Alexander Wettstein, Marion Scherzinger et al.: Leben im Erziehungsheim - eine Kamerabrillenstudie
Rezensiert von Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer, 28.02.2014
Alexander Wettstein, Marion Scherzinger, Jasmin Meier, Andreas Altorfer: Leben im Erziehungsheim - eine Kamerabrillenstudie. Aggresssion und Konflikt in Umwelten frühadoleszenter Jungen und Mädchen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 283 Seiten. ISBN 978-3-7799-2863-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
Thema
Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um eine Studie, die sich mittels neuer methodischer Zugänge mit der Thematik Aggression und Konflikt von frühadoleszenten Jugendlichen in einem Schweizer Erziehungsheim auseinandersetzt.
AutorInnen
Die Autorinnen/Autoren sind vier Schweizer WissenschaftlerInnen aus dem Bereich der Psychologie und Pädagogik deren Arbeitsschwerpunkte im Bereich der Aggressions- und/oder Interaktionsforschung in pädagogischen Settings liegen.
Entstehungshintergrund
Die Arbeit entstand im Rahmen eines Forschungsprojektes der Pädagogischen Hochschule Bern mit dem Ziel die Lebenswelten aggressiver frühadoleszenter Jugendlicher mithilfe der Kamerabrillenmethode näher zu erforschen. Zu diesem Zweck wurde das Verhalten mehrere Jugendlicher beiderlei Geschlechts, die zum Zeitpunkt der Studienerstellung in einem Schweizer Erziehungsheim untergebracht waren und eine Kontrollgruppe von Jugendlichen, die bei ihren Familien lebten, beforscht. Das Anliegen der ForscherInnen lag darin, aggressives Verhalten nicht wie oftmals gemacht als internalen Prozess zu beschreiben, sonder auch die interaktionale Perspektive zu berücksichtigen.
Aufbau
Das Buch ist in drei Teile gegliedert.
Zu 1. Aggression und Herausforderungen in der frühen Adoleszenz
In diesem ersten Teil wird Grundlagenwissen zur Thematik Aggression und Konflikte geliefert, dass zum einen eine theoretische Auseinandersetzung ermöglicht und zum anderen die wissenschaftliche Grundlage für die Erstellung des Forschungsdesigns darstellt. Ausgehend von der Aussage, dass aggressives Verhalten im pädagogischen Kontexten und auch der wissenschaftlichen Auseinandersetzung oftmals einseitig den Individuen zugeschrieben wird, wird der Anspruch gestellt dieses Verhalten mehr auch in seinem sozialen Kontext zu erkennen und Aggression als Spezialfall der sozialen Interaktion zu untersuchen. Aggression entsteht demnach aus einem komplexen Zusammenspiel von biologischen, psychischen und sozialen Prozessen. Als Bestimmungsmerkmale aggressiven Verhaltens werden zum einen die Schädigung (physisch und psychisch) von Person oder Eigentum, zum anderen die Tatsache der Handlungsabsicht genannt. Bei der Bestimmung von Funktionen von Aggression werden reaktive, proaktive und impulsive genannt. Reaktiv-aggressive Kinder und Jugendliche reagieren demnach aggressiv, weil sie sich von ihrer Umwelt bedroht fühlen und soziale Situationen teilweise nur schwer einschätzen können. Proaktiv-aggressive Kinder und Jugendliche schaffen es durchaus soziale Situationen adäquat einzuschätzen, sehen allerdings in ihrem aggressiven Agieren ein legitimes Mittel ihre Ziele zu erreichen. Bei impulsiv-aggressiven Kindern und Jugendlichen kann das Verhalten von einem Entscheidungsprozess entkoppelt sein und folgt mehr einer Musteraktivierung nach dem Muster „fight or flight“. Desweiteren unterscheiden die Autorinnen/Autoren zwischen konstruktiver und destruktiver Konfliktbewältigung. Erstere meint einerseits das Erreichen eigener Ziele und gleichzeitig die Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen. Bei der zweiten Form geht es um die einseitige Durchsetzung eigener Interessen ohne Rücksichtnahme auf das Gegenüber. Eine weitere Beschreibung von Konfliktstrategien, die auch in der Auswertung der Forschungsergebnisse angewandt wurde, sieht eine Unterteilung in Aushandlung, Zwang und Rückzug vor.
Als Herausforderungen für frühadoleszente Jugendliche werden drei zentrale Entwicklungsaufgaben angeführt. Diese sind die Identitätsentwicklung, die Autonomieentwicklung und der Aufbau positiver Peerbeziehungen.
- Identitätsentwicklung. Basierend auf der soziologischen Identitätstheorie des symbolischen Interaktionismus, welche Identität als dynamisch, veränderbar und abhängig von sozialen Situationen sieht, wird zwischen personaler und sozialer Identität unterschieden. Aggression kann laut der Autorinnen/Autoren zu einem zentralen Punkt der Identität werden.
- Autonomieentwicklung. Dabei geht es vor allem um eine Neudefinition der beidseitigen Erwartungen von Eltern und Jugendlichen und der Veränderung von einer hierarchischen hin zu einer egalitäreren Beziehung, die oft von langwierigen intensiven Aushandlungsprozessen geprägt sind.
- Aufbau von positiven Peerbeziehungen. Als Folge einer verstärkten Autonomieentwicklung wird für frühadoleszente Jugendliche zunehmend auch die Entwicklung von Peerbeziehungen wichtig, um vermehrt auch andere Personen bei Entscheidungsfindungen einbeziehen zu können. Als Ziele von Peerbeziehungen können Beliebtheit (soziometrische Popularität) und Sozialer Status (Grad der Dominanz und/oder Ressourcenkontrolle) genannt werden.
Zu 2. Die Methodik
In diesem Teil wird die Fragestellung, das Forschungsdesign und die neuartige Methode der Kamerabrille zur Erfassung von Interaktionsprozessen erklärt. Beobachtungsraum sind vier Lebensbereiche von Jugendlichen (Schule, Familie, Freizeit, Wohngruppe). Die Fragestellungen der Studie lauten:
- „In welchen sozialen und materiellen Umwelten bewegen sich aggressive Jugendliche?
- Wie nehmen die Jugendlichen ihren Lebensraum subjektiv wahr?
- Welche Interaktionen entwickeln sich in den einzelnen Lebensbereichen?“ (Wettstein et al., 2013, S. 74 f.)
Eine Untersuchungsgruppe besteht aus acht in der Fremdbeurteilung (durch die betreuenden Sozialpädagoginnen/Sozialpädagogen) auffällig aggressiven Jugendlichen, die in einer Wohngruppe betreut werden und die sich freiwillig mit ihren Angehörigen zur Teilnahme an der Studie entscheiden. Die Kontrastgruppe aus vier Jugendlichen ohne Verhaltensauffälligkeiten, die in der gleichen Gemeinde bei ihren Herkunftsfamilien leben und ebenfalls freiwillig an der Studie teilnehmen. Die Geschlechteraufteilung erfolgt bei beiden Gruppen paritätisch. Die beteiligten Jugendlichen tragen die Kamerabrille jeweils über drei vollständige Tagesverläufe. Insgesamt konnte ein Beobachtungszeitraum von 258 Stunden aufgeteilt auf zwei Jahre generiert werden. Die Erhebungsmethoden erfassen zum einen die objektive Situation (Erfassung der Umwelt durch Kamerabrille, Erfassung des Streifraums durch narrative Landkarten), zum anderen die psychologische Situation (Bedeutsame Interaktionspartner durch Circle Map, Individuelles Wahrnehmen und Erleben durch Autofotografie, Leitfadeninterviews und Videokonfrontation). Die Kamerabrille kann man sich in den Ausmaßen einer sportlichen Sonnenbrille vorstellen, die sowohl eine Kamera, als auch ein Mikrofon integriert hat. Um die gewonnene Datenmenge auswerten zu können, wird ein Kategoriensystem entwickelt, welches folgende Suprakategorien enthält:
- Lebensbereiche (Dauer),
- Aktivitäten (Dauer),
- Milieu (Dauer),
- Interaktion (Dauer),
- Konfliktmuster (Dauer und Häufigkeit) und
- Aggressives Verhalten (Häufigkeit).
Als ergänzende Methoden werden drei Interviews (Anamnese, Erfassung der individuellen Wahrnehmung und des Erlebens, Videokonfrontation) zusätzlich mit jeder/jedem Jugendlichen durchgeführt. Bei der Hauptuntersuchungsgruppe, den acht Jugendlichen aus dem Erziehungsheim wird in einem weiteren Schritt in Form von Einzelfallstudien eine sehr genaue Auswertung der Anamnese, der Ergebnisse der Kamerabrillenstudie und dem individuellen Wahrnehmen und Erleben der Jugendlichen aufgrund der Aussagen in den Interviews beschrieben. Darüber hinaus werden in einem letzten Schritt die Divergenzen und Interpretationen, die sich aus den mit der Kamerabrille gewonnenen Daten und den subjektiven individuellen Wahrnehmungen ergeben, gegenübergestellt.
Zu 3. Leben im Erziehungsheim – Ergebnisse der Studie
Die Ergebnisse der Kamerabrillenstudie liefern folgende Aussagen. Die Heimjugendlichen sind während der gesamten Beobachtungsdauer in 32,50% der Zeit in sozialer Interaktion (Kontrastgruppe 37.00%). Die Heimjugendlichen geben im Durchschnitt 11,63 bedeutsame Interaktionspartner an (Kontrastgruppe 25,25). 47,54% der Interaktionsdauer interagieren die Heimjugendlichen mit Peers und 44,46% mit Erwachsenen (Kontrastgruppe 67,42% mit Peers, 25,94% mit Erwachsenen). Bei der Kontaktaufnahme mit einem/einer InteraktionspartnerIn scheitern die Heimjugendlichen 9,31 Mal pro Stunde und damit 7,33 Mal häufiger als die Kontrastgruppe (1,27 Mal). Bei der Konfliktdauer der Jugendlichen mit ihren Müttern ergibt sich ebenfalls ein großer Unterschied von 42,3% der Interaktionsdauer bei den Heimjugendlichen zu 2% bei den Jugendlichen aus der Kontrastgruppe. Die Heimjugendlichen sind überdies mit einer allgemeinen Konfliktdauer von 8,57% der Interaktionszeit um das 5,33 fache mehr in Konflikte verwickelt als die Jugendlichen der Kontrastgruppe (1,61%). Die Konfliktstrategien stellen sich wie folgt dar. Der coersive Stil, also mit Zwang im Konflikt zu agieren, wird von den Kontrastjugendlichen in 54,07% und von den Heimjugendlichen in 74,07% der Fälle gewählt, die zweithäufigste Strategie der Verhandlung wird zu 34,41% von den Kontrastjugendlichen und zu 11,52% von den Heimjugendlichen vorgezogen und die Strategie der Distanzierung wird zu 11,53% von den Kontrastjugendlichen und zu 3,78% von den Heimjugendlichen angewandt. Ein signifikanter Gruppenunterschied ergibt sich auch bei der Untersuchung von aggressiven Handlungen. Die Heimjugendlichen sind 1,6 pro Stunde Täter (Kontrastgruppe 0,36 Mal pro Stunde) und 0,27 Mal pro Stunde Opfer (Kontrastgruppe 0,03 Mal pro Stunde). Bei den Formen der Aggression zeigen die Heimjugendlichen im Vergleich zu den Jugendlichen der Kontrastgruppe 9,96 Mal häufiger reaktive Formen der Aggression (0,87 Mal zu 0,09 Mal). Bezogen auf die Aggressionshandlungen finden diese vor allem bei den Heimjugendlichen im Lebensbereich Freizeit statt.
Die Hauptergebnisse aus dem Bereich der individuellen Wahrnehmungen der acht Jugendlichen sind folgende:
- Die Heimeinweisung wird von allen Jugendlichen als Stigma erlebt.
- Die Heimidentität ist für fast alle Jugendliche ein zentraler Teil des Selbstkonzeptes.
- Fast alle Jugendlichen kämpfen gegen das negative Image der Heimunterbringung und streben „Normalität“ an.
- Die von der Gesellschaft geforderte „Realität“ ist den Jugendlichen bewusst, erscheint allerdings nicht erreichbar.
- Hauptziele der Jugendlichen sind möglichst rasch wieder aus dem Erziehungsheim zu kommen und längerfristig autonom zu werden.
- Das Erziehungsheim wird nicht als Unterstützung sondern vielmehr als primäres Hindernis zur Erreichung des Ziels Autonomie und Normalität beschrieben, da die Unterbringung mit einer negativen Etikettierung verbunden ist.
- Viele Jugendliche beschreiben das eigene Zimmer im Erziehungsheim als sehr wichtigen Rückzugsort.
- Zwischen den Erwartungen der Sozialpädagoginnen/Sozialpädagogen und den Peers gibt es einen großen Widerspruch.
- Ein Großteil der Jugendlichen beurteilt die ErzieherInnen sehr kritisch und vertraut diesen nicht.
- Aggression und Konflikte zwischen den Jugendlichen und ihren Erzieherinnen/Erziehern gehören zum Alltag.
- Doppeltes Spiel: Die ErzieherInnen erwarten in erster Linie Anpassung von den Jugendlichen, die anderen Heimjugendlichen erwarten Widerstand gegen die ErzieherInnen.
- Die Jugendlichen sind einem hohen Konformitätsdruck durch ihre Peers ausgesetzt (Kleidung, Freunde, deviantes Verhalten).
- Kontakte zu prosozialen, normativen Peers bestehen bei keinem der Heimjugendlichen.
Im letzen Teil des Buches werden die zentralen Aussagen der Studie nochmals dargestellt und diskutiert und die Chancen und Grenzen der Kamerabrillenmethode als neuartiger Untersuchungsvorgehen aus Sicht der Autorinnen /Autoren angeführt.
Diskussion
Im ersten Teil der Studie, in dem theoretische Grundaussagen zur Thematik Aggression dargestellt werden, wird vorwiegend auf die destruktive Wirkung von Aggression Bezug genommen und der auch konstruktive Teil von Aggression kaum thematisiert. Aggression kann besonders im Bereich der Heimerziehung auch als Versuch verstanden werden, auf das Fehlen von Bindung, Zugehörigkeit und Akzeptanz hinzuweisen. Die Repräsentativität der gewonnen Aussagen ist aufgrund der eingeschränkten Stichprobe von acht Heimjugendlichen als gering einzuschätzen und kann daher nicht zu generalisierbaren Aussagen verwendet werden, worauf allerdings auch die Autorinnen/Autoren klar hinweisen. Wettstein et al. (2013, S. 261) weisen ihrer Untersuchung den „Charakter von Einzelfallforschung“ zu und erheben eher den Anspruch ein „kaleidoskopartiges Bild des Heimalltages“ geschaffen zu haben, das einen „tieferen Einblick in die Lebenssituation dieser Jugendlichen“ ermöglicht. Die Methodik mithilfe der Kamerabrille schafft in Verbindung mit den Interviews eine sehr detaillierte Darstellung der Lebensräume und auch Lebenswelten der Jugendlichen und einer genauen Untersuchung des Verhaltens in Bezug auf die Thematik Aggression im Erziehungsheimalltag. Um eine repräsentative Aussagekraft erreichen zu können, scheint die verwendete Methodik allerdings als zu aufwändig.
Fazit
Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur detaillierten Erfassung einer sehr relevanten Thematik im Bereich der stationären Unterbringung. Dabei steht eindeutig die Alltagsrealität und Wahrnehmung der Jugendlichen im Vordergrund indem mithilfe der Kamerabrillenmethode sehr eindringlich die unmittelbare Umgebung der Jugendlichen in Bezug auf die Thematik Aggression und Konflikte im Heimalltag erforscht werden konnte. Die Untersuchung kann und sollte auch für andere sozialpädagogische Einrichtungen als Anstoß gesehen werden, sich intensiv mit der behandelten Thematik auseinanderzusetzen und die im letzten Teil zur Diskussion gestellten Ergebnisse auf Relevanz für die eigene Unterbringungssituation zu überprüfen. Darüber hinaus kann diese Studie mit ihrer neuartigen Untersuchungsmethode auch Anstoß sein für andere ForscherInnen inwieweit diese Form der Beforschung nicht auch in anderen Bereichen Anwendung finden könnte. Das Ziel einer möglichst konkreten Alltags- und Lebenswelterfassung ist gut gelungen.
Rezension von
Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer
Diplomsozialarbeiter und Diplomsozialwirt, Supervisor und Erlebnispädagoge, Lehrender am Lehrgang „Elebnispädagogik/Elebnistherapie“ FH -Linz/Alpenverein Akademie
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