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Ulf Liedke: Menschenbilder und Bilderverbot

Cover Ulf Liedke: Menschenbilder und Bilderverbot. Eine Studie zum anthropologischen Diskurs in der Behindertenpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 303 Seiten. ISBN 978-3-7815-1923-7. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 47,90 sFr.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
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Thema

Ulf Liedke hat mit "Menschenbilder und Bilderverbot. Eine Studie zum anthropologischen Diskurs in der Behindertenpädagogik" eine aktuelle Auseinandersetzung zu zentralen Fragen der Behindertenpädagogik vorgelegt.

Autor

Der Autor hat eine Professur für „Theologische Ethik und Diakoniewissenschaft“ inne an der auf Bereiche der Sozialen Arbeit orientierten Evangelischen Hochschule Dresden und ist Privatdozent an der Universität Leipzig.

Entstehungshintergrund

In der Sonderpädagogik gibt es mehr als in anderen pädagogischen Bereichen eine intensive Diskussion um die fundamentalen Grundlagen des Menschseins und des Rechtes Mensch zu sein, anknüpfend an die Auseinandersetzung mit der Euthanasie und der Eugenik und dem Kampf um das Bildungsrecht für alle.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Überblick der Diskussion auch im Rahmen der historischen Entwicklung der Sonderpädagogik behandelt der Autor im Wesentlichen sieben Autoren, die sich ausführlich in ihrem Werk oder Teilen ihres Werkes mit anthropologischen Fragestellungen auseinandergesetzt haben. Zum Schluss nimmt er eine vergleichende Bewertung vor in 13 Thesen.

Aktuell fokussiert sich die theoretische und auch praktische Diskussion auf Themenbereiche, die sich der Realisierung von Inklusion widmen. In der Theoriediskussion werden Vorbedingungen von Inklusion vor allem aus anthropologischer Perspektive angesprochen. Ausgehend vom Menschenbild und der christlichen Diskussion um die Ebenbildlichkeit und dessen Zusammenhang zum Bilderverbot nimmt der Autor sich den Hauptrichtungen theoretischer Diskussionen in der Sonderpädagogik an, um sie daraufhin zu untersuchen, mit welchem Menschenbild sie jeweils arbeiten und welche Konsequenzen sich aus dem Menschenbild für die heutige Zielsetzung der Situation von Behinderten in der Gesellschaft ergeben. In diesem Sinne präzisiert er seinen Zentralbegriff des anthropologischen Diskurs in der Behindertenpädagogik zu "inklusive Anthropologie."

Nach einem einleitenden Überblick über den Gang seiner Argumentation verortet er die Diskussion der Anthropologie in der modernen Sonderpädagogik im Rahmen der Geschichte der Sonderpädagogik seit ihrem Beginn im 16.Jh., wobei er auch die Diskontinuitäten und Diskrepanzen hin zu einer inklusiven Anthropologie skizziert.

Im Hauptteil behandelt er die zentralen Autoren, die sich in der Sonderpädagogik in der letzten Zeit ausführlich zu anthropologischen Fragestellungen geäußert haben.

Seine "Theorieparadigmen" systematisiert er nach:

  1. Geisteswissenschaftliche Behindertenpädagogik der Schweizer Heilpädagogischen Schule, vertreten durch Urs Haeberlin und Siegenthaler,
  2. Geisteswissenschaftlich-phänomenologische Behindertenpädagogik (Gröschke),
  3. Kritisch-Rationale Behindertenpädagogik (Bleidick, Anstötz)
  4. Materialistische Behindertenpädagogik (Jantzen),
  5. Kritische Behindertenpädagogik (Hajo Jakobs),
  6. Ökosystemische Behindertenpädagogik (Speck),
  7. Basale Anthropologie und Empowerment (Theunissen).

Jeden einzelnen Ansatz behandelt er nach einem ziemlich konsistent durchgehaltenem Schema: Ausgehend von der

  • Entstehung der theoretischen Grundlagen stellt er die
  • jeweils vertretene Anthropologie ausführlich dar, setzt sie anschließend in
  • Zusammenhänge des ethischen Diskurs, dem jeweiligen
  • Begriff von Behinderung, dem
  • pädagogischen Zusammenhang, den der jeweilige Autor vertritt und den jeweiligen
  • gesellschaftlichen Schlussfolgerungen.

Die verschiedenen Positionen sind in annähernd gleichem Umfang vorgestellt und diskutiert.

Das Grundproblem, dass Liedte als roten Faden bei der Analyse der von ihm ausgewählten Autoren zieht, herausarbeitet, leitet sich aus den Fragen über Lebensrecht, Menschenwürde und Naturrecht ab. Liedtke hat sehr schön herausgearbeitet, wie die verschiedenen anthropologischen Positionen immer wieder dazu führen, dass latent ein Kriterienkatalog für Zugehörigkeitsdefinitionen entsteht. Ein Begriff wie Bildungsfähigkeit beinhaltet, dass derjenige, der nicht mehr oder noch nicht bildungsfähig ist oder Kriterien der Personalität nicht genügt, seine Berechtigung auf Zugehörigkeit verlieren würde. Die meisten Autoren nehmen mehr oder weniger umfangreiche Definitionen vor, auf denen sie denen sie ihre Anthropologie gründen. Liedke zeigt deshalb konsequent bei den verschiedenen Autoren auf, dass Definitionen zur Bestimmung des Menschseins die Gefahr beinhaltet, dass Menschengruppen insgesamt oder einzelne Wesenszüge nicht in die Definition von Menschsein aufgenommen werden könnten. So bleibt bei Liedke letztlich als anthropologische Grundlage des Menschen das Menschsein als solches.

Diskussion

Einige kritische Anmerkungen:

  1. Da der Begriff „Bilderverbot“ zentral im Titel verwendet wird, erstaunt es, dass der theologische Aspekt von einem habilitierten Theologen nicht weiter ausgeführt worden ist. Immerhin gibt es zwei verschiedene Fassungen der 10 Gebote, eine mit und eine ohne explizites Bilderverbot.
  2. Der verwendete Wissenschaftsbegriff bleibt inkonsistent und reduziert sich bei ihm wie bei den von ihm behandelten Autoren auf einen wertgeleiteten quasi politischen Wissenschaftsbegriff. Allerdings benennt er immerhin die gefährliche Nähe zum Dezisionismus bei einem solchen Wissenschaftsbegriff.
  3. Dem Kanon seines analystischen Schemas m.E. hätte es zur Erhellung beigetragen, wenn man das latente politische Programm der einzelnen Autoren deutlich mitbenannt hätte. Bei Häberlin, Gröschke und Theunissen ließe sich eine Zuordnung zu mehr oder weniger klassischen linkskatholischen Positionen vornehmen. Bleidicks und Anstötz´ Orientierung schlägt sich nicht direkt in ihren Argumentationen nieder. Bleidick hat wiederholt seine Nähe zu einer sozialdemokratischen Haltung formuliert. Speck lässt sich eher in die Nähe eines modernen Katholizismus stellen, verbunden mit verschiedenen selektiv verarbeiteten Konzepten der Moderne und Postmoderne, so dass seine Stellung näher an Bleidick vorzunehmen wäre.Jantzen und Jacobs fühlen sich unterschiedlichen marxistischen Schemata verbunden. Die verschiedenartigen Bindungen wirken sich m.E. wesentlich auf die verwendeten Denkmuster und Sprachrituale, ihre Argumentationen und deren Zielsetzungen aus.
  4. Die größte Lücke, sowohl in den dargestellten Ansätzen wie auch in der kritischen Analyse von Liedke besteht m.E. in der extremen Verkürzung der gesellschaftlichen Perspektive. Die Bedeutung der Gesellschaft für anthropologische Fragestellungen wird auf Gesellschaftskritik reduziert. Dass Gesellschaft ein hochkomplexes Gefüge ist von ganz unterschiedliche Zugehörigkeiten, die sich aus sozialen und laboratorischen Differenzierungen entwickelt haben, wird nicht mehr als ein zu klärender und sozialisatorisch zu berücksichtigender Vorgang betrachtet. Es kommt eben nicht nur darauf an, die Welt zu verändern, sondern auf der Grundlage des Verstehens von Welt zu erkennen, was erhalten und was verändert werden sollte und sich von dem millenarischen Denkverbot für das Gute im "Schlechten" zu befreien.
  5. Eigenschaften als Grundlage der Zugehörigkeit lassen sich m.E. nicht aus der Verlagerung des Menschseins ins Überindividuelle gewinnen. Das Überindividuelle kann das Individuelle nicht ersetzen, sondern nur ergänzen, weil es an die Kontingenz des Sozialen gebunden bleibt. Davon abgesehen gibt es überindividuelle Beziehungen auch ohne Bezug zu einem lebenden Gegenüber, wie z.B. gegenüber Vergegenständlichungen in Kunst, Musik, Literatur, religiösen Symbolen, Ideen oder gegenüber nicht (mehr) existenten Personen.

Fazit

Die Arbeit stellt einen ausgesprochenen Gewinn dar, wenn man sich mit dem „anthropologischen Diskurs“ in der Behindertenpädagogik befassen möchte. Insgesamt handelt es sich um eine umfassende Darstellung der in der Sonderpädagogik heute relevanten anthropologischen Diskussionen. Der Autor hat seine Darstellung jeweils so umfangreich und ins Detail gehend vorgenommen, dass man eine komplexe Information erhält, auch um an der Thematik weiter zu arbeiten. Zumal in seinem Schlusskapitel zeigt er den Weg auf hin zu anderen Diskursen, die zu berücksichtigen sind, wenn man sich mit anthropologischen Fragestellungen befasst, insbesondere, in dem er auf das Verhältnis von Anthropologie und Ethik hinweist.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Klingmüller
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Zitiervorschlag
Bernhard Klingmüller. Rezension vom 23.03.2015 zu: Ulf Liedke: Menschenbilder und Bilderverbot. Eine Studie zum anthropologischen Diskurs in der Behindertenpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. ISBN 978-3-7815-1923-7. Reihe: Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15346.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


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