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Daniel Mastalerz, Almud Brünner (Hrsg.): Sicherheit und Risiko in der Erlebnispädagogik

Cover Daniel Mastalerz, Almud Brünner (Hrsg.): Sicherheit und Risiko in der Erlebnispädagogik. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2012. 273 Seiten. ISBN 978-3-7841-2068-3. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buches behandelt einen Themenkreis, der mit den Stichworten „Risiko“, „Gefahr“, „Sicherheit“ und „Wagnis“ in der Erlebnispädagogik zu kennzeichnen ist; den Geltungsbereich einengend ist zu präzisieren: in der Erlebnispädagogik auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe. Diese (aber hier fehlen präzise Daten) ist nach wie vor das in quantitativer Hinsicht bedeutsamste Handlungsfeld der deutschen Erlebnispädagogik.

Herausgeber und Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Das Herausgeberwerk, in dem die Herausgeber(innen) auch als Autor(inn)en auftreten, umfasst Beiträge von 3 Autorinnen und 14 Autoren. Daraus zu schließen, auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe würde Erlebnispädagogik ganz überwiegend von Männern betrieben, wäre voreilig und nach meinem Kenntnisstand (der freilich nicht auf repräsentativen Daten basiert) falsch; die Mehrzahl der Mitarbeiter(innen) der Kinder- und Jugendhilfe sind weiblich und die dort praktizierte Erlebnispädagogik ist kein Männerreservat. Die überragende Dominanz der Männer im Autorenkreis ist mit aller Wahrscheinlichkeit Folge eines (Selbst-)Selektionsprozesses, durch den Männer – und das nicht nur auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe – ihre Visibility durch Übernahme von Funktionen mit Ausstrahlungskraft erhöhen. Leider wird der hier angesprochene Aspekt der Genderthematik in der Erlebnispädagogik im vorliegenden Buch nicht reflektiert – was ich für riskant halte.

Herausgeberin und Herausgeber haben Geschäftsführung bzw. Vorsitz im Fachausschuss „Erlebnis- und Naturpädagogik“ des (zur Caritas gehörenden) Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e.V. (BVkE) inne; weitere sieben Autor(innen) gehören dem genannten Ausschuss als Mitglieder an, und nochmals vier andere arbeiten in zum BVkE gehörenden Einrichtungen. Die Mehrzahl der der Autor(inn)en hat eine sozialpädagogische Hochschulausbildung, alle arbeiten schon länger mit Möglichkeiten der Erlebnispädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die „Fortschreibung“ der Veröffentlichungen von Sicherheitsstandards durch den Fachausschuss „Erlebnis- und Naturpädagogik“ des BVkE, die 2000 mit einem Eigendruck begann und 2003 (Persche u.a., 2003) mit einem weit beachteten Buch aus dem Juventa-Verlag fortgesetzt wurde. Das vorliegende Buch trägt den Tatsachen Rechnung, dass die Erlebnispädagogik in größerem Maße (auch sich fort- oder neu entwickelnde) Natursportarten integriert, neue Materialien, die bei erlebnispädagogischen Maßnahmen Gefahren mindern, entwickelt wurden – und die deutsch(sprachig)e Erlebnispädagogik an einem (Entwicklungs-)Punkt angelangt ist, an dem sie verstärkt über das Verhältnis von „Risiko und Gefahr“ (Heekerens, 1995) nachdenken muss.

Aufbau

Prolog (Daniel Mastalerz)

Grundlagen

1 Erlebnispädagogik in der Erziehungshilfe – Methodische Ansätze (Walter Fürst)

2 Sicherheit und Risiko – zwei Seiten einer Münze (Walter Fürst)

3 Alles sicher oder was? Zum Verhältnis von Sicherheit und Wagnis in der Erlebnispädagogik (Holger Seidel)

4 Notfallmanagement – Personenschaden im erlebnispädagogischen Setting in der Erziehungshilfe (Christian Arndt & Alexander Klotz-Otto)

Sicherheitsstandards

1 Erlebnisfeld Wasser

1.1 Floßbau und Floßtouren auf Flach- und Fließgewässem (Thomas Fischer)

1.2 Einführung in den Kanusport (Jürgen Schmitz)

1.3 Kanuwandern auf Zahmwasser (Jürgen Schmitz)

1.4 Kanu im Wildwasser (Jürgen Schmitz)

1.5 Segeln (Daniel Hahn)

1.6 Bachbettbegehungen (Daniel Mastalerz)

1.7 Canyoning (Daniel Mastalerz)

2 Erlebnisfeld Natur- und Kunstfels

2.1 Bouldern in der Halle (Markus Barth)

2.2 Klettern in der Halle (Markus Barth)

2.3 Bouldern im Gelände (Daniel Mastalerz)

2.4 Felsklettern im Mittelgebirge (Daniel Mastalerz)

2.5 Felsklettern in Mehrseillängentouren (Daniel Mastalerz)

2.6 Klettersteige (Walter Fürst & Angelika Ruck-Salbeck)

3 Erlebnisfeld „Auf Tour“

3.1 Wandern und Trekking (Walter Fürst & Angelika Ruck-Salbeck)

3.2 Biwakieren (David Büchner)

3.3 Trekking mit Tieren (Matthias Rieping)

3.4 Touren mit dem Straßenrad (Christian van Rens)

3.5 Touren mit dem Mountainbike (Tom Pfeiffer)

4 Erlebnisfeld Seilaufbauten

4.1 Temporäre Seilgärten (Matthias Rieping)

4.2 Hochseilgarten mit Selbstsicherungssystemen (Daniel Hahn)

4.3 „Morbide Seilgärten“ (Matthias Rieping)

5 Erlebnisfeld Schnee

5.1 Schneeschuhwandern (Markus Barth)

5.2 Iglubau (Markus Barth)

5.3 Ski- und Snowboard fahren auf abgesicherten Pisten (Katharina Ohm)

6 Erlebnisfeld Stille

6.1 Höhlenbegehungen. (Daniel Mastalerz)

6.2 Bogenschießen (Richard Pabst)

Materialglossar

Epilog – Was bleibt?

1 Spuren – Erlebnispädagogik und Naturschutz (Matthias Rieping)

2 Erfahrungen, die Mut machen! (Almud Brünner)

Die Autorinnen und Autoren

Inhalt

Im letztgenannten Buchabschnitt finden sich (vor Kurzdarstellungen des BVkE und des einschlägigen Fachausschusses) Bilder von und berufliche Notizen zu den Autor(inn)en; es fehlt in der Aufstellung Horst Seidel, den Leser(innen) der Zeitschrift e&l kennen dürften und über den Informationen im Internet (http://www.ostfalia.de/cms/de/pws/seidelh/Vita.html) eingesehen werden können.

Ein Gesamtliteraturverzeichnis existiert nicht; Quellenangaben und weiter führende Hinweise sind am Ende der einzelnen Artikel zu finden; ein Stichwortverzeichnis gibt es ebenso wenig wie ein Personenregister. Das 23seitige Materialglossar enthält auch Angaben zu Dingen, die man gemeinhin nicht zu „Material“ zählt (wie etwa Passvorschriften bei Esel und Pferd oder Ausführungen zur Befahrungserlaubnis von Gewässern) bzw. über deren Sinn man zweifeln kann (wie etwa „Bobbycar“).

Die einzelnen Beiträge zum Kapitel „Sicherheitsstandards“ („Morbide Seilgärten“ ist eine Satire) folgen keinem einheitlichen Muster, sondern der durch das jeweilige Erlebnisteilfeld auferlegten Logik.

Der erste Beitrag des Epilogs bietet einen knappen (m.E. zu knappen) Beitrag zum Verhältnis von Ökologie und Erlebnispädagogik. Der zweite zweite macht (dankenswerterweise) darauf aufmerksam, dass zum Gelingen eines erlebnispädagogischen Unternehmens auch anderer als hard-skills bedarf, ohne dass es doch zu einer systematischen Reflexion der „Beziehungsgestaltung in der Erlebnispädagogik“ (Heekerens, 2012) käme. Das gilt auch für den ersten Grundlagen-Beitrag, der dazu freilich einige Denkanstöße gibt. Der letzte Artikel im Kapitel „Grundlagen“ handelt davon, was bei, nach und schon vor Unfällen zu tun ist; was dabei zu kurz kommt sind Ausführungen über Unfall- und Haftpflichtversicherungen. Zwischen diesen beiden Beiträgen des Grundlagen-Kapitels liegen zwei, „Wagnis und Sicherheit“ und „Alles sicher oder was? Zum Verhältnis von Sicherheit und Wagnis in der Erlebnispädagogik“, die eine Lanze für das „Wagnis“ brechen.

Diskussion

Dass sich in Deutschland außerhalb (!) der Erlebnispädagogik überhaupt so etwas wie „Wagniserziehung“ etablieren konnte, ist das auffälligste Indiz dafür, dass der Erlebnispädagogik (nach nicht nur meiner These: durch ein irriges „Sicherheits“-Denken) etwas abhanden gekommen ist: der Mut zum Risiko. Ich benutze den Begriff „Risiko“ seit rund zwei Jahrzehnten (Heekerens, 1995) ganz im Sinne Luhmanns als Gegenbegriff zu „Gefahr“; Gefahren drohen, Risiken geht man ein. „Sicherheit“ ist dabei ein bloßer Leerbegriff wie etwa der Begriff „Gesundheit“ im Begriffspaar „Krankheit/Gesundheit“; ein Leerbegriff, der im Übrigen deshalb riskant ist, weil er suggeriert, es gäbe etwas, was es nicht geben kann: Sicherheit. Zukunft ist immer ungewiss, mithin nie „sicher“. Jede(r), die/der das Haus verlässt, um zu Fuß, mit dem Fahrrad, Pkw, Bus oder Bus zur Arbeit, zum Einkaufen oder sonst wohin zu gelangen, weiß, wenn sie/er bei Sinnen ist, dass es keine Sicherheit dafür gibt, dass sie/er heil nach Hause zurück kehrt. Zuhause zu bleiben, bietet aber auch keine Sicherheit; lt. Statistischem Bundesamt ereignen sich in deutschen Haushalten jährlich rund 5 Millionen Unfälle, bei denen mehr Menschen sterben als im Straßenverkehr Deutschlands.

Sicher, Erlebnispädagogen begeben sich in Situationen, die mehr Gefahren für den Leib (bei der Seele bin ich mir da weniger sicher) bergen als etwa eine Selbsterfahrungsgruppe im Stuhlkreis eines gediegenen Seminarraums. Wenn sie sich dessen bewusst sind, gehen sie ein Risiko ein, in dessen Kalkül ein vermuteter oder gewusster Vorteil der Erlebnispädagogik seine Rolle spielt: für diese Klientel mit jener Problemlage ist Erlebnispädagogik vorteilhafter als (etwa) Selbsterfahrung. „Die Wirksamkeit der Erlebnispädagogik ist unter Pädagogen der Jugendhilfe unumstritten“ lautet der erste Satz des hier zu rezensierenden Buches (S. 9). Völlig zu Recht ist von der Wirksamkeit der Erlebnispädagogik an solch prominenter Stelle die Rede; ohne sich ihrer Wirksamkeit sicher zu sein, kann man die bei Erlebnispädagogik einzugehenden Risiken nicht legitimieren – weder vor der jugendlichen Klientel noch vor deren Erziehungsberechtigten (und auch nicht vor einem Richter, vielleicht noch vor sich selbst, wenn man nichts anderes kann als Erlebnispädagogik). Nur ist (nicht nur) mir die bloße Überzeugung der handelnden Akteure kein (hinreichender) Nachweis der Wirksamkeit. Nach den Regeln der Evidenzbasierung durchgeführte Wirksamkeitsanalysen bestätigen die Überzeugung aber (Heekerens, 2013); doch muss das denn auch so dargelegt werden; wer von Risiko (Wagnis) spricht, kann von Evidenzbasierung nicht schweigen.

Fazit

Das Buch empfiehlt sich zur Anschaffung jedem, der erlebnispädagogisch auf welchem Erlebnis(teil)feld auch immer arbeitet oder zu arbeiten gedenkt. Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe, die erlebnispädagogische Maßnahmen anbieten, müssten ihren mit deren Planung, Durchführung und Auswertung beauftragten Mitarbeiter(inne)n ungehinderten Zugriff darauf bieten können. Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik sollten das Buch in ausreichender Anzahl (vermutliche Handapparatsexemplare plus 1-2) in ihrer Bibliothek vorrätig haben.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Heekerens, H.-P. (1995). Risiko und Gefahr. In H. Kölsch (Hrsg.), Wege moderner Erlebnispädagogik (S. 54-76). München: Fachhochschulschriften – Sandmann, 1995.
  • Heekerens, H.-P. (2012). Beziehungsgestaltung in der Erlebnispädagogik. Erleben&Lernen, 2012, 20(3&4), 54-57.
  • Heekerens, H.-P. (2013). Ergebnis- und Prozessforschung in der Erlebnispädagogik: Was man weiß, was man wissen sollte. Erleben&Lernen, 21(3&4), 41-45.
  • Perschke, H. et al. (2003): Sicherheitsstandards in der Erlebnispädagogik. Weinheim – München: Juventa.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 08.08.2013 zu: Daniel Mastalerz, Almud Brünner (Hrsg.): Sicherheit und Risiko in der Erlebnispädagogik. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-7841-2068-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15350.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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