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Oliver Musenberg (Hrsg.): Kultur - Geschichte - Behinderung

Cover Oliver Musenberg (Hrsg.): Kultur - Geschichte - Behinderung. Band 1 Die kulturwissenschaftliche Historisierung von Behinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2013. 278 Seiten. ISBN 978-3-89896-536-1. D: 29,50 EUR, A: 30,40 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Der Begriff oder die Unterscheidung „behindert- nichtbehindert“ drückt ein Erleben aus, in welchem Menschen als eher voneinander getrennt, abgesondert und isoliert, denn als in ihrer Einheit, in ihrem Zusammenhang, ihrer wechselseitigen Verbundenheit wahrgenommen und anerkannt werden. Nicht erst seit der „Konstitution von Freiheit“, „verkörpert“ u.a. in der Behindertenrechtskonvention wird an dessen Dekonstruktion gearbeitet. Es ist offensichtlich nicht damit getan, dass Worte, insbesondere deren Signifikanten ausgetauscht und im Sinne einer politischen Korrektheit frisch renoviert werden. Es ist auch nicht damit getan, dass die Schubladen des Verstandes immer mal wieder aufgemacht, das darin Befindliche angeschaut und neu bewertet wird, um wieder in die Schubladen einsortiert zu werden. Gebraucht wird vielmehr ein „ökosystemisches“, auf dialektische Weise bewegliches Ordnungssystem, das ohne Schubladen bei Anerkennung all des Differenten in seinem Wechsel- und Zusammenwirken auskommt. Vielleicht in dem Sinne, indem es ein „Verstörer“ des beginnenden 20 Jahrhunderts, L.S. Wygotski, mit Bezug auf das Wort „defektiv“ formuliert hat: „In unseren Händen liegt es, so zu handeln, dass das gehörlose, das blinde, und das schwachsinnige Kind nicht defektiv sind. Dann wird das Wort (mehr noch der Begriff – M.J.) selbst verschwinden, das wahrhafte Zeichen für unseren eigenen Defekt.“

Aufbau, Inhalt und Diskussion

Das vorliegende interdisziplinär angelegte Buch historisiert „Behinderung“ auf kulturwissenschaftlichen Wege als „soziale Konstruktion“. „Behinderung“ erscheint dem Leser nunmehr nicht so sehr als „naturgegeben“, sondern als eher „in historischen Prozessen hervorgebracht“. So weist der Herausgeber Oliver Musenberg in seinen einleitenden Worten zu Kultur, Geschichte und Behinderung darauf hin, dass mit dem Band „der Diskursverknappung“ und der „historisch gewachsenen Okkupation des Themenfeldes „Behinderung“ durch die Heil- und Behindertenpädagogik“ entgegengewirkt werde. Die „heilpädagogische Disziplin- und Professionsgeschichte“ müsse es auch weiterhin geben, sie verliere jedoch „durch die kulturwissenschaftliche Historisierung von Behinderung ihre Monopolstellung und alleinige Deutungshoheit“ (S. 12). Nicht zufällig rotieren daher behindertenpädagogische und erziehungswissenschaftliche Beiträge zum Thema um den Kern der Disablitiy studies und Dis/ability history.

Insbesondere in dem Beitrag von Anne Waldschmidt: Eine andere Geschichte schreiben? Überlegungen zur Historiografie von ‚Behinderung? im Anschluss an die Disability Studies, wird deutlich, wie das mit der „kulturwissenschaftlichen Historisierung von Behinderung“ gemeint sein könnte: „Postuliert wird die Notwendigkeit, nicht nur eine Geschichte der Behinderung, sondern mit Behinderung die allgemeine Geschichte neu zu schreiben…“ (S. 113). Und: „Vielmehr rückt im Sinne des kulturellen Modells das Pedant von Behinderung, die gemeinhin nicht hinterfragte Normalität in den Mittelpunkt. Im Kern richtet sie sich auf das Verhältnis von symbolischen (Wissens-) Ordnungen, institutionellen Objektivationen und alltagspraktischen Kategorisierungen sowie deren Folgen für die Lebensbedingungen der Beteiligten, …ihre sozialen Bezüge und Selbstverhältnisse“ (S.115). Auf diese Weise werde (Nicht-) Behinderung als ein analytisches Konzept benutzt, um „die Praktiken der sozialen Positionierung von Menschen und die darauf bezogenen kulturellen Legitimationen zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand werden zu lassen. Auf diese Weise sind neue Einsichten über Gesellschaften und ihre sozialen und kulturellen Wandlungsprozesse möglich: zum Beispiel über die Art und Weise, wie Wissen über den Körper produziert, transformiert und vermittelt wird; welche Normalitäten und Abweichungen (z.B. gesund versus krank) auf welche Weise konstruiert werden; wie exkludierende und inkludierende Praktiken im Alltag von verschiedenen Institutionen gestaltet sind; wie Identitäten geformt und neue Subjektkonzepte geschaffen werden“ (S.116).

Wie das im einzelnen aussehen könnte, zeigen die vielfältigen Beiträge zu „interdisziplinären Perspektiven“, „Geschichtsschreibung“ und „Geschichten“.

  • Micha Brumlick: Kulturwissenschaftliche Betrachtung von „Behinderung“
  • Markus Dederich: Heilpädagogik als Kulturwisssenschaft
  • David Mitchell: Disability and Neoliberal Norms of Incapacity
  • Werner Brill: Der Umgang mit Behinderung in der Historie. Vom medizinischen zum sozialen Modell am Beispiel Sexualität- ein Beitrag zur Disability History
  • Lucie Storchova: „Unkraut verdirbt nicht.“ Selbstpositionierungen in Autobiografien der zentraleuropäischen „armlosen Wunder“ der Zwischenkriegszeit
  • Oliver Musenberg: „Das Material ist völlig unbefangen gesammelt“ – der Pädagoge Hans Würtz und seine „Krüppelbilder- und Plastikensammlung“
  • Thomas Hoffmann: Wille und Entwicklung: Geistige Behinderung und das Diapositiv des Willens im 19. und 20. Jahrhundert
  • Christian Mürner: Eines Toren Fabel nur. Erzähl- und Umgangsformen mit (geistig)behinderten Protagonisten
  • Uta George: Menschen mit Lernschwierigkeiten als Subjekte des kulturellen Gedächtnisses. Die Erinnerung der NS- Euthanasie- Verbrechen

Zielgruppen

Lehrende und Studierende geistes-, human- und gesellschaftswissenschaftlicher Fakultäten; aller, die an einer (inklusiven) Kultur der Erinnerung und Veränderung interessiert sind.

Fazit

Die kulturwissenschaftliche Dekonstruktion von „Behinderung“, aber auch von „Rasse“, „Geschlecht“ und „Krankheit“ hat Geschichte. Wie Normalität im Spiegel von „Abweichung“, aus der Perspektive des „radikal Anderen“ und „Anderartigen“ aussehen könnte, erzählte seinerzeit (1976) auch die von Heinar Kipphardt nachkonstruierte Geschichte des schizophrenen Dichters Alexander März. Das Kipp- Bild von Krankheit erschließt dem Betrachter seine eigene verrückte Normalität: „Unsere Kultur hat zu tun, wie März einmal sagt, mit einer gewissen Wettbewerbsfolter. Man könnte sich doch durchaus vorstellen, dass ein späterer Beobachter die Leute, die sich so mühevoll abrichten ließen, die ihr ganzes Leben taten, was sie nicht wollten…und die sich wie gutwillige Haustiere benahmen, als „Irre, Wahnsinnige, Verrückte“ bezeichnet.“

Die von Musenberg herausgegebene „kulturwissenschaftliche Historisierung von Behinderung“ lädt ein, ermutigt und inspiriert dazu, Normalität neu zu entdecken und zu erfinden.

Unbedingt lesenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 09.10.2013 zu: Oliver Musenberg (Hrsg.): Kultur - Geschichte - Behinderung. Band 1 Die kulturwissenschaftliche Historisierung von Behinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2013. ISBN 978-3-89896-536-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15360.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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