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Hermann Giesecke: Pädagogik als Beruf

Cover Hermann Giesecke: Pädagogik als Beruf. Grundformen pädagogischen Handelns. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 11. Auflage. 149 Seiten. ISBN 978-3-7799-2861-4. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 18,60 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3262-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Untertitel macht es noch einmal besonders deutlich: Grundformen pädagogischen Handelns. Es geht um grundsätzliche Überlegungen, die hier angestellt werden, die sich nicht auf ein spezifisches Tätigkeitsfeld beziehen oder nur eine bestimmte Berufsgruppe ansprechen, wenngleich der sozialpädagogische Fokus deutlich im Vordergrund steht. Da das Buch bereits in der 11. Auflage vorliegt, darf man von einem Klassiker sprechen, der weite Verbreitung und Anerkennung gefunden hat.

Autor

Hermann Giesecke war Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik an der Universität Göttingen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel: beginnend mit einem Vorwort, was zugleich das Programm des Buches deutlich macht, geht es erst einmal um die Frage, was macht eigentlich pädagogisches Handeln aus. Dann geht es von dem Raum über die Struktur hin zu den Grundformen pädagogischen Handelns, um schließlich die professionelle pädagogische Beziehung zu thematisieren. Schließlich zieht der Verfasser Konsequenzen aus seinen Darlegungen für pädagogische Berufsgruppen und bezieht diese – logischerweise – auch auf die pädagogische Hochschulausbildung.

Giesecke geht von den Befunden aus, dass heutige Pädagogik immer eine partikulare Leistung ist, da niemand mehr umfassend für die Erziehung zuständig ist: weder die Schule noch die Eltern noch Professionelle. Vielmehr gibt es unendliche, nicht kalkulierbare Einflüsse auf die Entwicklung des Menschen, wenngleich Pädagogen hier eine zentrale Funktion einnehmen. Daher sind Pädagogen für ihn „Lernhelfer“, die Menschen ein Stück in ihrem Leben und ihrer Lebensfindung begleiten. Diese Begleitung geschieht in einer besonderen Form pädagogischen Handelns, was zugleich soziales Handeln ist und aufgrund des öffentlichen Auftrages auch mit administrativen und ökonomischen Faktoren verbunden ist, aber auch einen Zeitfaktor beinhaltet, was bedeutet, dass die eingegangene Beziehung aufgrund gesetzter Bestimmungen irgendwann ein Ende hat, das längst nicht immer freiwillig bzw. in gemeinsamer Übereinkunft stattfindet.

Es geht in dem Buch „nicht um das systematische Repertoire, nicht um das pädagogische Handeln und seine Bedingungen als Gegenstand, sondern als Standpunkt. Ziel ist nicht eine systematische Theorie des pädagogischen Handelns, sondern der Versuch, es vom Standpunkt des Handelnden aus so zu beschreiben, dass er ein Instrument bekommt, mit dem er die für seinen Fall und seine Situation nötigen Recherchen anstellen und reflektieren kann. (…) Pädagogisches Handeln kann man nicht lehren und man lernt es auch nicht aus Büchern (…)“ (S. 18; Hervorheb. im Original).

Im ersten Kapitel geht der Verfasser der Frage nach, was ist überhaupt pädagogisches Handeln, insbesondere wenn es einen öffentlichen Auftrag hat und weil es die Ambivalenz von mehreren Möglichkeiten hat. Das bedeutet für professionell Handelnde aber auch, dass es keine abgeschiedene pädagogische Situation gibt, sondern immer eine Eingebundenheit in ein Geflecht von Ökonomie, Politik, Diagnosen, Administration und anderes mehr. „Pädagogisches Handeln ist ein Intervenieren in unabhängig davon ablaufende Lebensgeschichten; es konstruiert keine Persönlichkeiten bzw. deren Bildungsgeschichten, sondern ist eine Dienstleistung dafür, damit diese sich durch das Lernen entwickeln können“ (S. 44).

Das zweite Kapitel fragt nach dem pädagogischen Handlungsraum und unterscheidet dabei zwischen Situation, Feld und Institution. Je nach Raum gibt es bestimmte Settings, die ebenfalls zu berücksichtigen sind und deutlich machen, dass pädagogisches Handeln gewisse Kontexte (z.B. Vorgaben eines Trägers) zu berücksichtigen hat oder sich gar einem solchen Kontext unterwerfen muss.

Die Struktur pädagogischen Handelns bildet den Inhalt des dritten Kapitels. Während die beiden ersten Kapitel viele bekannte Dinge noch einmal präzisiert und verdeutlicht haben und doch eher von den strukturellen Bedingungen notwendigerweise ausgehen, wird der Fokus jetzt auf die Dynamik gelenkt, die tendenziell zwischen Klienten und Professionellen durch die Interaktion miteinander entsteht. Es geht um das soziale Miteinander, was gleichzeitig auch das pädagogische Handeln darstellt. Dieser Kerngedanke jeglicher sozialer Berufsausbildungen ist zugleich auch der unsicherste, denn „wegen dieser Unsicherheiten ist das Bedürfnis nach ‚Mustern‘ pädagogischer Handlungsabläufe (‚Rezepte‘) groß. Es ist nur dann problematisch, wenn diese Muster unflexibel gehandhabt werden, sich institutionell verfestigen oder zu Methodenfanatismus führen“ (S. 71).

Im vierten Kapitel geht es um die Grundformen pädagogischen Handelns, die zwar je nach Berufsgruppe sowohl in der Art der Anwendung wie auch der Häufigkeit variieren, aber dennoch über alle pädagogischen Berufsgruppen hinweg sich auf folgende Formen reduzieren lassen: Unterrichten, Informieren, Beraten, Arrangieren und Animieren. Dass dem Verfasser dieses Kapitel besonders am Herzen liegt, wird einerseits aus der Argumentation deutlich, aber auch am Umfang: dieses Kapitel umfasst (zu Recht) 50 Seiten, in denen die verschiedenen Formen ausführlich dargestellt und diskutiert werden.

Die Gedanken des pädagogischen Handelns fortführend geht es im fünften Kapitel um die pädagogische professionelle Beziehung. Noch einige Aspekte aus den Grundformen pädagogischen Handelns fortführend in die Interaktion zwischen professionell Handelndem und dem Klienten fragt Giesecke auch nach der Person und Persönlichkeit des Handelnden: welche Situationen kann er aushalten, was motiviert ihn dazu, welche Ambivalenzen bringt er mit und wie kann er mit diesen umgehen etc.? Giesecke plädiert für einen offenen Pädagogen, der sich und sein Wirken in einem bestimmten Zeitkontext beobachtet und reflektiert; er wendet sich dezidiert gegen so manche Bestrebungen, hier vermeintliche Perfektion zu erzielen: „Allerdings muss diese Selbstreflexion nun nicht übertrieben werden. Man muss nicht Selbsterfahrungsgruppen oder therapeutische Sitzungen in Anspruch nehmen, um sich seiner Motive für den pädagogischen Beruf zu vergewissern. (…) Pädagogisches Handeln hat nun einmal wie jedes pädagogische Handeln seine Grenzen, die auch in den beteiligten Personen liegen, und gerade diese Tatsache fundiert gegenseitigen Respekt. Wer solche Grenzen aufheben will, stellt Respekt und Toleranz infrage“ (S. 122f.; Hervorheb. im Original).

Im sechsten Kapitel spricht Giesecke die Konsequenzen für die pädagogischen Berufsgruppen an, wobei er hier eine Dreiteilung vornimmt:

  1. Schulpädagogik
  2. Sozialpädagogik
  3. Freizeitpädagogik einschließlich der Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung

Für die Lehrenden plädiert Giesecke für Fortbildungen zusammen mit den beiden anderen von ihm genannten Berufsgruppen, damit Bildung als Persönlichkeitsbildung wieder mehr in das Zentrum der beruflichen Tätigkeit rückt und nicht Didaktik den Blick auf die Kinder und Jugendlichen verstellt. Gleichzeitig weist er -auch für die anderen beiden Berufsgruppen- auf die zu akzeptierende Partikularität hin: weder in der Schule noch durch Sozial- oder Freizeitpädagogik wird eine grundlegende Änderung der Welt oder von Personen stattfinden, dieses gilt es zu akzeptieren. Für die Sozialpädagogik plädiert Giesecke auf realistische Lernangebote, da den Sozialpädagogen die vielen sozialen Probleme und deren prinzipielle Unlösbarkeit bekannt und vertraut sind. Für die Freizeitpädagogen, womit er alle pädagogischen Tätigkeiten und Angebote jenseits von Schule und Sozialpädagogik meint, nennt er „Kulturarbeit“ als besonders wichtig: es geht um die „Aktivierung der sprachlichen, handwerklichen, künstlerischen und sonstigen kreativen Fähigkeiten der Teilnehmer selbst“ (S. 136). Der Freizeitpädagoge muss „Menschen mit einer benötigten kulturellen Kompetenz zur Mitarbeit gewinnen und zum anderen muss er Partizipationen an der professionellen Kultur ermöglichen“ (ebd., Hervorheb. im Original).

Im siebten Kapitel geht es um die Konsequenzen für die Hochschulausbildung, und Giesecke kommt -wenig überraschend- zu dem Schluss, dass die mehr und mehr um sich greifenden Vorgaben hinsichtlich der Studiengestaltung diametral zu seinen Überlegungen steht und plädiert für ein Studium, in dem Studierende sich ausprobieren können, ohne durch verschulte Vorgaben nur die Absolvierung von Rahmenvorgaben als Ziel zu haben, um bald in die berufliche Praxis zu gelangen. Er fragt auch danach, wie eigentlich Lernen im Studium erfolgt, was wiederum auf seinen Ausgangspunkt verweist, wo es um einen Standpunkt geht.

Diskussion und Fazit

Ein Klassiker in der elften Auflage zeugt auf jeden Fall davon, dass sich dieses Buch bewährt hat. Die von dem Verfasser getroffenen Aussagen werden heute unter Lehrenden so oder ähnlich diskutiert, in den Lehrveranstaltungen in den Raum gestellt und auch in den Ausbildungen auf Fachschulebene bis hin zur Pflege gewinnen diese Gedanken wieder an Bedeutung, wenngleich der ökonomische Druck und das teilweise mechanistische Verständnis von politisch Verantwortlichen eine andere Sprache sprechen. Das Buch ist nach wie vor nötig und muss Pflichtlektüre in den (sozial-) pädagogischen Studiengängen bleiben; für Fachschulausbildungen ist es zu komplex.

Dem Verfasser gelingt es überzeugend, seine Thesen zu entfalten und zu erklären und die Argumentation ist durchgängig logisch und aufeinander aufbauend. Während die ersten drei Kapitel noch kurze Zusammenfassungen am Schluss haben, gibt es diese ab Kapitel 4 nicht mehr – möglicherweise, weil das Thema dann so komplex wird, dass Zusammenfassungen unzulässige Verkürzungen darstellen könnten? Dann wäre es konsequent gewesen, bei den ersten drei Kapiteln ebenfalls darauf zu verzichten.

Man merkt dem Buch an, dass hier viel Erfahrung als langjähriger Hochschullehrender eingeflossen ist, insofern wird es Studenten im ersten Semester angesichts der Komplexität sicher eher überfordern, aber nach Vermittlung von Grundlagen des jeweiligen Studienganges sollte es Thema werden. Das Schöne an dem Buch ist ohne Frage, dass es „zeitlos“ ist: manche Leser werden sich erinnern, dass es solche Debatten schon mal gab, dass es auch viele Reformen gab, die irgendwann einem bestimmten Zeitgeist zum Opfer fielen; insofern ist es gut, sich wieder einmal daran zu erinnern.

Sozialpädagogik ist und bleibt eine „bescheidene Profession“, wie es Fritz Schütze mal formuliert hat, aber mit einem großen Repertoire und vielen Inhalten hat sie bewiesen, dass sie auch viel leisten kann, und aufgrund einer breiten Erfahrung und einer großen Reflexion auch immer gelingender (Hans Thiersch). Dazu trägt dieses Buch in seinen Grundaussagen deutlich bei und mindestens deshalb ist es empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 17.12.2013 zu: Hermann Giesecke: Pädagogik als Beruf. Grundformen pädagogischen Handelns. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 11. Auflage. ISBN 978-3-7799-2861-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15335.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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