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Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 21.08.2013

Cover Gian Domenico Borasio: Über das Sterben ISBN 978-3-406-61708-9

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben. Was wir wissen, was wir tun können, wie wir uns darauf einstellen. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 10., aktualisierte und ergänzte Auflage. 208 Seiten. ISBN 978-3-406-61708-9. 17,95 EUR.

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Endlichkeit

Die Metapher klingt natürlich wie bedrohlich zugleich. Der Mensch, wie alle Lebewesen auf der Erde, sind endlich. Die Suche und Sehnsucht der Menschen, Unendlichkeit zu erringen, lässt sich in der Geschichte der Menschheit wie ein Lebensfaden verfolgen. Philosophische, religiöse, realistische und ideologische Anstrengungen, ein „ewiges Leben“ zu erreichen, enden mit dem Tod. Herrscher und Mächtige in der Welt haben Unsterblichkeit angestrebt und Pyramiden, Denkmäler und Grabstätten bauen lassen, um ein „ewiges Leben“ herbei zu machten (Cornelia Hermanns, Des Kaisers tönerne Krieger. Qin Shi Huangdi und die Suche nach dem ewigen Leben, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15164.php). Obwohl jeder Mensch weiß, dass er einmal stirbt, ob als Folge eines Unfalls, einer Krankheit oder im Alter, wenn die Lebenswärme und -energie verbraucht ist, wie dies der griechische Philosoph Aristoteles genannt hat, wird die Tatsache des Todes oft verdrängt und tabuisiert: Wenn es nicht notwendig ist, denkt man nicht daran und ignoriert die Wirklichkeit der Endlichkeit des Menschseins.

Der Erziehungswissenschaftler, Kinder- und Jugendpsychologe, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie an der Universität Hannover und erfolgreicher Sachbuchautor Wolfgang Bergmann, geboren 1944, erfährt im Frühjahr 2011, dass er unheilbar an Knochenkrebs erkrankt ist. Als „Mann der Schrift“, dessen „Geschriebenes immer klüger war als ich“, wie er angesichts des nahen, unabwendbaren Todes bekennt, schreibt er sich seine Ängste, seine Wut und sein Nichtbegreifen der Tatsache von der Seele. „Der Tod ist das Böse, das kein Innen und Außen hat“ (Wolfgang Bergmann, Sterben lernen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12581.php). Es ist Verzweiflung, die ein Sterbender empfindet, wenn er den Tod herannahen sieht und dies (noch) wahrnehmen kann. Es ist aber auch das Bemühen, Unabwendbares zu verstehen, und zwar: So lange man lebt! Der Tod, wie die Geburt, gehören zum Leben, das ist eine philosophische und existentielle Erkenntnis, die es zu lernen und zu akzeptieren gilt; und zwar nicht in erster Linie dadurch, dass man begreift, dass jeder Mensch sterblich ist und dies als unabwendbares Schicksal eben hinnimmt, sondern als positiven Zugang zum Leben annimmt. Dies aber ist nur möglich durch eine aktive Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Lebensende. Der kontroverse Diskurs um Sterbehilfe darüber, ob es human ist, unter Leiden auf den Tod zu warten, oder zum Sterben zu verhelfen, wird bestimmt von den historischen, kulturellen und religiösen Vorstellungen vom Leben und Tod und vom Wandel der Begrifflichkeiten zur Benennung des Prozesses vom Leben zum Sterben. Während mit „Euthanasia“ über Jahrhunderte hinweg ein guter, sanfter Tod bezeichnet wurde, änderte sich mit „Euthanasie“ die Benennung als „Sterbehilfe“, „Tötung auf Verlangen“, „Gnadentod“, bis beim Nationalsozialismus hin zur Ermordung von Unheilbaren, Geisteskranken und Behinderten. Der unsichere und umstrittene Umgang mit den Begriffen, wie etwa „aktive -“, „passive -“ oder „indirekte Sterbehilfe“, macht im übrigen auch deutlich, dass es einer gesellschaftlichen, enttabuisierten und humanen Auseinandersetzung über medizinische Sterbebegleitung bedarf, die sich in der Palliativmedizin etabliert hat. Damit dabei nicht Ideologien oder gar Rassismen ins Spiel kommen, bedarf es einer historischen Nachschau, wie sich die palliativmedizinische Situation über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat und praktiziert wurde (Michael Stolberg; Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute; 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10258.php).

Autor

Der Münchner Palliativmediziner, bis 2011 als Lehrstuhlinhaber an der Universität München und derzeit an der Universität Lausanne und als Leiter des Dienstes Palliativpflege am Universitätsspital Lausanne tätig, Gian Domenico Borasio, hat in der ersten Auflage 2011 ein Buch veröffentlicht, das in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit eine große Aufmerksamkeit gefunden hat und 2012 als „Wissensbuch des Jahres“ ausgezeichnet wurde: „Über das Sterben“. Der Autor will „den Menschen die Angst vor dem Sterben, vor allem die Angst vor einem qualvollen Sterben ein Stück weit ( ) nehmen“, und es damit ihnen ermöglichen, nicht sterben zu lassen, sondern die Kontrolle über ihr eigenes Denken und Handeln, Wollen und Sollen, Hoffen und Erleben selbst zu übernehmen. Dass dies nicht nur eine individuelle Herausforderung ist, sondern auch abhängt von den privaten und staatlichen Gesundheitssystemen, Organisationsformen und gesellschaftlichen Werte- und Normensetzungen, zeigt der Autor auch damit auf, dass er sich seit Jahren dafür einsetzt, Patientenverfügungen und palliative Praxis auf eine Rechtsgrundlage zu stellen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird in elf Kapitel gegliedert, bei dem die jeweilige Überschrift auch bereits das Diskussions-, Reflexions- und Informationsprogramm verdeutlicht:

  1. „Was wissen wir über das Sterben? –
  2. „Das Lebensende: Wunsch und Wirklichkeit“ –
  3. „Strukturen der Sterbebegleitung“ –
  4. „Was brauchen die Menschen am Lebensende?“ –
  5. „Mediation und schwere Krankheit“ –
  6. „Verhungern oder verdursten? Ernährung und Flüssigkeit am Lebensende und bei Patienten mit Demenz oder Wachkoma“ –
  7. „Die häufigsten Probleme am Lebensende (und wie man sich davor schützt)“ –
  8. „Vorsorge für das Lebensende: Versorgungsvollmacht und Patientenverfügung“ –
  9. „Was heißt hier Sterbehilfe? Medizin am Lebensende zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge“ –
  10. „Palliativmedizin und Hospizarbeit: Mythos und Realität“ –
  11. „Leben im Angesicht des Todes: Das Geschenk der Palliativmedizin“.

Information, Reflexion, Argumentation und Mediation über Theorie und Praxis des Sterbens müssen wegkommen von einer Tabuisierung der menschlichen Thematik und hinführen zu einer empathischen Herausforderung, den Tod der Menschen als einen natürlichen Prozess des Lebens zu begreifen. In der „Versorgungspyramide am Lebensende in Deutschland“ zeigt der Autor auf, welche Formen der ambulanten und stationären Handhabung bei der Sterbebegleitung bedeutsam sind: Da ist zuallererst die Bedeutung der niedergelassenen Haus- und Fachärzte zu nennen, die in der so genannten „Allgemeinen Ambulanten Palliativversorgung“ eine zentrale Rolle spielen. Dann sind es die Hospizdienste und SAPV-Teams („Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung“), denen wichtige Aufgaben zufallen. Im stationären Bereich übernehmen „Palliativmedizinische Konsiliardienste“ weitere Aufgaben, gefolgt von den „Stationären Hospizen“, und schließlich den Palliativstationen.

Aufklärung über Lebens- und Sterbeprozesse muss sich nicht nur an jeden Lebenden und irgendwann auch Sterbenden richten, auch im Rahmen des schulischen und Erwachsenenlernens, sondern in speziellem Maße auch an Medizinstudierende während ihrer Ausbildung und an Ärzte in ihren Fortbildungsverpflichtungen. Damit einher gehen die Entwicklungen, wie sie sich im medizinischen Bereich durch lebensverlängernde Maßnahmen, richtig und verantwortungsvoll angewandte Schmerztherapien, bis hin zur palliativen Sedierung in der Sterbephase darstellen.

Richtig angewandte Kommunikation über das Sterben ist sicherlich ad hoc nicht in Lehrbüchern und „Gebrauchsanweisungen“ allein zu erwerben. Dabei wird deutlich, dass der Mensch als sprachbegabtes, empathisches und kommunikatives Lebewesen das Reden über den Tod im Leben lernen muss. Im Spruch – „Wer sich keine Zeit für seine Freunde nimmt, dem nimmt die Zeit die Freunde“ – steckt ja eine Weisheit und Aufforderung zugleich: In der Familie und im Freundeskreis muss über den Tod geredet werden, und zwar möglichst schonend und gleichzeitig offen, also empathisch. Die Absicht und der Wille, ein „gutes, gelingendes Leben“ zu führen, wie dies bereits Aristoteles angemahnt hat, bietet auch die Chance, Sterben als einen Teil dieses Lebens zu verstehen. Da sind wir nicht zuletzt tatsächlich bei der Frage angelangt, was ein gutes Leben ist (Harald Weinrich, Über das Haben, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14000.php).

Fazit

„Im Angesicht des Todes erkennen die Menschen, worauf es wirklich ankommt“ – diese Erfahrungen, die nicht nur Palliativmediziner machen, wären es wert, ins Leben zu transportieren. Die Entwicklung des Fachgebiets Palliativmedizin hat im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Menschen zu einem Paradigmenwechsel geführt, „von einer organzentrierten, technokratischen zu einer menschenorientierten, ganzheitlichen Medizin, die auch den psychosozialen und spirituellen Bereich aktiv in die Betreuung einbaut“. Von den irrealen und inhumanen Hoffnungen auf ein ewiges Leben weg- und hinzukommen zur Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben und Lebensende, dafür liefert Borasio eine Fülle von Informationen und Lebens- und Sterbensbeispiele, die es ermöglichen können, den Tod als positiven Bestandteil des menschlichen Lebens zu betrachten. Notwendig ist ganz sicher das Arbeiten daran, Vertrauen als eine der wichtigsten Grundlagen des menschlichen Lebens auf der Erde zu erkennen (Markus Weingardt, Hrsg., Vertrauen in der Krise. Zugänge verschiedener Wissenschaften, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14664.php). Die deutsch-jüdische Lyrikerin Masha Kaléko (1907 – 1975) nimmt in einem ihrer Gedichte über das Leben und Sterben den Gedanken auf, dem es gilt, im Nachdenken und die Kommunikation über den Tod sich bewusst zu werden und über „La?Chaim“ – aufs Leben – zu reflektieren: „Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, / Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. / Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.08.2013 zu: Gian Domenico Borasio: Über das Sterben. Was wir wissen, was wir tun können, wie wir uns darauf einstellen. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 10., aktualisierte und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-406-61708-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15395.php, Datum des Zugriffs 21.05.2024.


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