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Carsten Rensinghoff: Behinderungserfahrungen Behinderter

Cover Carsten Rensinghoff: Behinderungserfahrungen Behinderter. Ein Lehrbuch. united p.c. (Berlin) 2013. 192 Seiten. ISBN 978-3-7103-0052-3. D: 18,40 EUR, A: 18,90 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Ab dem 26. März 2009 ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in der Bundesrepublik eine verbindliche Vereinbarung für Staat und Gesellschaft. Seitdem sind sicherlich – und zunehmend deutlicher – positive Entwicklungen hinsichtlich eines Paradigmenwechsels im Bereich der inklusiven, selbstbestimmen Betreuung, Begleitung und Unterstützung der Menschen mit Behinderung erkennbar. In vielen Lebensbereichen – wie z.B. im schulischen Kontext oder im Hinblick auf die berufliche Rehabilitation – bestehen unverändert große Hindernisse, die den Betroffenen einen gleichberechtigten Zugang zu gesellschaftlichen Strukturen und Systemen erschweren. Auch wenn „Bewegungen in die richtige Richtung“ erkennbar sind – eine wirklich inklusive Gesellschaft ist die Bundesrepublik Deutschland sicher noch nicht.

Losgelöst von der akademischen Diskussion möchte Carsten Rensinghoff mit dem vorliegenden Fachbuch einen exemplarischen Einblick in die Lebenswelten behinderter Menschen geben; über die Darstellung subjektiver Erfahrungen – so informiert der Klappentext - möchte der Autor einen Anstoß für eine objektive Forschung über Behinderung und Inklusion zu geben.

Autor

Dr. Carsten Rensinghoff studierte an der Universität zu Köln Lehramt für Sonderpädagogik und promovierte 1994 zum Dr. phil. an der Universität Bremen. Er kann auf unterschiedliche berufliche Erfahrungen im Bereich der Arbeit mit Menschen mit Behinderung zurückgreifen; neben vielfältigen Lehrtätigkeiten betreibt der Verfasser ein eigenes Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigungen und publiziert auf vielfältige, vielschichtige Art und Weise zu aktuellen Fragestellungen von Menschen mit Behinderung und deren Inklusion in die Gesellschaft.

Herr Rensinghoff erlitt im Alter von 12 Jahren nach einem Verkehrsunfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma; er ist somit ganz unmittelbar von den Barrieren betroffen, die sich den Menschen mit Behinderung im Alltag unverändert in den Weg stellen; allein dadurch wird er zu einem Experten für die von ihm thematisierten Fragestellungen.

Entstehungshintergrund

Carsten Rensinghoff versteht – so die einleitenden Gedanken des Autors – das hier besprochene Buch „Behinderungserfahrungen Behinderter“ als Fortsetzung seiner Publikationen:

Der Autor bezeichnet das kleine, angenehm zu lesende und gut nachvollziehbare Buch selbst als Lehrbuch, welches das Thema Behinderung buchstäblich an den Wurzeln packen will; in Verbindung mit den o.g. Veröffentlichungen soll vor allen Dingen das Behindernde für die Menschen mit Behinderung aufgezeigt werden.

Aufbau und Inhalt

In den „Behinderungserfahrungen Behinderter“ sind die knapp 200 Seiten in 17 Kapitel (inkl. Einleitung und Epilog) unterteilt. Bereits die Überschriften des Inhaltsverzeichnisses zeigen den besonderen, individuellen Zugang des Autors zu den folgenden Themenstellungen und (persönlichen) Erlebnissen. Die einzelnen Kapitel sind mit Zitaten aus der Bibel („Rufe mich in der Not, so will ich dich retten“ – PS 50,15) überschrieben; es finden sich Textpassagen bekannter Pink Floyd – Songs („We Don‘t Need No Education“); Klassiker der Neuen Deutschen Welle (Extrabreit – „Hurra, hurra, die Schule brennt“) oder auch Deutscher Schlager (Roy Black – „Es gibt drei Stufen in den Himmel“). Diese Form der Gliederung und die Wahl der Überschriften sind in jedem Fall schon einmal „überraschend“ für ein Fachbuch.

Der Verfasser erläutert einleitend seine Konzeption für das folgende Fachbuch und verdeutlicht – durchaus nachvollziehbar – wie wichtig die autobiographische Sichtweise eines Experten in eigener Sache für den fachlichen Diskurs von Inklusion und Behinderung ist. Im Folgenden entwirft der Autor – überwiegend – kurzweilige, autobiographische, ironische (wenn nicht sogar leicht sarkastische) Erzählungen alltäglicher Lebensereignisse.

So erfährt der Leser – beispielsweise – von einem evangelischen Notfallseelsorger, der dem Autor die Befähigung für dieser Beratungsarbeit abspricht, weil dieser mit seiner Behinderung wohl andere Stärken haben müsse, als gerade eine ausgewiesene Beratungskompetenz. Es wird z.B. aufgezeigt, wie schwierig es doch unverändert sein kann, als Mensch mit Handicap von Köln nach Österreich (und wieder zurück) zu reisen. Carsten Rensinghoff skizziert Episoden einer offensichtlich von Beginn an zum Scheitern verurteilten Bewerbung um eine Führungsposition in einem Sozialen Unternehmen und schildert das zwangsläufige Scheitern an den acht Treppenstufen zum Kundencenter seiner Stadtwerke usw.

Einen besonderen thematischen Schwerpunkt des Buches – und hier werden dann einmal mehr Zitate aus Pink Floyds epochalem Werk „The Wall“ bemüht – bildet das Themenspektrum der „Inklusiven Schule“; hier kann der Verfasser einen besonderen Beitrag zur Diskussion liefern, da er aufgrund der durch seinen Unfall erworbenen Behinderung – beide Perspektiven des Schulsystems persönlich kennengelernt hat – also die so genannte „Regel-Schule“ und die „Sonderschulperspektive“. Bemerkenswert und in diesem Kontext auch ein bisschen „entlarvend“ sind die hier zitierten Aussagen politisch verantwortlicher Personen.

Diskussion

Carsten Rensinghoff möchte mit dem vorliegenden Lehrbuch einen Beitrag leisten, um die Förderung der Inklusionsidee voran zu bringen; er nimmt sich selbst – und die ihm im Weg stehenden großen und kleinen Barrieren des Alltags – zum Anlass, auf Rahmenbedingungen zu verweisen, die es zu verbessern gilt; dass der Verfasser – trotz mancher wahrlich negativer, verstörender und schweißtreibender Erfahrungen seinen Humor nicht verliert ist erfreulich; dass er die Idee der Inklusion ungerührt für möglich hält, kommt – wenn auch manchmal eher „zwischen den Zeilen“ aber dennoch deutlich – zum Tragen; dass er der Gesellschaft (oder einzelnen Vertretern) der Gesellschaft „den Spiegel vorhält“ und auf „Fehler im System“ hinweist, regt – hoffentlich – zum Nachdenken an; auch darüber, was man/frau selbst im Alltag noch verändern kann und muss.

Am Ende bleibt noch eine kleine Ambivalenz zu thematisieren, die den Rezensenten dieses Buches vom Beginn der Lektüre beschäftigt hat: Etwas verwirrend erscheint der Untertitel: „Ein Lehrbuch“. Letztlich ist das hier besprochene Buch doch eher ein Lesebuch – aus dem man/frau aber vielfältige Lehren ziehen kann (und muss).

Fazit

Das vorliegende kleine Buch von Carsten Rensinghoff bietet eine insgesamt lohnende Lektüre und liefert – wie vom Autor selbst angekündigt – einen vielfach erstaunlichen Einblick in die Lebenswelten von Menschen mit Behinderung. Viele der wiedergegebenen Themen, Geschichten und Anekdoten erscheinen aus „akademischer“ Perspektive „unglaublich“; so manches Mal mag sich der Leser - der sich in der Lehre oder der beruflichen Praxis mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung beschäftigt – erstaunt fragen, ob es das Gelesene wirklich noch in dieser Form geben kann.

Carsten Rensinghoff zeigt mit seinen Texten somit auch auf, dass es noch ein langer Weg ist, bis hin zu einer wahrlich inklusiven Gesellschaft.


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 18.12.2013 zu: Carsten Rensinghoff: Behinderungserfahrungen Behinderter. Ein Lehrbuch. united p.c. (Berlin) 2013. ISBN 978-3-7103-0052-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15399.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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