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Katajun Amirpur: Den Islam neu denken

Cover Katajun Amirpur: Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. Verlag C.H. Beck (München) 2013. 255 Seiten. ISBN 978-3-406-64445-0. 14,95 EUR.

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Islamic Newthinking

Ist der Islam für den Westen die „andere Kultur“, bedrohlich, exotisch und unverständlich? Wie wäre es, wenn es gelänge, die Entwicklung der eigenen kulturellen Identität einer kritischen Reflexion zu unterziehen und die ethnozentrierte Blickrichtung umzulenken und in den Spiegel zu schauen; nicht, um die „eigene Fratze“ zu entdecken, sondern das (vermeintlich und tatsächliche) Fremde nicht als Bedrohung der eigenen Identität wahrzunehmen, sondern als das Eigene aufzudecken? (Iman Attia, Die >westliche Kultur< und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8037.php). Dabei könnte hilfreich sein, Religionskritik als Weltanschauungskritik, Ideologie- und Gesellschaftskritik aufzufassen (Maxi Berger / Tobias Reichardt / Michael Städtler, Hrsg., „Der Geist geistloser Zustände“. Religionskritik und Gesellschaftstheorie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13711.php). Gegen die fundamentalistischen Auffassungen, dass der Islam (das gleiche kann man für das Christentum und alle anderen monotheistischen Religionsgemeinschaften anführen) und damit die Offenbarungstexte einer Interpretation und zeitgemäßen Auslegung nicht bedürften, weil sie vollkommen seien, wird in zunehmendem Maße durch reformorientierte muslimische Intellektuelle argumentiert (z. B.: Kai Hafez, Heiliger Krieg und Demokratie. Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8667.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Im orientalisch-oxidentalischem Verhältnis und Auseinandersetzungen haben immer Begriffsdeutungen Mauern errichtet und Brücken gebaut. Der Begriff des „Dschihad“ wurde, nicht zuletzt durch fundamentalistische, kriegerische und unversöhnliche Höherwertigkeitsvorstellungen, für Nichtmuslime zu einem Kampfbegriff, der die Richtung „Gegen“ signalisiert. Die Reformdenker im Islam benutzen den Begriff jedoch als das Bemühen, sich auf den aktiven Weg zu Gott zu machen. Die Islamwissenschaftlerin von der Universität Hamburg, Katajun Amirpur gehört zum (wachsenden) Kreis von Theologinnen und Theologen, die den Islam neu lesen und praktizieren wollen. Mit ihrem Buch „Den Islam neu denken“ unternimmt sie deshalb den Versuch, historisch, weltanschaulich und interpretativ neue Ansätze einer muslimischen Theologie zu entwickeln. Sie stützt sich dabei auf die in den klassischen Koranauslegungen benutzte Formel: „Wa allahu a?lam“, was bedeutet: Gott ist Wissender.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihr Buch in acht Kapitel und schließt es mit der Frage nach der Zukunft des Islams ab.

Im ersten Kapitel begibt sie sich „Auf dem Weg in die Moderne“, indem sie die Tradition des Reformislams aufzeigt und sich mit der historischen Entwicklung und Argumentation von „Säkularismus und Islamismus“ auseinandersetzt (vgl. dazu auch: Silvia Henke, Nika Spalinger, Isabel Zürcher (Hrsg.): Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14104.php).

Im zweiten Kapitel informiert sie über „Islamische Reformer heute“, etwa über die Auseinandersetzungen und Formierungen, wie sie sich im „Post-Islamismus“ darstellen, wie sie im „Islamischen Feminismus“ diskutiert werden. Sie macht damit deutlich, dass die Kritiker und Reformer zum traditionellen, fundamentalistischen Islamismus „zu Hauf“ existieren. Sie trägt dazu bei, dass die im interreligiösen Diskurs bisher kaum aufgenommenen Denkprozesse eine Aufmerksamkeit finden.

Im dritten bis achten Kapitel geht die Autorin auf Reformer mit ihren Schriften und Ideen zur Reformierung des Islam ein: (3) den ägyptischen Literatur- und Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid (1943 – 2010), dessen gesellschaftliches und politisches Leben exemplarisch für Reformbewegte und Kritiker von erkannten Fehlentwicklungen sein dürfte, das die Autorin mit der Frage einleitet: „Wer ist hier der Ketzer?“; (4) den pakistanischen Philosophen Fazlur Rahman (1919 – 1988), der den Koran als ethischen Leitfaden darstellte und dessen Leben und Wirken die Autorin als den Kreislauf „Vom Koran zum Leben und wieder zum Koran“ beschreibt; (5), die 1952 als Mary Teasley im US-amerikanischen Maryland geborene und als Islamwissenschaftlerin an der Virginia Commonwealth University in Richmond lehrende Amina Wadud, die als überzeugte Muslimin gegen den Jahrzehnte langen Widerspruch der (männlichen) Islamvertreter die Gender-Thematik in den Korandiskurs brachte; (6) die 1950 in Pakistan geborene, am Ithaca College in New York.lehrende Politik- und Islamwissenschaftlerin Asma Barlas, die mit ihrer Auffassung, dass der Koran grundsätzlich antipatriarchal zu lesen sei und die Katajun Amirpur mit dem Widerspruch vorstellt: „Als wären nur Männer objektiv“; (7) der 1945 in Teheran geborene, derzeit als Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin tätige Abdolkarim Soroush gilt heute weltweit als einer der bedeutenden muslimischen Intellektuellen, dessen Leben und Denken für die Fähigkeit und die Chance spricht, die „Wandelbarkeit der religiösen Erkenntnis“ als Chance für Interkulturalität und Interreligiosität zu begreifen. Er setzt sich gegen die Ideologisierung der Religion ein und plädiert dafür, den Koran sowohl göttlich als auch menschlich auszulegen; der 1936 in Persien geborene Philosoph Mohammad Mojtahed Shabestari war ursprünglich ein Anhänger der iranischen Revolution durch Ayatollah Khomeini. Er lehrte an der Teheraner Universität und war von 1970 – 1978 als Direktor des Shiite Islamic Center in der Imam Ali Moschee in Hamburg tätig. Mit seinen Schriften tritt er dafür ein, den Menschen in der modernen Welt Gott nahe zu bringen; und zwar nicht durch Ge- und Verbote. Er ist überzeugt: „Die Basis allen Glaubens sind Gedankenfreiheit und der freie Wille des Menschen“.

Fazit

Die Erzählungen und Auseinandersetzungen mit Vertreterinnen und Vertretern des Reformislams öffnen für Muslime und Nichtmuslime den Blick für freiheitliche, demokratische Entwicklungen, die Religiosität nicht als Zwang und Unterordnung unter von den Glaubensgemeinschaften gemachten Gesetze und Denkverbote betrachten, sondern als Denk-Herausforderung, dass göttliche Offenbarungen für die lebenden Menschen und ihr existentielles und kulturelles Dasein gemacht sind: „Für uns Muslime ist das heute eine existentielle Frage, da viele Aussagen des Korans nicht mit dem übereinstimmen, was wir für uns als Werte akzeptieren – zumindest dann, wenn sie uninterpretiert bleiben“.

Dass Reformdenker vor allem, aber nicht nur von Ländern und Kulturen aus argumentieren, in denen der Islam nicht die Mehrheitsreligion darstellt, mag historisch, philosophisch, politisch oder auch anthropologisch erklärt werden; dass aber Impulse wie die von Katajun Amirpur von Deutschland ausgehen, als einen „Denkraum, der Freiheiten und Bedingungen garantiert, die muslimische Denker anderswo nicht vorfinden“, wie dies Nasr Hamid Abu Zaid 2001 ausdrückte, darf uns stolz machen und gleichzeitig verpflichten, den interkulturellen und interreligiösen Dialog zwischen den Kulturen und Religionen zu beachten, zu fördern und zu praktizieren (vgl. dazu auch: www.initiativen-partnerschaft.de).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.08.2013 zu: Katajun Amirpur: Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. Verlag C.H. Beck (München) 2013. ISBN 978-3-406-64445-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15400.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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