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Peter Schmidt: Der Junge vom Saturn

Cover Peter Schmidt: Der Junge vom Saturn. Wie ein autistisches Kind die Welt sieht. Patmos Verlag (Ostfildern) 2013. 220 Seiten. ISBN 978-3-8436-0390-4. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Autismus ist nicht sichtbar. Betroffene berichten nicht selten, dass sie sich wie jemand fühlen, der von einem anderen Planeten kommt. So erging es auch Peter Schmidt (daher der Titel des Buches). In diesem Buch beschreibt er seine Kindheit und Jugend, berichtet davon, welche Probleme es gab, aber auch welche Lösungen er gefunden hat, um zu dem zu werden, der er heute ist.

Autor

Peter Schmidt hat Geophysik studiert und promoviert. Viel später- erst mit 41 Jahren- erfährt er, dass er Autist ist. Plötzlich fasst ein einziges Wort zusammen, was anderen Menschen befremdlich erscheint. Im Oktober 2012 erschien sein erstes Buch „Ein Kaktus zum Valentinstag“, in dem es um seine ungewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte geht. Fast 1 Jahr später erschien nun sein neues Buch: „Der Junge vom Saturn“.

Aufbau und Inhalt

Auf 232 Seiten in vier Kapiteln und insgesamt 60 Unterkapiteln berichtet Peter Schmidt über seine Kindheit und Jugend. Bilder aus seinem Leben vervollständigen seine Biografie. Bei dieser Inhaltsbeschreibung sind die Kapitelüberschriften fett gedruckt und die Titel der Unterkapitel folgen.

Das erste Kapitel „Der kleine Tomai“ handelt von seiner Geburt bis zum Eintritt in den Kindergarten. Peter Schmidt kann sich – anders als andere Menschen – erstaunlicherweise an seine Geburt erinnern. Es folgt die Beschreibung, wie er sich dann als Kind selbst das Lesen beibringt, in dem er die Buchstaben ordnet und sortiert, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennt. Rohre, Lichtspiele und vor allem Länder und Straßen faszinieren ihn. Diese Interessen spiegeln sich in den Titeln der Unterkapitel wieder wie „jenseits des Sprachhorizontes, wörterndes Gezwatscher, der Klorohrbaum im Kohlenkeller, schweigendes Sprechen, Löcheln, Licht und Länder jenseits der Morgenröte, Grenzen gibt´s, die gibt´s gar nicht, der rot-weiße klengschrankende Drohglocken-Bahnübergang, der Spitzdosenjunge und seine Picknick-Plätzchen“ (S. 15-61).

Im Kapitel „Allein in der Roten Gruppe“ beschreibt er die Zeit des Kindergartens mit den Untertiteln „Wandernde Taler und ein angebissener Abreißkalender, der Arm, der einfach nicht brechen wollte, Straßenschluchten im Supermarkt“ (S. 61-69).

Das Kapitel über die Zeit in der Grundschule trägt die Überschrift „Im Zeichen des ‚Rast ich so rost ich‘“ und enthält die Untertitel „Tischender Turm am ersten Tornistertag, Fahrt ans oogige Ende der Welt, Löcher in verborgene Welten, blutende Spielregeln, Betonfußball, bis die Fantabunten kommen, ‚Wenn du nicht bald mal spurst, kommst du ins Heim!‘, laut Tachogesetz vollzufahren bis 9999,9 km, das erstarrte Fein, im Skat gibt´s ja doch eine Herz-4!, die bizarre Zahl und der unheimliche Berg, meine lehrerrot blutende Seele, eiternde Sterne, Lichtjahre und langnullige Zahlen, Gießkannenflüsse im Toffelland, das verlorene Autochen, Pfennige, Pilze und Perihel, die weihnachtliche Passstraße zum Licht, der Komet und die Kakteen, Tubukuai geht nun vorbei“ (S. 75-135).

Nach der Grundschule geht es auf das Gymnasium, was im Kapitel „Mein Leben rund ums Mondmosaik“ beschrieben wird. Die Unterkapitel tragen die Titel „in den Straßen des Gymnasiums, ‚auf dassss Tor doch nicht, du Depp!‘, der Baumschubser, im Tunnel der Polypen, die tollen Tabellenbücher, Strafzettel in der Schule, "Dann spring doch!", gesichterlose, kachelreiche Kunstwerke, Urlaub im Alltag, belächeltes Verblüffen, Sehnsüchte sind der einzige Wegweiser!, Kirchgang ohne Gottesdienst, der Tag, an dem Adam und Eva sterben, Gruppenallein zwischen Fjord und Fjell, ‚Du musst dich da mehr durchbeißen!‘, Bibliotheksasyl, der Pinselstrich, die Hitformel aus 3:04 min Da Diddley Qua Qua, Straßenwelten, die ‚States of Japetus on Earth‘, Aufbruch nach Amerika, der Botschafter vom Saturn, der durch Null dividiert, wo die Reise hingeht, als die QE2 auf dem ‚Highway to Hell‘ zerschellt, JAPEL, das Grundgesetz des Lebens, sprachliche Matrjoschkas und Fleischerhakenformeln, Nullstein reloaded und die Relativität von Koyaanisqatsi, am Tor zur Welt“ (S. 135-226).

Das Buch endet mit den „Inseln der Stille“ mit den Unterkapiteln „Im skandinavischen Lärchenpanoramazimmer, auf Wiederlesen, Autismus verstehen und der Danksagung“ (S. 226-232).

In seinem neuen Buch schreibt Peter Schmidt retrospektiv über vier prägende Abschnitte in seinem Leben: die eigene Geburt, das Aufwachsen als Kleinkind und die Zeit im Kindergarten, die Schulzeit (Grundschule und Gymnasium), auf den ersten Blick scheinbar ein ganz normaler Lebenslauf – aber doch ist irgendetwas anders.

Jeder Lebensabschnitt ist in sich geschlossen. In den ersten beiden Kapiteln begegnet man einem unbefangenen glücklichen Kind, dem es z.B. gelingt, sich selbst die Welt der Buchstaben und Wörter beizubringen und lesen zu lernen. Mit dem Eintritt in den Kindergarten und später in die Schule wird es schwieriger. Das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass er sich zunehmend aus der geschützten Welt des Elternhauses lösen muss, sondern auch damit, dass ihm viele Dinge, denen er begegnet, unverständlich bleiben. Er stellt fest, dass andere nicht so denken wie er, sich z.B. für andere Dinge als Landkarten, Vulkane und Planeten interessieren und sich auch anders verhalten. Als Jugendlicher fühlt er sich oft so, als gäbe es eine gläserne Wand zwischen ihm und der Umwelt, von der er nicht weiss, wie er sie durchbrechen kann. Gerade in der Zeit der Pubertät, wenn der Kontakt zur Peergruppe wichtig wird, bemerkt er, wie schwer das für ihn ist.

Diskussion

In „der Junge vom Saturn“ begleiten wir Peter Schmidt von der Geburt bis zum Ende der Schulzeit und dem Übergang ins Erwachsenenalter. Schon allein die Kapitelüberschriften führen den Leser in eine andere Welt ein, eine Welt, die manchem ungewöhnlich und vielleicht fremd erscheinen mag. Das liegt sicherlich auch an seiner Wortwahl. So manche Beschreibung klingt in den Ohren von Menschen ohne Autismus, den sog. Neurotypischen, seltsam bis unverständlich. Lässt man sich allerdings darauf ein so wird deutlich, wie treffend die Titel sind. Bei Peter Schmidt geschieht Verstehen im wortwörtlichen Sinn. Er benennt die Dinge so, wie er sie erlebt hat und je älter er wird, desto mehr verändert sich die Sprache.

Neben dem Inhalt hat mich besonders dieser Sprachstil an dem Buch fasziniert, weil dieser direkt auffordert, sich auf diese andere Art des Wahrnehmens einzulassen. Seine Sprache wirkte auf mich wie eine Brücke, die direkt in die Realität und das Erleben des Jungen, der unter den Bedingungen von Autismus lebt, führt. Ein Lehrer, der ihn lange in der Schule begleitet hat, beschrieb ihn einst als „außergewöhnlich anders“. Nachdem Peter Schmidt die Diagnose Autismus bekommen hat besucht er diesen Mann und sie blicken gemeinsam zurück: nach 35 Jahren „kann analysiert werden…erschreckend, befreiend, klar“ (S. 229).

Mit der Beschreibung seines Lebens leistet Peter Schmidt einen wichtigen Beitrag zum Verstehen der Autismus Spektrum Störung. „Zugang zu einem autistischen Menschen erhält man nur dann, wen man ihn dort abholt, wo er steht, wenn man vor allem niemals versucht, aus ihm etwas zu machen, was er nicht ist und nie sein können wird, sondern ihn mit dem, was er aus seinem Innersten heraus anbieten kann, aufblühen lässt.“ (S. 232).

Mir gefällt der Weg, den Peter Schmidt mit der Veröffentlichung seiner Bücher beschreitet. Es ist ein mutiger Weg, weil er den Leser schon allein durch seinen ungewöhnlichen Sprachstil in seine Erlebenswelt nimmt. In meinen Fortbildungen (www.abc-autismus.de) greife ich gerne auf Zitate von Peter Schmidt zurück, weil es ihm gelingt, ein Leben unter den Bedingungen von Autismus mit allen Freuden, aber auch Anstrengungen zu beschreiben.

Jeder Mensch handelt subjektiv sinnvoll. Diese Erkenntnis ist ein Kernstück meiner Fortbildungen zum Thema Verhaltensauffälligkeit. Manchem Leser mag das Verhalten des Jugendlichen Peter Schmidt merkwürdig erscheinen. Er schaffte sich in der Pubertät seine eigene Welt, er nannte sie „States of Japetus on Earth". Mich hat dieses Verhalten sehr berührt, weil es sehr viel Sinn macht: Je älter der Junge Peter wurde desto mehr wurde ihm bewusst, dass er irgendwie anders ist. Jugendliche suchen in der Pubertät den Kontakt zu einer Peergruppe und lösen sich vom Elternhaus. Peter Schmidt teilt diesen Wunsch mit anderen, bemerkt dann, dass es ihm schwer fällt, Anschluss zu finden. Andere Menschen können an solchen Situationen zerbrechen. Peter findet eine andere Lösung, die zu ihm passt und ihn letztendlich in seiner Persönlichkeitsentwicklung im Sinne von Resilienz (Widerstandskraft) stärkt: Er kommt auf die Idee, seinen eigenen Staat zu gründen, in dem seine Regeln gelten und der ihm Wohlgefühl, Sicherheit und Zugehörigkeit gibt. Diese Welt bietet einen Ausweg aus dem Alleinsein und er ist dabei nicht mehr abhängig von anderen, die so anders sind als er.

Fazit

Peter Schmidt erfährt mit 41 Jahren, dass er hochfunktionaler Asperger Autist ist. Es ist ungewöhnlich, dass er mit dieser Diagnose auf allen Ebenen des Lebens (Familie, Beruf und Freizeit) nachhaltige Erfolge erzielt hat. Er hat Probleme mit dem Entschlüsseln von unterschwelligen nonverbalen Signalen erlebt, quasi eine soziale Blindheit, die ihn wie eine gläserne Mauer von dem Umfeld trennt. (S. 231).

Menschen sind soziale Wesen und sie versuchen sich an das Leben und altersgemäße Erfordernisse anzupassen. Viele Menschen aus dem autistischen Spektrum scheitern an fremden und eigenen Erwartungen und geraten in Sackgassen. Peter Schmidt hat Wege gefunden. Zurzeit betätigt er sich neben Beruf und Familie als Autor. Dadurch tritt er mit der Umwelt in Kontakt und überwindet die „gläserne Mauer“, die er oft spürte. Das Schreiben von Büchern scheint ihm einen Rahmen zu geben, in dem er von seinen Erlebnissen berichten und sein Wissen teilen kann, ohne soziale Interaktionen und Kommunikation direkt gestalten zu müssen, Aufgaben, die vielen Menschen aus dem autistischen Spektrum eine hohe Anforderung stellen.

Seine Bücher leisten einen Beitrag dazu, dass die Öffentlichkeit mehr über das Leben unter der Bedingung von Autismus erfährt. Wer mehr weiß kann besser verstehen. Leider ist über das Thema Autismus immer noch viel zu wenig bekannt und es ist sehr zu begrüßen, dass es Menschen wie Peter Schmidt gibt, die erlauben, einen Blick „hinter die Kulissen“ zu werfen. Peter Schmidt schreibt mit großer Authentizität und Ehrlichkeit, Kompetenzen, die Menschen mit Autismus unzweifelhaft haben.

Seine Veröffentlichungen haben aber nicht nur autobiografischen Wert. Es gelingt Peter Schmidt in einer äußerst beeindruckenden Art (in der Wahl seiner Worte und durch seinen Erzählstil), den Leser in die Kultur des Autismus einzuführen. Das erste Mal habe ich diesen Begriff in einem Vortrag von Prof. Gary Mesibov gehört, der Leiter der Division TEACCH an der Universität in North Carolina war, an der der TEACCH Ansatz entwickelt wurde. Die Verwendung des Begriffes „Kultur“ macht deutlich, dass Autismus weder ein Defizit noch eine Abweichung von einer festgelegten Norm ist, sondern eine menschliche Ausdrucksweise, die in unserer vielfältigen kulturellen Welt anerkannt und respektiert werden muss.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 06.01.2014 zu: Peter Schmidt: Der Junge vom Saturn. Wie ein autistisches Kind die Welt sieht. Patmos Verlag (Ostfildern) 2013. ISBN 978-3-8436-0390-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15378.php, Datum des Zugriffs 20.07.2017.


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