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Wulf Schmidt-Wulffen: Die besten Lehrmethoden im sozialwissenschaftlichen Unterricht

Cover Wulf Schmidt-Wulffen: Die besten Lehrmethoden im sozialwissenschaftlichen Unterricht. Schüler aktivieren - Lernen individualisieren (5. bis 10. Klasse). AOL Verlag (Lichtenau) 2013. 176 Seiten. ISBN 978-3-403-10150-5. D: 19,75 EUR, A: 19,75 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Personale und soziale Komponenten des Lernens in den Blick nehmen

Lernen hat mit (Vor- und Nach-)Denken zu tun. Und: Lernen ist nicht (zuvorderst und zuallererst) Stoffaufnahme (dabei reden wir nicht über die natürlich längst überholte Vorstellung eines Frontalunterrichts, bei dem der Lehrer und die Lehrerin Stoff vermittelt und die Schüler, nach dem Modell des „Nürnberger Trichters“, ihn aufnehmen). Es geht vielmehr um die Kompetenz, Lernen als Verhaltensänderung zu begreifen und zu realisieren. In der Didaktik wurde viel zu lange der Fokus auf die Belehrung gelegt, und unzureichend die Bedeutung der Methodik des Lernens herausgearbeitet. Denn, das ist ja (eigentlich) eine Tautologie: Lehren und Lernen gehören zusammen! Nur: Beim schulischen Lernen wurde (und wird?) diese Erkenntnis vernachlässigt, insbesondere in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern Geographie, Geschichte, Politik/Gesellschaftslehre und Weltanschauungskunde.

Autor

Im Gespräch äußert Wulf Schmidt-Wulffen, das sei nun sein letztes Buch; es sollten jetzt Jüngere ran! Die erste Aussage ist zurückzuweisen, weil es dem Didaktiker gelingt, Lehrbücher zu machen, die sich in vielerlei Hinsicht von anderen unterscheiden, die nicht selten nach dem bekannten Motto gefertigt werden: Lehrbücher entstehen, dass sie von Lehrbüchern abgeschrieben werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden… Dem Sozialwissenschaftler gelingt es nämlich, Lerninhalte und Methoden zusammen zu bringen. Das hat er bereits in zahlreichen Lehrbüchern und Unterrichtsmaterialien gezeigt (Er(d)kunde! 5/6, Cornelsen-Verlag, Berlin 2001,

ISBN 3-464-0302-0, 208 S.; Er(d)kunde 7/8, Berlin 2002, ISBN 3-464-08303-9, 208 S.; Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Afrika verstehen lernen. Bausteine für Unterricht und Projekttage; Wulf Schmidt-Wulffen, Paul Schlechtriemen, u.a., Bonn 2007, 362 S., ISBN 978-3-89331-76; Wulf-Dieter Schmidt-Wulffen, Alltagsleben in (West-)Afrika. Ghana erleben – Unterrichtsmaterialien zum Interkulturellen und Globalen Lernen; Materialien zur Didaktik der Geographie und Wirtschaftskunde der Universität Wien, Bd. 20, 2007, 195 S., mit CD-ROM, ISBN 978-3-900830-61-8; Wulf Schmidt-Wulffen, Motivation und Unterrichtserfolg durch Mitplanung von Schülern. Ein Leitfaden für gesellschaftswissenschaftliche Fächer von der Grundschule bis zur Sek-II, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7677.php).

Sicherlich wird es bei Theoretikern und Praktikern Vorbehalte wegen des doch überzogenen Titels „Die besten Lehrmethoden…“ geben; wer vermag schon beanspruchen, jeweils das „Beste“ einer Sache präsentieren zu können. So ist eher davon auszugehen, dass der Titel vom Verlag aus „Marketinggründen“ so formuliert wurde, denn es sind eher Bescheidenheit und Realitätsbezug, die Wulf Schmidt-Wulffens Arbeit kennzeichnet.

Aufbau und Inhalt

Das Lehr- und Lernmethodenbuch dürfte sich deshalb von vielen anderen „Methodiken“ dadurch unterscheiden, dass der Autor nicht Theorien voranstellt, sondern Theoriekonzepte in Praxis einbettet. Der Untertitel des Buches verdeutlicht dies: „Schüler aktivieren – Lernen individualisieren“. Schmidt-Wulffen baut das Buch „Die besten Lehrmethoden im sozialwissenschaftlichen Unterricht“ konsequent in einer gleichen 5-Schritt-Folge auf:

  1. Zweck und Ziel
  2. Wie man‘ s macht
  3. Einsatzmöglichkeiten
  4. Ein Praxisbeispiel vorgestellt
  5. Praxisbemerkungen: Grenzen, Fußangeln, Probleme.

Es sind 50 Lehr-, Lern- und Unterrichtsmethoden, die der Autor in diesem Sinne vorstellt und für die Verwendbarkeit im sozialwissenschaftlichen Unterricht diskutiert. Er orientiert sich dabei an den von der OECD propagierten Bildungszielen: Handlungsfähigkeit, interaktive Anwendung von Medien und Handeln, Handeln in heterogenen Gruppen; und er verweist darauf, dass beim schulischen Lernen es zuvorderst darauf ankäme, Jugendlichen, wenn sie die Schutzräume von Schule und Elternhaus verlassen, in die Lage zu versetzen, „den ständig wechselnden Anforderungen der Berufswelt selbständig und flexibel zu begegnen“. Schmidt-Wulffens Credo – „Auf den Lehrer kommt es an!“ – wird im einleitenden Teil überzeugend dargestellt. Zahlreiche Untersuchungen und Forschungen haben ergeben, dass – nicht nur – in sozialwissenschaftlicher Perspektive ein Paradigmenwechsel in der Betrachtung und Handhabung des Lernens dahingehend erfolgen müsse, dass neues Wissen „anschlussfähig“ sein müsse, was heißt: „Lernen bedeutet nicht ein additives Hinzulernen, sondern ein Hineinlernen in bereits Vorhandenes, an das ‚angedockt‘ werden kann“. Diese Form des motivierenden Lernens kann dazu beitragen, prozesshaft Schülerinnen und Schüler in Planung und Gestaltung des Unterrichts einzubeziehen, die Kompetenz zu entwickeln, selbständig Schwerpunkte und Interessen beim Lernen zu bilden, kreative Formen des individuellen und gemeinschaftlichen Lernens zu entdecken, ziel-, verlaufs-, bestätigendes und kontrolliertes Lernen selbst zu organisieren, Präsentation und Diskussion der Arbeitsergebnisse zu lernen und Feedbackgespräche über Lernfortschritte und -probleme zu führen.

Nun gibt es sicherlich kaum einen Mangel an Büchern für Lehrkräfte und Studierende – in jeder Lehrergeneration gab es „Methodenanleitungen“. Warum also noch eine? Anders als in bisherigen „Methodiken“ werden hier Methoden vorgestellt, die Schüler zur Eigenaktivität auffordern und damit zu deren Selbstständigkeit beitragen: Es wird nicht gelernt, einen Zeitungsartikel zu interpretieren, sondern einen selbst zu verfassen; Karikaturen werden nicht interpretiert, sondern Jugendliche werden ermutigt, selbst Karikaturen zu zeichnen; Filme werden nicht interpretiert, sondern Smartphones und Digicams werden von Schülern zielgerichtet eingesetzt, Themenaspekte abzubilden, die dann im Unterricht diskutiert werden können usw.

Schmidt-Wulffen gliedert das Buch in acht Kapitel, die jeweilige bereits in der Überschrift die inhaltliche Gestaltung aufzeigen:

  1. „Gemeinsame Themenfestlegung“ –
  2. „Informationsbeschaffung“ –
  3. „Verfahren der Informationsverarbeitung“ –
  4. „Gekonnt präsentieren“ –
  5. „Stolpersteine – Es läuft nicht alles rund“ –
  6. „Kommunikationsübungen“ –
  7. „Der Lohn der Arbeit“ –
  8. „Von Einzelelementen zum kompletten Unterricht“.

Jedem Kapitel ordnet der Autor Lernmethoden zu, die „nicht alle auf seinem Mist gewachsen sind“, im einzelnen natürlich im Unterricht angewendet und variiert werden und als „aktivierende Methoden“ Lernen ermöglichen und erleichtern. Dabei zählt er sie nicht einfach nur auf und sammelt sie aus der Literatur ein, sondern wendet sie mit seinem Jahrzehnte langen Erfahrungsschatz in Universität und Schule an. Allein diese Arbeit und die gekonnte Zuordnung von mehreren Lernmethoden zu den jeweiligen unterrichtspraktischen Frage- und Themenstellungen dürften für den Methodendiskurs (nicht nur) des schulischen Lernens eine Bereicherung darstellen.

Fazit

Die Schüler befähigen zu erkennen, „wo sie sind“, natürlich, wenn nötig, unterstützt durch „Lehrmeister“, und vor allem mit dem Ziel, sie nicht stehen zu lassen, wo sie sind“. Wenn wir zurück kommen auf das Plazet Schmidt-Wulffens, dass es beim schulischen Lernen auf die Lehrerin und den Lehrer ankäme, kommt der Art und Weise, wie in der jeweiligen Unterrichtssituation Lernen organisiert wird und sich vollzieht, eine entscheidende Bedeutung zu. Schmidt-Wulffen rückt mit seinem Methodenbuch für den sozialwissenschaftlichen Unterricht lernhemmende und -behindernde schulische Praxis zurecht und zeigt auf, welche Bedeutung „methodisches“ Lernen für eine erfolgreiche Entwicklung des Menschseins hat. Zwar bezieht sich der Autor mit seinen Beispielen und der Zuordnung zu Lernmethoden auf den Unterricht in allgemeinbildenden Schulen der Klassen 5 bis 10; doch ohne Zweifel lassen sich eine Reihe der aufgezeigten Methoden sowohl in der Grundschule, der Sekundarstufe II und im berufsbildenden Unterricht anwenden.

Das Buch sollte deshalb auf jedem Lehrerschreibtisch liegen, in den Lehrerbibliotheken präsent sein und in der Lehreraus- und -fortbildung eingesetzt werden. Es fordert für die Lehrerausbildung an Hochschulen und Universitäten geradezu auf, entsprechend dieser Vorlage Praxisseminare zu organisieren und die Tauglichkeit der angebotenen Methoden zu überprüfen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.09.2013 zu: Wulf Schmidt-Wulffen: Die besten Lehrmethoden im sozialwissenschaftlichen Unterricht. Schüler aktivieren - Lernen individualisieren (5. bis 10. Klasse). AOL Verlag (Lichtenau) 2013. ISBN 978-3-403-10150-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15356.php, Datum des Zugriffs 07.03.2021.


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