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Tilman Jens: Der Sündenfall des Rechtsstaats

Cover Tilman Jens: Der Sündenfall des Rechtsstaats. Eine Streitschrift zum neuen Religionskampf ; aus gegebenem Anlass. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2013. 127 Seiten. ISBN 978-3-579-06632-5. 14,99 EUR.
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Religionskritik ist Kirchenkritik ist Glaubenskritik ist Ideologiekritik ist Institutionenkritik ist Systemkritik ist Gesellschaftskritik. Von der Rückkehr des Religiösen wird allenthalben gesprochen, aber auch gekontert, dass es der Rückkehr gar nicht bedürfe, weil Religion nie weg gewesen sei. Nun, die Frage, ob es Gott gibt, oder ob dies eine Erfindung der Menschen sei, wird in der alltäglichen wie philosophischen Auseinandersetzung gestellt, seit es wohl Menschen gibt. Der anthrôpos, der Mensch, so stellt Aristoteles fest, ist ein vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen, weil nur der Mensch „Anteil am unvergänglichen und göttlichen Geist“ habe (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 47). Die (monotheistischen) Religionsgemeinschaften haben immer versucht, den Gottes- und damit den Religionsanspruch als ihre eigene, unabdingbare und nicht in Frage stellende Wahrheit zu postulieren. Es hat immer schon Denker gegeben, die gegen solche „Unumstößlichkeiten“ angegangen sind. Dem „Credo ergo sum“ – Ich glaube, also bin ich“ – wird das „Ego cogito, ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ – eines René Descartes entgegen gesetzt. Der bekannte Psychologe, Psychoanalytiker und Atheist C. G. Jung hat dies mit seinem „Ich glaube nicht, ich weiß“ ausgedrückt. Die Kritik an der Gottgläubigkeit ist immer auch eine Kritik an den weltlichen Agenten dieser Ideologie, den Religionsgemeinschaften und an den staatlichen Steigbügelhaltern. Systemimmanent, als Kritik der ideologischen und institutionellen Verfasstheit der organisierten Gottgläubigen, wird nicht grundsätzlich die Existenz eines Gottes oder von Göttern in Frage gestellt, wie etwa, wenn der Schriftsteller Hugo Ernst Käufer schreibt: „Er trat aus der Kirche aus und wurde Christ“; oder wenn die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort formuliert: „Es sind nicht die Gottlosen, es sind die Frommen seiner Zeit gewesen, die Christus ans Kreuz schlugen“. Oder auch, wenn in der Schah?da,, dem Glaubensbekenntnis des Islams, apodiktisch festgestellt wird: Es gibt keinen Gott außer Gott. Es wird noch viel komplizierter und verworrener, wenn wir die neueren Erkenntnisse aus der Gehirnforschung betrachten; etwa, wenn es um das Ich, um die eigene Persönlichkeit geht, die von Spiegelneuronen im Gehirn gesteuert werden und ein „Selbstmodell“ bilden, das signalisiert: „Ich nehme die Welt aus der Mitte meines Körpers wahr“. Was hat da ein Gott zu suchen? (vgl. dazu auch: Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2007, Berliner Literaturkritik vom 14. 12. 2007). Rede und Gegenrede, Gedachtes und Verdächtigungen bestimmen die Auseinandersetzungen um Glauben und Unglauben (Maxi Berger / Tobias Reichardt / Michael Städtler, Hrsg., „Der Geist geistloser Zustände“. Religionskritik und Gesellschaftstheorie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13711.php). Religiöse Artikulation darf sich nicht beschränken auf „Basta, ich glaube!“; vielmehr geht es darum, die vernunftgemäße und intellektuelle Redlichkeit zu Wort kommen zu lassen (Gerald Hartung / Magnus Schlette, Hrsg., Religiosität und intellektuelle Redlichkeit, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/14680.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die unumstößlichen, nicht veränder- und relativierbaren, humanen Grundsätze menschlichen Daseins, die in der Würde des Menschen zum Ausdruck kommen und in den Menschenrechten auf Freiheit, körperliche Unversehrtheit und Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit festgelegt sind, bedürfen vor allem in den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt einer besonderen Aufmerksamkeit. Im fundamentalistischen und undemokratischen Denken und Handeln haben Verweigerung und Behinderung von Menschenrechten Konjunktur. Im Namen der Religion, der Ideologie oder der Tradition steht die Beschneidung von Menschenrechten (im wahrsten wie im übertragenen Sinne des Wortes) ganz obenan. Da geht es um die weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM), die als Menschenrechtsverletzung angeklagt wird (Terre des Femmes, Hg., Schnitt in die Seele. Weibliche Genitalverstümmelung – Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung, Frankfurt/M., 2003, 329 S.); um den Protestschrei „Ich will, dass es aufhört – sofort!“ (Waris Dirie, Schmerzenskinder. Hörbuch, gelesen von Leslie Malton. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2006, 3 CD, mit Booklet), und um Handlungsanweisungen, wie den Menschenrechtsverletzungen auch hier in unserer Gesellschaft begegnet werden kann (Antje-Christin Büchner, Weibliche Genitalverstümmelung. Betrachtungen eines traditionellen Brauchs aus Menschenrechtsperspektive – Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit in Deutschland, Oldenburg 2004, 144 S.; sowie: Susanne Koch, Best Practice in der FGM-Prävention. Ein Praxishandbuch für schweizerische Gesundheitsinstitutionen zur Prävention von weiblicher Genitalbeschneidung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14771.php).

Der Frankfurter Journalist und Schriftsteller Tilman Jens meldet sich mit einer Streitschrift zu Wort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt! Er thematisiert nicht die skandalösen und weiterhin praktizierten Menschenrechtsverletzungen an Mädchen und Frauen in Afrika, Asien und in den muslimischen Ländern, sondern zeigt mit dem Finger auf einen Skandal mitten unter uns, in unserem demokratischen Rechtsstaat: Es ist die Gewichtsverschiebung zwischen säkularer staatlicher und weltanschaulicher, religiöser Macht. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages beschlossen am 12. Dezember 2012 mit Mehrheit eine Ergänzung des Paragraphen 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches mit folgendem Wortlaut:

  1. Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Die gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.
  2. In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgemeinschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet sind und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt werden.

Die gestelzte Rechtsformulierung bedeutet nichts anderes, als dass es Erziehungsberechtigten und Religionsgemeinschaften erlaubt ist, das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit zu ignorieren. Damit, so Tilman Jens, haben die jüdischen und muslimischen Theologen und Rechtsgelehrten einen „Krieg gegen den Rechtsstaat“ angezettelt. Die Beschneidung, wie auch die von der Katholischen Bischofskonferenz abgenickte, freilich nur auf eine Vergewaltigungstat eingeschränkte postkoitale Empfängnisverhütung, bleiben weiterhin fragwürdige Identitätsmerkmale von Weltanschauungen, die zudem rechtsstaatliche Grundsätze ignorieren: „Wo Kirche beginnt, scheint das Recht nicht selten am Ende“, stellt der Autor aufgebracht wie resignierend fest. Denn die Macht der Oberen, Ideologen und Glaubenswächter der Religionsgemeinschaften ist stark und einflussreich auf politische und gesellschaftliche Entscheidungen. Totschlagargumente, wie „Blasphemie!“, die Wort-Schwerter und gezielten Schläge unter die Gürtellinie gegen jene, die gegen das zunehmende Ungleichgewicht im Verhältnis von Staat und Kirche angehen, wirken vernichtend: „Anmaßend ist, wer eine lange blutige Tradition des Glaubens auf den Prüfstand der Rechtsstaatlichkeit stellt“. Und in Sachen männlicher Genitalbeschneidung verstehen die jüdischen und muslimischen Glaubensvertreter keinen Spaß. Sie lassen darüber nicht mit sich reden, weil diese Menschenrechtsverletzung eben zur Religions- und Glaubensidentität gehört. Da kommen schnell Vorwürfe wie „Antisemitismus“, „antizionistische Verschwörung“ und „Islamfeindlichkeit“ aufs Tablett. Und der Kritiker wird als „Nestbeschmutzer“ oder „unverbesserlicher Kritikaster“ denunziert.

Fazit

Der Anklage „Sündenfall des Rechtsstaats“ haftet ja interessanterweise eine religiöse Wortwahl an. Das sollte deutlich machen, dass es bei der Streitschrift von Tilman Jens nicht darum geht, religiöses Denken und Handeln zu leugnen oder gar zu verbieten; vielmehr will er auf das aus dem Lot geratene Verhältnis von Staat und Kirche aufmerksam machen und dies am Beispiel der Knabenbeschneidung verdeutlichen (vgl. dazu auch: Jocelyn Maclure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12786.php). „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, diese aufklärerische Aufforderung könnte ein Mittel sein gegen ideologische Einflüsse und unsinnige religiöse Gebote!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.09.2013 zu: Tilman Jens: Der Sündenfall des Rechtsstaats. Eine Streitschrift zum neuen Religionskampf ; aus gegebenem Anlass. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2013. ISBN 978-3-579-06632-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15401.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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