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Otmar Weiß, Gilbert Norden: Einführung in die Sportsoziologie

Cover Otmar Weiß, Gilbert Norden: Einführung in die Sportsoziologie. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. 2., überarb. und aktualisierte Auflage. 237 Seiten. ISBN 978-3-8309-2886-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reihe: Waxmann Studium.
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Thema

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um ein Lehrbuch zur Sportsoziologie, welches sich vor allem an Studierende der Soziologie und Sportsoziologie wendet und im Kontext der sportsoziologischen Diskussion in Österreich einzuordnen ist.

Autoren

Otmar Weiß ist Professor am Sportinstitut für Sportwissenschaft der Universität Wien und Gilbert Norden ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien.

Entstehungshintergrund

Bereits 1988 erschien eine „Übersichtsdarstellung zur Sportsoziologie“ der beiden Autoren (Norden/Schulz 1988) und 1999 folgte ein Lehrbuch „Einführung in die Sportsoziologie“ von Weiß. Nun kommen in dieser Auflage beide Autoren zu Wort und zeichnen zum Teil für unterschiedliche Teilkapitel verantwortlich. Das Buch hat 237 Seiten, ist kartoniert und enthält zahlreiche grafische Darstellungen und Tabellen. Es kostet 24,90 € in Deutschland (25,60 € in Österreich) und ist damit als Lehrbuch für Studierende durchaus erschwinglich.

Aufbau

Das Lehrbuch ist in zehn Kapitel unterteilt.

  • In den ersten beiden Kapiteln soll eine Beschreibung der Gegenstände „Sport“ und „Sportsoziologie“ erfolgen und zudem Grundkenntnisse zum Verständnis und Umgang mit Ergebnissen empirischer Untersuchungen vermittelt werden.
  • Im Mittelpunkt des dritten Kapitels steht der Zusammenhang von Sport und Gesellschaft. Sport wird als ein „Kulturprodukt“ verstanden. Die gesellschaftliche Realität sei im Sport als spezifisches gesellschaftliches Teilgebiet abgebildet und wirke seinerseits auf gesellschaftliche Prozesse und Strukturen zurück.
  • Die Sozialisationsprozesse, die unterschiedliche Sinngebungen des Sports (re-) produzieren, werden im fünften Kapitel bearbeitet. Dabei werden verschiedene Konzepte der (geschlechtsspezifischen) Rollenerwartungen sowie gesellschaftlicher Schichtung mit in die Bearbeitung einbezogen.
  • Soziale Prozesse in Sportgruppen werden im nachfolgenden Kapitel 5 behandelt.
  • In Kapitel 6 greift Otmar Weiß auf seine Habilitationsschrift zurück und beschreibt „Paradigmen der Anthropologie“, die dazu dienen sollen, Dimensionen des Sports besser erschließen zu können.
  • Ebenfalls Weiß zeichnet verantwortlich, wenn im Kapitel 7 der Zusammenhang zwischen Handlungen im Sport und kommunikativen Prozessen thematisiert wird.
  • Sport als Zuschauersport (Kapitel 8), Sport und Massenmedien (Kapitel 9) sowie Sport und Wirtschaft (Kapitel 10) sind die Themen, die den Abschluss dieser Einführung in die Sportsoziologie bilden.

Zu den einzelnen „Bausteinen“ der Veröffentlichung folgen nun einige kurze, zusammenfassende Bemerkungen.

Die Bausteine im Überblick

Gegenstandsbestimmung Soziologie & Sportsoziologie. Knapp wird im kurzen ersten Kapitel Soziologie als Wissenschaft beschrieben, die sich mit der Erforschung gesellschaftlicher Strukturen sowie des menschlichen Handelns und der menschlichen Interaktion beschäftigt. Bei der Auflistung theoretischer Ansätze der Sportsoziologie (S. 16) fehlen die „handlungstheoretischen Ansätze“, welches bei aufmerksamen Lesern eine Verunsicherung hervorrufen mag, da sich die Autoren explizit auf eine handlungsorientierte Perspektive für ihr Lehrbuch verständigt haben (vgl. S. 10). In Kapitel 2 wird zunächst der Gegenstandsbereich der Sportsoziologie definiert, nachdem in der Einleitung eine Definition des Sports („Sport ist eine körperliche Aktivität, die erlebnis-, gesundheits-, leistungs-, spiel- und wettkampforientiert betrieben werden kann“ S. 9) gegeben wurde. Demnach sei Sportsoziologie „jene Wissenschaft, die sich mit der Erforschung sozialen Handelns, sozialer Prozesse und Strukturen im Sport sowie den Wechselwirkungen zwischen Sport und Gesellschaft befasst“ (S. 18). Verschiedene Fragestellungen der Sportsoziologie werden exemplarisch aufgelistet und theoretische Facetten (z.B. Theorie der sozialen Institutionen, Habitusbegriff) kurz angerissen, die auf den Gegenstand der Sportsoziologie bezogen werden. Dieser kurze Anriss der Sportsoziologie wird zunächst mit einer tabellarischen Übersicht verschiedener theoretischer Ansätze der Sportsoziologie abgeschlossen, die den „Pluralismus“ der Theorien und die Vielfalt sportsoziologischer Fragestellungen verdeutlichen sollen. In dieser Auflistung ist nun auch eine Handlungstheorie – die Handlungstheorie nach Wrights – enthalten. Sind bis dahin Soziologie und Sportsoziologie sehr grob mit Ihren Forschungsgegenständen und Fragestellungen skizziert, rücken die Autoren den Umgang mit empirischen Methoden abschließend in den Mittelpunkt des Kapitels. Ohne eine fundierte Methodendiskussion ersetzen zu können, beschreiben die Autoren kurz Dimensionen qualitativer und quantitativer empirischer Untersuchungsverfahren.

Sport und Gesellschaft. Anknüpfend an die „bekannte“ Entstehungsgeschichte des Sports (über den Englischen Sport des 18. und 19. Jahrhunderts, dessen Internationalisierung – befördert durch die Olympische Idee – in Richtung des Deutschen Turnens und der Schwedischen Gymnastik), beschreiben die Autoren den heutigen Sport als globales Phänomen, der jedoch mit historisch gewachsenen kulturellen Erscheinungen der jeweiligen Bewegungskultur sowie lokalen Eigenschaften spezifisch geprägt bleibt. Vor dem Hintergrund dieses Spannungsverhältnisses zwischen globalisierter Vereinheitlichung und lokalen gesellschaftlichen Strukturen/Orientierungen entfalten die Autoren ihr Grundverständnis des Zusammenhangs zwischen Sport und Gesellschaft. „Kulturelle Merkmale der jeweiligen Gesellschaft beeinflussen also den Sport einerseits, anderseits wirkt dieser auf die Gesellschaft zurück“ (S. 31). Den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Wertvorstellungen, Normen und Orientierungen werden u.a. anhand der Konkurrenz- und Gewinnorientierungen am Beispiel der USA und Österreich thematisiert. Die Konkurrenzorientierung und der Wunsch, siegen zu wollen, seien keinesfalls natürliche Phänomene, sondern kulturelle (vgl. S. 35). Weitere Ausführungen zum protestantischen Arbeitsethos sowie zur Erfolgsorientierung in sozialistischen Ländern sollen diesen Zusammenhang weiter beispielhaft belegen. Auch am Beispiel zur Akzeptanz körperlicher Gewalt wird, mit Bezug auf die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, verdeutlicht, wie der Einfluss von Normen und Werten in der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Herausbildung bestimmter Körperpraktiken wirksam war und ist. Als letzten Aspekt der „Affinität zwischen Sport und Gesellschaft“ greifen die Autoren die Differenzierung des Sports innerhalb einer Gesellschaft auf (S. 43 ff.) und verknüpfen die Prozesse der „Diversifikation“ und „Differenzierung“ des Sports mit Modellen und Ansätzen des Trendsports.

Sozialisation und Sport. Die Autoren leiten ihr Kapitel zur Sozialisation mit der Unterscheidung von „Erbmotorik“ und „Erwerbsmotorik“ ein (S. 50). „Die physiologische Frühgeburt macht das neugeborene Menschenkind zu einem Lernwesen, das auf andere Menschen angewiesen ist, um menschlich werden zu können“ (S. 51). Mit Bezug auf interaktionistische und phänomenologische Theoriekonzepte (u.a. Mead, Berger, Luckmann) wird das dialogische Verhältnis von Individuum und Gesellschaft als Lernprozess im Verlaufe der Identitätsbildung beschrieben. Die Fähigkeit zum „kommunikativen Handeln“ wird als Voraussetzung für diesen Dialog hervorgehoben, die auf Basiskompetenzen wie sensorische, motorische, interaktive, intellektuelle und affektive Fähigkeiten und Fertigkeiten angewiesen seien. Die „Erwerbsmotorik“, die sich das Individuum durch körper- und bewegungsbezogene Erfahrungen aneignet, sei „sozial vorgespurt“ (S. S. 54). Ausführlich verdeutlichen die Autoren- mit Bezug auf Maus – an verschiedenen Beispielen, wie die „Techniken oder Gewohnheiten des Körpers (Schlaf, Gang, Lauf, Tanz, Essen, Trinken etc.)“ über die soziokulturelle Konditionierung angeeignet werden. „Wie die Beispiele zeigen, ist Sozialisation immer auch in fundamentaler Weise Körpersozialisation“ (S. 55). Analog zur Körpersozialisation gelte auch, dass Sport eine Technik des Körpers ist, die durch gesellschaftliche Strukturen und Wertmuster geprägt sei (S. 56). Dies verdeutlichen die Autoren an der Strukturähnlichkeit von Familienbeziehungen und Sportaktivitäten in Mexiko (Stierkampf) und USA (Baseball). Anschließend beschreiben die Autoren, wie sich Geschlechterrollen im Sport durch die gesellschaftlichen Rollenstrukturen stabilisieren bzw. verändern und sich auf die Wahl unterschiedlicher Sportaktivitäten auswirken. Einen großen Teil des Kapitels nimmt das Thema „Soziale Schichtung im Sport“ ein (S. 63 ff.). Zunächst wird das Konzept der „sozialen Schichtung“ erläutert und das Konzept der „Lebensstile“ beschrieben. Zwar verweisen die Autoren auf die fachwissenschaftliche Diskussion, ob nicht mehr (alleine) die soziale Schichtzugehörigkeit, sondern individuelle Wahlentscheidungen und eigenständige Statusentwürfe das Verhalten der Gesellschaftsmitglieder bestimmen. Die Lebensstildiskussion wird dann aber nur sehr kurz abgehandelt und das Konzept der sozialen Schichtung sehr ausführlich auf den Sport bezogen. Zwar beziehen die Autoren theoretische Elemente Bourdieus (z.B. Habitus, soziale Klasse, soziale Distinktion) in ihre schichttheoretischen Erläuterungen mit ein (S. 74 ff.), Kritiker des Konzeptes der sozialen Schichtung (im Sport) werden sich mit dieser theoretischen Ausrichtung nicht zufrieden geben. Mit Bezug auf empirische Untersuchungen aus Österreich verdeutlichen die Autoren den Zusammenhang von Sportzugehörigkeit und Sportartenengagement oberer und unterer sozialer Schichten.

Soziale Gruppen und Sport. Gruppen werden von den Autoren als eine vermittelnde Instanz zwischen dem Individuum und sozialen Großgebilden gesehen (vgl. S. 85) und so wenden sie sich in Kapitel 5 dem Zusammenhang von sozialen Gruppen und Sport zu. Nach einigen Grundlegenden Definitionen zur Gruppe (z.B. Merkmale von sozialen Gruppen und Gruppenarten) erläutern sie Verfahren der Soziometrie und diskutieren einige soziometrische Forschungsergebnisse im Sport. Figurationstheoretische Überlegungen zum Zusammenhang von Gruppengröße und Aufgabenstruktur der Gruppe (z.B. Ringelmann-Effekt) sowie zum Zusammenhang von Kohäsion (Aufgaben- und Sozialkohäsion) und (sportlichen) Erfolg von Gruppen werden aufgearbeitet und anhand verschiedener, zum Teil kontroverser Forschungsergebnisse, diskutiert. Dabei werden auch forschungsmethodische Details (z.B. Itemkonstruktionen) mit einbezogen. Das Kapitel wird mit dem etwas sperrigen Titel „Soziale Erleichterung“ (social faciliation) abgeschlossen (S. 100 ff.). In diesem Teilkapitel wird die Beeinflussung der Leistung bei verschiedenen Aufgabentypen im Sport durch teilnehmende oder zuschauende Personen diskutiert und anhand einiger Beispiele veranschaulicht.

Sport als soziale Institution & Paradigma der Anthropologie. Das Bedürfnis von Menschen nach Anerkennung und positiver Identitätsbildung sehen die Autoren als zentrale Ausrichtungen an, welche das menschliche Verhalten steuern. „Dieses Bedürfnis kann im Sport deswegen realisiert werden, weil er die Bedingungen, Formen und Prozesse, die das soziale Leben in modernen Gesellschaften prägen, geradezu klassisch in sich trägt“ (S. 135). Diese Kernbotschaft wird im sechsten Kapitel ausführlich (35 Seiten) herausgearbeitet. Zu Beginn des Kapitels werden anthropologische Paradigmen (Weltoffenheit, Exzentrizität), aufbauend auf einen fachlich breiten Diskurs (z.B. Gehlen, Plessner, Mead), aufgearbeitet. Die beschriebenen anthropologischen Merkmale machen deutlich, dass der Mensch auf Instrumente (z.B. Körper) und Schemata angewiesen ist, sich seine Wirklichkeit und sein Selbst-Bewusstsein zu schaffen. „Die Intentionalität menschlichen Handelns beruht darauf, dass sich das Welt- und Situationserleben sowie das daraus resultierende Verhalten über Kultursymbole, d.h. über ein komplexes System von Extensionen, vollzieht“ (S. 110 f.). Sie schlussfolgern weiter: „Sport ist daher nichts Naturgegebenes, sondern ein künstliches Produkt, eine Extension des Menschen“ (S. 112). Als weitere „anthropologische Konstante“ bearbeiten die Autoren (in Anlehnung an Cooley, Goffman, Krokow) das „Streben nach Anerkennung in seiner menschlichen Umgebung“ (S. 112 ff.). Danach zielt menschliches Verhalten a priori auf Anerkennung. Im Teilkapitel „Soziale Anerkennung im Sport“ (S. 119 ff.) werden die Potentiale des Sports ausführlich dargestellt, die zur Anerkennung genutzt werden können. In Anlehnung an Popitz werden fünf „Typen sozialer Subjektivität“ erläutert, die das Anerkennungsbedürfnis des Menschen unterschiedlichen Kategorien zuordnen lassen (S. 122 ff.). Die Ergebnisse der Diskurses fassen die Autoren wie folgt zusammen: „Im Sport entfaltet sich eine Welt, die unmittelbare, primäre Erfahrungen ermöglicht. Sport ist eine Antwort auf die allesbeherrschende Abstraktheit und Anonymität der modernen Gesellschaft. Er bietet Erfüllungsmöglichkeiten für Sehnsüchte in dieser Gesellschaft und manifestiert sich als Bereich kommunikativer Nutzung, in dem Identität aufgebaut und aufrechterhalten werden kann“ (S. 128). In den letzten beiden kurzen Teilkapiteln (S. 128 ff.) wird der Zusammenhang von Aktion und Präsentation von Leistung bzw. Erfolg in Gesellschaft und Sport in den Mittelpunkt der Erörterungen gestellt. „Vielfach muss das Individuum die Kriterien seiner Leistung dramatisch aufführen, damit die Beobachter auf seine Leistung aufmerksam werden und dies anerkennen“ (S. 129). In Anschluss an Gebauer unterscheiden die Autoren zwischen „Aktionsleistung“ und „Präsentationsleistung“. Diese Leistungen können, so arbeiten die Autoren heraus, durch die besonderen Konstruktionsmerkmale im Sport ermöglicht werden. „Die Verbindung von Aktion und Präsentation, von Tun und Ansehen, findet im Sport eine ideale Realisierungsmöglichkeit“ (S. 134).

Sport und Kommunikation. Die zuvor beschriebene Dimension der Leistung (Aktion & Präsentation) verweisen darauf, dass der Sport in idealisierter Form eine „Kommunikationsform“ herstellt, die jeder versteht. Aufbauend auf Ansätze des Symbolischen Interaktionismus (z.B. Blumer, Cassire, Mead) wird der Zusammenhang von Kommunikation und Sport in Kapitel 7 erschlossen. Kommunikation wird nicht nur als System der Informationsvermittlung zwischen Individuen thematisiert, sondern im Kontext der anthropologischen Diskussion als „Conditio sine qua non für die Menschwerdung und für das Mensch sein“ (S. 140). Die Entwicklung signifikanter Symbole (mit anderen geteilte Symbole) ist konstitutiv für soziales Handeln und das Selbst-Bewusstsein des Menschen. Die Autoren schlussfolgern, dass sich „die soziale Dimension des Sports durch signifikante Symbole (mit anderen geteilte Bedeutungen) erschließt“ (S. 142 f.). Dabei sei die (Körper-) Sprache des Sports eine verständliche Sprache, die im Kontext kommunikativer Defizite in modernen Gesellschaften einen einzigartigen Bereich kommunikativer Nutzung darstelle.

Sportzuschauer. An die kommunikative Bedeutung bzw. Potentiale des Sports schließen die Autoren das Kapitel 8 „Sportzuschauer“ an. Da Sport jeder verstehen und jeder ihn kommentieren kann, ist es leicht, sich als „Experte“ im kommunikativen Austausch mit anderen zu zeigen. Dies sei, so die Autoren, jedoch nur ein Faktor die Zuschauerattraktivität des Sports zu verstehen (S. 145). Weitere wichtige Faktoren werden nachfolgend erläutert. So seien Sportveranstaltungen geeignet ein soziales Integrationserlebnis zu ermöglichen. In der „fokussierten Versammlung“ eines Sportstadions kann ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt werden, welches über die „Identifikation“ mit dem Sportler oder der Mannschaft eine Verknüpfung mit dem Selbstkonzept des Zuschauers ermöglicht. Diese Verknüpfung von Selbstkonzept und Projektion auf den Sportler/den Verein sei besonders bei den so genannten „Fans“ auszumachen. Zudem gelte es für Sportzuschauer insgesamt, dass bei Sportveranstaltungen Spannung erlebt und intensive Gefühle gezeigt werden können. „Spontane Affekte, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen eingedämmt werden, können im Stadion verbal und sogar körperlich ausgedrückt werden, und das, ohne Maßregelungen befürchten zu müssen“ (S. 147). Sportereignisse können zudem als moderne Formen mit quasi-religiösem Charakter (S. 148 ff.) beschrieben werden. Einerseits scheint der Zuschauersport im Kontext der Situationen der Verunsicherung und Desintegration in modernen Gesellschaften kompensierend zu wirken und eine positive Funktion in der Gesellschaft zu besitzen. Andererseits verweisen Phänomene aggressiver Bereitschaften und Aktivitäten von Sportzuschauern auf die „Kehrseite der Medaille“. Im Teilkapitel „Zur Aggression von Sportzuschauern“ verweisen die Autoren auf diese Problematik. Zunächst unterscheiden sie in Anlehnung an Gabler drei Formen von Zuschaueraggressionen und schließen eine Diskussion der unterschiedlichen Ursachentheorien an (Trieb- und instinkttheoretische Ansätze, Frustrations-Aggressions-Hypothese, Lerntheoretische Ansätze und das Identitätskonzept). Besonders das Identitätskonzept weisen die Autoren als anschlüssig an die zuvor erarbeiteten Dimensionen der Identitätsbildung in und durch Sport aus (S. 155 ff.).

Sport und Massenkommunikation. Der Zusammenhang von Sport und Massenkommunikation steht im Mittelpunkt des neunten Kapitels. Zunächst wird eine Verständnis von Massenmedien gegeben (S. 157), welches eher als etwas überholt gelten dürfte (in Anlehnung an Maletzke 1978), da die Kommunikationsprozesse von Massenmedien als „einseitig“ (also ohne Rollenwechsel zwischen Aussagenden und Aufnehmenden) definiert werden. Dies wird digitalen Medien (z.B. Internet) nicht gerecht, die Rezipienten auch zu (re-)agierenden Mitwirkenden im Kommunikationsprozess werden lassen, wie es die Autoren selbst am Beispiel von „Online-Communities“ im Sport erwähnen (S. 174). Zudem wird das Internet in der Definition von Massenmedien auf S. 157 mit aufgeführt. Im Anschluss an die Erwähnung der „Laswell-Formel“ wird das Thema in fünf Forschungsbereiche der Kommunikationsforschung untergliedert, die in den folgenden Teilkapiteln bearbeitet werden. Im Teilkapitel „Kommunikationsforschung“ (158 ff.) werden die Arbeit und Rahmenbedingungen von Sportjournalisten und Sportredaktionen dargestellt. Die Untersuchung von Inhalten und Darbietungsformen der massenmedialen Sportberichterstattung wird im Teilkapitel „Inhaltsforschung“ auf der Grundlage der „Abbildungstheorie“ und des „konstruktivistischen Ansatzes“ diskutiert (S. 160 ff.). Anhand verschiedener Beispiele aus der österreichischen Inhaltsforschung wird deutlich, wie die Sportberichterstattung durch die Dominanz bestimmter Sportarten (Fußball und Skifahren) sowie weiterer Gestaltungsmerkmale (z.B. Geschlechtertypisierung) die Nachrichten konstruieren. Die historische Entwicklung der Massenmedien und des Sportjournalismus wird im Teilkapitel „Medienforschung“ mit Hilfe verschiedener tabellarischer Übersichten sowie der Abbildung von illustrierten Titelseiten österreichischer Medien beschrieben (S. 165 ff.). Ergebnisse weiterer österreichischer Untersuchungen werden im Teilkapitel „Publikumsforschung“ genutzt, um die von Rezipienten genutzten Sportmedien und deren Motive zur Mediennutzung zu beschreiben (S. 174). Dabei wird die „Beziehungskonstruktion“ von Rezipienten als „Fans“, „Idole“ und „Vorbilder“ genauer diskutiert. Abschließend thematisieren die Autoren im letzten Teilkapitel „Wirkungsforschung“ (S. 181 ff.), welche verändernde Wirkungen Medien auf Individuen und Systeme/Institutionen haben können. Am Beispiel der „Gewaltproblematik“ im Sport wird diese Diskussion anhand verschiedener Erklärungsmodelle möglicher Auswirkungen von Gewaltdarstellungen auf die Zuschauer diskutiert.

Sport und Wirtschaft. Im letzten Kapitel 10 bearbeiten die Autoren den Zusammenhang von Sport und Wirtschaft (S. 184 ff.). Aspekte der Ökonomisierung und Kommerzialisierung des Sports werden angesprochen und ausführlich werden Dimensionen des Sportsponsorings durch verschieden österreichische Beispiele verdeutlicht. Mit weiteren Themen, wie Professionalisierung, Sportmarketing und Mediatisierung, sprechen die Autoren überblicksmäßig Prozesse an, die den Einfluss der Wirtschaft auf die Welt des Sports verdeutlichen. Aus einer konstruktivistischen Perspektive wird erkennbar, wie die Wirtschaft Einfluss auf die Wahrnehmung und den Konsum von Sportwelten durch die Konsumenten nimmt.

Diskussion

Das Lehrbuch ist vor allem für Rezipienten aus Österreich interessant. Bei den einbezogenen empirischen Untersuchungen und handlungsfeldbezogenen Erläuterungen werden fast ausschließlich österreichische Forschungsergebnisse und Beispiele angeführt. Dies mag Rezipienten aus Deutschland enttäuschen, allerdings ist abgesehen von diesem spezifischen Fokus die Veröffentlichung auch über die Grenzen Österreichs hinaus interessant, da grundlegende Themen und Debatten der Sportsoziologie (im deutschsprachigen bzw. internationalen Raum) mit einbezogen werden.

Insgesamt eignet sich dieses Lehrbuch gut, um allgemeine soziologische Grundbegriffe (z.B. Gesellschaft, soziale Institutionen, Kultur, Ethnographie, Lebensstile, soziale Rollen) und sportsoziologische Fragestellungen (z.B. Identitätsbildung im und durch Sport, Zuschauersport, Medien und Kommerzialisierung des Sports) den Lesern nahe zu bringen. Die „Definitionen“ werden immer wieder im Verlaufe der Kapitel durch grafische Herausstellungen (grau hinterlegte Definitionstexte) kenntlich gemacht und durch empirische Beispiele und theoriebezogene Erläuterungen veranschaulicht. Insgesamt sind die Texte für die Zielgruppe in einer gut verständlichen Sprache gehalten und verzichten auf Sprachkonstruktionen, die sportsoziologische Veröffentlichungen manchmal zu einer Geheimwissenschaft werden lassen. Allerdings heben sich die Kapitel 6 und 7 sprachlich und in der inhaltlichen Tiefenschärfe von den anderen Kapiteln ab, was möglicherweise damit zu erklären ist, dass hier Otmar Weiß auf seine Habilitationsschrift zurückgreift. Zudem arbeitet der Autor in diesen Kapiteln deutlich intensiver mit Verweisen in Fußnoten. „Einsteiger“ in die Thematik der Soziologie (Anthropologie) finden hier eine gesteigerte Herausforderung die bearbeiteten Sachverhalte zu verstehen.

Die wissenschaftstheoretische Orientierung der Autoren wird in der Einleitung (S. 10) als „handlungstheoretische Ausrichtung“ beschrieben. Der Leser, der im Verlaufe der Lektüre dann eine explizite handlungstheoretische Konstruktion der Sportsoziologie erwartet, wird allerdings enttäuscht. Handlungstheoretische Diskurse werden nicht explizit sichtbar gemacht, sondern dienen den Autoren als eine implizite Hintergrundsfolie ihrer Erarbeitung sportsoziologischer Themen. Ob dies für ein Lehrbuch ein Mangel ist, sei dahingestellt – möglicherweise könnte eine derart spezifische Herangehensweise auch angehende Interessenten (z.B. Studierende) der sportwissenschaftlichen Diskussion abschrecken.

Fazit

Die Veröffentlichung ist als „Einführung in die Sportsoziologie“ gut geeignet sportsoziologische Grundbegriffe und Themen zu vermitteln. Im Kapitel 6 „Sport als soziale Institution“ geht die Einführung durch eine fachliche Tiefenschärfe über den Horizont einer Einführung hinaus. Durch die Fokussierung auf österreichische Forschungsergebnisse und Beispiele ist dieses Buch vor allem für Leser aus Österreich interessant, aber auch (ergänzend) für andere deutschsprachige Rezipienten zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Michels
Hochschule Düsseldorf Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Harald Michels. Rezension vom 06.01.2014 zu: Otmar Weiß, Gilbert Norden: Einführung in die Sportsoziologie. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. 2., überarb. und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8309-2886-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15354.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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