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Bernd Kammerer (Hrsg.): Die Jugendarbeit und ihre Räume

Cover Bernd Kammerer (Hrsg.): Die Jugendarbeit und ihre Räume. emwe-Verlag (Nürnberg) 2013. 290 Seiten. ISBN 978-3-932376-68-9. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Die Begriffe „Raum“, „sozialer Raum“ oder „Sozialraum“ haben als hintergründige (konzeptionelle) Kategorien in die Soziale Arbeit insgesamt, in die Kinder- und Jugendhilfe im Besonderen und in die Kinder- und Jugendarbeit im Speziellen Eingang gefunden und dienen dort mittlerweile als zentrale Begründungen für Formen, Inhalte, Leistungen und Arbeitsmodelle: Im Vorwort des vorliegenden Bandes schreibt dessen Herausgeber, Bernd Kammerer, damit folgerichtig, vor allem die Offene Kinder- und Jugendarbeit sei konzeptionell auf Sozialräume ausgerichtet, sie sei „sozialraumorientiert. Das ist der Standard, der von einer Einrichtung, die mit Kindern und Jugendlichen in einem begrenzten Einzugsraum arbeitet, zu erwarten ist“ (S 9). Raum werde hier vielschichtig und komplex begriffen und habe „eine soziale, virtuelle, zeitliche, planerisch-konzeptionelle und architektonische Dimension“ (S. 10).

Die damit verbundenen unterschiedlichen Zugänge und Diskussionspunkte wurden anlässlich des 22. Nürnberger Forums der Kinder- und Jugendarbeit im September 2012 diskutiert. Das Nürnberger Forum muss mittlerweile als eines der wenigen noch der Kinder- und Jugendarbeit verbliebenen Foren bezeichnet werden, als einer „Nabelschau“, wo die (vor allem groß-) städtische (offene) Kinder- und Jugendarbeit steht und mit welchen Grund- und Fachthemen sie konfrontiert ist. Die vorliegende Veröffentlichung dokumentiert die dort diskutierten theoretischen Beiträge und die zum Gespräch angebotenen Praxisbeispiele einer sozialräumlich konzipierten Kinder- und Jugendarbeit in städtischen Räumen.

Herausgeber

Bernd Kammerer ist Leiter des Bereichs 2 (Kinder- und Jugendarbeit, Familienbildung, Jugendsozialarbeit an Schulen und Erziehungsberatung) im Amt für Kinder, Jugendliche und Familien (Jugendamt) der Stadt Nürnberg. Seit 1996 zeichnet er verantwortlich für das Nürnberger Forum der Kinder- und Jugendarbeit und die Herausgabe der zu dessen Dokumentation beim emwe-Verlag (Nürnberg) veröffentlichten Sammelbände.

Aufbau und Inhalt

Im vorliegenden Band wird also – im Format einer Tagungsberichterstattung/-dokumentation – geprüft und dargelegt, inwieweit sich der Standard „Sozialraumorientierung“ tatsächlich „flächendeckend“ durchgesetzt und „bewährt“ hat. Da sich das Leben junger Menschen virtualisiert habe, fragt der Herausgeber, ob der sozialräumliche Ansatz „dadurch überholt (ist), muss er ergänzt werden oder ist er umso wichtiger, weil die Einrichtungen der Jugendarbeit als verlässliche Treffpunkte insbesondere von Jugendlichen unverzichtbare reale Kommunikationsräume sind?“ (S. 9)

Dazu werden im ersten Kapitel konzeptionelle Orientierungen, empirische Befunde und theoretische Klärungen vorgenommen:

  • Unter anderem befasst sich Dr. Rainer Kilb (Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Hochschule Mannheim) mit den Lebensräumen Jugendlicher zu Beginn des 21. Jahrhunderts (S. 21 – 44). Er definiert unter anderem „Lebensraumfunktionen“, die im frühen 21. Jahrhundert von Bedeutung für junge Menschen sind, beschreibt die Raumnutzung Jugendlicher und diskutiert adoleszenzrelevante städtische Integrationspotenziale, um in seinem Fazit durchaus altbekannte Fragen neu zu stellen: „Für welche Zielgruppen ist eine überwiegend sozialräumliche Arbeit (noch) relevant?“ oder: „In welchen Verhältnissen stehen sozialräumliche, medienorientierte und symbolische Kategorien in den Lebenswelten unterschiedlicher Kinder- und Jugendmilieus zueinander: ergänzend, dominieren, bereichernd, kompensatorisch, sich ausschließend?“ (S. 42)
  • Dr. Ulrich Deinet (Professor für Didaktik und Methodik der Sozialpädagogik an der Fachhochschule Düsseldorf) zieht eine „eine (selbst)kritische Zwischenbilanz“ zum sozialräumlichen Ansatz in der Jugendarbeit (S. 45 – 60); er reflektiert dabei auch das Verhältnis von Sozialraumorientierung und Kooperations- und Vernetzungspraxis und der „immer wieder anzutreffende Differenz bzw. Diskrepanz zwischen der Selbstbeschreibung der Fachkräfte als Experten des Sozialraums und ihrer tatsächlichen Sozialraumarbeit“ (S. 54), um als „Ausweg“ seinen Entwurf einer sozialräumlichen Konzeptentwicklung anzubieten.
  • Dr. Dagmar Hoffmann (Professorin für Medien und Kommunikation an der Universität Siegen) widmet sich neuen Formen der Wissensaneignung und gibt Einblicke in multilokale Lebens- und Lernwelten Jugendlicher (S. 61 – 77); sie stellt die Mediennutzung Jugendlicher in den Kontext ihrer ausgeprägten Nutzenorientierung, die danach fragt, was einzelne mediale Formen und Angebote (z. B. für die Bewältigung schulischer und anderer Lernaufgaben) bringen, wobei zu klären sei, ob das Internet diesen Ansprüchen als „Wissensvermittlungsmedium“ tatsächlich entspricht. Abschließend formuliert die Autorin einige Überlegungen zur Weiterentwicklung der Jugendarbeit im Kontext multilokaler Lebens- und Lernwelten.
  • Dr. Wolfgang Gaiser (bis 2011 Grundsatzreferent für Jugendforschung am Deutschen Jugendinstitut/DJI) bestimmt Raum und Zeit als „Herausforderungen für Jugendliche und Jugendarbeit“ und für das für sie und dort mögliche Engagement (S. 83 – 105): Vor dem Hintergrund einer verdichteten und formierten Jugendphase nähmen Zeitdruck und Stress zu; Leben müsse in zunehmend gedrängter Form und im Zusammenhang mit rasantem technologischen und sozialen Wandel bewältigt werden. Entgegen pessimistischen Annahmen müsse dies aber nicht zu einem Absinken jugendlichen Engagements z. B. in der Kinder- und Jugendarbeit führen. Unter der Perspektive des Sozialraums, der hier gegebenen Formen und Netze der Kooperation, zeigten sich „örtlich konkretisierte synergetische Effekte zwischen verbandlichem, informellem und punktuellem Engagement“; auch wird das Internet (entgegen der Mutmaßung, es fördere eher Tendenzen des Rückzugs und der Vereinzelung) „zum Hauptmedium der Vernetzung, Aktivierung, politischen Spontanartikulation und Aneignung des öffentlichen Raums“ (S. 101).
  • Winfried Pletzer (Referent für Kommunale Jugendarbeit und Jugendarbeit in den Gemeinden beim Bayerischen Landesjugendring) formuliert schließlich (im Rekurs auf eine Positionsbestimmung des Bayerischen Landesjugendrings aus dem Jahr 2011) ein „Plädoyer für gleichberechtigte Möglichkeiten der Jugendkultur im öffentlichen Raum“ (S. 121 – 140), das unter anderem für eine Revitalisierung öffentlicher Räume für Jugendliche, die Planung und Gestaltung geschlechtergerechter Lebens- und Begegnungsorte, die Wahrnehmung von Einrichtungen der Jugendarbeit als integralem Bestandteil des öffentlichen Lebens, die Einmischung in und Beteiligung an Prozessen der Stadt-, Dorf- und Gemeindeplanung wirbt und auf das politische Mandat der Kinder- und Jugendarbeit abstellt.

Breit gefächert sind die Praxisberichte, die während der Workshops des 22. Nürnberger Forum zur Diskussion standen und im zweiten Kapitel des vorliegenden Bandes dokumentiert werden; zum Beispiel:

  • Simone Herold und Bernd Rupprecht (beide Stadt Nürnberg) reflektieren die Zwischen-Nutzung von Brachflächen für und durch Jugendliche (S. 219 – 224).
  • Nives Homec und Beate Meyer (beide aus der Kommunale Kinder- und Jugendarbeit der Stadt Nürnberg) berichten über Aktionsfonds in der Kinder- und Jugendarbeit („Zum Tun gehört Talent, zum Wohltun Vermögen“, S. 225 – 245), wobei der Beitrag durch sehr gute Materialien im Anhang besticht.
  • Der alten Frage, was das „optimale“ Jugendhaus auszeichnet, spüren Yasmin Lemmermeier (Leiterin eines Nürnberger Jugendhauses) und die Architekten Friedemann Odenwald (Hochbauamt Stadt Nürnberg) und Stefan Ulrich (Architekturbüro) auch zeichnerisch-gestalterisch nach (S. 257 - 269).
  • Die Computermedienpädagogin Gabi Uhlenbrock (Stadt Nürnberg) schließlich widmet sich in ihrem Beitrag („Geheime Schätze mitten in der Stadt“) dem Geocaching (Untertitel: „mit GPS auf Abenteuertour“), ein Ansatz der 2012 sicher richtungsweisend war (S. 277 – 284) und sich zwischenzeitlich in weiten Teilen der Kinder- und Jugendarbeit als Spielwiese durchgesetzt hat.

Zielgruppen

Der vorliegende Band richtet sich vorrangig an Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit. Die Praxisbeispiele lassen sich gut in Lehrveranstaltungen zur Kinder- und Jugendarbeit einbinden - jedenfalls soweit es sich um die Befassung mit (groß-) städtischer Kinder- und Jugendarbeit handeln wird.

Diskussion und Fazit

Kinder- und Jugendarbeit und die hier tätigen Fachkräfte und Akteure müssen, so Bernd Kammerer in seinem Vorwort, „die Diskussionen um Kinder und Jugendliche im öffentlichen Raum verfolgen und den Ansätzen der Verdrängung, Begrenzung und Ausgrenzung des öffentlichen Raumes geeignete Strategien und Instrumente entgegensetzen“ (S. 9). Der von ihm sorgfältig zusammengestellte Tagungsband dokumentiert dazu interessante theoretische Zugänge, praktische Ansätze und Konzepte einer (allerdings eben nur groß-) städtisch gestalteten Kinder- und Jugendarbeit. Gezeichnet wird ein buntes Bild mit anschlussfähigen Praxis- und Projektansätzen.

Land und ländlicher Raum kann im vorliegenden Band nicht vorkommen; mit diesem Hinweis ist freilich eine Blindstelle der Debatte um eine sozialräumlich-orientierte Kinder- und Jugendarbeit erwähnt: Nach wie vor fehlt es an einer systematischen Dokumentation konzeptioneller Ansätze und praxiserprobter Modelle sozialräumlich ausgerichteter Kinder- und Jugendarbeit im ländlichen Raum. Mit dem Band von Bernd Kammerer hingegen liegt ein weiterer (sehr gut gelungener) Beitrag über und für die Kinder- und Jugendarbeit der (Groß-) Städte vor. Anzumerken dürfte freilich sein, dass die Praxisbeiträge ausschließlich aus Nürnberg stammen. Eine breitere Praxisverankerung wäre für Prozesse der Übertragung sicher hilfreich.

Der Umstand, dass der Band im Rahmen dessen, was derzeit zu Kinder- und Jugendarbeit (noch) publiziert wird, weitgehend Alleinstellungsmerkmal besitzt, verweist auf den Mangel an Gelegenheit, sich als Kinder- und Jugendarbeit über Grundfragen austauschen und Praxiserprobtes auf Übertragbarkeit an anderer Stelle überprüfen zu können. Längst spielt die Kinder- und Jugendarbeit ein Dasein am Rande der Kinder- und Jugendhilfe. Darauf verweist der vorliegende Band ebenso nachhaltig – nicht wegen der mangelnden Güte der dort gesammelten Beiträge, sondern aufgrund des Fehlens geeigneter Foren und Felder, Kinder- und Jugendarbeit niveauvoll weiterzuentwickeln.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 08.05.2015 zu: Bernd Kammerer (Hrsg.): Die Jugendarbeit und ihre Räume. emwe-Verlag (Nürnberg) 2013. ISBN 978-3-932376-68-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15402.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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