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Ulrich Deinet, Richard Krisch: Der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit

Cover Ulrich Deinet, Richard Krisch: Der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit. Methoden und Bausteine zur Konzeptentwicklung und Qualifizierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. 221 Seiten. ISBN 978-3-8100-3502-8. 16,90 EUR.
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Das Thema

Eine lebensweltlich orientierte Sozialraumanalyse, die Kinder und Jugendlichen als ExpertInnen ihres Sozialraums betrachtet, bildet die ideale Grundlage für Zielformulierung, Planung und Qualitätsentwicklung in der Jugendhilfe.

Das Buch will Konzepte, Bausteine und Methoden einer qualitativen Lebensweltanalyse vorstellen, die mit Hilfe qualitativer und ethnographischer Methoden aktivierend erforscht, wie Kinder und Jugendliche ihren Sozialraum leben, erleben und beleben und daraus die Legitimation für "die Wahrnehmung eines jugendpolitischen Mandats zur Revitalisierung öffentlicher Räume für Kinder und Jugendliche" (Umschlagtext) ableitet.

Dabei will sich der Band auf die Grundlagen und Methoden der Analyse konzentrieren. Die aus dieser Analyse abgeleiteten pädagogischen Konzepte können in anderen Veröffentlichungen der Herausgeber nachgelesen werden.

Die Herausgeber und AutorInnen

Ulrich Deinet und Richard Krisch haben den vorliegenden Sammelband herausgegeben. Ulrich Deinet, Diplompädagoge und langjähriger Referent beim Landesjugendamt Westfalen-Lippe, Vertretungsprofessor für Didaktik / Methodik der Sozialpädagogik an der Fachhochschule Düsseldorf. Richard Krisch, Soziologe, pädagogischer Referent des Vereins Wiener Jugendzentren

Als "GastautorInnen" konnten sie für diesen Band verpflichten: Christoph Berse, Diplom-Sozialpädagoge, langjährige Tätigkeit in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und als Bezirksjugendpfleger beim Jugendamt der Stadt Essen, heute dort in der Jugendhilfeplanung. Lotte Rose, Diplompädagogin, Professorin für Kinder- und Jugendarbeit an der Fachhochschule Frankfurt a.M. Albert Scherr, Professor am Fachbereich Sozialpädagogik der Fachhochschule Darmstadt

Der Inhalt

In 11 Einzelkapiteln stellen die AutorInnen ihre Konzepte und Methoden vor:

1. Im Kapitel "Die Sozialraumdebatte in der Jugendhilfe" beschreibt Ulrich Deinet den Stand der Diskussion in Jugendhilfe und Jugendpflege.

Zunächst setzt er der in weiten Teilen der Bevölkerung verbreiteten These von der "gefährlichen Straße", von der störende Jugendliche als gefährliche Elemente vertrieben werden sollen, die Forderung nach einer sozialräumlich orientierten Sichtweise im Interesse der Kinder und Jugendlichen entgegen. Straße ist in seinen Augen "Aneignungsraum für Kinder und Jugendliche, der sicher nicht gefahrlos ist, dessen Qualitäten aber nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung haben und den es deshalb im Sinne der Aneignung rückzugewinnen und für möglichst viele Gruppen zu qualifizieren gilt." (15)

Unter den Schlagworten "Sozialraumteams und -budgets" diskutiert Deinet die sozialräumliche Öffnungen der bisher einzelfallorientierten Hilfen zur Erziehung sowie Vor- und Nachteile einer verstärkten sozialräumlich orientierten Zusammenarbeit zwischen Hilfen zur Erziehung und Jugendarbeit. Anhand von beispielhaften Modellprojekten (INTEGRA / E&C = Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten / Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt") skizziert Deinets Beitrag Spektrum und Gewichtung der aktuellen Trends, die Stadtentwicklung nicht mehr als Angelegenheit einzelner Ressorts begreifen, sondern vielfältige Quellen nutzen, um Sozialräume zu verbessern. Besonders ausführlich beschäftigt sich Deinet mit der stadtteilbezogenen modernen Gemeinwesenarbeit und ihrem populären Vertreter Wolfgang Hinte. Diese weist viele Gemeinsamkeiten mit der sozialräumlichen Jugendarbeit auf: Beide Ansätze wollen Handlungs- und Selbstorganisationsfähigkeit ihrer Klientel stärken.

In Tabellen verdichtet und idealtypisch stellt Deinet als Fazit seines Einführungsaufsatzes den "Paradigmenwechsel" in der Jugendhilfe und in der Kinder- und Jugendarbeit dar (27ff.):

  • In der Jugendhilfe von der Einzelfallorientierung über die Zielgruppenorientierung hin zur Sozialraumorientierung
  • in der Kinder- und Jugendarbeit weg von der Beschränkung auf eine Einrichtung hin zur Öffnung in den Stadtteil und zur Vernetzung, weg von der Beziehungsarbeit hin zum Arrangieren förderlicher Bedingungen für Aktivitäten und Aneignung von Kindern und Jugendlichen.

2. In seinem nächsten Beitrag "Der qualitative Blick auf Sozialräume als Lebenswelten" wendet sich Ulrich Deinet zunächst gegen eine inflationäre Verwendung des Begriffs "Sozialraum", der häufig vor allem sozialgeografisch verstanden wird, womit wesentliche Aspekte verloren gehen. Eie gute Ergänzung bietet hier der Begriff der Lebenwelt, der subjektive Deutungs- und Handlungsmuster der Beteiligten erfassen will. Lebensweltanalyse leistet also wesentlich mehr und anderes als eine hauptsächlich quantitativ orientierte Sozialraumanalyse.

Im Anschluß diskutiert Deinet Entwicklung und heutige Aktualität des Aneignungsbegriffs in der Tradition Leontjews, der Aneignung als die tätige Auseinandersetzung des handelnden Subjekts mit der Umwelt versteht.

Unter "Essentials einer sozialräumlichen Kinder- und Jugendarbeit" fasst Deinet am Ende seines Beitrages noch einmal wichtige Marksteine des Ansatzes zusammen (41 ff.):

  • Gestaltung des Ortes der Jugendarbeit als Aneignungs- und Bildungsraum
  • Positive Sicht öffentlicher Räume gegenüber der "gefährlichen Straße"
  • Revitalisierung öffentlicher Räume als jugendpolitisches Mandat
  • Kooperation mit unterschiedlichen Bereichen der Jugendhilfe (ohne jedoch Jugendliche auszuspionieren und vertrauliches Wissen zu missbrauchen).

3. Im nächsten Beitrag "Sozialräumliche Konzeptentwicklung als Projekt : Schritte und Modelle" stellen Ulrich Deinet und Richard Krisch vor, wie unter Einbeziehung der Theoriebestände der Jugendarbeit eine detaillierte Lebenswelt- und Sozialraumanalyse zur Grundlage für die Konzeptentwicklung in der Kinder- und Jugendarbeit werden kann. Mit einem guten Blick dafür, was eine Einrichtung und ihre MitarbeiterInnen leisten können, stellen die Autoren dar, wie eine solche Analyse idealtypisch aufgebaut sein kann. Sie legen detailliert die Schritte und den Zeitbedarf dar, nennen Kriterien für eine umfassende Lebenswelterkundung (z.B. Aktivierung und Beteiligung, Cliquenorientierung, Geschlechterorientierung) und nennen Ziele auf der Struktur-, Prozess- und Ergebnisebene. Konzepte, die aus einer solchen Analyse erwachsen, sind gut zu begründen und werden von den aktivierten und an der Forschung beteiligten Kindern und Jugendlichen mit getragen. Am Beispiel einer Einrichtung in Rastatt zeigen die Autoren dann auf, wie eine solche Planung konkret umgesetzt werden kann.

4. Albert Scherr setzt sich in seinem Beitrag "Benötigt sozialräumliche Konzeptentwicklung Theorien?" dafür ein, Theorien aus Sozialwissenschaften, Pädagogik, Psychologie, empirischer Sozialforschung, sozialpädagogischer Methodenlehre und Selbstevaluationskonzepten zu nutzen und zeigt die möglichen eigenständigen Beiträge von Theorie und Praxis für die Konzeptentwicklung auf.

5. Lotte Roses Beitrag "Und wo bleibt die Geschlechterorientierung in einer sozialräumlichen Jugendarbeit?" setzt sich kritisch mit der aktuellen Mädchenarbeit auseinander. Die traditionelle Mädchenarbeit sieht die Sozialraumorientierung wegen ihrer Offenheit und Vernetzungsfreudigkeit eher kritisch und fürchtet um ihre gerade etablierten geschlechtsspezifischen Projekte. In der Sozialraumorientierung wiederum fehlt eine systematische Auseinandersetzung über die Frage, wie Sozialraumorientierung geschlechtergerecht zu qualifizieren ist.

Im Bereich der Forschung fordert Lotte Rose eine unvoreingenommene Perspektive. Erkundet werden sollen Lebenswelten als Mädchen- und Jungenwelten, ohne durch die bereits vorhandenen Wissensbestände zu Geschlechterverhältnissen den Blick trüben zu lassen. Rose plädiert dafür, liebgewonnene Thesen wie die der "Nicht-Präsenz von Mädchen in städtischen Räumen" und ihrer daraus resultierenden Benachteiligung zu vergessen und einen offenen Blick zu entwickeln. Rose setzt sich kritisch mit der bisherigen Frauenforschung auseinander und plädiert für "die Offenheit des ethnografischen Sehens".

Wo die übrigen Beiträge dieses Bandes vor allem positiv Konzepte und Methoden entwickeln, fällt Lotte Roses überwiegend kritischer Beitrag etwas aus dem Rahmen. Ich habe mich mit der Lektüre schwer getan und möchte der Verfasserin an vielen Stellen widersprechen (als Ethnologin zum Beispiel ihrer Vorstellung von einer neutralen, offenen ethnografischen Methode). In jedem Fall ist der Beitrag geeignet, Diskussionen anzuregen und die eigene Position zu schärfen.

6. Im Kapitel "Methoden einer sozialräumlichen Lebensweltanalyse" stellt Richard Krisch dann im Detail folgende Methoden vor:

  • Stadtteilbegehung mit Kindern und Jugendlichen
  • Nadelmethode
  • Cliquenraster
  • Institutionenbefragung
  • Strukturierte Stadtteilbegehung
  • Autofotografie
  • Subjektive Landkarte
  • Zeitbudgets
  • Fremdbilderkundung

Neben einem kurzen Abriss der einzelnen Methode enthält der Beitrag detaillierte Schritte und konkrete Hilfen zur Auswahl und Umsetzung der einzelnen methodischen Bausteine. Beispiele und Ablaufpläne machen die 77 Seiten dieses stärksten Beitrags im Sammelband nützlich nicht nur für PraktikerInnen, sondern auch für die Ausbildung, z.B. als Grundlage für die Einübung von Feldforschungs-Methoden in der Hochschul-Lehre.

7. Ergänzend zum Methodenbeitrag diskutiert Ulrich Deinet anschließend "Vorgehensweisen und Probleme bei der Anwendung der Methoden".

In diesem Beitrag geht Deinet auf spezielle Probleme ein, die daraus entstehen können, dass beispielsweise die BeobachterInnen keine ForscherInnen, sondern selbst professionelle AkteurInnen sind, dass präzise Fragestellungen fehlen, dass Methoden vielfältig kombiniert werden und Auswertung und Dateninterpretation oft schwierig sind. Lösungsvorschläge sind aus Deinets Sicht die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen (Lernpartnerschaften) sowie mit der Jugendhilfeplanung und -pflege sowie eine realistische Reduzierung überzogener wissenschaftlicher Ansprüche.

8. Im Beitrag "Ergebnisse sozialräumlicher Konzeptentwicklung" zeigen Ulrich Deinet und Richard Krisch beispielhaft auf, wie die gewonnenen Ergebnisse der Analyse für die Entwicklung und Modifizierung von Zielen in Jugendeinrichtungen genutzt werden können. In Anlehnung an ein Modell von Hiltrud von Spiegel beschreiben sie die Umsetzung in mögliche Wirkungs- und Handlungsziele für bestimmte, für die Einrichtung interessante Schwerpunkte.

9. In seinem Beitrag "Zusammenarbeit mit der Jugendhilfeplanung" regt Ulrich Deinet an den § 80 des SG VIII ernst zu nehmen, der eine Planung fordert, die Wünsche und Bedürfnisse junger Menschen und ihrer Familien berücksichtigt. Es reichen also nicht der sozialgeografische Blick und die quantitative Analyse. Hier können Jugendhilfeplanung und sozialräumlich orientierte Jugendarbeit fruchtbringende Partnerschaften eingehen, wofür Deinet unterschiedliche Modelle vorstellt. Eine Sozialraumanalyse kann in dialogischem Zusammenwirken von Sozialraum- und Lebensweltanalyse erfolgen und Deinet macht Vorschläge, welche Aufgaben die unterschiedlichen Beteiligten hier sinnvoll wahrnehmen können, um ihre spezifischen Ressourcen optimal in den Dienst einer an den Interessen von Kindern und Jugendlichen ausgerichteten Planung und Gestaltung zu stellen.

10. In einem kurzen ergänzenden Beitrag beschreibt Christoph Berse anschaulich am Beispiel der Stadt Essen "Chancen und Probleme der Bildung von Sozialräumen".

11. Einen Ausblick leistet Ulrich Deinet in seinem letzten Beitrag "Sozialräumliche Konzeptentwicklung als Qualitätsarbeit". Hier verknüpft er die bisherigen Schwerpunkte des Bandes mit der Qualitätsdebatte, stellt aktuelle Modellprojekte zur Qualitätsentwicklung vor (Arnoldshain, Rheinland, QQS) und zeigt auf, wie Jugendhilfeplanung, Qualitätsentwicklung, Konzeptionsentwicklung und Evaluation sinnvoll ineinander greifen können.

Die Beiträge des Bandes werden durch aktuelle Literaturquellen bereichert; der Stil ist ansprechend, das Niveau der wissenschaftlichen Argumentation auch für Studierende gut nachvollziehbar.

Fazit und Zielgruppe

Dieser informative und sehr praxisbezogene Band kann in seiner dichten Form der Darstellung in Jugendhilfeplanung und Jugendeinrichtungen ebenso gut genutzt werden wie in der Hochschule, wo dieser Band durchaus einen Platz in der Lehrbuchsammlung verdient.


Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
ILBB – Institut für lösungsorientierte Beratung Brühl
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
ehem. Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.gutberaten.cologne
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 30.06.2003 zu: Ulrich Deinet, Richard Krisch: Der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit. Methoden und Bausteine zur Konzeptentwicklung und Qualifizierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. ISBN 978-3-8100-3502-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1534.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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