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Claude H. Mayer, Christian M. Boness: Interkulturelle Mediation und Konfliktbearbeitung

Cover Claude H. Mayer, Christian M. Boness: Interkulturelle Mediation und Konfliktbearbeitung. Bausteine deutsch-afrikanischer Wirklichkeiten. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2004. 184 Seiten. ISBN 978-3-8309-1382-5. 24,90 EUR.

Illustriert von Azaria Mbatha.
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Einführung in das Thema

Interkulturelle Mediation als Methode zur Vermittlung und Verständigung in interkulturellen Konflikt - und Kommunikationsprozessen, ist, wie ein Blick in die Geschichte der menschlichen kulturellen Entwicklung zeigt, ein uraltes Mittel im Bereich der Wertorientierungen und der Verständigung. In den chinesischen Philosophien der großen Dynastien etwa bilden Erwartungshaltungen wie Harmonie, Konsens und Kooperation Eckdaten des gesellschaftlichen Miteinander; im antiken Griechenland stellen die pendelnden Boten als Vermittler bei unterschiedlichen Auffassungen wichtige Stabilisatoren bei Konfliktsituationen dar; auch in unserem Mittelalter wird die Funktion des geistlichen Mediators geschätzt. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhundert wird in den USA, wohl nicht zuletzt durch die Situation des "melting pott", besonders für die Community-Arbeit, die Mediation neu entdeckt und angewandt. Danach verbreiteten sich die verschiedenen Methoden der Konfliktbearbeitung mit Hilfe von "neutralen" Personen und Instanzen auch in Europa. Besonders in den Bereichen der (schulischen) Konfliktprävention und in der innerstaatlichen und internationalen Friedensdiskussion entstehen Konzepte und Einrichtungen, wie etwa dem "Konflikttraining" im Unterricht, und damit der Förderung des Bewusstseins, dass "Konflikt als paedagogicum" (Dedering, 1981) verstanden werden müsse, oder die wissenschaftliche Auseinandersetzung, wie sie z. B. im Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld (Heitmeyer u.a.) geführt wird.

Bei diesem individuell und institutionell, kulturell und interkulturell angelegtem Diskurs lassen sich zwei Erkenntnisse filtern: Die Habitualisierung bei der Auseinandersetzung mit Konflikten spielt bei Irritationen gegen gewohnte, eigene Verhaltensschemata eine wichtige Rolle; sowie: Das Konfliktverständnis ist in verschiedenen Kulturen und gesellschaftlichen Konstellationen unterschiedlich. In unserer westlich geprägten Alltagsauffassung werden Konflikte meist als negativ, vermeidbar und schädlich empfunden; selten als eine Chance zur Veränderung von individuellen und gesellschaftlichen Situationen und zur eigenen Persönlichkeits- und gesellschaftlichen Entwicklung verstanden.

Die Autorin / der Autor und die Zielgruppen

Die Autoren, Claude-Hélène Mayer als Ethnologin, Dr. Christian Boness, Lehrer, Theologe und Mediator, beide am Institut für Interkulturelle Praxis & Konfliktmanagement der Universität Göttingen tätig, bearbeiten mit ihrem Buch die bisher in der deutschen interkulturellen Diskussion kaum thematisierten Fragestellungen im deutsch-afrikanischen Dialog. Dabei konzentrieren sie sich auf kulturspezifische Aspekte, Handlungs- und Verhaltensweisen von Menschen im Südlichen Afrika; und sie bieten damit den Adressaten für ihre Arbeit, Lehrern, Sozialpädagogen, Sozialwirten, Sozialarbeitern, Psychologen, Entwicklungshelfern, Experten und in der Eine-Welt-Arbeit Engagierten, eine Reihe von theoretischen Informationen über interkulturelle Mediationskonzepte und -methoden, Anregungen zur Sensibilisierung bei der kulturellen Selbst- und Fremdwahrnehmung und zur Wertereflexion und Beispiele für interkulturelle Mediation an.

Inhalte

Der interessante Vergleich von Mediationsauffassungen und -verfahren im westlichen Kontext, am Beispiel des "Orangen-Konflikts" verdeutlicht, und die Darstellung der bekanntesten in den westlichen Kulturen praktizierten Mediationsverfahren, mit den verschiedenen Kulturdimensionen der Menschen im Südlichen Afrika, etwa zur Machtdistanz und zu individuell-kollektiven Auffassungen, führt die Autoren hin zur Darstellung eines Konzeptes für interkulturelle Mediation. Dabei räumen sie gleich mit einer Illusion auf, die auch in der internationalen Konflikt- und Anti-Terrorismusdiskussion, besonders nach den symbolhaft interpretierten Daten 11.9.2001 (New York) und 11.3.2004 (Madrid), allzu vorschnell als Argumente zur Hand sind, nämlich, dass es allgemeingültige und anwendbare Instrumente zur internationalen Konfliktbewältigung gäbe: ""Ein Verfahren, dass sich ausschließlich zur Bearbeitung jeglicher Art von interkulturellen Konflikten eignet, gibt es bis heute nicht"(S. 50). Bei einer interkulturellen Mediation, sowohl im innergesellschaftlichen Integrationsprozess, etwa bei der Asylbewerber- und Flüchtlingsbetreuung, in der Diskussion mit ausländischen Studierenden, Nachbarn und Arbeitskollegen, als auch bei der internationalen Konfliktberatung, müssten sich die Mediatoren bewusst sein, dass sie nicht davon ausgehen könnten, wie etwa bei kulturellen Mediationsprozessen, sich auf gleiche oder ähnliche kulturelle Wertorientierungen stützen zu können.

Bei der Darstellung von verschiedenen Situationen, bei denen Konflikte in Afrika auftreten, die auf anderen kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen beruhen als etwa auf denen in den westlichen Kulturen, werden interessante Erkenntnisse für die Erarbeitung einer "interkulturellen Kompetenz" deutlich; etwa Auffassungen von Zeit (worüber Andreas J. Obrecht in seinem Buch "Zeitreichtum - Zeitarmut", 2003, reflektiert, vgl. dazu die Rezension dieses Buchs), von Gefühlsäußerungen, Schuld und Sühne, Besitz und Macht. Die Fähigkeit nämlich, den "Anderen in seinem Anderssein" nicht nur zu akzeptieren und zu tolerieren, sondern im Sinne einer "aktiven Toleranz" (K. - P. Fritzsche) und einer lebendigen Demokratie als "Zivilcourage" (Gerd Meyer, 2004, vgl. die Rezension dieses Buchs) zu verstehen und im lokalen Alltag wie im globalen Verständnis zu praktizieren, ist eine Anforderung an jeden Menschen in unserer Einen Welt. Sie muss in der familiären und schulischen Erziehung und in der gesellschaftlichen Aufklärung bewusst gemacht und eingeübt werden, als Aufgabe für eine Allgemeinbildung. Mit seiner, in der afrikanischen Philosophie- und Gesellschaftsdiskussion nicht unumstrittenen "Négritude", stellt Léopold Sédar Senghor, bezugnehmend auf Aimé Césaire, europäische Mentalitäten denen von afrikanischen gegenüber: "Als Willensmensch ... und Augenwesen unterscheidet er sich von den Dingen", so charakterisiert er den Europäer, und den Afrikaner: "Er sieht die Dinge nicht, sondern er fühlt sie" (Senghor, Négritude und Humanismus, 1964).

Fazit

Die Unterscheidungswahrnehmung macht deutlich, dass es im interkulturellen Dialog viele Formen zur Bewusstseinsbildung und -veränderung bedarf. Das Buch "Interkulturelle Mediation und Konfliktbearbeitung" ist ein interessanter und wichtiger Baustein dahin, Brücken zu bilden und Wege aufzuzeigen, an deren Ziel eine gerechtere, humanere, demokratische Welt steht.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.03.2004 zu: Claude H. Mayer, Christian M. Boness: Interkulturelle Mediation und Konfliktbearbeitung. Bausteine deutsch-afrikanischer Wirklichkeiten. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2004. ISBN 978-3-8309-1382-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1535.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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