  3. Dieser Prozess zielt auf die existierenden Mentalitätsbestände in der Bevölkerung ab.

Des Weiteren werden komplexe Einfluss- und Interventionsprozesse vorgestellt,

von rechtsextremen Akteurgruppen unabhängige Einflussfaktoren diskutiert, staatliche Repressionen angemahnt und erörtert, wie rechtsextremistische „Innovationen“ antizipiert werden können.

Zum Schluss stellt Heitmeyer die Frage, ob ein systematisiertes lokales Aktionskonzept überhaupt realisiert werden kann. Seine Antwort ist durchaus von einer gewissen Ernüchterung geprägt angesichts der Strukturen und der politischen und kulturellen Kommunikations- und Präsentationsformen, die heute städtische Öffentlichkeit prägen oder das Gemeindeleben auf dem Land gestalten.

Das Buch endet mit einem kurzen Fazit der Herausgeber.

Der Zusammenhang von räumlicher Segregation und sozialer Exklusion wird zum Ausgangspunkt der analytischen Betrachtung, warum sich Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden etablieren kann. Die Gemeinde, der Stadtteil, das Wohngebiet sind sicher auch die lokalen Bezugspunkte, wo Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit virulent wird, weshalb auf lokaler Ebene besondere Anstrengungen gemacht werden müssen.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass es den Rechtsextremismus nicht gibt, dass er sich lokal geriert und ausprägt und auf die spezifischen Situationen des Sozialraums Bezug nimmt.

Zum Schluss findet man eine ausführliche Literaturliste.

Diskussion

Sozialräumliche Analyse auf lokaler Ebene werden immer wichtiger, weil Kommunen eigentlich schon wissen wollen, wie ihre Bürgerinnen und Bürger leben. Und sie werden bedeutsamer im Kontext von Aushandlungsprozessen über das, was in einer Kommune geht und was nicht.

Und der Ort der alltäglichen Auseinandersetzung mit dem je anderen, dem Fremden, dem Nicht-Dazugehörenden ist die Kommune, das Dorf, die Kleinstadt, der Stadtteil.

Aber sind die Stadt und die Gemeinde deshalb schon fähig, sich einem Selbstreflexionsprozess zu stellen, der die Kommunen quasi auffordert, ihre Schwachstellen sozialer Integration zu offenbaren? Vielleicht geht es gar nicht darum, dass sie nicht wissen wollen, was in ihren Stadtvierteln passiert. Vielleicht ist es auch die Angst zu erfahren, was dort passiert. Die Frage also, die Heitmeyer in seinem Aktionsprogramm bewegt, bedarf noch einer genaueren Beantwortung und Analyse.

Das Buch gibt doch eher Aufschluss über die sozialräumliche Bedingtheit sozialer Probleme und sozialer Einstellungen bei solchen Kommunen, die bereits erkannt haben, welche Gefahr für die soziale Integration auf struktureller Ebene und auf der Handlungsebene von rechtsextremistischen Akteuren ausgeht. Ein Teil dieser Kommunen hat bereits Programme gestartet vor dem Hintergrund eines Reflexionsprozesses.

Und bei der Beschäftigung mit den einzelnen Beiträgen wird auch deutlich, wie schwer es ist, sich diesem Prozess zu stellen.

Brauchen wir nicht deshalb ein Programm, das Kommunen als komplexe Organisationen zur Reflexion befähigt, befähigt über ihre Eigenlogik von Integration und Ausgrenzung nachzudenken. Denn bei den lokalspezifischen Mustern der Akteure – der Rechtsextremen und der anderen – werden ja auch typische Denk- und Verhaltesmuster deutlich, die nur hier eine höhere Dignität und Plausibilität haben als anderswo.

Überfordert das systematisierte Aktionskonzept im lokalen Kontext deshalb nicht auch die Kommunen und brauchen sie nicht eher einen Weg, der ihnen zeigt, wie man dazu kommt, sich selbst so zu reflektieren, dass man sich selbst auch „behandeln“ kann?

Fazit

Das Buch ist wichtig – wichtig für die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus auf lokaler Ebene – noch wichtiger vielleicht für die Auseinandersetzung mit sich selbst als Stadt, Dorf, Klein- oder Großstadt.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 23.09.2013 zu: Andreas Grau, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-1500-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15330.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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